Der Kerim Alajbegovic auf dem Fußballrasen hat mit jenem abseits davon wenig zu tun.
Wenn der Bosnier den Ball am Fuß hat, wird aus dem zurückhaltenden Teenager ein absoluter Draufgänger, der sich vor keinem riskanten Dribbling und keinem spekulativen Distanzschuss scheut.
"Mir ist egal, wer vor mir steht", grinst der furchtlose 18-Jährige im 90minuten-Interview.
In diesem spricht er außerdem über den härtesten Abend seiner jungen Karriere, die Ursprünge seiner außergewöhnlichen Spielweise und darüber, wie er seinen FC Red Bull Salzburg endlich wieder zum österreichischen Meister machen möchte:
90minuten: Kerim, du bist seit ziemlich genau einem halben Jahr in Österreich. Sagt dir der Begriff 'Scheiß-dir-nix'-Mentalität schon etwas?
Kerim Alajbegovic: So in die Richtung: Keine Angst vor irgendetwas zu haben, oder?
90minuten: Auf Hochdeutsch würde man von einer gewissen Unbekümmertheit am Spielfeld sprechen. Zeichnet dich genau das aus?
Alajbegovic: Ich denke, bei mir geht es ein wenig in diese Richtung (lacht). Ich traue mir eigentlich gegen jeden Gegner zu, mein Spiel durchzuziehen. Mir ist egal, wer vor mir steht. Ich will mich nicht verändern, sondern einfach das machen, was ich kann.
90minuten: Ich weiß, dass - zumindest in Österreich - Spielertypen wie du, die gerne auch mal individuelle Lösungen suchen, im Nachwuchs nicht immer gerne gesehen sind. Hattest du aufgrund deiner Spielweise diesbezüglich jemals Probleme?
Alajbegovic: Natürlich gab es Szenen, bei denen die Trainer mal gesagt haben: ‘Spiel den Ball schneller ab!’ oder: ‘Triff eine andere Entscheidung!’ Das habe ich immer akzeptiert und war auch dankbar dafür. Ich bin auch kein eigensinniger Spieler, sondern lege auch gerne quer, wenn ein Mitspieler besser postiert ist. Aber am Ende des Tages will ich trotzdem mein Spiel durchziehen und der Mannschaft mit Toren und Assists helfen.
Ich würde mich auch ein wenig in diese Straßenkicker-Kategorie einordnen.
90minuten: Im Zusammenhang mit Lennart Karl und Said El Mala wird in Deutschland zurzeit die Rückkehr der Straßenkicker, sprich jener Fußballer, die auch gerne mal ins Eins-gegen-Eins gehen, bejubelt. Würdest du dich auch in dieser Kategorie sehen?
Alajbegovic: Ich bin Lennart Karl erst vor ein paar Monaten im Halbfinale der deutschen A-Junioren-Meisterschaft gegenübergestanden (4:3 für Leverkusen, u.a. dank zweier Alajbegovic-Assists, Anm.). Er spielt beim FC Bayern München, das ist ein sehr großer Verein, aber er ist ähnlich wie ich direkt vom Jugendfußball in den Profifußball eingestiegen. Beide sind auf jeden Fall sehr gute Spieler, ich würde mich auch ein wenig in diese Straßenkicker-Kategorie einordnen.
90minuten: Neben deinem Dribbling zählt mit Sicherheit deine Schusstechnik, und zwar mit beiden Beinen, zu deinen großen Stärken. Wie kommt das?
Alajbegovic: Ich habe schon recht früh angefangen, mit beiden Füßen zu arbeiten, habe mit meinem Vater früher sehr viel in diese Richtung trainiert. Wenn man mit beiden Beinen schießen kann, ist man einfach unberechenbarer, weil die Gegner oft nicht wissen, wo du vorbeigehst, oder mit welchem Fuß du abschließt. Das ist auf jeden Fall ein Vorteil.
90minuten: Dein Freistoß an die Latte im Testspiel gegen die Bayern hat mich in der Technik, in der er ausgeführt wurde, sehr an die Freistöße von Zlatko Junuzovic von früher erinnert. Gibt es Freistoß-Sondertrainings mit ihm?
