Christian Ebenbauer: "Nur zwölf Frauenteams sind zu wenig" [Exklusiv-Interview]
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Christian Ebenbauer: "Nur zwölf Frauenteams sind zu wenig" [Exklusiv-Interview]

Das Fußballjahr 2022 war in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches. 90minuten.at bat Bundesliga-Vorstandsvorsitzenden Christian Ebenbauer zum Interview über die wichtigsten Themen, egal ob erfreulich oder nicht.

Was und vor allem wie vor zwölf Jahren entschieden wurde und welche Auswirkungen das hat, das hätten sich viele anders vorgestellt. Wir hätten diese Diskussion noch früher und breiter starten müssen.

Christian Ebenbauer

Mit der Einrichtung der Frauenfußballakademie 2011 hat der ÖFB die Pyramide auf den Kopf gestellt, also ein Spitzennachwuchszentrum ohne Breite, der Erfolg ist da – es hat funktioniert.

Ebenbauer über Frauenfußball

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Nur über Fußball zu reden, das geht sich seit Jahren und speziell 2022 nicht mehr aus. Der organisierte Kick auf das runde Leder bewegte sich nie in einer von der Welt abgeschotteten Blase; spätestens rund um die Euro 2020 bzw. Corona wurde das vielen klar. 2022 setzte dem noch eines darauf, denn statt Bundesliga und Europacup hieß es ab November Weltmeisterschaft. Dabei standen mit LGBTQI+-Rechten bzw. Menschenrechten im Allgemeinen im Fußballfokus, die dort eher selten zu finden sind.

Überhaupt muss Bundesliga-Vorstandsvorsitzender Christian Ebenbauer im Interview mit 90minuten.at über einige Dinge mehr reden als den Fußball. Es gibt (leider) altbekannte Themen, wie rote Zahlen bei den Fußballklubs oder - Stichwort One Love - die hierzulande vorkommenden homophoben Chants. Dass der ÖFB derzeit von seiner eigenen Inseraten-Affäre gebeutelt wird, mag zum Österreich der letzten Jahre passen, aber die Causa beschäftigt auch die Bundesliga, ihr Ethikkomitee wird die Vorwürfe untersuchen. Umgekehrt gibt es Erfreuliches. Etwa in Sachen Frauenfußball, der auch in den Köpfen der Entscheider der Herren-Bundesliga ankommt bzw. ankommen muss. Die Fans sind zudem in hoher Anzahl retour in den Stadien. 

 

90minuten.at: Haben Sie die WM verfolgt? Was ist Ihnen aufgefallen, welche Entwicklungen sind zu beobachten?

Christian Ebenbauer: Wenn es mir möglich war, habe ich mir die Spiele angesehen. Aus Bundesliga-Sicht interessant war das Thema der Nachspielzeit. Wir sind gespannt, ob von der FIFA eine Anweisung kommt. Der Zeitpunkt der Kommunikation so knapp vor dem Turnier war allerdings fragwürdig. Ich finde es grundsätzlich aber richtig, Aktionen gegen das Zeitschinden zu setzen. Fußball ist die letzte große Sportart ohne Nettospielzeit und persönlich bin ich der Meinung, dass es richtig ist. Vom Sportlichen her sagen viele, dass eine Endrunde im Sommer schwierig ist, weil die Spieler nach einer langen Saison ausgelaugt sind, umgekehrt ist das Frühjahr aber weniger intensiv und die Pause vor Endrunden länger, weshalb für mich der Sommertermin außer Frage steht. Bei einigen Spielern hat man gemerkt, dass sie müde sind. 

 

90minuten.at: Glauben Sie, dass die Verbände und Co. gelernt haben und die Vergabe in Zukunft "sauberer" ist?

