Jan Åge Fjørtoft: „Die Ansprüche, die wegen Katar an den Fußball gestellt werden, sind zu hoch“ [Exklusiv]
Foto © ServusTV / Florian Wieser

Jan Åge Fjørtoft: „Die Ansprüche, die wegen Katar an den Fußball gestellt werden, sind zu hoch“ [Exklusiv]

Jan Åge Fjørtoft, während der WM 2022 für ServusTV als Experte im Einsatz, spricht im Exklusiv-Interview mit 90minuten.at über die Kritik an Katar, warum ein Boykott für ihn kein Thema ist und warum Deutschland eher nicht Weltmeister wird.

Ich habe immer den Fußball geliebt, habe bei jedem Klub die Geschichte hinter dem Klub gelernt und versucht zu verstehen, wie auch bei Rapid damals. Fußball ist meine Leidenschaft und ich bin überzeugt: „Football can change the world.“

Jan Åge Fjørtoft

Ein bisschen etwas wurde schon verändert, das werden viele Personen bestätigen. Dann kommen wieder so Aussagen wie die jene des Katar-Botschafters in Richtung Homosexualität. Ich glaube aber wirklich daran, dass der Fußball etwas verändern kann. Die Ansprüche, die an den Fußball hier gestellt werden, sind aber zu hoch.

Jan Åge Fjørtoft

Frankreich, Argentinien und Brasilien würde ich hier nennen. Die vierte Nation würde ich für eine Überraschung offen lassen.

Jan Åge Fjørtoft über die WM-Favoriten

++ 90minuten.at PLUS – ein Exklusiv-Interview von Michael Fiala ++

 

Jan Åge Fjørtoft war als Fußballer schon immer ein Vollprofi und ist es auch in seiner Funktion als TV-Experte für ServusTV. Bei einem Medientermin steht er den Journalisten stundenlang Rede und Antwort und auch bei dem Interview mit 90minuten.at, dem letzten an diesem Tag, nimmt er sich viel Zeit. Fjørtoft ist ein Fußballliebhaber, er verdient mit dem runden Leder noch immer sein Geld. Ein Boykott kommt für ihn nicht infrage.

Er hat aber einen scharfen Blick auf die Katar-Thematik und ist auch der Meinung, dass dem Fußball in diesen Tagen ein zu schwerer Rucksack umgehängt wird. Das Interview, das in einem Nobelrestaurant im ersten Wiener Bezirk stattfindet, wird sich lange um die fatale Außenwirkung von Katar drehen - wir sprechen über einen möglichen Boykott, Fehler der FIFA, wie Sportler mit dem Thema umgehen sollen, aber auch über sportliche Themen: Wer wird Weltmeister, warum wird es Deutschland nicht und was darf man von einem Turnier in der Winterpause eigentlich erwarten? Viele Fragen und noch mehr. Spoiler: Nach dem Interview ist Fjørtoft sichtlich erleichtert, der offizielle Teil ist vorbei. Er packt seinen Sachen zusammen und sagt: „Jetzt gehe ich in den Stadtpark“.

Doch zuvor spricht er noch über die vielkritisierte WM in Katar:

 

 

90minuten.at: Wie groß ist eigentlich die Vorfreude auf dieses Turnier?

Jan Åge Fjørtoft: Das ist eine gute Frage, um in das Interview zu starten. Früher wäre die Antwort einfach gewesen. Dieses Mal haben wir vor der Weltmeisterschaft eigentlich die gesamte Energie der Berichterstattung abseits des Sports. Da geht es ja nicht nur darum, dass die WM im Jahr 2010 mit offenbar falschen Methoden vergeben worden ist. Alle, die damals so entschieden haben, sind ja mehr oder weniger derzeit entweder im Gefängnis oder nicht mehr im Fußball aktiv. Es ist aber auch aus einem anderen Aspekt anders.

 

90minuten.at: Welchen?

Fjørtoft: Normalerweise hat man eine gesamte Saison, dann drei, vier Wochen Vorbereitung, ein paar Freundschaftsspiele, dann geht die WM erst los. Dieses Mal ist nur eine Woche Pause. Das heißt, es gibt aus sportlicher Sicht kein Vorspiel, weder was die Vorbereitung betrifft, noch medial. Normalerweise baut sich so eine WM-Stimmung über Wochen auf. Ich bin selbst noch am Samstag davor in der Premier League tätig und eine Woche später bin ich bei der WM. Man muss all diese Faktoren einstufen und für sich beurteilen. Ich bin aber davon überzeugt, dass die WM vom ersten Spieltag an aus sportlicher Sicht interessant wird.

90minuten.at Aber wie ist das persönliche Gefühl im Vergleich zu den anderen Weltmeisterschaften? Es gibt, wie Sie schon erwähnt haben, viel Kritik an Menschenrechten, an der Vergabe an sich. Wie gehen Sie damit um?

