Spitzen-Schiedsrichter aus Österreich: „Diese Zeiten sind vorbei“ [Interview]
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Spitzen-Schiedsrichter aus Österreich: „Diese Zeiten sind vorbei“ [Interview]

In der öffentlichen Wahrnehmung steht das Schiedsrichterwesen in Österreich nicht gut da. Im 90minuten.at-Exklusiv-Interview nimmt Schiriboss Robert Sedlacek ausführlich dazu Stellung.

Alle rund um den Schiedsrichter sollen nicht die Feinde und Gegner von ihm sein. Wo er einen Spielraum hat, sollen sie ihn unterstützen. Dort wo er falsch gelegen ist, müssen sie sagen: hallo, das stimmt nicht.

Robert Sedlacek

+ + 90minuten.at PLUS - Von Jürgen Pucher + +

 

Dieses Interview erscheint im Rahmen des 90minuten.at-Themenschwerpunktes 'Schiedsrichter in Österreich: Lauter Pfeifen?'
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Wenn man das Büro des Wiener Fußballverbands im Ernst-Happel-Stadion betritt, dann fällt man aus der Zeit. Es ist, als wäre man zurück in die 1980er-Jahre gereist. Alles ein wenig angestaubt, alles in einer Mischung aus braun-grau, wäre da nicht der eine oder andere Computer – man könnte meinen, man sei in der Zeitmaschine unterwegs gewesen. In diesen Räumlichkeiten residiert auch Robert Sedlacek, seines Zeichens Präsident des Wiener Fußballverbands und verantwortlich für das Schiedsrichterwesen im ÖFB. Um über letzteres zu sprechen, ist 90minuten.at zu ihm gekommen. Das Exklusiv-Interview findet am braun-grauen Besprechungstisch Platz, mit Blick auf ein überdimensionales Bild vom Wunderteam aus den 1930er-Jahren und eine braun-graue Pokalvitrine.

Robert Sedlacek ist ein sehr freundlicher Mann und man merkt, dass er – zumindest an diesem Vormittag – nicht unbedingt einen sehr großen Termindruck zu haben scheint. Er setzt sich in seinen braun-grauen Sessel und strahlt aus: ich habe Zeit. Die Folge ist ein ausführliches Gespräch über den Videoschiedsrichter, Profis im Schiedsrichterwesen und generell das Ehrenamt im Fußball. „Ich bin auch ein Ehrenamtlicher“, sagt Sedlacek. „Aber nicht, weil ich es werden wollte, sondern weil es sich so ergeben hat. Hätte mir dafür wer 10.000 Euro gegeben, hätte ich gesagt: das mache ich nicht. Dann kann ich ja nächsten Donnerstag um 17:00 nicht mehr dort sein, wo ich gerne möchte.“

Trotzdem glaubt der Boss der österreichischen Schiedsrichter, dass das Hauptamt in vielen Bereichen kommen muss. Die Lösung über den Weg dorthin, so viel sei schon verraten, hat dieses Interview nicht finden können.

 

90minuten.at: Beginnen wir ganz allgemein: Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Schiedsrichter aus?

Sedlacek: Neben einer gewissen Regelkenntnis, braucht es heutzutage in jedem Fall die körperlichen Voraussetzungen, dass der Schiedsrichter nach Möglichkeit am Feld dort zu finden ist, wo etwas los ist. Es geht weiter mit Spielverständnis, Umgang mit Aktiven und Funktionären sowie auch der Umgang innerhalb des Schiedsrichterteams. Und dann, am allerwichtigsten, Objektivität und Fairness. Jeder, der an einem sportlichen Wettbewerb teilnimmt, gerät in die Zwickmühle, sich einen Vorteil verschaffen zu wollen. Wir sagen immer, der Schiedsrichter ist der verlängerte Arm des Verbandes, der UEFA, der FIFA. Er ist dazu da, dem Entgegenzuwirken und das Regelwerk umzusetzen. Dazu braucht er eine Persönlichkeit, die ihm das ermöglicht.

 

90minuten.at: Wie würden Sie in der laufenden Saison in den beiden höchsten österreichischen Ligen die Schiedsrichterleistungen beschreiben?