Ebenbauer: Was und vor allem wie vor zwölf Jahren entschieden wurde und welche Auswirkungen das hat, das hätten sich viele anders vorgestellt. Man will eine WM ja feiern und nicht unter dem Stern sehen, unter dem die Weltmeisterschaft bei uns gestanden ist. Die Pokalübergabe mit dem „Mantel“ war leider die Spitze des Ganzen. Ich hoffe, dass bei der Vergabe umgedacht wird. Das betrifft aber nicht nur die Fußball-WM. Ich denke da auch an olympische Spiele oder auch die Handball-WM (Anm.: fand 2015 in Qatar statt) und so weiter: Wir hätten diese Diskussion noch früher und breiter starten müssen. Für mich ist es auch wesentlich zu berücksichtigen, wie sich die Welt in den letzten Jahren entwickelt hat. Nachhaltigkeit ist das Thema unserer Zeit und da frage ich mich schon, ob alles immer größer und prunkvoller sein muss und täglich mehrere Flieger die Menschen von den Hotels zu den Stadien bringen müssen. Es gibt ja Gegenden, da gibt es diese Infrastruktur bereits.

 

90minuten.at: Dem Fußball wird viel an Schieflagen umgehängt, das war schon bei der Euro so - er soll etwa für LGBTQI+-Gerechtigkeit ein Zeichen setzen und sonst viele Probleme in der Welt. Die Bundesliga macht immer wieder Aktionen, wie schätzen Sie da den Impact ein?

Ebenbauer: Für uns ist das von wesentlicher Bedeutung. Allerdings: Unter CSR (Anm.: Corporate Social Responsibility beschreibt die nachhaltige Art des Wirtschaftens zum Wohl der Gesellschaft) fällt sehr viel und ist heutzutage en vogue. Es sollte aber mehr sein. Wir haben letztes Jahr eine neue CSR-Strategie ausgegeben und wir haben zunächst erhoben, was die Klubs machen und nun wollen wir eigene Projekte umsetzen.

 

90minuten.at: Das Thema Rassismus ist in den Ligastadien beispielsweise zurückgedrängt worden. Die LGBTQI+-Rechte waren in Qatar ein Kritikpunkt, hierzulande bekommt man die Homophobie beim Wiener Derby seit Jahren aber nicht in Griff. Wie wollen Sie das abschaffen?

Ebenbauer: Was kann man in diesem Bereich machen? Wir haben schon sehr viel gemacht, an erster Stelle steht der Dialog. Wir haben gemeinsam mit Marco Schreuder (Anm.: Grüner Bundesrat) Workshops gemacht. Er hat versucht, mit allen Fankurven zu sprechen und bspw. zu fragen, ob allen bewusst ist, wie viele Menschen homosexuell sind, also wie viele da beleidigt werden. Zudem haben wir vor drei Jahren gemeinsam mit dem ÖFB die Ombudsstelle „Fußball für Alle“ ins Leben gerufen.

 

90minuten.at: Aber konkret: Soll man den Drei-Stufen-Plan gegen Diskriminierung auch für homophobe Gesänge anwenden, also in letzter Konsequenz unter Umständen ein Spiel deswegen abbrechen (können)?

Ebenbauer: Wir wollen, dass Diskriminierung aus eigenem Antrieb heraus nicht vorkommt. Das bedeutet, dass die Fankurven und die Klubs tätig werden. Man soll im Dialog dorthin kommen. Kurz vor Corona gab es die Anwendung des Drei-Stufen-Plans in Deutschland, die Thematik mit Fadenkreuzen und dem Abtreten der Mannschaften (Anm.: gerichtet gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp), dann kam Corona. Derzeit gilt, dass der Schiedsrichter bei Sprechchören nicht agiert. Inhaltlich gibt es keine zwei Meinungen, wir wollen keine homophoben Chants oder gewaltverherrlichende Transparente. Ich habe derzeit keine Lösung, weiß nicht, ob es klug ist, ein Spiel zu unterbrechen. Denn im Moment der Aktion selbst geht es immer um Verhältnismäßigkeit, also insbesondere auch um die Frage, ob Körper, Leib und Leben bedroht sind. Grundsätzlich wollen wir Prävention und wenn notwendig, gibt es die Mittel für repressive Maßnahmen im Nachgang.

