Am 1. Mai 2026 schrieb der SCR Altach Vereinsgeschichte, stand erstmals im UNIQA ÖFB-Cup-Finale und musste sich letztlich Doublesieger LASK nach Verlängerung geschlagen geben.
Fünf Monate später ist von dieser Euphorie wenig übrig, die Vorarlberger befinden sich mit drei Punkten aus sieben Spielen am Tabellenende und damit zurück im alljährlichen Abstiegskampf.
Dass der Saisonstart, obwohl neun der elf Startelfspieler aus dem Pokalfinale noch immer in Altach sind, derart misslingt, war nicht abzusehen.
Derby-Pleite zum ungünstigsten Zeitpunkt
Und dann kassierte man auch noch vor der Länderspielpause die bittere 0:2-Niederlage im Ländle-Derby gegen Aufsteiger Austria Lustenau. Nach Schlusspfiff war nicht nur Trainer Ognjen Zaric, sondern auch Sportdirektor Philipp Netzer der Frust anzumerken.
Kurz vor dem Re-Start spricht der 41-Jährige nun im Interview mit 90minuten über die Gründe für den Fehlstart, die Kritik an der Kaderplanung und die Wiedereingliederung von Yann Massombo nach seinem Streik im August.
90minuten: Die erste Länderspielpause im Oktober ist immer ein guter Zeitpunkt für eine erste Analyse. Der Saisonstart verlief sicherlich nicht nach Wunsch. Ihr seid aktuell Tabellenletzter. Was sind die Gründe dafür?
Philipp Netzer: Wenn das an einem Grund festzumachen wäre, wäre das einfach und wir hätten es versucht, so schnell wie möglich zu beheben. Es sind viele kleine Sachen, die diese Negativ-Serie begründen und das macht uns dann doch etwas Mut für die kommenden Wochen, birgt aber gleichzeitig auch ein gewisses Risiko.
90minuten: Wie kann man sich das vorstellen?
Netzer: Wir haben aktuell einfach zu viele enge Spiele, die nicht auf unsere Seite fallen. Wenn man dann gleichzeitig die vergangene Saison betrachtet, war eben oft das Gegenteil der Fall. Wir haben Spiele aufgrund einer defensiven Kompaktheit und Souveränität für uns entschieden. Heuer ist es so, dass wir in der Defensivarbeit gewisse Konsequenzen vermissen lassen und dadurch zu leicht Gegentore bekommen. Wir geraten einfach zu oft in Rückstand. Sowas macht dann etwas mit einer Mannschaft und dann kommst du eben in einen berühmten Strudel. Zudem haben wir aus viel Ballbesitz zu wenige Chancen kreiert und auch vor dem Tor die letzte Konsequenz vermissen lassen.
90minuten: Was sind jetzt die Ansätze, um aus so einem Strudel wieder rauszukommen?
Netzer: Für einen Außenstehenden sind solche Sachen vielleicht leicht zu beheben. Ganz so einfach ist das aber nicht. Wir sind zu 100 Prozent der Überzeugung, dass wir die absolute Qualität in der Mannschaft haben und nicht so dastehen müssten, wie wir es aktuell tun. Das Heilmittel ist sicherlich Selbstkritik, die wir aktuell alle an den Tag legen müssen. Das geht von den Spielern, über das Trainerteam bis hin zur sportlichen Leitung. Fußball ist immer ein Prozess, du musst Dinge immer wieder hinterfragen, ob es gut oder schlecht läuft. Wir müssen an unseren Themen und Potenzialen arbeiten, damit wir dann auch wieder das Gefühl entwickeln, dass wir Spiele gewinnen können.
90minuten: Vor der Länderspielpause gab es diese bittere Derby-Niederlage. Generell hat man nur eines der ersten sieben Spiele gewonnen. Mit welchem Gefühl sind Sie in die Länderspielpause gegangen?
