Österreichs Nationalteam hat eine eine erfolgreiche Länderspielpause hinter sich gebracht. Die Frühform, zweieinhalb Monate vor der WM-Endrunde in den USA, ist vielversprechend.
5 erfreuliche Erkenntnisse nach dem Start ins WM-Jahr >>>
Aber auch die Konkurrenz war nicht untätig: Alle drei Gruppengegner sind ungeschlagen geblieben, haben Personal rotiert und Debüts ermöglicht.
90minuten hat Argentinien, Algerien und - so gut wie möglich - Jordanien unter die Lupe genommen.
Gegner | WM-Termin | FIFA-Weltrangliste |
|---|---|---|
Jordanien | 17.06.2026 | 63 |
Argentinien | 22.06.2026 | 3 |
Algerien | 28.06.2026 | 28 |
Argentinien
Eigentlich hätte der Weltmeister und Copa-America-Sieger am 27. März das "Finalissima" gegen Spanien in Katar bestreiten sollen. Daraus wurde nichts, zu unvorhersehbar ist aktuell die Sicherheitslage im Nahen Osten.
Ein echter Härtetest war das Alternativprogramm nicht, dafür aber emotional: Mit dem Länderspiel-Doppel im ikonischen La Bombonera hat Lionel Messi seine letzten Auftritte in Argentinien absolviert.
Teamchef Lionel Scaloni hat seine besten Spieler einberufen, nur Lautaro Martinez und Joaquin Panichelli vermisst man im Kader. Beide sind verletzt, letzterer verpasst die WM mit einem Kreuzbandriss. Bleibt die Frage: Was kann sich der ÖFB von Mauretanien und Sambia abschauen?
Gegner | FIFA-Weltrangliste | Ergebnis |
|---|---|---|
Mauretanien | 115 | 2:1 |
Sambia | 91 | 5:0 |
Einige Gründe für Zuversicht
Generationenwechsel
Die Weltmeisterschaft trifft Argentinien in einer personellen Übergangsphase. Zwar liegt der Altersschnitt beider Test-Starformationen (28,55 Jahre) nahe am österreichischen (28,64 Jahre ), viele Titelverteidiger haben die 30 aber bereits weit überschritten. Nachrücker wie Nico Paz (21), Franco Mastantuono (18), Valentin Barco (21) und Giuliano Simeone (23) sammeln gerade erste Erfahrungen im Nationalteam und blieben in den Freundschaftsspielen weitgehend blass.
Mutiges Mauretanien
Gegen Mauretanien gab es zwei Gesichter des Weltmeisters zu sehen. In der ersten Halbzeit ließ sich der Gegner aus Westafrika über weite Strecken tief in der eigenen Hälfte einschnüren - sollte das der Plan gewesen sein, war es kein guter.
Besser wurde es nach dem Seitenwechsel: Mauretanien stellte mit dem Ball das System um, schickte vier oder fünf Spieler nach vorne und überbrückte die erste Linie der Südamerikaner mehrmals erfolgreich. Auch Gegenpressing-Gelegenheiten nahm der Außenseiter vermehrt wahr, Argentinien bekam weniger Platz auf den Flügeln - phasenweise sah der Weltranglisten-115. aus wie das bessere Team. Torwart Emiliano Martinez sprach im Nachgang von "einem der schlechtesten Spiele", der Mannschaft habe es an Intensität gefehlt.
Mit fünf bis sechs Spielern auf dem Platz, deren Stärken im Offensivbereich liegen, geht Teamchef Scaloni Risiko ein. Seine Defensive ist verwundbar, wenn man es darauf anlegt und sie im unsortierten Zustand erwischt.
Messi ist alt geworden
Zwei Tage nach dem WM-Spiel gegen Österreich feiert Lionel Messi seinen 39. Geburtstag. Sein Alter ist der Legende inzwischen durchaus anzumerken. Gegen Mauretanien kam er im Zentrum für Julian Alvarez ins Spiel, zog in einer gesamten Halbzeit aber höchstens eine Handvoll Sprints an. Mit dem Ball am Fuß strahlt Messi zwar weiterhin Gefahr aus, Technik und Spielintelligenz sind nicht verloren gegangen. Über eigene Ballaktionen hinaus wurden Wege aber beinahe ausschließlich im Spaziertempo absolviert.
Besser anzusehen war der Auftritt gegen Sambia mit mehreren Torbeteiligungen gegen eine - das muss erwähnt sein - hoffnungslos überforderte Defensive. Noch ist nicht final geklärt, ob Messi am Ende tatsächlich im WM-Kader steht. Die Tendenz entwickelt sich aber klar in Richtung Teilnahme.
