Letztes Jahr hui, dieses Jahr pfui - so könnte man den Saisonstart des SKN St. Pölten in einem geflügelten Wort zusammenfassen. 2025/26 gewannen die Niederösterreicher von den ersten zehn Spielen neun, Niederlage Nummer drei folgte erst im November.
2026/27 musste die Mannschaft von Cem Sekerlioglu in der ADMIRAL 2. Liga hingegen schon nach drei Spieltagen gegen den FAC, die Young Violets und Blau-Weiß Linz mit hängenden Köpfen vom Feld gehen.
Die Ausgangssituation ist eben eine andere, weiß auch Sportdirektor Christoph Freitag, wie er gegenüber 90minuten zu Protokoll gibt: "Natürlich ist aufgrund unserer Vorsaison die Erwartungshaltung gestiegen. Das genauso zu wiederholen, mit erneut weniger Mitteln, ist unsere Herausforderung."
Wo steht die SKN-Elf gegenwärtig, wie will man da wieder rauskommen und wie kann man ohne großen finanziellen Spielraum gut performen? All das legt er im Interview dar.
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90minuten: Drei Spiele, drei Mal 0:1. Was sagt der Sportchef zu so einem Saisonstart?
Christoph Freitag: Das ist natürlich nicht das, was wir uns erwartet haben. Trotzdem muss man die Spiele einzeln betrachten. Gegen FAC und Young Violets waren wir sehr dominant, haben aber wirklich zwei Tore bekommen, wo wir uns nicht gut angestellt und es leider nicht geschafft haben, die Spiele noch zu drehen. Das Spiel gegen Blau-Weiß Linz war ein Topspiel, allerdings mit einer anderen Ausgangsposition. Blau-Weiß hatte zwei deutliche Siege im Gepäck und war dadurch schon etwas im Flow.
Wir verlieren das Spiel erst in der 94. Minute, und das ist natürlich maximal unglücklich. Trotzdem sollte man sich die einzelnen Spiele und auch die Daten dazu genau anschauen und ich denke wir wissen genau, wo es momentan fehlt. Daran müssen wir arbeiten, um unsere Leistungen auch mit Punkten zu belohnen.
Wir sitzen alle gemeinsam in einem Boot. Ich bin überzeugt davon, dass wir aus dieser Situation herauskommen und wieder Ergebnisse holen werden.
90minuten: Was sagen die Spieldaten zum Vergleich mit Blau-Weiß Linz, dem aktuellen Tabellenführer? Sprintet man zum Beispiel 30 Prozent weniger oder ist man in diesem Bereich eigentlich gleichauf? Ein 0:1 ist ja immer sehr schwierig einzuschätzen.
Freitag: Wenn man sich die Daten anschaut, war es insgesamt ein sehr ausgeglichenes Spiel mit leichten Spielvorteilen für uns. Aufgrund der zwei großen Chancen in der zweiten Halbzeit war der Sieg von Blau-Weiß aber verdient, auch wenn das entscheidende Tor erst spät gefallen ist. Aber diese Chancen sind nicht unbedingt aus spielerisch herausgespielten Situationen entstanden, sondern teilweise dadurch, dass wir uns selbst in die Bredouille gebracht haben, beziehungsweise Fehler gemacht haben. Aber es war definitiv ein Spiel auf Augenhöhe.
90minuten: Kann man trotzdem sagen, dass es taktisch besser ausschaut als vor einem halben Jahr? Je länger ein Trainer arbeitet, desto besser sollte sich die Mannschaft entwickeln. Wie zufrieden ist man von außen mit der taktischen Entwicklung?
Freitag: Grundsätzlich ist es nicht dieselbe Mannschaft wie im Vorjahr, bei uns ist am Spielersektor doch einiges passiert. Wenn man es mit dem Vorjahr vergleicht, würde ich aber schon sagen, dass wir gefestigter in dem sind, was wir spielen wollen. Wir sind im Spiel mit dem Ball weiter und wissen besser, wie wir damit umgehen wollen. Ich glaube schon, dass wir in diesem Bereich weiter sind als im vergangenen Jahr, auch wenn die Ergebnisse das momentan nicht widerspiegeln.
90minuten: Folgende Frage muss man nun trotz der knappen Niederlagen und im Wissen, dass der Coach letztes Jahr eine super Saison verantwortet hat: Wird man jetzt nervös und setzt den Trainer vor die Tür?
Freitag: Wir sitzen alle gemeinsam in einem Boot. Ich bin überzeugt davon, dass wir aus dieser Situation herauskommen und wieder Ergebnisse holen werden. Unser Thema ist eher, dass wir unsere Spieler, die wir geholt haben – etwa einen Jannik Wanner oder einen Lukas Gabbichler, die definitiv schon bewiesen haben, dass sie sehr gute Spieler sind – noch besser in Position bringen müssen. Wir müssen gefährlicher werden und im letzten Drittel mehr Torgefahr ausstrahlen. Das sind die Themen, die wir jetzt bearbeiten müssen. Es ist definitiv nicht so, dass wir jetzt irgendwelche Dinge über den Haufen werfen oder unsere Spielidee hinterfragen. Viele Mannschaften setzen gegen uns auf einen tiefen Defensivblock, und wir müssen bessere Lösungen dafür finden.