Alajbegovic: Ich habe erst kürzlich mit 'Zladdi’ Freistöße trainiert (lacht). Mit ihm zu üben, macht auf jeden Fall Spaß, man sieht immer noch, dass er eine sehr gute Schusstechnik hat. In Leverkusen habe ich mit Alejandro Grimaldo Freistöße geübt, der zurzeit wohl einer der besten Freistoßschützen der Welt ist. Man kann sich von beiden viel abgucken. Ich will mich in diesem Bereich auf jeden Fall verbessern, hier habe ich noch Aufholbedarf. Mein Ziel ist, in dieser Saison noch mindestens ein Freistoßtor zu schießen.
90minuten: Als du im Sommer 2025 in Salzburg vorgestellt wurdest, war ich mir ehrlicherweise nicht sicher, ob du für Liefering oder für die A-Mannschaft eingeplant bist, umso überraschter war ich dann von deinen ersten Auftritten. Warst du auch ein wenig von dir selbst überrascht, wie schnell du im Erwachsenenfußball Fuß gefasst hast?
Alajbegovic: Es ist auf jeden Fall sehr schnell gegangen. Denn es ist nicht selbstverständlich, direkt vom Jugendfußball in den Profibereich zu kommen, deswegen muss ich dem Klub auch für das Vertrauen danken. Ich habe einfach versucht, von den ersten Trainings an gut zu performen, bin auch von der Mannschaft sehr gut aufgenommen worden - es ist nicht selbstverständlich, dass man als junger Spieler direkt so respektiert wird, das muss man sich normalerweise erarbeiten. Die Mannschaft war sehr hilfsbereit und hat mir vieles erleichtert, das hat meiner Entwicklung mit Sicherheit gutgetan.
90minuten: Du wurdest dann auch gleich mit der Einladung für das bosnische Nationalteam belohnt. War es für dich als gebürtigen Deutschen immer klar, einmal für das Land deiner Eltern auflaufen zu wollen?
Alajbegovic: Ich war ganz früh in meiner Jugend in einem DFB-Camp dabei, hatte damals aber Probleme mit dem Trainer. Dann kam ein Anruf aus Bosnien. Darüber habe ich dann mit meinen Eltern geredet und bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Herz eher für Bosnien schlägt. Ich bin sehr stolz für ein Land zu spielen, dem unsere Auftritte so viel bedeuten.
90minuten: Was kann man von einem Edin Dzeko lernen?
Alajbegovic: Er ist einfach ein überragender Spieler, seine Vereins-Vita spricht für sich. Ich habe Riesenrespekt vor ihm und kann viel von ihm lernen. Früher habe ich ihm im Fernsehen zugesehen, jetzt stehe ich mit ihm gemeinsam auf dem Platz. Das macht mich sehr stolz.
90minuten: Gleichzeitig ist mit dem bosnischen Nationalteam sicher auch der bitterste Moment deiner bisherigen Karriere verbunden: Das WM-Quali-Aus in Wien. Wie blickst du mit ein bisschen Abstand auf diesen Abend zurück?
Alajbegovic: Das war ein sehr harter Abend. Die Atmosphäre von beiden Fanlagern in Wien war überragend, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Wir waren lange in Führung, nach dem 1:1 war es dann aber sehr schwer. Am Ende des Tages haben wir uns sehr gut verkauft, waren eigentlich auf Augenhöhe, müssen aber einfach so fair sein und den Österreichern gratulieren. Ich freue mich auch für Alex (Schlager, Anm.), dass er bei der WM dabei ist, weil er sich das einfach verdient hat. Ich hoffe, dass wir es auch noch schaffen.
90minuten: Euer WM-Traum lebt dennoch. Zuerst Wales und dann wahrscheinlich Italien stehen euch im Playoff im Weg. Wie ich dich einschätze, sagst du, dass das zu schaffen ist, oder?
Alajbegovic: Ich traue uns einiges zu, wir müssen uns vor keinem Gegner verstecken. Wir haben gezeigt, dass wir mit Österreich mithalten können - und Österreich ist eine sehr gute Nation. Wales ist eine Mannschaft mit sehr guter Intensität und Mentalität, es wird sicher nicht einfach, dort zu spielen. Aber wir haben eine sehr gute Truppe, ich denke, dass wir dort gewinnen können. Zuhause gegen Italien - falls es so weit kommt - wäre ein krasser Hexenkessel. Da kann dann alles passieren.