ÖFB-Vorteile bei Standardsituationen
Abgesehen von Keeper Martinez finden sich in Argentiniens Bestbesetzung kaum Spieler mit einer Körpergröße von 1,80 Metern. Im eigenen Offensivspiel wird auf hohe Flanken verzichtet, Eckbälle werden kurz ausgespielt. Österreich ist physisch überlegen und sollte diesen Vorteil ausspielen können.
Was macht Sorge?
Dynamische Offensive
Sollte Österreich darauf hoffen, am 22. Juni mit einer defensiven Herangehensweise erfolgreich zu sein, darf man sich vor dem Fernseher auf einen unangenehmen Fußballabend einstellen. In der Vorwärtsbewegung fächert die Offensivabteilung breit auf, schiebt rund um den Ball Spieler nach, um die Räume zu verdichten und spielt solange von Seite zu Seite, bis sich Lücken ergeben. Kreuzende Laufwege und Positionswechsel einzelner Spieler machen Angriffe vor allem für die letzte Defensivreihe schwer ausrechenbar.
Konter nimmt man zwar dankend an, wird aber auch in einer längeren Ballbesitzphase nicht unruhig.
Argentinien-Vorstoß über die rechte Seite:
Eingespielte Truppe
Lionel Scaloni amtiert seit 2018 als argentinischer Teamchef, viele Leistungsträger haben große Teile ihrer Nationalteamkarriere mit ihm verbracht. Dass sich die etablierten Kräfte in seinem System wohlfühlen, merkt man schon auf den ersten Blick.
Hinzu kommt, dass sechs Spieler des März-Kaders für Atletico Madrid spielen. Was die Red-Bull-Fraktion lange für Österreich war, sind beim Weltmeister heute die 'Rojiblancos' von Diego Simeone.
Große Experimente ist Scaloni in keinem der beiden Testspiele eingegangen. Ihr Debüt feiern durften zwei Außenverteidiger, beide sollten im Rahmen der kommenden WM aber noch keine große Rolle spielen.
Die auffälligsten Spieler
Leandro Paredes: Als 31-Jähriger ist er im Sommer zu seinem Jugendverein Boca Juniors zurückgekehrt. Paredes ist bei Argentinien kein Stammspieler, hat seinen Wert bei einem Einsatz gegen Sambia aber unterstrichen. Als Sechser vor den beiden Innenverteidigern gelangen ihm immer punktgenaue Zuspiele hinter die letzte Defensivkette. Vor allem tief stehende Gegner kann der Routinier immer noch eindrucksvoll sezieren.
Nahuel Molina: Der Rechtsverteidiger stand 159 Minuten auf dem Platz, mehr als die meisten seiner Teamkollegen. Bei Angriffen schiebt der Atletico-Legionär weit nach vorne und öffnet mit Laufwegen nach innen oder ganz außen geschickt Räume für Teamkollegen. Vor allem Sambias Linksverteidiger hatte große Probleme mit dem 27-Jährigen.
Messi und Molina finden eine Lücke in der gegnerischen Defensive:
Julian Alvarez: Ist Lautaro Martinez bei der Weltmeisterschaft fit, wird sich Lionel Scaloni wohl für einen seiner Top-Stürmer entscheiden müssen. Zwar sind sie in der WM-Qualifikation auch oft gemeinsam auf dem Platz gestanden, die bevorzugte Lösung dürfte es aber nicht sein. Alvarez (26) hat in 115 Einsatzminuten gegen Mauretanien und Sambia zwar nur ein Tor erzielt, war aber ein konstantes Problem für die gegnerischen Defensiven. Er spielt mannschaftsdienlich und lässt sich immer wieder fallen, um aus einer tieferen Position in den Strafraum zu stoßen.
Algerien
Die Stimmung im Anhang der algerischen Nationalmannschaft dürfte gut sein, auch wenn der Platzsturm nach dem Spiel gegen Uruguay auf den ersten Blick anderes vermuten lässt.
Absolviert haben die Nordafrikaner ihr Testprogramm in Genua und Turin, die gezeigten Leistungen waren ansehnlich. Trainer Vladimir Petkovic hält seine Siegquote nach zwei Jahren bei 74 Prozent.
Nicht mit von der Partie waren Sturm-Graz-Schreck Anis Hadj Moussa (24/Feyenoord) und Ismael Bennacer (28/Dinamo Zagreb), beide erholen sich von Verletzungen. Ein Leistungsträger vergangener Jahre, Said Benrahma, spielt seit seinem Wechsel nach Saudi Arabien im Sommer keine Rolle mehr.
