Man hätte das Drehbuch nicht grausamer schreiben können: Nach 85 Spielminuten führt Heart of Midlothian auswärts im Celtic Park die Tabelle der Schottischen Premiership an. Ein Unentschieden würde für den Titel reichen, es steht 1:1. Dann trifft Daizen Maeda für die 'Hoops', wenige Augenblicke vor Ende der Partie und Saison.
Dem Außenseiter wird damit auf den letzten Metern quasi der Titel entrissen. Es wäre der fünfte gewesen, für die Mehrheit der Fans aber eigentlich der erste, den sie selbst miterlebt hätten - an die hocherfolgreiche Spielzeit 1959/60 wird sich kaum noch jemand erinnern.
Stattdessen bleibt es beim Konjunktiv. Celtic darf sich den Meisterschaftspokal Nummer 56 in die Vitrine stellen. Ganz nebenbei hat man damit auch die Stadtrivalen hinter sich gelassen, die Rangers zählen 'nur' 55 Meistertitel.
Seit 1984/85 regieren beide Klubs aus Glasgow die Liga in teils abwechselnder, teils gemeinsamer Dominanz.
Langes Warten auf den ersten Österreicher
Für die Hearts ist es nicht der erste Nackenschlag. Der Verein ist nach gemeinsamen Höhen und vielen, vielen Tiefen abgehärtet, die Anhängerschaft verschworen.
Nicht überall hätte man die Mannschaft nach ihrer Rückkehr lautstark aufgemuntert.
Neben dem zweiten großen Klub der Stadt, Hibernian, sind die Hearts das sportliche Aushängeschild von Edinburgh. Wer im Zentrum spazieren geht, könnte sogar über das Wappen stolpern.
In den Boden der Royal Mile ist ein Herz gepflastert. Es geht auf ein Werk des Schriftstellers Sir Walter Scott zurück, dem selbst keine 300 Meter entfernt ein monumentales Denkmal errichtet wurde.
Scott beschreibt ein altes Amtsgebäude, das bis 1817 an Ort und Stelle stand - das 'Heart of Midlothian'. 14 Jahre nach der Gestaltung des Mosaiks wurde 1874 der Fußballverein gegründet. Bis zur Ankunft des ersten Österreichers sollte es länger dauern.
Erst 1997 landete Thomas Flögel nach einigen erfolgreichen Jahren bei der Wiener Austria in Schottland, zuerst aber im weiter nördlich gelegenen Dundee.
"Gegen Ende der Saison waren Beobachter im Stadion, die sich eigentlich Vitalijs Astafjevs anschauen wollten. Neben ihnen ist zufällig ein Manager gesessen, der ihnen gesagt hat: 'Die Nummer 10 will eh auch weg' - das war dann eben ich", sagt Flögel heute über die Anfänge.
Um auf Nummer sicher zu gehen, ließ er sich die Einladung zum Probetraining bei Dundee United per Fax mit Stempel und Unterschrift des Präsidenten schicken.
Nach einigen Tagen vor Ort habe die Begeisterung dann abgenommen, auch das Vertragsangebot entfachte sie nicht wieder. Während die Austria ihrem Ex-Spieler über Medien ausrichten ließ, er könne zu verringerten Bezügen gerne jederzeit zurückkehren, wenn ihm das Wetter zu schlecht sei, kam Brian Whittaker ins Spiel.
Alles hat heimlich passieren müssen, weil ja eigentlich Dundee den Flug und das Hotel bezahlt hat.
Die Hearts-Legende hatte begonnen, sich als Berater zu betätigen, und legte den Draht nach Edinburgh. Whittaker kam wenige Monate später bei einem Autounfall ums Leben.
"Es hat dann geheißen, wir sollen vorbeikommen. Alles hat heimlich passieren müssen, weil ja eigentlich Dundee den Flug und das Hotel bezahlt hat", erzählt Flögel.
Ein Stadionbesuch im 'Tynecastle' habe ihn dann rasch überzeugt: "Ich habe meinem Manager nur noch gesagt: 'Schau, dass das Gehalt passt und dann bleibe ich da.' Es ist ein kleines, enges Stadion - wie in der Halle."
Gekannt habe er den Verein eigentlich nur aus einem UEFA-Cup-Duell im Jahr 1988. Die Austria um Wohlfahrt, Obermayer, Pfeffer, Zsak, Prohaska und Ogris zog im Wiener Praterstadion knapp den Kürzeren. Der 17-jährige Thomas Flögel saß dabei auf der Tribüne.