Netzer: Die Niederlage war natürlich sehr enttäuschend. Ich hatte während der Länderspielpause trotzdem ein positives Gefühl, weil ich gesehen habe, wie akribisch das Trainerteam mit der Mannschaft auf dem Platz arbeitet. Wir haben jetzt ein wichtiges Heimspiel gegen den WAC vor uns, da setzen wir jetzt alles daran, anzuschreiben.
90minuten: Ich würde gerne nochmal an einem Punkt von vorhin einhaken. Grob zusammengefasst habt ihr in der Hinrunde 2025/26 gut gespielt, aber wenig Punkte geholt – ähnlich wie aktuell. In der Rückrunde 25/26 wiederum hatte man einen Lauf mit Pokalfinale. Wie lassen sich solche Schwankungen erklären?
Netzer: Sowas ist schwer greifbar. Im Fußball ist nicht immer alles zu erklären, auf der anderen Seite aber dann doch wieder. Es ist ein Muster zu erkennen. Da geht es um eine Konsequenz im Verteidigen und im Angreifen. Ich kann zum Beispiel die xG-Werte und die Expected Points schon gar nicht mehr hören. Wenn man die betrachtet, sollten wir nicht auf dem letzten Tabellenplatz stehen. Aber die nackten Zahlen sagen was anderes. Das ist dann am Ende eben das gewisse Risiko, denn es heißt ja auch, dass wir nicht komplett auf dem falschen Weg sind. Oft geht es um Nuancen und die entscheiden dann über Sieg und Niederlage auf diesem Niveau.
90minuten: Was heißt das konkret?
Netzer: Jede Aktion und jede Situation hat eine Auswirkung. Wenn wir uns dessen bewusst sind, schafft das mehr Sensibilität für die Situation. Wenn ich in eine vermeintlich unwichtige Situation mit einer gewissen Naivität reingehe, dann kann das Auswirkungen haben. Und das kostet uns aktuell die Punkte. Da müssen wir ansetzen. Die Spiele sind eng und wir kommen über das Kollektiv. Wir müssen es gemeinsam schaffen, dass alle Spieler, die am Platz stehen, an ihr Leistungsmaximum kommen. Dann können wir auch wieder Spiele gewinnen und es jedem Team schwer machen. Das haben wir im vergangenen Frühjahr mit einer fast identen Mannschaft gegen Sturm und Salzburg im Cup gezeigt. Dort haben wir als Kollektiv Top-Leistungen gezeigt und das muss wieder unser Anspruch sein.
Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, ist es immer wichtig, im Nachgang zu sprechen. Ich kann versichern, dass da alles in Ordnung ist.
90minuten: Sie sprechen die starke Cupsaison im Vorjahr an. Wie sehr hat es Sie überrascht, dass man sich heuer im Vergleich so schwertut?
Netzer: Unser Ziel war es, die Mannschaft aus dem Vorjahr größtenteils zusammenzuhalten. Das ist uns mit Ausnahme von Ouedraogo und Ingolitsch auch so gelungen. Zudem haben wir mit Leistungsträgern wie Stojanovic oder Bähre verlängert. Uns war aber auch bewusst, dass wir in der Breite Veränderungen brauchen. Das ist uns eigentlich gelungen und wir sind mit einer sehr guten Energie in die Vorbereitung gestartet und waren vor dem Start optimistisch. Klar war die Auslosung nicht leicht, aber wir haben uns definitiv mehr Punkte ausgerechnet. Wir müssen die Spiele selbstkritisch analysieren und die Situation akzeptieren. Wir sind aktuell Tabellenletzter, dennoch haben wir Qualität im Kader, die zu mehr imstande ist.
90minuten: Kurz vor der Länderspielpause gab es diese bittere Derby-Niederlage in Lustenau. Nach dem Schlusspfiff gab es am Sky-Mikro Kritik vom Trainer am Kader und als Antwort darauf von Ihnen Kritik an der Trainingswoche. Wie blicken Sie mit etwas Abstand darauf zurück und kam es zu einer Aussprache?