90minuten: Kommen wir zurück zu Salzburg. Man spricht bei dir immer vom großen Lichtblick eines durchwachsenen "Bullen"-Herbsts. Wie zufrieden bist du mit dem Herbst?
Alajbegovic: Am Ende des Tages sind wir jetzt einmal Erster und liegen drei Punkte vor dem Zweiten LASK. Natürlich wissen wir auch, dass wir in einigen Spielen nicht so dominant waren, wie wir es uns erhoffen, und, dass wir teils einfache Fehler gemacht haben. Dem sind wir uns alle bewusst, deswegen ist die Vorbereitung inklusive Wintertrainingslager sehr wichtig. Wir haben in dieser Phase sehr viel aufgearbeitet. Am 6. Februar gehen wir als Tabellenführer in die Partie gegen die Wiener Austria und haben dementsprechendes Selbstvertrauen.
Der Coach hat gefordert, dass wir Offensivspieler jede Chance ernst nehmen und versuchen sollen, das Beste daraus zu machen.
90minuten: Ich erreiche dich in Belek, wo das von dir angesprochene Trainingslager stattfindet. Auf welche Aspekte wurde besonders Fokus gelegt?
Alajbegovic: Da war sehr viel an unterschiedlichen Inhalten dabei. Eine Sache etwa waren Standardsituationen, defensiv wie offensiv. Wir wollen dabei noch mehr Tore daraus machen und weniger kassieren. Ein wichtiges Themengebiet war auch die Entscheidungsfindung in der Offensive, dass wir sauberer im letzten Pass und im Torabschluss sind. Der Coach hat gefordert, dass wir Offensivspieler jede Chance ernst nehmen und versuchen sollen, das Beste daraus zu machen. Wenn jeder immer zu 100 Prozent bei der Sache ist, ist das Trainingsniveau auch gleich viel höher.
90minuten: Siehst du dich persönlich nun auch in einer anderen Rolle als noch im Sommer? Mittlerweile lastet ja durchaus viel Verantwortung auf dir, du hast Salzburg mit deinen Toren schon einige wichtige Punkte gerettet.
Alajbegovic: Ich habe einige wichtige Tore geschossen und bin froh, dass die oft auch zu Siegen geführt haben, das stimmt. Ich will Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernehmen, das ist ein Ziel von mir. Wir wollen als Mannschaft generell viel erreichen, dazu will ich meinen Beitrag leisten. Und ich hoffe, dass am Ende etwas Gutes rauskommt.
90minuten: Dein Ausbildungsverein Bayer Leverkusen hat eine Rückkaufklausel auf dich, die Medienberichten zufolge bei unter 10 Millionen Euro liegen soll. Du hast in einem Interview mit einem bosnischen Medium zuletzt gesagt, dass du davon ausgehst, dass diese gezogen wird.
Alajbegovic: Zum Thema Rückkaufklausel wurde im Winter schon viel gesagt, für mich ist diese Sache aktuell erledigt. Ich bin Spieler des FC Red Bull Salzburg und will mich nur darauf fokussieren. Was im Sommer passiert, werden wir sehen. Solange ich hier bin, will ich einfach mein Bestes geben und nicht über andere Klubs reden.
90minuten: Sollte Leverkusen die Klausel ziehen: Könntest du dir vorstellen, dich zurück nach Salzburg verleihen zu lassen?
Alajbegovic: Ich kann mich nur wiederholen: Ich konzentriere mich voll auf meine Aufgaben in Salzburg. Was im Sommer sein wird, weiß ich jetzt noch nicht.
90minuten: Unabhängig davon: Was muss bis zum Sommer noch passieren, damit du auf ein perfektes erstes Profijahr zurückblicken kannst?
Alajbegovic: Mit der Mannschaft die Meisterschale und den Pokal zu holen, wenn es geht. Mit 18 Jahren schon einen Titel oder sogar zwei zu haben, wäre sehr besonders für mich und auch für den Klub, weil er schon länger keinen Titel mehr geholt hat. Mein persönliches Ziel ist es, mich von Spiel zu Spiel weiterzuentwickeln und am Ende des Tages zweistellig getroffen zu haben.
90minuten: Vielen Dank für das Gespräch!
Simon Urhofer