Austria oder Australien
Zwei Monate Eingewöhnungszeit hat es gebraucht. Die Bedingungen in Schottland waren damals noch anders als heute, Flögel fand sich nicht sofort zurecht.
"Am Anfang haben viele geglaubt, ich komme aus Australien", lacht er heute darüber. Wenn die Mannschaft nicht direkt zu Spielen gefahren ist, vertrieb man sich die Zeit in einer Hotellobby. Bei der Austria gab es schon damals eigene Zimmer und die Möglichkeit für einen Power Nap. Nicht in Edinburgh: "Ich habe dann im Sitzen kurz die Augen zugemacht - der Trainer hat mich gefragt, was mit mir los ist."
Die Nachwuchsspieler haben die zerlegten Tore auf dem Kleinbus montiert und sind zum Aufbauen vorgefahren.
Trainiert wurde im Park oder am Strand, eine eigene Anlage gab es noch nicht:"Die Nachwuchsspieler haben die zerlegten Tore auf dem Kleinbus montiert und sind zum Aufbauen vorgefahren. Wenn man Pech hatte, ist man in Hundedreck gestiegen. Zum Glück gibt es dort eher wenig davon."
Heute, meint Flögel, sind die Anlagen tadellos.
Flögel in die Geschichtsbücher
Gleich in der ersten Saison gelang Flögel Historisches. Vor fast 50.000 Fans im Celtic Park konnten die Hearts im Mai 1998 den schottischen FA-Cup in die Höhe stemmen - es war der erste große Titel in 35 Jahren. Finalgegner waren die Rangers um Gennaro Gattuso, Brian Laudrup und Ally McCoist.
Nur Jörg Albertz fehlte gesperrt: "Wir haben in der Meisterschaft nicht ein Spiel gegen sie gewonnen. Er war der, der uns jedes Mal wehgetan hat." Er habe schon deshalb gewusst, dass die Hearts das Spiel gewinnen würden, schmunzelt Flögel. Als Trainer übernahm im folgenden Sommer Dick Advocaat.
Zum Schluss der Heimfahrt sind wir auf das Dach des neuen Busses geklettert, nachher war’s kaputt.
Schon auf dem kurzen Heimweg wurden die Feierlichkeiten eingeleitet: "Die Rückfahrt hätte normalerweise 40 Minuten gedauert. Ab der Stadtgrenze von Edinburgh bis zu unserem Stadion haben wir aber zwei Stunden gebraucht, weil man uns an jeder Ecke zugejubelt hat. Zum Schluss sind wir auf das Dach des neuen Busses geklettert, nachher war’s kaputt."
Am Tag darauf wurde die beschauliche Altstadt von begeisterten Fans geflutet, die Angaben reichen von 100.000 bis 200.000 Menschen. Auf alten Videoaufnahmen verschwimmen sie zu einer roten Masse. Nach einem Empfang im Rathaus durfte sich die Mannschaft auf einem offenen Doppeldeckerbus feiern lassen.
Flögel war vor seinem Wechsel nach Schottland dreifach Meister und Pokalsieger mit der Austria. Dort habe man sich auch nichts anderes erwartet, meint er: "Gewinnen, aber schlecht spielen, ging nicht."
Hearts-Anhänger hingegen habe der Cup-Titel ziemlich überrascht. "Ich habe am Anfang ein bisschen gebraucht, bis ich verstanden habe, dass die Erwartungshaltung ganz anders war. Man muss laufen und arbeiten. Das wollen die Leute mehr als alles andere sehen. Sonst hätten sie mich in den nächsten Flieger gesetzt."
Der schnelle Weg ins Verderben
Von einigen Entscheidungsträgern im Verein wurde der Titel als Aufbruch verstanden. Das daraufhin eingegangene finanzielle Risiko führte den Verein bis 2004 beinahe in den Ruin. Ein vom Vorstand bereits abgesegneter Verkauf des 'Tynecastle' konnte nur mit viel Mühe verhindert werden, sonst stünde im Westen der Stadt heute eine Wohnanlage statt einem Stadion.
Flögel war zu diesem Zeitpunkt schon weg. Auf die Frage, ob die Probleme schon zu seiner Zeit spürbar gewesen wären, sagt er: "Es hat sich insofern abgezeichnet, dass ich gehen musste. Für die Hälfte der Bezüge hätten sie mich gerne behalten. Wenn alles normal weitergegangen wäre, wäre ich wahrscheinlich bis heute nicht zurück nach Wien gekommen."
