Nikolas Polster: "Ich dachte: Das darf doch nicht wahr sein!"
Foto © IMAGO / Pro Shots

Nikolas Polster: "Ich dachte: Das darf doch nicht wahr sein!"

Im Sommer wechselte der Torhüter vom WAC in die Niederlande zu NEC Nijmegen - und erlebte dort in den ersten Wochen einen wilden Ritt. Interview:

Beim WAC wurde Nikolas Polster Cupsieger und in den Kader von ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick berufen.

Im Sommer wagte der 24-jährige Tormann nach zwei Jahren den Sprung ins Ausland und wechselte zu NEC Nijmegen in die niederländische Eredivisie – und erlebte dort eine Hochschaubahn der Gefühle.

Wie er seinen wilden Ritt in den ersten Wochen dort selbst sieht, erzählt er im 90minuten-Interview.

90minuten: Mit dir im Tor holte der WAC zu Saisonbeginn vier Punkte in zwei Spielen, nach deinem Abgang kam in sieben Spielen nur ein einziger Punkt dazu.

Nikolas Polster: Ich verfolge das, so gut es geht. Es war leider unschön mitanzusehen, dass kaum etwas Zählbares dazu kam. Aber es wird wohl nicht nur an mir liegen, dass es nicht mehr läuft.

90minuten: War der Absturz abzusehen?

Polster: Dass man nicht easy in die Top sechs kommt, schon. Aber dass es so krass in eine Richtung geht, habe ich nicht kommen sehen. Aber es sind noch genügend Spiele bis zum Tabellen-Splitting, es ist noch nichts verloren.

90minuten: Für dich war der WAC die Station, bei der du auf höchster Ebene durchgestartet bist, was dir bei Rapid oder beim LASK nicht gelungen ist. Bei allem Drängen ins Ausland – fiel dir der Abgang auch etwas schwer?

Polster: Was heißt schwer… Zwischen dem Verein und mir war klar kommuniziert, dass ich den nächsten Schritt in meiner Karriere machen will. Mir wurden dabei keine Steine in den Weg gelegt, dafür bin ich dem Verein sehr dankbar. Das zeichnet den WAC aus, dass sie keinem jungen Spieler etwas verbauen. Deswegen wurden in jüngster Vergangenheit auch so viele Top-Transfers gemacht.

90minuten: Das heißt, du bist in den Transfersommer mit ganz fixen Wechselabsichten gegangen und die Frage war nur: Wohin?

Polster: So einfach, wie du es jetzt sagst, ist es dann auch nicht. Man hat das Ziel, diesen Schritt zu gehen, aber dass sich dann gleich extrem viele Möglichkeiten auftun, ist auch nicht der Fall. Dadurch, dass unsere Vorsaison nicht die allerbeste war, wurde es schwerer. Wenn du einen Titel gewinnst oder oben mitspielst, ist es einfacher. Mein Management und ich haben überall geschaut, überall gepusht, wo sich etwas auftut. Dann wurden es die Niederlande, worüber ich sehr glücklich bin.

Zwischen meinem Management und Hertha gab es schon Kontakt. Es war aber relativ schnell klar, dass es sich finanziell nicht ausgeht, man keinen Kompromiss finden würde.

Polster über das Interesse von Hertha BSC

90minuten: Nijmegen hatte niemand auf dem Schirm. Ein Traditionsklub an der deutschen Grenze, der vergangene Saison Dritter wurde und europäisch dabei ist. Warum gerade dorthin?

Polster: Einfach weil es vom Zwischenmenschlichen am besten passte. Die Gespräche mit Tormann-Trainer und Sportdirektor haben mir gezeigt, dass Nijmegen ein top geführter Verein ist, der zuletzt erfolgreich war und höhere Ziele anstrebt. Nachdem es auch schon relativ spät im Transferfenster war, habe ich mich schnell für Nijmegen entschieden.

90minuten: Welche Rolle hat gespielt, dass Nijmegen zum Zeitpunkt des Wechsels schon eine Liga-Phase sicher hatte? Man stand in der letzten Runde der Champions-League-Quali, die Europa League war das Sicherheitsnetz.

Polster: Natürlich war das ein Bonuspunkt. Es wäre andererseits aber auch kein Ausschluss-Kriterium gewesen. Aber dadurch war klar: Es wird mit Meisterschaft, Cup und Europacup viele Spiele auf hohem Niveau geben, die Chance auf Einsatzzeiten ist dadurch höher. Das spornt natürlich an, Gas zu geben.