Gegner | FIFA-Weltrangliste | Ergebnis |
|---|---|---|
Guatemala | 115 | 7:0 |
Uruguay | 17 | 0:0 |
Einige Gründe für Zuversicht
Vorne hui, hinten eher nicht
Zineddine Belaid, Achref Abad, Melvin Mastil - viele klingende Namen finden sich in der algerischen Defensive nicht. Luca Zidane hätte zwar einen, der Torwart spielt aber auch nur in der zweiten spanischen Liga. Kapitän und Innenverteidiger Aissa Mandi (34), sowie BVB-Allrounder Ramy Bensebaini sollen die zentralen Stützen sein. Über unerzwungene Fehler im Spielaufbau sind aber die Routiniers nicht erhaben. Im Spiel gegen Uruguay stand Algerien mit einer Fünferkette solider als gegen Guatemala. Nach schlechten Zuspielen oder Laufwegen mit dem Ball ging die Türe zum eigenen Tor aber mehrfach weit auf. Die weiße Weste ist vor allem auf die Chancenverwertung der Südamerikaner zurückzuführen.
Qualitätsabfall hinter A-Garnitur
Deutlich stärker daher kommt die algerische Offensive. Gehen Amine Gouiri, Riyad Mahrez, Mohamed Amoura und Houssem Aouar vom Platz, fehlt plötzlich viel von der eigentlich ausgestrahlten Dynamik. Ein Lichtblick ist Nachwuchstalent Ibrahim Maza, mit Nadhir Benbouali steht zudem ein interessantes Mittelstürmer-Profil im Kader. Der 25-Jährige, in Diensten des ETO FC aus Ungarn ist groß gewachsen, aber trotzdem schnell. Davon abgesehen gilt: Muss Petkovic seine Stars auswechseln, sollten Österreichs Verteidiger mit den Backups zurechtkommen können.
Was macht Sorge?
Viel Flexibilität
Algerien hat in der Länderspielpause zwei unterschiedliche Ansätze gezeigt. Gegen eine hoffnungslos unterlegene Mannschaft aus Guatemala kam eine Viererkette zum Einsatz. Gegen den Ball ließ Teamchef Petkovic hoch und aggressiv anlaufen, der gegnerische Keeper Kenderson Navarro honorierte den Aufwand mit einigen katastrophalen Zuspielversuchen. Mit einem Halbzeitergebnis von 3:0 war sein Team eigentlich gut bedient, es hätte deutlich schlimmer kommen können. Im Spiel gegen Uruguay entschied sich Teamchef Petkovic für ein vorsichtigeres Konzept, zur besseren Absicherung zog er eine Fünferkette auf, vor ihr wurden zwei Sechser postiert. Mit diesem System hatte die Mannschaft von Marcelo Bielsa durchaus Probleme, gefährlich wurde man vor allem über Konter.
Ähnlich wie Argentinien fühlt sich das algerische Offensivpersonal auf mehreren Positionen wohl genug, um je nach Angriff abwechselnd innen oder außen aufzutauchen. Bietet sich die Gelegenheit, macht das Mittelfeld das Spiel gerne schnell. Stockt der Angriff hingegen, wird das Eins-gegen-eins gesucht.
Gefährliche Anstöße?
Ralf Rangnick hat mit dem Überraschungseffekt nach einem Anstoß schon mehrfach positive Erfahrungen gemacht, auch Algerien dürfte Varianten einstudiert haben. Gegen Guatemala war ein Stürmer plötzlich an beinahe allen Gegenspielern vorbei und wurde mit einem langen Pass gesucht, ein Tor entstand letztlich nicht. Im Idealfall sieht sich Österreich im Spiel gegen Algerien oft mit dieser Gefahr konfrontiert und sollte deshalb auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.
Die auffälligsten Spieler
Rayan Ait-Nouri: Der 24-jährige Außenverteidiger ist bei Manchester City erst im Februar richtig angekommen, war Pep Guardiola im Sommer aber immerhin fast 40 Millionen Euro wert. Ait-Nouri kann die gesamte linke Seite bespielen, hat seine Stärken aber eindeutig in der Offensive. Bekommt er den Ball in der gegnerischen Hälfte, merkt man keine Defizite gegenüber einem "echten" Flügelspieler.
Amine Gouiri: Bei Olympique Marseille steht er oft im Schatten seiner Teamkollegen, für Algerien ist er bei der WM wohl gesetzt. Der 26-Jährige ist kein reiner Strafraumstürmer, sondern spielt gerne mit. Gouiri ist technisch beschlagen, gegen Guatemala gelang - unter Mithilfe des gegnerischen Torhüters - ein Doppelpack.
Ibrahim Maza: In seiner ersten vollen Saison in der deutschen Bundesliga konnte sich der Offensivspieler beinahe ansatzlos bei Bayer Leverkusen durchsetzen. Je nach System ist Maza (20) für Algerien entweder ein Startelf-Kandidat, oder eine der ersten Optionen von der Bank. Mit viel Spielfreude und gutem Tempo bringt er viel Energie auf den Platz, eine Torbeteiligung gelang ihm aber in keinem der beiden Testspiele.