Das folgende Kapitel um den litauischen Investor Vladimir Romanov ist inzwischen fester Teil der Hearts-Folklore. Romanov ist eine eigenartige Figur: Im Kalten Krieg diente er auf einem berüchtigten U-Boot der Sowjetmarine als Koch. Nach dem Zerfall der Sowjetunion konnte er im Zuge mehrerer Privatisierungswellen ein beachtliches Vermögen anhäufen, zudem gründete Romanov eine Bank.
Mit seinem Engagement bei den Hearts hätte der Mäzen eine Pipeline konstruieren wollen. Litauische Spieler sollten von einem zweiten Verein, FBK Kaunas, nach Schottland wechseln, um so in Westeuropa Fuß zu fassen.
Auch Ex-Austrianer Valdas Ivanauskas landete auf diesem Weg als Cheftrainer in Edinburgh, ebenso wie Ex-Rapidler Aleksanrd Metlitzkiy als Sportdirektor.
Am Ende schlitterten Verein und Romanov in die Insolvenz. Den eigenen Fans gelang es, ausreichend Gelder für eine Rettung aufzustellen. Nach einem Zwangsabstieg war der Verein ab 2015 wieder erstklassig.
Haring in eine andere Welt
Drei Jahre später schlug Peter Haring seine Zelte im Tynecastle auf. Weil bei der SV Ried ein erhoffter Aufstieg in die Bundesliga misslang, durfte der damals 25-Jährige ablösefrei wechseln. Während dem Urlaub kam dann ein Anruf aus Schottland:
"Sie haben mich eingeladen, der Trainer und Co-Trainer haben mich vom Flughafen abgeholt. Wir haben uns das Trainingszentrum angeschaut, das Stadion - es war relativ schnell klar, dass es eine andere Welt ist."
Vom ersten Tag weg hat mich jeder auf Tommy Flögel angesprochen.
Haring wurde im Sommer 2018 als einer von 16 neuen Spielern zum Verein geholt. Als Österreicher lag die erste Assoziation auf der Hand: "Vom ersten Tag weg hat mich jeder auf Tommy Flögel angesprochen."
Sportlich wäre kein besserer Einstand denkbar gewesen: Dem Verteidiger gelang ein Doppelpack im Liga-Debüt, beim ersten Spiel und Sieg gegen Celtic war er Man of the Match.
Bis Anfang November waren die Hearts Tabellenführer.
"Sicher fängt man an, blöd zu reden - wirklich an einen Titel geglaubt haben wir aber nicht. Es haben sich früh die ersten wichtigen Spieler verletzt, der Kader war viel zu unausgeglichen und noch nicht groß genug, um länger mitzuhalten", erinnert sich Haring. Die Mannschaft dieser Saison sei viel besser gewesen, als die damalige, meint er.
Captain, Leader, Publikumsliebling
Bei den Hearts wurde er zum Publikumsliebling, zum Abschied 2024 standen die Teamkollegen im Stadion für eine 'Guard of Honor' Spalier. Sieben Mal hat Haring die Mannschaft als Kapitän auf das Feld geführt, zum ersten Mal schon nach drei Monaten, ausgerechnet im Derby.
"Der Trainer hat mich in sein Büro geholt und gefragt, ob ich schon einmal Stürmer gespielt habe. Die sind uns komplett ausgegangen. Er wollte vorne mehr Präsenz, um Kopfballduelle zu gewinnen. Dann hat er mir auch gesagt, dass er mich zum Kapitän macht. Für mich war das schon überraschend. Er hat mich sehr geschätzt und in mir Fähigkeiten gesehen, die ich selbst gar nicht so wahrgenommen habe", so die Geschichte dahinter.
Trainer war damals Craig Levein, ein Urgestein des Vereins, der schon Flögel betreut hat. Auch ein Spieler hat beide ÖFB-Exporte erlebt: Craig Gordon ist inzwischen 43 Jahre alt. Im Juni fliegt er mit Schottland trotzdem zur Weltmeisterschaft nach Amerika.
"Er ist mit 15 bei uns im Training aufgetaucht - damals wurden Scherze gemacht, wir sollen nicht so scharf schießen, damit er ganz bleibt. Er war immer schon groß und schlacksig", meint Thomas Flögel. Er bezeichnet Gordon als "irrsinnig lieben Kerl". Haring schlägt in dieselbe Kerbe.
