An den 10. September 2026 könnte man sich in Ried in den nächsten Jahren noch öfter mit einem Lächeln zurückerinnern.
Die Unterschrift von Isaac Kiese Thelin hat der Sportvereinigung in rund dreieinhalb Stunden fünf Tore eingebracht, viele davon waren spielentscheidend. Auch wenn die Quote von einem Treffer pro 45 Minuten kaum zu halten sein wird, hat sich die Vision hinter dem Transfer schon bestätigt.
Wie ein Rekordtransfer
In noch besserem Licht steht Thelin, weil er den Verein keine Ablöse gekostet hat. Bis Juni war er in Japan aktiv, dann einige Monate auf Vereinssuche. Streng genommen lehnt sich Ried finanziell aber schon ein Stück weiter aus dem Fenster.
Vor der Verpflichtung des 34-Jährigen nominierte Trainer Despotovic verlässlich sieben Legionäre in den Spieltagskader, danach acht bis neun.
Der wesentliche Unterschied ist der damit verbundene Ausstieg aus dem Österreicher-Topf. Bleibt es bis zum Saisonende bei dieser Entscheidung, verzichten die Innviertler auf einen Betrag im mittleren sechsstelligen Bereich. Kingstone Mutandwa ausgenommen, haben sie noch nie mehr Geld für einen Neuzugang aus der Hand gegeben.
Keine Rückkehr nach Schweden
Thelin hat über das letzte Jahrzehnt in mehreren großen Ligen - in Belgien, der Türkei, Frankreich und Deutschland - gespielt. Die größten Erfolge gelangen allerdings in seiner Heimat Schweden. 2023 krönte er sich zum Torschützenkönig, mit Malmö FF sammelte er vier Meistertitel und zwei Pokalsiege.
Einen vierten Wechsel zum Rekordmeister wollte er nicht mehr: "Ich bin immer wieder gekommen und gegangen. Beim letzten Abschied hat es sich wirklich final angefühlt. Zu einem anderen Verein in Schweden zu wechseln, wäre aber auch komisch gewesen, weil mir Malmö sehr am Herzen liegt."
Auf der Suche nach einer geeigneten Heimat für die mitgezogene Familie kam Ried schon früh in Frage, auch wenn die endgültige Entscheidung spät fiel.
"Nach dem letzten Spiel in Japan war ich auf Urlaub. Es gab einige Angebote, unter anderem aus der Türkei und Zypern, von denen ich aber nicht voll überzeugt war. Österreich ist für mich eine neue Liga in Europa, das hat mich gereizt."
Thelin zieht den Vergleich zur schwedischen Liga, wo die Entwicklung junger Spieler im Vordergrund steht. Ihm liegt das, meint er.
Ungewohntes Umfeld
Nachdem Ried Interesse deponiert hatte, begann für den Routinier die nähere Recherche. "Ich wusste davor kaum etwas über den Verein. Man schaut sich alles an, spricht mit Leuten. Meine Vermutung war, dass es eine Liga ist, in der man viele Tore schießen kann. Viele Spiele sind in beide Richtungen offen."
Bei manchen Vereinen ist man mit 34 vielleicht schon außen vor. Hier hatte ich den Eindruck, dass ein Mix gewollt ist.
Dazu kommt die Rolle als Mentor: "Als Stürmer heißt das Ziel natürlich, möglichst oft zu treffen. In meinem Alter möchte ich den Leuten um mich herum aber auch mit Erfahrung weiterhelfen. Bei manchen Vereinen ist man mit 34 vielleicht schon außen vor. Hier hatte ich den Eindruck, dass ein Mix gewollt ist. Für mich ist das viel wert. Die jungen Spieler im Team wollen lernen und hart arbeiten, das gefällt mir."
Eine Umstellung ist das Leben abseits großer Metropolen. Ried zählt rund 13.000 Einwohner, Linz - wo Thelins Kinder in eine internationale Schule gehen - in etwa 214.000. Kein Vergleich zum letzten Wohnort Tokio oder anderen Stationen in Brüssel, Istanbul, Bordeaux oder der Region um Leverkusen.
"Im Vergleich mit Tokio ist alles klein", lacht der 34-Jährige. "Es ist schon eine Umstellung. Hier ist alles eine Spur familiärer, alle waren sehr freundlich und hilfsbereit zu mir. In größeren Vereinen erlebt man das nicht immer so. Wenn man auf den Platz geht, zählt aber sowieso nur noch Fußball."