Houssem Aouar: Mit seinen 27 Jahren hat der Mittelfeldspieler den Status als vielversprechendes Talent bereits abgelegt. Die große Karriere, die dem Eigengewächs von Olympique Lyon lange zugetraut wurde, kam nicht zustande - auch aufgrund von Verletzungen spielt er inzwischen in Saudi-Arabien. Nach einem Einsatz für Frankreichs Nationalteam im Herbst 2020 entschied sich Aouar doch noch für den Wechsel zum algerischen Verband, dort ist er als Spielmacher zentral eingebunden. Herausragend sind die Qualitäten als Passgeber und Distanzschütze. Ein Tor, ein Assist und ein gefährlicher Schuss an die Innenstange lautet die Bilanz gegen Guatemala. Im Spiel gegen Uruguay ließ er Großchancen liegen, blieb aber ein Gefahrenherd im Rückraum.
Jordanien
Das Land aus dem Nahen Osten schickt seine Nationalmannschaft erstmals zu einer Fußball-Weltmeisterschaft. Trainer Jamal Sellami amtiert seit Juni 2024 und hat mit der erfolgreichen Qualifikation das wohl größte Ziel bereits erreicht, trotzdem will man sich in den USA als unangenehmer Gegner präsentieren.
Alles andere als der vierte Gruppenplatz wäre eine Überraschung, Testspiele gegen Costa Rica und Nigeria haben allerdings gezeigt: Wenn der Gegner es zulässt, kann Jordanien Spiele eng halten.
Stürmer Ali Olwan, der die WM-Qualifikation mit einem Hattrick gegen den Oman besiegeln konnte, stand aufgrund einer Verletzung nicht im Kader. Ob er rechtzeitig fit wird, ist derzeit fraglich. Auch ein zweiter wichtiger Offensivspieler, Yazan Al-Naimat, wird das anstehende Turnier voraussichtlich verpassen. Der Katar-Legionär hat sich im November einen Kreuzbandriss zugezogen.
Gegner | FIFA-Weltrangliste | Ergebnis |
|---|---|---|
Costa Rica | 51 | 2:2 |
Nigeria | 26 | 2:2 |
Einige Gründe für Zuversicht
Wenig Erfahrung auf Spitzenniveau
Der Großteil des Kaders setzt sich aus Spielern zusammen, die ihre gesamte bisherige Karriere im arabischen Raum - Jordanien, Irak, Katar, Saudi-Arabien - verbracht haben. Vor allem die Hintermannschaft hat drei schwere Bewährungsproben vor sich. Torwart Yazeed Abulaila hätte gegen Costa Rica zwar beinahe einen Elfmeter gehalten, hinterlässt sonst aber einen überwindbaren Eindruck.
Unsortierte Defensive
Weil sich Jordanien in den Testspielen gegen Nigeria und Costa Rica nicht auf reine Defensivarbeit beschränken wollte, bot man den Gegnern mehrfach Lücken an. Auch über Standardsituationen kam vor allem das Team aus Afrika zu guten Gelegenheiten.
Was macht Sorge?
Jordanien betreibt viel Aufwand
Das Team von Jamal Sellami setzt auf direktes Spiel und lange Pässe, zweiten Bällen wird aggressiv nachgesetzt. Wir das Spiel statisch, kommt Kreativität vor allem von den Flügelspielern. Insgesamt macht Jordanien trotz einiger Defizite einen mutigen Eindruck und konnte über die letzten Monate stärkeren Nationalmannschaften immer wieder erfolgreich Widerstand leisten.
Die auffälligsten Spieler
Mousa Tamari: Über Zypern und Belgien hat sich der Flügelspieler schon im Sommer 2023 bis in die französische Ligue 1 hochgedient. Für Jordanien trägt er die Nummer 10 und ist ein Fixpunkt im Offensivspiel, gegen Nigeria gelang ein sehenswerter Treffer aus einem Freistoß.
Mahmoud Al-Mardi: Der Routinier teilt sich die Kapitänsrolle mit Mousa Tamari und kommt in der Regel über die linke Seite. Al-Mardi sucht das Eins-gegen-eins und hat die Fähigkeiten, um gute Verteidiger in einem unaufmerksamen Moment vor Probleme zu stellen.
Ibrahim Sabra: Neben Tamari ist der 20-Jährige als einziger Jordanier in Europa aktiv. Seit Mitte Februar ist er vom türkischen Klub Gözepte an den kroatischen Erstligisten NK Lokomotiva verliehen und hat dort eine Rolle als Stammspieler übernommen. Sarbra soll die von Verletzungen gerissene Lücke im Sturmzentrum füllen und besticht vor allem mit seiner Qualität im Abschluss.
Daniel Sauer