Sedlacek: Wichtig ist, dass alle Beteiligten – der Schiedsrichter, der Beobachter, der Videoschiedsrichter – den gleichen Ausbildungsstand haben. Sie müssen eine Szene möglichst gleich bewerten. Sonst kommt ja nichts Gescheites heraus.

90minuten.at: Ja, ich verstehe. Nur die Frage war: Wie waren die Leistungen aus Ihrer Sicht in der aktuellen Saison?

Sedlacek: Für uns ist es grundsätzlich in Ordnung. Wir haben nach jeder Runde eine Telefonkonferenz oder ein persönliches Treffen, wo wir die einzelnen Spiele noch einmal betrachten. Es gibt nicht nur die Beobachter im Stadion, es gibt auch einen Supervisor, der sich die Kurzzusammenfassungen im Fernsehen anschaut und den Beobachtungschef. Der ist gefordert, wenn nicht alles harmonisch ist und der eine etwas gesehen hat und der andere nicht. Er muss schauen: was ist die Wirklichkeit? Im Medienzeitalter heutzutage ist das meistens leicht. Eigentlich ist aber das Erstgebot: Alle rund um den Schiedsrichter sollen nicht die Feinde und Gegner von ihm sein. Wo er einen Spielraum hat, sollen sie ihn unterstützen. Dort wo er falsch gelegen ist, müssen sie sagen: hallo, das stimmt nicht. Im Großen und Ganzen haben wir jedenfalls gute Leistungen. Dass das eine oder andere Spiel, aus welchen Gründen auch immer, nicht so läuft, wie man sich das vorstellt – das liegt in der Natur der Sache.

 

90minuten.at: Österreich als Fußballnation befindet sich seit Jahren im Bereich der Top10 in Europa. Schiedsrichter der Kategorie „Elite“ haben wir seit 15 Jahren keinen mehr. Woran liegt das?

Sedlacek: Das hat verschiedenste Gründe. Da ist einmal die Sache, und das sage ich jetzt so, auch wenn da vielleicht aufgeheult wird, wir sind nicht eines der Top-Fußballländer. Vor allem nicht, was Schiedsrichter betrifft. Dazu bräuchten wir Profis und einen anderen Zugang zum Schiedsrichterwesen. Wir arbeiten professionell aber eben als Amateure. Das ist derzeit so.

 

90minuten.at: Abgesehen davon, dass Österreich früher schon Elite-Schiedsrichter hatte, gibt es Bestrebungen das Schiedsrichterwesen zu professionalisieren?

Sedlacek: Dazu müssten Bundesliga und ÖFB viel Geld investieren und das ist derzeit nicht der Zugang. Es gibt Einzelne, die Profis verlangen. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit. Aber es gibt aktuell dafür nicht die Voraussetzungen.

 

90minuten.at: Aber noch einmal von Beginn an. Wir sind eine professionelle Fußballliga, haben Mannschaften in allen europäischen Bewerben und haben den Anspruch bei den UEFA-Nationen vorne mit dabei zu sein. Müsste das Schiedsrichterwesen nicht den Anspruch haben, sich zu professionalisieren?

Sedlacek: Das ist eine Frage des Wollens, nicht des Müssens.

 

90minuten.at: Es ist also so: Die Vertreter der Klubs beschweren sich oft über das ehrenamtliche Schiedsrichterwesen, wollen aber zugleich nichts dazu beitragen, dass es zu einer Professionalisierung kommt?

Sedlacek: Schauen Sie, wir haben über ein Jahr lang eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema gehabt. Natürlich kam da immer wieder die Frage auf, wären Profis nicht die bessere Lösung? Aber es gibt durchaus auch die, die sagen: Einer, der mehr Geld bekommt, pfeift deshalb nicht besser. Aber ganz grundsätzlich: Das Schiedsrichterwesen ist beim ÖFB angesiedelt, weil das nach der Charta von FIFA und UEFA so sein muss. Es ginge bei Profischiedsrichtern um unglaublich viele Dinge. Das beginnt bei steuerlichen Themen, da geht es um Arbeitsrecht, da geht es darum, dass ein Profi eine Absicherung braucht, wenn er verletzt oder krank ist und nicht pfeifen kann und so weiter. Da geht es alles in allem nicht um ein bisschen mehr Geld, sondern um sehr viel mehr Geld.

 

>> Weiterlesen – Seite 2: Braucht es Profischiris, Herr Sedlacek?

 

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