90minuten: Auch Hertha BSC wurde als möglicher Interessent kolportiert. War da was dran?

Polster: Ich persönlich habe keine Gespräche mit einem Hertha-Verantwortlichen geführt, zwischen meinem Management und dem Klub gab es schon Kontakt. Es war aber relativ schnell klar, dass es sich finanziell nicht ausgeht, man keinen Kompromiss finden würde. Es wurde medial etwas aufgebauscht, aber das Interesse war sicher da.

90minuten: Viele Nationalspieler berichten, dass sie sich bei solchen Fragen mit ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick beraten. Du hast zwar noch keinen Einsatz, warst aber bei zwei Lehrgängen dabei. Gehört man dann schon zum "inner circle", der mal bei Rangnick anfragt?

Polster: Ich stehe eher in Kontakt mit Michael Gspurning, dem Tormann-Trainer. Wir haben telefoniert, uns ausgetauscht. Er hat auch mit dem Torwart-Trainer von Nijmegen gesprochen und sich über die Lage informiert, schon vor dem Transfer. (lacht) Beim ÖFB kann mir also keiner übelnehmen, dass ich diesen Schritt gemacht habe.

90minuten: Bei NEC hat Ex-Nationaltormann Jasper Cillessen als Ersatzkeeper den Klub im Sommer verlassen, Gonzalo Crettaz war vergangene Saison die Nummer eins und hat zudem eine gemeinsame Vergangenheit mit Trainer Dick Schreuder. Gab es eine klare Absprache, welche Rolle für dich vorgesehen ist?

Polster: Der Torwart-Trainer sagte damals, und es gilt noch heute: Er kann niemandem etwas versprechen. Weder mir noch Gonzalo. Klar, wenn man letzte Saison betrachtet, wird er nicht ohne Grund plötzlich nicht mehr im Tor stehen. Aber wie gesagt: Es sind sehr viele Spiele, ich habe in der kurzen Zeit schon fünf Einsätze gesammelt. Es wurde auch nie gesagt: Ich bin die Zwei, er die Eins. Es wird der spielen, der aus Sicht des Trainers dem Team am meisten helfen kann.

© GEPA
Nikolas Polster in der Champions League in Action

90minuten: Nach deinem Wechsel wurde es schnell wild. Im CL-Quali-Hinspiel gegen Bodö/Glimt (1:3) saßt du auf der Bank, im Rückspiel (0:3) bekommt Gonzalo nach drei Minuten die rote Karte. Was ist in diesen Sekunden in dir vorgegangen?

Polster: Man versucht auch als Ersatzkeeper so in den Spieltag zu gehen, als würde man spielen. Und trotzdem ist immer ein Unterschied da. Das Aufwärmen ist anders, du hast nicht deine Routinen unmittelbar vor dem Spiel. Dann sitzt du da im kalten Norwegen auf der Bank und musst innerhalb von einer Minute in den Match-Fokus kommen. Das ist mir gut gelungen, ich habe ein paar Bälle gehalten. Und mich nachher gefreut, mein CL-Debüt gefeiert zu haben.

90minuten: Kann man diese Freude auch schon beim Reinkommen empfinden?

Polster: Emotionen zu fühlen, ist in dem Moment schwierig. Das kommt erst nach dem Spiel auf dich zu. Ab der Sekunde, als die rote Karte bestätigt wurde, bis zum Abpfiff, ist man komplett im Flow. Da denkt man an nichts anderes als ans Spiel.

90minuten: Wie fühlt sich dieses kleine Stadion, in dem schon viele Riesen wie zuletzt Borussia Dortmund getötet wurden, an?

Polster: Es war alles nicht einfach. Kalt, Regen, dazu der ungewohnte Kunstrasen. Die Stimmung ist zudem anders als in anderen Stadien. Klein, kompakt und irrsinnig laut, wenn Bodö ins Rollen kommt. Mich wundert nicht, dass große Mannschaften dort verloren haben.

90minuten: In der Eredivisie ging es dann so für dich weiter: Startelf, Bank und zur Halbzeit eingewechselt, Startelf, Bank. Klingt kurios…

Polster: Es war mit dem Trainer genau so abgesprochen, wer welche Spiele bekommt. Gonzalo war zwischendurch angeschlagen, kehrte dann ins Tor zurück. Ich werde mich weiter in jedem Training empfehlen und auf meine nächste Chance warten. Wann die kommen wird, weiß ich aber nicht.