90minuten.at: Die nächste WM steht im Sommer an, die Frauennationalteams treffen sich in Australien und Neuseeland. Was erwarten Sie sich für den heimischen Frauenfußball insgesamt nach der tollen Frauen-Euro? Immerhin scheint das bei so manchem Klub ein Umdenken hinsichtlich Frauenfußball erzeugt zu haben.

Ebenbauer: Ich erhoffe mir in erster Linie Nachhaltigkeit. Man soll nicht einfach nur eine Kooperation machen, ein Frauenteam läuft mit dem jeweiligen Dress auf und dann ist alles gut. So soll es nicht sein, es muss wachsen. Ich habe schon vor Jahren mit Ex-ÖFB-Präsident Leo Windtner diskutiert, dass einfach eine Lizenzbestimmung einzuführen, ein Frauenteam haben zu müssen, keinen Sinn macht. Wir sind nach Rom geflogen, um zu sehen, wie das die Italiener machen. Da gab es zuerst eine geförderte U12 und weitere Altersstufen und nach einem gewissen Umbau kommt die Verpflichtung zum Frauenteam. Mädchen- und Frauenfußball muss von unten gefördert werden. Dass die UEFA den Schritt gemacht hat, finde ich gut, weil es passt. Aber ich bin auch glücklich, wie die Schritte in den letzten Jahren gesetzt wurden, nun auch noch Rapid und Salzburg. Es muss eben auch von innen kommen. Das Engagement des LASK wird beispielsweise super aufgenommen, höre ich im Austausch mit dem Klub. Die Klubs sprechen auch untereinander und reden darüber, wie es noch besser werden kann. Fakt ist aber, dass der Übergang von den Teenagerinnen zum Erwachsenenfußball besser gemacht werden muss.

 

90minuten.at: Aber die Forderungen nach dem Lizenzkriterium sind ja nicht neu, Erfolge auch nicht. Es wirkt ein bisschen so wie in der Politik: Wenn die EU etwas vorgibt, dann machen wir es halt hierzulande auch. Man hätte auch proaktiv etwas tun können.

Ebenbauer: Die Entwicklung seit 2017 ist ja die richtige, es sind stetig Klubs hinzugekommen. Mit der Einrichtung der Frauenfußballakademie 2011 hat der ÖFB, wie auch mehrere andere Länder unserer Größe, die Pyramide notwendigerweise auf den Kopf gestellt, also ein Spitzennachwuchszentrum ohne Breite, der Erfolg ist da – es hat funktioniert. Man braucht aber langfristig die Breite für die Struktur: Zuerst ein Kompetenzzentrum, damit die Profis funktionieren, dann kommt das Fundament. Dieses kommt aber nicht ausschließlich von den Bundesligaklubs. Nur zwölf Frauenteams sind zu wenig. Deswegen kommt nicht die große Masse, es braucht eine breitere Basis. Das war das Thema, als schon früher solche Forderungen kamen. Man braucht die Mädchen, die Fußball spielen, bei vielen Klubs.

 

90minuten.at: Aber wenn man beispielsweise nach den Erfolgen 2017 ein zweites Kompetenzzentrum neben St. Pölten aufgemacht hätte, wären mehr da.

Ebenbauer: In Graz gibt es einen Klub, der schon sehr viel für Mädchen- und Frauenfußball macht und auch eine Akademie haben will, aber es gibt den Platz nicht. Man hat eben alle Ressourcen in St. Pölten reingesteckt. Das wird sich ändern, wenn mehr Breite da ist. Aber in den letzten Jahren war es ausdrücklicher Wunsch, St. Pölten zu forcieren.

 

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