90minuten: Der SKN ist vor knapp eineinhalb Jahren finanziell in schwere Probleme gekommen. Übernommen hat eine lokale Investorengruppe mit Dietmar Wieser, Wolfgang Ammerer, Stefan und Alexander Schrittwieser. Das verfügbare Geld ist aber geringer geworden. Im vergangenen Jahr hat man deutlich besser performt, als es die Budgetreduktionen vielleicht erwarten ließen. Inwiefern sind Sie als Sportdirektor bei der Kaderzusammenstellung eingeschränkt? Muss man sich stärker auf das Scouting rund um St. Pölten konzentrieren?
Freitag: Natürlich ist aufgrund unserer Vorsaison die Erwartungshaltung gestiegen. Das genauso zu wiederholen, mit erneut weniger Mitteln, ist unsere Herausforderung. Es wäre natürlich einfacher, wenn ein bisschen mehr Spielraum da wäre. Gerade bei der Breite des Kaders muss man sagen, dass wir nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie andere Vereine. Das müssen wir uns eingestehen und akzeptieren. Wir wollten uns aber vor allem in der Offensive verändern und mehr Tempo und Intensität dazuholen, und ich denke das ist uns grundsätzlich gelungen.
Für uns war jedoch schon relativ früh klar, als wir nach dem verpassten Aufstieg in die Bundesliga schauen müssen, wie wir mit unserem Geld umgehen. Wir müssen Kompromisse eingehen und haben 14, 15 Spieler qualitativ entsprechend besetzt, die auch wirklich von sich aus Anspruch auf die Startelf haben. Ansonsten ist es so, dass der Rest des Kaders aus jungen Spielern besteht, die nach Einsatzminuten lechzen und von hinten Druck erzeugen. Wir wollen das Trainingsniveau beziehungsweise die Intensität dadurch hochhalten, indem sich die jungen Spieler zu ernsthaften Konkurrenten entwickeln.
90minuten: Also ist man bei Spielern aus dem Ausland, bei denen man Scouts hinschicken oder externe Dienstleistungen in Anspruch nehmen müsste, derzeit finanziell deutlich eingeschränkter als zu den Zeiten, als Claude Mbuyi oder Ramiz Harakate hergelotst wurden?
Freitag: Wir haben auch jetzt wieder unsere Ausländerplätze besetzt, haben aber keine Scouts, die wir wo hinschicken könnten, sondern nutzen externe Dienstleistungen, um Spieler zu scouten. Aber es ist einfach nicht der Spielraum da, um große Experimente einzugehen beziehungsweise eine nachhaltige Scoutingabteilung aufzubauen, was definitiv ein Anliegen meinerseits ist. Wir versuchen jedoch, uns Schritt für Schritt in diesem Bereich besser aufzustellen.
Es sind keine großen Sprünge möglich und wir müssen versuchen, das Maximum herauszuholen, um eine möglichst gute Kaderstruktur herzustellen. Das sind einfach die Gegebenheiten, mit denen wir arbeiten müssen, und jammern bringt uns nicht weiter.
90minuten: Konkret: Das Geld, um Spieler aus der dritten, vierten Liga zu scouten, Ablösen oder Ausbildungsentschädigungen, Handgeld, Beraterprovisionen und so weiter zu zahlen, ist nicht da?
Freitag: Grundsätzlich muss man erwähnen, dass wir in den letzten Jahren sehr viele Spieler um für Zweitligaverhältnisse gutes Geld verkauft haben, unter anderem die erwähnten, wo auch keine Ablöse unsererseits geflossen ist, und das ist nach wie vor ein wichtiger Baustein für uns. Es sind jedoch keine großen Sprünge möglich und wir müssen mit unseren Mitteln versuchen, das Maximum herauszuholen, um eine möglichst gute Kaderstruktur herzustellen. Das sind einfach die Gegebenheiten, mit denen wir arbeiten müssen, und jammern bringt uns nicht weiter.
Darüber hinaus haben wir jedoch mit der AKA St. Pölten, die eine sehr gute Arbeit leistet, eine tolle Möglichkeit vor der Haustür, um jungen Talenten bei uns den Schritt in den Profifußball zu ermöglichen, wo sie den nächsten Schritt machen sollen. Das ist auch definitiv Teil unseres Weges mit dem ich mich zu hundert Prozent identifizieren kann.
Wenn wir im Sport gut arbeiten, andere Räder ineinandergreifen und man dadurch vielleicht auch für Sponsoren interessanter wird, könnte sich das Budget wieder nach oben verändern. Gleichzeitig ist es aber kein Geheimnis, dass es in der zweiten Liga künftig eher weniger Geld für die Vereine geben könnte.