90minuten: Heißt: Du bist jetzt schon zumindest gefühlt die Nummer 2?

Polster: Schwer zu sagen. Solange der Trainer keine große Veränderung will, werde ich auf der Bank sitzen. Aber man hat ja gesehen, wie schnell es gehen kann. Kann ja sein, dass es nicht läuft, was ich nicht hoffen will, und dann gewechselt wird. Ich gehe damit professionell um und mache meinen Job.

Im ersten Moment dachte ich: Das darf doch jetzt nicht wahr sein! Du spielst vor 45.000 Zuschauern in so einem geilen Stadion und dann so etwas.

Polster über seinen Patzer gegen Juventus

90minuten: Mittendrin in dieser Phase war dann das berühmte Spiel gegen Juventus, für das Gonzalez noch rotgesperrt war, du also im Tor standest. Wie ist das Juventus-Stadion, wenn man kurz vorher noch in der Lavanttal Arena gekickt hat?

Polster: Die ersten Momente im Juventus-Stadion waren ganz besonders. Ein ganz anderes Level an Fußball-Umgebung. Leider hatten wir dort als Mannschaft keinen guten Auftritt und auch in der Höhe zurecht mit 0:5 verloren.

90minuten: Nach zehn Minuten unterläuft dir ein bitterer Fehler. Du kommst raus, bist zu spät, verfehlst den Ball – 1:0 für Juve.

Polster: Im ersten Moment dachte ich: Das darf doch jetzt nicht wahr sein! Du spielst vor 45.000 Zuschauern in so einem geilen Stadion und dann so etwas. Ich habe versucht, nicht darüber nachzudenken und im Spiel zu bleiben. Man muss dazu aber eines wissen.

90minuten: Und zwar?

Polster: Wir haben bei Nijmegen eine Spielweise, bei der von mir verlangt wird, dass ich hoch stehe, mutig und riskant spiele und der Verteidigung helfe, die Bälle hinter die Kette zu verteidigen. Ich war in dem Moment einfach nicht entschlossen genug. Auch weil ich dachte: Wenn ich jetzt durchziehe und den Gegner erwische, gibt es die nächste rote Karte. Das darf in dem Moment aber nicht in meinem Kopf sein.

90minuten: Wie ist es dir gelungen, diese Szene wegzuschieben?

Polster: Leider gab es danach kaum Szenen, in denen ich mich auszeichnen konnte. Ein unhaltbarer Schuss ins Kreuzeck, ein Elfmeter, Halbzeit. Auch danach kann ich mich kaum an einen haltbaren Schuss erinnern. Ich habe dennoch versucht, mutig zu bleiben, auch beim Rausspielen. Ich war auch nicht nervös und habe mich nicht verrückt machen lassen. Juve hat es dann clever gemacht, ist kein Risiko mehr gegangen.

90minuten: Auch beim letzten Tor kamst du etwas zu spät. Helge Payer hat erzählt, dass er dir sagte: Du musst mir nicht alles nachmachen. Wie meinte er das?

Polster: Helge hat mir ein Video geschickt, da waren auch die Szenen von seinem ersten Spiel im Europacup drauf. 0:4 gegen PSG, er sah auch nicht immer gut aus. Eine Ähnlichkeit, auf die wir wohl beide gerne verzichtet hätten. Aber man kann es nicht rückgängig machen.

90minuten: Was ist Helge für dich?

Polster: Helge ist für mich Mentor und Wegbegleiter. Er sieht nicht nur den Torhüter, sondern auch den Menschen dahinter. Er fordert und fördert mich, unterstützt mich in allen Bereichen und bringt mich mit den besten Leuten für meine Entwicklung zusammen – sportlich, mental und vor allem in meiner Persönlichkeitsentwicklung.

90minuten: Beim Neustart nach der WM warst du nicht im ÖFB-Kader, vier andere Tormänner wurden einberufen. Enttäuscht?

Polster: Ich durfte bereits zwei Mal beim Nationalteam dabei sein und habe diese besondere Energie und Atmosphäre dort gespürt. Das war eine unglaubliche Erfahrung und ist für mich der größte Ansporn, wieder Teil davon zu sein. Ich weiß, dass noch viel Arbeit vor mir liegt, aber genau das motiviert mich, jeden Tag besser zu werden und meinen Weg konsequent weiterzugehen. Mein größtes Ziel ist es, für Rot-Weiß-Rot zu spielen!

Kommentare