Fjørtoft: Ich habe zwölf Jahre lang mit internationalen Verbänden gearbeitet, war Berater und Vizepräsident der WADA (Anm. World Anti-Doping Agency), ich war dabei als Russland wegen des Doping-Themas ausgeschlossen wurde. Natürlich hinterlassen diese Themen einen großen  Eindruck bei mir. Ich bin aber auch ein Fußballliebhaber und ein prinzipieller Gegner eines Boykotts, so wie es übrigens auch Amnesty International sagt, dass der Boykott nicht das richtige Mittel sei. Es gibt hier viele unterschiedliche Meinungen: Die einen wollen sich gar kein Spiel ansehen, die anderen wollen nicht zur WM reisen, dann gibt es welche, die auch beruflich damit gar nichts zu tun haben wollen. Das ist alles zu respektieren, es gibt kein generelles Fazit dazu. Ich habe immer den Fußball geliebt, habe bei jedem Klub die Geschichte hinter dem Klub gelernt und versucht zu verstehen, wie auch bei Rapid damals. Fußball ist meine Leidenschaft und ich bin überzeugt: „Football can change the world.“

 

90minuten.at: Inwiefern?

Fjørtoft: Das habe ich vor allem hier in Wien gelernt. Fußball, Sport, Kultur oder Politik: Alle wollten sie die Nummer 9 von Rapid sein und ich habe mir gedacht: Wow, wie stark ist der Sport! Es gibt ja auch die Meinung, dass noch nie so viel über Menschenrechte in Katar gesprochen wurde. Wir reden auch viel über Sportwashing, reden über fehlende demokratische Regeln und einige andere Themen. Ich hoffe, dass es künftig nicht mehr möglich ist, eine WM so wie diese zu veranstalten. Glaube ich auch dran? Naja.

 

90minuten.at: Ist es schwer, eine Grenze zu ziehen?

Fjørtoft: Wir waren mit Sportevents in Russland, in China, etc. Ich habe auch immer gesagt, man muss die Stimme der Athleten hören. Es ist aber auch keine Pflicht, dass sich Athleten nun in Katar zu Wort melden. Das ist ein Recht, aber keine Pflicht. Es gibt aber auch dann irgendwann die Zeit, sich auf diese Spiele zu freuen. Normalerweise würden wir jetzt schon sitzen und zittern und diskutieren, wer Weltmeister wird. Aber ich finde, das ganze Thema ist schon viel weiter als es früher war. Denken wir an die WM 1978, die unter einer Militärdiktatur durchgeführt wurde. Das war damals so gut wie gar kein Thema in der öffentlichen Auseinandersetzung. Man kann es also auch positiv sehen, die Freude an der WM haben und über wichtige Themen sprechen.

 

90minuten.at: Fußball ist Ihr Business. Sie sind in der Premier League als Experte aktiv, für ServusTV in der Champions League, etc. War ein Boykott aus Ihrer Sicht jemals ein Thema?

Fjørtoft: Das war nie ein Thema. Ich erinnere mich gerne auch zurück, als bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau sehr viele Nationen einen Boykott durchgeführt haben. Wir sind in Norwegen ja nicht so die Sommersportler und haben uns auch erstmals im Fußball qualifiziert. Ich war schon sehr traurig, dass mein Land nicht vertreten war. Ich war mit allen Hautfarben, allen Religionen immer gemeinsam für den Sport unterwegs. Ein Boykott war für mich nie ein Thema.

90minuten.at: Sie haben schon angedeutet, welche Rolle die Sportler vor Ort einnehmen sollen, um mit dieser Thematik umzugehen. Können Sie das konkretisieren?

Fjørtoft: Wie schon vorher erwähnt: Die Sportler können jederzeit eine Form des Protestes wählen, sie müssen es aber nicht. Man kann das von ihnen nicht verlangen. Ich bin aber überzeugt, dass es etwas geben wird und die Bilder um die Welt gehen werden. Meine persönliche Kritik richtet sich aber mehr gegen die FIFA, die das Turnier dorthin vergeben hat und nicht gegen das Land an sich. Ich hoffe, dass die WM dazu beiträgt, dass es in vielen Verbänden ein Umdenken gibt. Ich bin aber nicht sehr optimistisch, ich bin ein positiver Skeptiker.

 

90minuten.at: Hat der Fußball die Kraft, hier etwas zu verändern?

Fjørtoft: Ein bisschen etwas wurde schon verändert, das werden viele Personen bestätigen. Dann kommen wieder so Aussagen wie die jene des Katar-Botschafters in Richtung Homosexualität. Ich glaube aber wirklich daran, dass der Fußball etwas verändern kann. Die Ansprüche, die an den Fußball hier gestellt werden, sind aber zu hoch.

 

90minuten.at: Wie meinen Sie das?

Fjørtoft: Kann man beispielsweise vom Präsidenten des DFB mehr verlangen als vom Energieminister Deutschlands, der Energie aus dieser Region kauft? Oder vom norwegischen Verteidigungsminister, der Waffen an gewisse Nationen verkauft? Es gibt kein eindeutiges Fazit und oftmals wird die Diskussion aber mit entweder-oder geführt.