Netzer: Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, ist es immer wichtig, im Nachgang zu sprechen. Ich kann versichern, dass da alles in Ordnung ist. Es ist normal, dass nach so einem wichtigen Spiel, in dem wir uns viel erhofft haben, auch Emotionen mitspielen. Aus der Emotion heraus werden dann vielleicht auch mal Aussagen getroffen, die nicht so passend sind. Wichtig ist nur, was danach passiert. Da haben wir direkt Gespräche geführt, sind in einen Dialog gekommen und jetzt geht es weiterhin in eine gemeinsame Richtung.
90minuten: Sie haben in demselben Interview Trainer Zaric auch eine Jobgarantie ausgesprochen. Was erhoffen Sie sich dennoch aus den nächsten Spielen?
Netzer: Wir wollen Punkte holen. Klar ist ein Muster zu erkennen, wenn man sechs von sieben Spielen verliert. Aber wir sind dennoch der Überzeugung, dass wenig fehlt, um wieder in die Spur zu kommen. Jetzt braucht es harte Arbeit, damit die Mannschaft den Plan des Trainers mit Leben füllt. Ich habe in der Länderspielpause eine Einheit auf dem Platz gesehen, die in eine Richtung denkt. Das gibt mir dann doch ein gutes Gefühl für die kommenden Wochen.
Ich habe schon im Vorjahr, trotz Cupfinale, in jedem Interview betont, dass auch wieder schwierige Phasen kommen werden.
90minuten: Die Kaderplanung war in den letzten Wochen immer wieder medial Thema, vor allem der fehlende Stürmer. Wie blicken Sie nach den ersten Spielen auf die Mannschaft? Gibt es Baustellen?
Netzer: Ich vertraue Spielern und Trainerteam zu 100 Prozent. Ich möchte mich nicht mit anderen Teams in der Liga vergleichen, aber unser Anspruch ist es, dass wir Strukturen schaffen, in denen sich Spieler entwickeln können. Altach wird nie in der Lage sein, und da möchte ich niemandem im Kader die Qualität absprechen, dass wir 25 Spieler auf ihrem Karrierepeak nach Altach holen. Für uns gilt es, die richtigen Spieler, für unsere Spielidee zu holen. In weiterer Folge geht es dann darum, diese Spieler weiterzuentwickeln und besser zu machen. Das sollte unser Anspruch sein. Das wird aber auch mal besser und mal schlechter gelingen. Dafür braucht es auf der einen Seite die Strukturen und auf der anderen Seite das Know-how. Ich habe schon im Vorjahr, trotz Cupfinale, in jedem Interview betont, dass auch wieder schwierige Phasen kommen werden. Jetzt müssen wir selbstkritisch sein, enger zusammenarbeiten und dann stärker aus dieser Situation herauskommen.
90minuten: Sie haben vorhin die Transfers angesprochen. Altach hat im Sommer durch den Verkauf von Mohamed Ouedraogo nach Lyon auch knapp zwei Millionen Euro eingenommen. Dennoch wurde davon wenig in Neuzugänge investiert. Wie schwierig ist es für einen Sportdirektor, mit begrenzten Mitteln zu arbeiten?
Netzer: Das ist überhaupt keine Schwierigkeit. Wir haben Rahmenbedingungen, zu denen wir uns alle klar committen und in denen wir auch arbeiten. Im Rahmen dieser Möglichkeiten gilt es, den Job so gut wie möglich zu machen. Wir haben im Sommer viele Spieler geholt, die noch Zeit brauchen, um sich zu adaptieren. Unsere Aufgabe ist es, dass wir die Spieler dorthin entwickeln, wo sie ihr Potenzial optimal ausschöpfen können. Nehmen wir Ouedraogo als Beispiel. Der hatte ein großes physisches Potenzial, dennoch wussten wir, dass er noch Zeit brauchen wird. Klar wird so ein Transfer nicht jedes Jahr passieren, aber so sollte es im Idealfall aussehen. Es muss nicht jeder über die zweite Mannschaft kommen, dennoch ist er ein Paradebeispiel, dass man bei jungen Spielern Geduld mitbringen muss.