Lange Liste an Rückschlägen
In Edinburgh hat sich der einstige Rapid-Nachwuchsspieler trotz vieler Rückschläge wohlgefühlt. Haring hatte mit vielen Verletzungen zu kämpfen, dazu kamen Pandemie und Lockdown. Den Abstieg in der Saison 2019/20 musste er von der Tribüne, später von zu Hause verfolgen. Acht Runden vor Schluss wurde die Liga abgebrochen, die Hearts mit dem geringsten Punkteschnitt zum Absteiger erkoren.
"Die Entscheidung war fast nicht zu verkraften. Ich habe in dieser Saison nicht gespielt und gar nicht gewusst, wie es bei mir weitergeht. Die Spitäler waren zu, alles hat ewig gedauert. Ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich von der ganzen Thematik ein Stück weit abgelenkt war", erinnert sich Haring.
Eine Liga tiefer habe es einen anderen Verein aber noch schlimmer getroffen, meint er. Partick Thistle lag bei einem Spiel weniger 0,04 Zähler hinter dem rettenden neunten Platz.
Das sind die bittersten Erinnerungen, wenn man nach dem Spiel mit dem Bus durch die Stadt fährt und sieht, was für die Feierlichkeiten aufgebaut war.
Drei Mal war der Cup-Sieg für Haring und Heart of Midlothian zum Greifen nahe. Das erste Finale gegen Celtic ging in Minute 82 verloren, das zweite - als Zweitligist - im Elfmeterschießen. Im dritten Endspiel, diesmal gegen die Rangers, fiel die Entscheidung in der Verlängerung.
Anders als 1998 warteten in der Heimat keine jubelnden Massen: "Das sind die bittersten Erinnerungen, wenn man nach dem Spiel mit dem Bus durch die Stadt fährt. Man sieht, was für die Feierlichkeiten aufgebaut war, dann aber wieder weggeräumt werden muss."
Als Highlights bleiben neben Auftritten im Europacup vor allem Stadtderbys. Gegen Hibernian hat Haring nur ein Mal verloren. "Ich bin nicht objektiv - aber das Edinburgh-Derby hat im Stadion schon eine besondere Qualität. Eine ganze Tribüne gehört den Auswärtsfans. Das hat dem Old Firm in den letzten Jahren gefehlt", meint er. Nach Ausschreitungen sind dort seit Jahren fast nur Fans des Heimteams zugelassen.
Im Sommer reist der heute 32-Jährige erstmals wieder nach Schottland, um dort seine B-Trainerlizenz zu machen. Als er es erzählt, muss er grinsen.
Mit neuem Investor in die Zukunft
Auch heute spielt ein Österreicher für Heart of Midlothian. Michael Steinwender (26) stand am 16. Mai 2026 im Entscheidungsspiel um die schottische Meisterschaft über 90 Minuten auf dem Platz.
Der Verein soll sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Seit elf Monaten hält Tony Bloom Hearts-Anteile, ihn kennt man als Eigentümer von Brighton & Hove Albion und Investor bei Saint-Gilloise in Belgien.
Mit stark datenbasiertem Scouting will er jetzt auch in Edinburgh nachhaltigen Erfolg ermöglichen. Kontrolle über den Verein haben weiterhin die eigenen Fans.
Für Haring hatte die erfolgreiche Saison noch wenig mit Bloom zu tun. "Das Herz der Mannschaft spielt schon lange zusammen, sie haben die richtigen Spieler halten können. Bei Shankland war es in jeder Transferperiode fraglich, er ist aber immer geblieben. Das ist ganz sicher der beste Stürmer der Liga. Auch der Trainer hat einen Unterschied. Mit so einem Saisonstart spielt man sich dann in eine Euphorie hinein."
Auch der zweite Platz ist historisch. Die Hearts standen dort zuletzt vor 20 Jahren - und in 135 Jahren seit Ligagründung insgesamt nur 15 Mal.
Nach dem letzten Spiel herrscht in Schottland weiterhin angespannte Stimmung. Nach dem entscheidenden Tor im Celtic Park brachen alle Dämme, die Fans fluteten noch vor dem Abpfiff auf das Spielfeld. Einige Hearts-Spieler wurden dabei attackiert. All das überschattet ein ganz eigenes Märchen, das Celtic-Trainer Martin O'Neill (74) schreiben konnte. Er hievte den Verein in dieser Spielzeit gleich zwei Mal aus einer tiefen Formkrise und vollendete eine Aufholjagd mit dem Meistertitel.
Ob es für den Rekordmeister ein Nachspiel gibt, wird sich noch zeigen. Für den Heart of Midlothian FC führt der Weg trotz eines erneuten Rückschlags weiter nach oben.
Daniel Sauer