90minuten: Im vergangenen Jahr war die Situation wahrscheinlich einfacher: Man hatte den Kopf gerade aus der Insolvenzschlinge gezogen, wenig Druck und relativ wenige Vereine, die unbedingt nach oben wollten. Jetzt ist die Situation eine andere. Blau-Weiß Linz will wahrscheinlich wieder rauf, Wacker Innsbruck ebenfalls, die Vienna könnte ihre Ambitionen verstärken und auch andere Vereine wollen nach oben. Wann geht man als SKN vielleicht doch ins Risiko und legt im Winter noch einmal nach?
Freitag: Ich glaube nicht, dass jemand finanziell so weit vom Rest entfernt ist, dass er einfach so überragende Spieler holen kann, die den Aufstieg garantieren. Dafür ist die Liga zu stark. Deshalb ist es immer auch ein gewisses Risiko. Aber ja, einfacher wird es nicht. Es gibt Vereine mit Ambitionen, die finanziell mehr Möglichkeiten haben. Natürlich spielt die wirtschaftliche Situation eine große Rolle, gerade wenn es um die Breite des Kaders geht oder um Spieler mit Potenzial, die man zusätzlich holen kann.
Es geht aber auch darum, wie die Prozesse im Verein sind, wie gut gearbeitet wird, wofür der Verein steht und wie sehr man hinter dem steht, was man macht. Dann stellt sich die Frage, wie gut ein Kader beziehungsweise eine Kaderstruktur sein kann und dann bin ich davon überzeugt, dass man auch mit weniger Budget erfolgreich sein kann. Aber natürlich ist es angenehmer, wenn man finanziell auf einem Niveau ist, wo man immer reagieren kann und einen gewissen Spielraum für Ideen oder Möglichkeiten hat, die sich im Laufe einer Saison ergeben.
90minuten: Eine letzte offene Frage, die wahrscheinlich auch unsere Userinnen und User interessiert: Die zweite Liga ist ständig in Veränderung. Jetzt gibt es zwei Absteiger statt einem. Gleichzeitig wird immer wieder diskutiert, ob der zweite Platz eine Relegation gegen den Elften der Bundesliga bekommen sollte. Was wäre aus Sicht des SKN mit der Erfahrung der lokalen Investorengruppe und den unterschiedlichen Voraussetzungen der Vereine eine gute Lösung für diese zweite Leistungsstufe?
Freitag: Das ist wirklich ein ganz schwieriges Thema. Ich war bei einigen Bundesligasitzungen, bei denen das immer wieder besprochen wurde. Grundsätzlich wäre das Wichtigste für die zweite Liga, dass sich auch die Bundesliga dazu bereit erklärt, wirklich die Türen zu öffnen beziehungsweise mehr Möglichkeiten für die zweite Liga zu schaffen. Natürlich ist das für die Vereine, die bereits in der Bundesliga sind, wiederum ein größeres Risiko. Wenn man zum Beispiel die Bundesliga aufstocken würde, würde das automatisch bedeuten, dass die Vereine in der Bundesliga weniger Geld bekommen, weil dieses auf mehrere Vereine aufgeteilt werden müsste.
Es gibt sehr viele Parameter, die dabei eine Rolle spielen. Wenn man das Ligaformat grundsätzlich so beibehalten würde, wäre eine zusätzliche Möglichkeit für einen Aufstieg für uns schon ein wichtiger Schritt. Gäbe es zum Beispiel die Möglichkeit, über einen zweiten Platz und eine Relegation den Bundesligaaufstieg zu schaffen, wäre das aus meiner Sicht hilfreich. Aber ich glaube, dass wir im Moment noch weit davon entfernt sind. Das ist ein sehr komplexes Thema.
90minuten: Inwiefern?
Freitag: Man muss das gesamte System betrachten – von oben bis hinunter in die unteren Ligen – und schauen, wie man es bestmöglich aufstellt. Darüber wird jedoch immer diskutiert werden, weil einfach kein Format existiert, wo alle profitieren. Was man aber schon sagen kann: Die zweite Liga ist als Profiliga in diesem Sinne beziehungsweise als Liga mit einem sehr hohen professionellen Anspruch vielleicht unterschätzt.
Die Liga wird zwar immer wieder als halbprofessionell kommuniziert, in der Realität versuchen die Vereine aber, maximal professionell zu arbeiten und einen professionellen Alltag zu gewährleisten. Alle strecken sich nach der Decke. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob das auf diesem Niveau langfristig noch möglich sein wird und ob nicht eventuell eine aufgestockte Bundesliga als einzige Profiliga in Österreich die beste Lösung wäre.
90minuten: Man weiß inzwischen eigentlich, dass man diese Liga ohne eine gewisse Zahl an Profis gar nicht spielen kann. 15 Profis sind wahrscheinlich schon die Unterkante.
Freitag: Absolut. Gerade wenn man in der 2. Liga wirklich eine Rolle spielen will, braucht es eine gewisse Breite an gestandenen Profis. Die Liga wird aufgrund der Infrastruktur mancher Vereine und teilweise auch der Zuschauerzahlen vielleicht etwas unterschätzt. Sportlich ist sie aber extrem anspruchsvoll: Es geht sehr intensiv zur Sache, viele Spiele sind von Zweikämpfen geprägt und zahlreiche Mannschaften stehen defensiv kompakt und lauern auf Umschaltsituationen.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
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Georg Sohler