Mädchen ausgeschlossen: Vater erhebt schwere Vorwürfe gegen den NÖ-Fußballverband

Susanne wollte eigentlich nur weiter mit ihrem Team Fußball spielen. Das Problem: Ab 15 darf ein Mädchen nicht mehr mit Burschen gemeinsam auf dem Platz stehen. Der Niederösterreichische Fußballverband will nicht. Susannes Vater erhebt nun im 90minuten.at-Interview schwere Vorwürfe.

Mit 16, 17 bin ich weder als Bursche, noch als Mädel voll ausgewachsen. Ich finde, es ist eine Zumutung, gegen Erwachsene spielen zu müssen. Die Burschen können sich das aussuchen. Mädels müssen das machen.

Thomas Stölner

Man hört off record einfach Sexistisches. Einem ist das „peinlich“, weil Mädels ja schon mit 12 zum Teil einen Busen haben. Ein anderer hat gemeint, dass er ja gar nicht weiß, wie er es den Burschen vermitteln soll, wie sie hingehen sollen, wenn sie gegen Mädels spielen sollen.

Thomas Stölner

+ + 90minuten.at Exklusiv + + Das Gespräch führte Georg Sander

 

Fußball soll ein Sport für alle sein, in Niederösterreich ist er das nicht. Susanne ist eine talentierte Kickerin, die auch im LAZ war und bis zur U15, im letzten Jahr mit Sondererlaubnis, mit den Burschen mitkickte. Danach müsste sie laut Niederösterreichischem Fußballverband in den Erwachsenenfußball. Der ÖFB erlaubt, dass Mädchen weiter mit Burschen kicken, die Entscheidungsgewalt darüber liegt aber beim Landesverband, in diesem Fall beim NÖFV. In Deutschland etwa dürfen Burschen und Mädchen bis zur U17 gemeinsam spielen, weil es in Bezug auf die fußballerische Ausbildung als sinnvoll erachtet wird. Vor allem, da es gerade im ländlichen Raum nicht einfach ist, einfach zu einem anderen Verein zu wechseln.

Susannes Vater, Thomas Stölner, kämpft nun dafür, dass andere Mädchen diese Sorgen nicht mehr haben. Im Interview mit 90minuten.at legt der B-Lizenz-Fußballtrainer die Sachlage dar. Klar scheint: Es gibt eigentlich keine Argumente gegen eine Teilnahme von jugendlichen Mädchen am gemeinsamen Kick, zumindest einmal bis zur U17.

 

90minuten.at: Herr Stölner, wie lange zieht sich die Geschichte nun schon?

Thomas Stölner: Das Ganze geht schon seit eineinhalb Jahren so, seit Susanne aus der U15 raus ist. Am Anfang hätte es vielleicht die Möglichkeit gegeben, bei ihrer alten Mannschaft bis zur U16 mitzuspielen. Da gibt es eine Sonderregelung, dass die Mädels ein Jahr älter als die Burschen sein dürfen, aber eben nur bis zur U15. Es gab dann eine Spielgemeinschaft mit dem Bundesligisten Altenmarkt, die waren so nett, das pro forma zu machen. Wenn Mädels Landesliga oder bei einem Bundesligaklub spielen, gibt es diese Sondererlaubnis – wenn sie gleich alt sind.

 

90minuten.at: Das heißt, in Wahrheit kämpfen Sie gerade nicht mehr für Susanne, sondern für alle anderen?

Stölner: Für die Susanne ist es mittlerweile komplett irrelevant. Aber ich bekomme viele Zuschriften, die das gleiche Problem haben. Einer von einem Landesligaklub hat mir zum Beispiel geschrieben, dass bei ihm drei Leistungsträger Mädels sind, die müssen bei der U16 aufhören, er sieht da einfach keinen Grund. Ein anderes Mädel wollte nach der U15 weiter spielen, sie kommt aus einem kleinen Ort im Wienerwald. Der Verband erlaubt das nicht, ihre Eltern können sie nicht regelmäßig zum nächsten Frauenverein führen, sie wollte aber mit ihrer alten Mannschaft weiterspielen. Dann musste sie aufhören. Ich frage mich: Was ist das für ein Verband, der verhindert, dass Menschen Fußball spielen?

90minuten.at: Bevor wir über den von ihrer Seite als diskriminierend bezeichneten Aspekt sprechen, können Sie uns aus Trainersicht erklären, warum es schlecht ist, wenn die Mädchen schon mit 14, 15 bei den Erwachsenen mitspielen?

Stölner: Zum Einen fehlen da mindestens zwei Jahre Ausbildung. Ein Jugendlicher ist nun einmal kein Erwachsener. Mit 16, 17 bin ich weder als Bursche, noch als Mädel voll ausgewachsen. Ich finde, es ist eine Zumutung, gegen Erwachsene spielen zu müssen. Die Burschen können sich das aussuchen. Mädels müssen das machen. Da halte ich aus fachlicher Sicht nichts davon. Die meisten Länder in Europa spielen U19 Bewerbe, das ist in Österreich generell ein Mangel. Niemand denkt daran, die jungen Burschen und Mädchen in die Kampfmannschaften zu ziehen – außer es sind eben Ausnahmetalente. Dass die Ausbildung bei den Mädchen mit 15 endet, ist ein Hohn. Das ist dem Umstand geschuldet, weil es nicht genug Teams für Mädchen gibt. Darum sollte man die Mädels bei den Burschen mitspielen lassen, wenn sie es wollen und können.