90minuten: Solche Transfers bringen aber immer auch ein gewisses Risiko mit.
Netzer: Natürlich ist es schwer vorherzusagen, in welche Richtung es schlussendlich geht. Wir haben im Sommer aber Spieler geholt, die schon etwas weiter sind und andere, die noch etwas Zeit brauchen. Jetzt geht es darum, dass sie sich in dem Gerüst weiterentwickeln. Das ist unser Weg und dazu hat sich jeder im Verein committed.
90minuten: Im Sommer hat sich viel um Yann Massombo gedreht. Der Franzose blieb letztlich in Altach und ist mittlerweile auch wieder Stammspieler. Warum hat man sich am Ende für einen Verbleib von Massombo entschieden?
Netzer: Es war eine intensive Zeit, eine unnötig intensive Zeit. Ich möchte nur nochmal betonen, dass wir als SCR Altach völlig unverschuldet in diese Situation gekommen sind. Nach Gesprächen mit dem Spieler und seinen Beratern sind wir letztlich zu dem Entschluss gekommen, dass wir ihn wieder in die Mannschaft integrieren.
90minuten: Wie ist das dann abgelaufen?
Netzer: Es war uns wichtig, dass wir das mit der Mannschaft auch offen so kommunizieren. Wir reden hier von einem Mannschaftssport und da ist es wichtig, dass die Mannschaft ihn auch akzeptiert und wieder dabeihaben möchte. Er hat für uns einen sportlichen Wert und wir haben eben auch nicht einfach die Möglichkeit zu sagen: "Massombo raus und der Nächste schiebt nach." In erster Linie war es uns wichtig, dass die Mannschaft bereit ist, ihn wieder aufzunehmen. Gleichzeitig wollten wir, dass sich der Spieler zu 100 Prozent mit dem SCR Altach identifiziert. Das hat er gemacht und damit war das Thema für uns durch. Über gute Trainings hat er sich dann wieder in die Mannschaft gespielt.
90minuten: Dennoch hat es für unnötige Unruhe gesorgt.
Netzer: Es war intensiv und kräfteraubend. Der Fokus hat sich in dieser Zeit verschoben, aber ich will das gar nicht als Ausrede für die sportlichen Ergebnisse sehen. Aber förderlich war es sicherlich nicht.
90minuten: Gab es nie die Sorge, dass es intern für Kritik sorgen wird? Vor allem bei den Ersatzspielern, die trotz der Vorfälle nun wieder hinter Massombo in der Rangordnung stehen und um einen Stammplatz kämpfen?
Netzer: Das sind dann eben genau die Herausforderungen, die auf einen zukommen. Wir hatten alle keine Erfahrung mit so einer Situation und wussten auch nicht, welche Auswirkungen das haben wird. Ich habe auch von außen Stimmen gehört, die meinten, wir sollen ihn die gesamte Saison auf die Tribüne setzen. So einfach ist das aber nicht. Ein Spieler hat eben auch einen sportlichen und wirtschaftlichen Wert und da müssen wir das große Ganze im Blick behalten. Aus unserer Sicht ist es die richtige Entscheidung. Von außen ist es immer leichter zu sagen. Aber wir haben uns lange die Köpfe zerbrochen und haben sehr viele Gespräche geführt.
90minuten: Zum Abschluss noch einmal ein kurzer Blick auf das Sportliche. Was ist realistisch heuer noch möglich?
Netzer: Wir sind aktuell gut beraten, unsere Ziele nicht zu weit in die Saison zu setzen. Es geht jetzt darum, jede Woche das Maximum rauszuholen und nicht zu weit nach vorne zu blicken. Es klingt einfach, aber es führt kein Weg daran vorbei, dass wir Punkte sammeln.
90minuten: Danke für das Interview!
Florian Gabriel