An den verbesserten Rieder Resultaten der letzten Wochen hatte der Neuzugang seinen Anteil. Der Einzug in das Meisterschafts-Playoff ist wieder in Reichweite und ein klares Ziel für diese Saison. "Wir haben noch nichts erreicht, es liegen viele Spiele vor uns. Ich will helfen, unser Selbstvertrauen weiterzuentwickeln. Dass andere Vereine größer sind, ist egal. Wir haben gute Spieler und können unser Spiel durchziehen."
SV Ried hatte einen Fürsprecher
Konkrete Angebote aus Österreich hatte Thelin in seiner bisherigen Karriere nie. Überhaupt gab es vor dem Ried-Transfer kaum Verbindungen, abseits von einem Länderspiel im Jahr 2015 und einigen Teamkollegen. Mit Aleksandar Dragovic, Julian Baumgartlinger und Ramazan Öczan war er gemeinsam in Leverkusen, mit Peter Zulj bei Anderlecht.
Für Ried mitentscheidend war ein anderer Kontakt, nämlich zu Stefan Schwab. "Die Welt ist auch im Fußball sehr klein. Wir haben in der Champions-League-Qualifikation gegeneinander gespielt - ich war in Malmö, er bei PAOK. Im Sommer hat er mich kontaktiert, ich konnte mich noch an ihn erinnern. Wir hatten ein gutes Gespräch. Es war schon gut, von einem erfahrenen Spieler zu hören, wie er den Verein sieht."
Salzburg-Gegner "nicht da, wo er stehen sollte"
Ex-Club Anderlecht steht am Donnerstag im österreichischen Fokus, weil dessen Gegner in der Europa League FC Salzburg heißt. Über Jahre war der RSC die dominante Kraft in Belgien, hat aber schon seit Längerem Schwierigkeiten, den Anschluss an die Spitze zu halten. Thelin war 2016/17 Teil der letzten Meistermannschaft.
"Für mich ist es der größte Verein in Belgien. In den letzten Jahren ist es aber nicht wirklich gut gelaufen. Es gab viele Personaländerungen bei Spielern, Sportdirektoren, Trainern, Präsidenten - man kann von einem kleinen Chaos sprechen. Es wurde in zu viele verschiedene Richtungen gezogen. Vincent Kompany hat uns in vielen Bereichen Struktur gegeben. Da hatte ich Hoffnung, dass es wieder bergauf geht. Dann war aber auch er weg. Im Moment steht der Verein nicht da, wo er stehen sollte. Sie sind aber immer noch eine Talentmaschine, ich durfte mit vielen tollen Spielern arbeiten. Hoffentlich können sie bald wieder Titel gewinnen."
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Der Schwede stand ab 2017 bei Anderlecht unter Vertrag, wurde mehrfach verliehen und ging 2021 endgültig. Kompany entschied sich 2022 für einen Wechsel zum FC Burnley.
Noch keine Gedanken an Karriereende
Thelins Vertrag in Ried läuft bis 2028. Bei seinem Ablauf wäre er 36 Jahre alt. Ob es dann noch weitergehen soll, lässt er vorerst offen:
Man sollte sich im Fußball nie festlegen. Ich will jetzt weder Ja noch Nein sagen.
"Man sollte sich im Fußball nie festlegen. Ich will jetzt weder Ja noch Nein sagen. Momentan fühle ich mich sehr gut. Viele Träume, die ich als Kind hatte, sind inzwischen wahr geworden. Ich habe in der Champions League, Europa League und bei einer Weltmeisterschaft gespielt. Ich habe viele Titel gewonnen und war bei vielen sehr guten Vereinen."
Dass er sich in seinem Alter den intensiven Rieder Spielstil ausgesucht hat, sieht er unproblematisch. "Wir haben schon auch die Fähigkeiten, um mitzuspielen und mit verschiedenen Ansätzen Erfolg zu haben. Natürlich muss ich viel laufen, aber das gehört für mich dazu. Als Stürmer muss man sich anpassen."
Nächstes Duell mit dem LASK
Zum zweiten Mal in kurzer Zeit wartet als nächster Gegner der LASK, diesmal vor eigenem Publikum. Ende Oktober schied Ried erst spät in der Verlängerung aus dem ÖFB-Cup aus.
"Die Jungs haben mir vor dem Spiel erklärt, dass es ein Derby und deshalb sehr wichtig ist. Wir haben alles gegeben, manchmal reicht es leider nicht. Auf unsere Intensität können wir stolz sein. Ich freue mich auf die Revanche, wir wollen ein gutes Resultat."
Daniel Sauer