90minuten.at: Der Landesverband kann es erlauben, wenn er es will. Der ÖFB würde es erlauben.

Stölner: Der niederösterreichische Landesverband hat entschieden, dass es generell nicht geht. Da kann ich unzählige Anträge stellen, sie erlauben es nicht.

 

90minuten.at: Sie haben sich an die Antidiskriminierungsstelle des Landes Niederösterreich gewandt. Was sagt die dazu?

Stölner: Da geht es um den beruflichen Bereich, ihnen sind die Hände gebunden. Ich hätte schon klagen können, das wäre umständlich gewesen. Die Klage wäre wahrscheinlich abgewiesen worden, dann hätte ich vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen können. Das wäre finanziell und zeitlich zu aufwendig.

90minuten.at: Was sagt der Verband? Es würde ja auch nicht um viele Mädchen gehen? Es gibt rund 500 Fußballvereine in Niederösterreich, die paar Mädels werden da ja nicht ins Gewicht fallen.

Stölner: Offiziell sagt man, dass man eine bessere Förderung der Mädchen erreichen will; man nicht will, dass sie auf der Bank sitzen. Das ist lächerlich. Wenn eine gut ist, wird sie spielen. Das gilt ja auch für Burschen. Das ist völlig hanebüchen, ich weiß gar nicht, was ich damit anfangen soll. Weiters wird offiziell die Verletzungsgefahr genannt. Dann müssten aber alle mit dem Fußball aufhören, weil die Verletzungsgefahr größer ist als beim Spazierengehen. Das ist wissenschaftlich gut untersucht, bei Jugendlichen dürfte es keine großen Unterschiede geben, im Erwachsenenbereich dürfte das Kreuzband bei Frauen tatsächlich stärker gefährdet sein. Die fachliche Antwort der Sportwissenschaft ist: Dann muss man spezifischer trainieren. Ein Turner oder ein Segelsportler muss ja auch für seinen Sport die entsprechenden Muskelgruppen trainieren. Dieses Argument geht auch ins Leere. Vor allem frage ich mich, wie es mit der Verletzungsgefahr aussieht, wenn eine 15-Jährige dann gegen 30-jährige Frauen spielt. Da wage ich zu bezweifeln, dass die Gefahr geringer ist, als wenn sie gegen gleichaltrige Burschen spielt. Die offiziellen Gründe halten bei näherer Betrachtung nicht Stand. Es gibt ja auch internationale Vergleichswerte. Ein Argument, dass ich dem Verband glaube, ist, dass sie die bestehenden Frauenteams auffüllen wollen. Aber die kommen ja sowie so, halt zwei Jahre später. Jetzt laufen ihnen die Mädels aber weg. Da ist viel Frust und Ärger dabei und manche lassen es dann sein. Es gibt ja auch grad in Niederösterreich nicht so viele Frauenteams.

 

90minuten.at: Und inoffiziell, was hört man da?

Stölner: Man hört off record einfach Sexistisches. Einem ist das „peinlich“, weil Mädels ja schon mit 12 zum Teil einen Busen haben. Wenn die mit Burschen auf dem Platz herumlaufen, dann ist ihm das peinlich. Ein anderer hat gemeint, dass er ja gar nicht weiß, wie er es den Burschen vermitteln soll, wie sie hingehen sollen, wenn sie gegen Mädels spielen sollen. Ich weiß nicht, was er für Vorstellungen hat. Nach der Argumentation dürfte ein Mann nicht U-Bahn fahren, weil dort sind auch Frauen und dann greift er sofort hin. Ich glaube, dass diese Geschichten dominanter sind. Wir haben es bei den Funktionären des NÖFVs oft mit alten, weißen Männern zu tun, 60 plus; die wollen das einfach nicht.

 

90minuten.at: Zusammenfassend spricht aus Ihrer Sicht fachlich nichts dagegen, dass Mädchen bis zur U17 mit Burschen zusammenspielen?

Stölner: Das wäre sinnvoll, so wie der österreichische Fußball von den Altersklassen her aufgestellt ist. Die meisten Burschen können dann eh auch nicht mehr spielen. Wem tut es weh, wenn Mädchen das können und wollen? Der Verband stemmt sich gegen irgendetwas, nur weil die Funktionäre damit Schwierigkeiten haben. Die Burschen aus meiner Mannschaft haben E-Mails geschrieben, dass sie Susanne noch gerne dabei hätten. Da gab es nie Probleme. Die Eltern würden das ja nicht unterstützen, wenn es da massenhaft Grabschereien gebe. Ich setze meine Tochter dem ja nicht aus. Man fragt sich, ob es 2019 ist und in welchem Land man hier eigentlich lebt. Das ist fern jeglicher sportlicher und fachlicher Auseinandersetzung. Der NÖFV hat ja auch erst aufgrund des Schreibens der Antidiskriminierungsstelle etwas gesagt.

 

Das sagt der Verband dazu: