Ranftl: "Morddrohungen gehen zu weit!"
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Ranftl: "Morddrohungen gehen zu weit!"

Mit 34 Jahren ist Reinhold Ranftl der Dauerbrenner der Austria. Wie macht er das? Und warum polarisiert er so sehr?

Reinhold Ranftl ist der Dauerbrenner des FK Austria Wien.

Auf der rechten Abwehrseite gibt es am Steirer kein Vorbeikommen. Dabei ist der sechsfache ÖFB-Teamspieler inzwischen schon 34 Jahre alt.

"Es gibt wenige, die so viel für ihren Körper tun wie ich", ist der Routinier, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, im 90minuten-Interview sicher.

Ranftl erklärt, was das konkret ist, welche Überlegungen er für die Zukunft hat, wie er mit Morddrohungen auf Social Media umgeht und warum man in der ADMIRAL Bundesliga nicht nur mit jungen Spielern bestehen kann.

90minuten: Die wievielte Vorbereitung deines Lebens hast du hinter dir?

Reinhold Ranftl: Die Zeit rast. Vor 15 Jahren habe ich zum ersten Mal mit einer Profi-Mannschaft eine Wintervorbereitung gemacht. Jetzt kann ich es mehr genießen. In einem gewissen Alter merkt man, dass es möglicherweise die letzte Wintervorbereitung ist, da will ich nochmal das Maximum rausholen. Es macht mir richtig Spaß.

90minuten: Was hat sich in diesen 15 Jahren geändert?

Ranftl: Früher konntest du dich nach der zweiten Einheit in einem Camp nicht mehr bewegen und hast gehofft, dass es bald vorbei ist. Mit Schalke hatten wir im Sommer noch ein Lauftrainingslager. Ich bin froh, dass es das nicht mehr gibt. Das bringt auch nichts.

"Mein Anspruch ist es nicht, solide oder durchschnittlich zu sein – ich will der beste Rechtsverteidiger der Liga sein!"

90minuten: Wie fällt deine Herbst-Bilanz aus?

Ranftl: Ein sehr schwieriger Start – wie jedes Jahr bei uns. Im Laufe der Herbstsaison haben wir uns extrem gesteigert. In einen Lauf wie im Jahr davor sind wir aber nie gekommen. Trotzdem ist die Ausgangsposition gut. Jetzt warten noch fünf harte Spiele bis zur Punkteteilung.

90minuten: Im Umfeld war es im Herbst sehr unruhig. Jürgen Werner ist zurückgetreten, man hat sich von Manuel Ortlechner getrennt, ihn durch Michael Wagner ersetzt, mit Tomas Zorn gibt es einen neuen Sportvorstand. Beeinflusst euch das als Mannschaft?

Ranftl: An solche Positionswechsel muss man sich immer ein bisschen gewöhnen. Man kennt die neuen Personen nicht, muss sich erst ein Bild machen. Ich hatte mit den neuen Personen bisher aber nur positive Erlebnisse. Robert Urbanek und Manuel Takacs kannte sowieso jeder, Michi Wagner hat sich super eingegliedert, wirkt extrem sympathisch und macht das sehr gut.

90minuten: Wie zufrieden bist du mit dem Herbst aus persönlicher Sicht?

Ranftl: Der Start war nicht optimal, wir und auch ich mussten uns erst finden. Wir hatten einige Ausfälle. Letzte Saison habe ich fast alle Spiele mit Philipp Wiesinger hinter mit gemacht, wir spielen seit zehn Jahren zusammen, kennen uns in- und auswendig. Ich musste mich erst auf die neuen Mitspieler einstellen. Im Laufe des Herbstes habe ich mich aber gesteigert. Letzte Saison habe ich eine sehr gute Saison gespielt, jetzt war es solide. Aber mein Anspruch ist es nicht, solide oder durchschnittlich zu sein – ich will der beste Rechtsverteidiger der Liga sein!

Reinhold Ranftl hat 270 Bundesliga-Spiele in den Beinen
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Reinhold Ranftl hat 270 Bundesliga-Spiele in den Beinen

90minuten: Stephan Helm hat über dich gesagt: "Egal, welche Stats man ausgräbt, in der Liga ist er immer ganz vorne dabei. Er würde sich in der Bundesliga wahrscheinlich in jeder Mannschaft durchsetzen."

Ranftl: Ich kriege Gänsehaut. Mir bedeutet das viel. Ich reflektiere sehr viel, rede mir meine Leistungen nicht schön. Ich hadere oft, wenn meine Leistung nicht stimmt. Mir gibt so eine Aussage Selbstvertrauen.

90minuten: Im Fußball werden heutzutage unglaublich viele Statistiken erfasst. Welche sind dir persönlich wichtig?

Ranftl: Die Leute sehen immer nur Tore und Assists. Da liege ich mit einem Tor und keinem Assist klar hinter meinen Erwartungen zurück. Auf meiner Position gehört aber viel mehr dazu: Intensive Läufe, explosive Läufe, Läufe über 25 km/h, Strafraumaktionen, hohe Ballgewinne etc. Von diesen Statistiken spricht der Trainer. Mein Spiel ist "vor, zurück, vor, zurück".

90minuten: Weißt du, was am 13.8.2023 war?

Ranftl: Keine Ahnung.

"Ich bin jeden Tag um 22 Uhr im Bett, auch im Urlaub."

90minuten: Die Austria hat 0:2 gegen Red Bull Salzburg verloren. Das war das letzte Bundesliga-Spiel, in dem du einsatzfähig warst, aber nicht von Anfang an gespielt hast. Du bist zur Pause für Marvin Potzmann eingewechselt worden. Seither spielst du immer. Gleichzeitig bist du jetzt 34 Jahre alt geworden. Wie machst du das?

Ranftl: Ich fühle mich nicht wie ein 34-Jähriger, ich fühle mich wie ein 24-Jähriger. Ich habe körperlich überhaupt keine Beschwerden. Natürlich habe ich nach Spielen hin und wieder kleine Wehwehchen, habe nicht mehr den Top-Speed von früher. Aber ich bin wahrscheinlich bei allen Statistiken auf meiner Position unter den Top 3. Es gibt wenige, die so viel für ihren Körper tun wie ich. Ich habe keine zehn Jahre mehr, muss meinem Beruf jeden Tag alles unterordnen. Ich will mir nie etwas vorwerfen können. Ich will diesen Beruf so lange wie möglich genießen. Und jedes Spiel von Anfang an machen – das ist mein Anspruch.

90minuten: Was machst du konsequenter als andere?

Ranftl: Ich bin jeden Tag um 22 Uhr im Bett, auch im Urlaub. Mannschaftsabende sind da eine Ausnahme. Wenn ich um 22 Uhr nicht im Bett bin, bin ich unruhig. Nach jedem Training meine Übungen zu machen – Mobilisation, Dehnung, Kraft – gehören täglich dazu. Ich will meinem Körper etwas zurückgeben, bin ihm das schuldig, der leistet nämlich so viel.

Zum 34. Geburtstag ging's im Trainingslager durchs Spalier
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Zum 34. Geburtstag ging's im Trainingslager durchs Spalier

90minuten: Dein Vertrag im Sommer läuft aus. In welche Richtung geht’s?

Ranftl: Zum ersten Mal in meiner Karriere läuft mein Vertrag aus. Das ist ungewöhnlich, ich mache mir Gedanken. Ich fühle mich bei der Austria unglaublich wohl, es gibt auch Gespräche mit dem Verein. Ich bin offen für eine Verlängerung. Aber ich habe mir auch die Frage gestellt, ob ich nochmal etwas anderes sehen will – ich kann sie Stand jetzt nicht beantworten.

90minuten: Dennoch wirst du darüber nachdenken, was ist, wenn es nicht mehr möglich ist, Fußball zu spielen.

Ranftl: Man sieht ja die Entwicklung im Fußball, es werden immer jüngere Spieler geholt. Mein Profil wird aber immer noch gesucht. Ich kann unglaublich gut mit jungen Spielern, habe keine Verletzungshistorie und bin topfit. Es spricht nichts dagegen, dass ich noch drei, vier, fünf Jahre habe.

90minuten: Seit Wochen wird bei der Austria gepredigt, dass vermehrt auf junge Spieler gesetzt werden soll. Wie geht es einem Spieler in deinem Alter damit?

Ranftl: Die Leute da draußen stellen es sich so einfach vor, dass da lauter 19-, 20-Jährige spielen. Man muss denen aber auch zeigen, was es heißt, Fußballprofi zu sein. Ich verstehe schon, dass der Verein Geld braucht. Aber es wird nicht mit elf jungen Spielern funktionieren, dafür ist diese Liga zu gut. Es braucht auch Spieler, die schon etwas gesehen haben. Natürlich ist es nicht immer angenehm, wenn man Kommentare liest, wer aller ausgetauscht werden sollte. Aber es ist part of the game, das akzeptiere ich auch.

"Ich bin ein Spieler, der sehr leicht fällt, das weiß ich auch"
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"Ich bin ein Spieler, der sehr leicht fällt, das weiß ich auch"

90minuten: Apropos Kommentare. Seit geraumer Zeit wirst du oft in Kommentaren auf Social Media als "unfairster Spieler der Liga" bezeichnet. Du hast dich zu einem Typen entwickelt, der polarisiert.

Ranftl: Definitiv. Vor allem in der Steiermark. Hin und wieder schau ich mir das auch an. Solange es nicht extrem beleidigend wird, habe ich nichts dagegen. Wenn aber persönliche Nachrichten mit Morddrohungen dazukommen oder der Familie etwas Schlechtes gewünscht wird, geht das zu weit.

90minuten: Wie siehst du die Kritik auf inhaltlicher Ebene?

Ranftl: Ich bin ein Spieler, der sehr leicht fällt, das weiß ich auch. Ich stehe dazu, das ist meine Spielweise. Ich bin aber keiner, der Gegenspieler absichtlich foult oder Verletzungen in Kauf nimmt. Ich bin nicht rücksichtslos. Aber ich versuche natürlich, Situationen für meine Mannschaft auszunutzen. Das machen ganz andere Spieler auf der Welt auch. Ich habe das nicht neu erfunden.

90minuten: Man könnte es Bauernschläue nennen.

Ranftl: Es hat letzte Saison diese Situation im Spiel gegen Sturm mit William Böving gegeben. Das war keine schlaue Aktion von ihm. Ich nutze das natürlich aus, warum sollte ich nicht? Ich wäre dumm, wenn ich meiner Mannschaft dadurch nicht einen gewissen Vorteil verschaffe.

90minuten: Und danach hast du persönliche Nachrichten bekommen?

Ranftl: Nach diesem Spiel war es grenzwertig. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, ob ich polizeilich ermitteln lasse. Ich habe es aber gelassen. Ich will diesen Menschen nicht schaden, gewisse Dinge muss man manchmal überlesen. Es ist traurig genug, wenn man solche Nachrichten schreibt. Aber das ist Schnee von gestern.

VIDEO: Die Top-Transfers der Wiener Austria

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