 

Kommen wir zum Sportlichen. Erstmals gibt es die Weltmeisterschaft, die für die meisten Nationen mitten in der Saison durchgeführt wird. Welche Auswirkungen kann man davon erwarten?

Ich glaube, es wird einen großen Nachteil für Deutschland mit sich bringen. Die haben sich sonst höchstprofessionell und mehrere Wochen mit Trainingslagern, Testspielen, etc. vorbereitet. Das fehlt dieses Mal und war sonst immer ein großer Vorteil. Im Gegenzug dazu wird England profitieren. Positiv gesehen glaube ich, dass die  Spieler mehr im Saft sein werden. Welche Rolle die Hitze spielen wird, werden wir auch noch konkret sehen. Ich bin davon überzeugt, dass wir viele sehr gut organisierte Teams sehen werden. Speziell bei den Gruppenspielen wird man sehen, wie sich diese Faktoren auswirken werden.

 

Wird die Qualität höher sein als bei einer WM am Ende der Saison?

Diese Frage kann man in beide Richtungen gut beantworten. Es gibt viele Faktoren wie Vorbereitung, Kraftreserven, etc. Die Trainer werden die kurze Vorbereitung natürlich nicht gut finden, es könnte daher passieren, dass einige Coaches die ersten Spiele eher vorsichtig angehen werden. Ich hoffe aber, dass ich mich täusche.

 

Welche Nationen werden eine wichtige Rolle spielen? Der vorigen Antwort entnehme ich, dass Deutschland dieses Mal nicht so gefährlich wird?

Das muss man sich im Detail ansehen. Wir haben einige Nationen mit einzelnen Matchwinnern im Team, die jederzeit ein Match entscheiden können: Frankreich, Brasilien, Argentinien, Belgien, Polen und noch einige mehr. Argentinien hat zudem mit Scaloni einen Trainer, der seine Mannschaft sehr gut organisiert und Messi trotzdem alle Freiheiten gibt. Ich bin auch davon überzeugt, dass Messi mit diesen Freiheiten besser umgehen kann als Neymar. Frankreich hat Mbappe, Benzema und mit Giroud einen super Joker, die werden sicher eine Rolle spielen. Also Argentinien und Frankreich, die habe ich ganz oben auf meiner Liste. Es gibt natürlich auch kleinere Nationen wie Uruguay, die gut verteidigen können oder Dänemark und Niederlande. Die haben zwar nicht die große Nummer 9 wie früher, sind aber trotzdem gefährlich.

90minuten.at: Wenn Sie vier Nationen nennen müssen, die weit kommen. Welche wären das?

Fjørtoft: Frankreich, Argentinien und Brasilien würde ich hier nennen. Die vierte Nation würde ich für eine Überraschung offen lassen.

 

90minuten.at: Könnte die geringe Vorbereitungszeit dazu führen, dass es mehr Überraschungen gibt oder wird das die starken Teams noch stärker machen?

Fjørtoft: Es könnte sein, dass es mehr Überraschungen gibt. Wir kennen viele der Spieler, da die meisten ja in Europa spielen. Aber wir kennen nicht die Vorbereitung der Teams; nehmen wir als Beispiel Japan her. Da wissen wir einfach nicht, wie sich die auf dieses Turnier vorbereiten. Wenn sie das gut schaffen, können auch solche Teams eine wichtige Rolle spielen. Es kann sehr schnell gehen, England spielt zum Beispiel das zweite Gruppenspiel gegen die USA. Wenn man da Punkte verliert, kann es schnell gehen. Wie schon in der Vergangenheit wird es aber auch bei diesem Turnier Überraschungen geben.

 

90minuten.at: Sie haben gerade England angesprochen, sind ein Premier League Experte. Wie schätzen Sie die Chancen dieses Mal ein?

Fjørtoft: Wir vergessen ja oft die Geschichte Englands bei der WM. Deutschland hat beispielsweise eine sensationelle Turniergeschichte. Die sind immer sehr weit gekommen, mit ein paar sehr wenigen Ausnahmen. England hat diese Geschichte nicht und ist mit Southgate letztes Jahr bei der Euro nach langer Zeit wieder in ein Finale gekommen. England hat eine sehr gute Generation, sehr viele gute Spieler, hat hinten vielleicht jedoch Probleme. 

 

90minuten.at: Erwarten Sie taktische Besonderheiten?

Fjørtoft: Wir werden das vor allem nach der WM sehen, welche spezielle Werte dann vor den Vorhang geholt und präsentiert werden. Ich glaube generell, dass die WM sensationell wird, alle Teams wohnen zusammen auf engen Raum. Das wird toll werden. Und wir werden ein, zwei neue Spieler sehen. Und aus taktischer Sicht wird es vielleicht aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit nicht das große Statement werden. Als Stürmer hoffe und glaube ich, dass es eine Revitalisierung der klassischen Nummer 9 geben wird.

Exklusiv: Katar 2022 - Blick hinter die Kulissen

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