Lukas Hinterseer: "Hoffe, dass viele Tiroler diesen Weg gehen"
Foto © GEPA

Lukas Hinterseer: "Hoffe, dass viele Tiroler diesen Weg gehen"

Vor dem Tiroler Derby im UNIQA ÖFB-Cup spricht Lukas Hinterseer mit 90minuten über das besondere Spiel und seine spannende Karriere.

Am Mittwoch steht im UNIQA ÖFB-Cup ein ganz besonderes Spiel an.

Im Innsbrucker Tivoli empfängt der FC Wacker Innsbruck im Achtelfinale im Tiroler Derby die WSG Tirol (18:00 Uhr im LIVE-Ticker>>>). Dabei treffen zum ersten Mal seit 2018 zwei Tiroler Profivereine aufeinander.

Damals spielten die beiden Mannschaften in der 2. Liga gegeneinander. Wacker konnte sich im letzten Duell zuhause mit 2:0 durchsetzen. Doch die Vorzeichen sind dieses Mal andere, denn während Wacker mittlerweile wieder in der 2. Liga spielt, ist die WSG ein seit Jahren etablierter Bundesligist und damit auch der vermeintliche Favorit im Cup-Duell.

Ein WSG-Spieler, für den das Duell ein besonderes wird, ist Lukas Hinterseer. Der gebürtige Kitzbüheler startete seine Karriere bei Wacker, wo er sich zum Nationalspieler entwickelte und später dann international durchstartete.

Im Interview mit 90minuten spricht der routinierte Stürmer über das besondere Duell und seine Zeit im Ausland.

90minuten: Wie geht’s nach dem Training?

Lukas Hinterseer: Gut. Ich glaube, wir sind fit und es wird generell eine interessante Woche.

90minuten: Was sagt ihr nach dem Saisonstart? Ihr hattet im Sommer wieder einen großen Umbruch. Viele Spieler sind gegangen, viele neue sind gekommen. Trotzdem ist euch der Saisonstart ziemlich gut geglückt.

Hinterseer: Grundsätzlich gibt es bei uns in der WSG meistens nach zwei Jahren einen großen Wechsel. Ich glaube, wir hatten einige Abgänge und viele Neuzugänge. Die haben sich aber alle sehr gut und sehr schnell integriert. Ich glaube, unser Teamgefühl – das, was uns als WSG immer auszeichnet – ist wieder da, so wie in den letzten Jahren. Grundsätzlich muss ich auch sagen, dass wir unsere Idee, wie wir Fußball spielen wollen, immer besser umsetzen.

Natürlich gibt es immer Verbesserungspotenzial, aber ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Wir hatten ein sehr schweres Startprogramm, haben dabei aber eigentlich ganz gut gepunktet. Danach hatten wir ein, zwei Partien, in denen wir nicht punkten konnten. Trotzdem war unsere Leistung okay. Von daher sind wir, glaube ich, auf einem ordentlichen Weg, müssen aber weiterhin schauen, dass wir punkten.

Wir trauen uns mittlerweile zu, dass wir gegen jeden bestehen können, wenn wir an unser Leistungsmaximum herankommen.

Lukas Hinterseer

90minuten: In dieser Saison gibt es keine Punkteteilung mehr. Das heißt, jeder Punkt zählt voll. Was bedeutet das für euch?

Hinterseer: Grundsätzlich geht man in jedes Spiel und will gewinnen. In den letzten Jahren wusste man aber immer: Alles, was vorher passiert, ist eigentlich nur die Hälfte wert. Trotzdem arbeitest du Woche für Woche im Training, um am Wochenende erfolgreich zu sein. Sich dann darauf zu verlassen, dass im März ohnehin die Teilung kommt und es erst dann richtig losgeht, funktioniert nicht. Von daher war es auch in den letzten Jahren wichtig, vorher zu punkten, weil du als Mannschaft in einen Flow kommen willst.

Dieses Jahr ist es natürlich ein bisschen anders: Alles, was du jetzt mitnimmst, bleibt dir. Je größer du den Abstand nach unten ausbauen kannst, desto besser ist das für uns als WSG. Du willst dich aber auch nicht ausruhen und sagen: Okay, jetzt habe ich vielleicht acht oder neun Punkte Vorsprung. Wir haben bei uns im Verein schon den Anspruch, uns verbessern und punkten zu wollen – auch gegen jeden Gegner. Wir trauen uns mittlerweile zu, dass wir gegen jeden bestehen können, wenn wir an unser Leistungsmaximum herankommen. Dafür braucht man immer 100 Prozent. Jeder Punkt zählt, und wenn der eine oder andere Gegner einmal auslässt, kannst du dir ein gutes Polster aufbauen.

90minuten: Wie siehst du deine eigene Rolle in dieser Saison? Zu Beginn hast du noch regelmäßig von Anfang an gespielt, jetzt bist du meistens eher Joker, gleichzeitig aber Kapitän. Wie gehst du damit um?

Hinterseer: Ähnlich wie im letzten Jahr. Ich glaube, es hat sich nicht viel geändert. Ich versuche, voranzugehen, der Mannschaft zu helfen und den jungen Spielern zur Seite zu stehen, wann immer sie etwas brauchen. Durch meine Art und Weise versuche ich einfach, die Jungs mitzuziehen.

In einem Testspiel spielten die Wattener vor einem Jahr gegen Real Madrid.
Foto © GEPA
In einem Testspiel spielten die Wattener vor einem Jahr gegen Real Madrid.

90minuten: Am Mittwoch steht das bisherige Saisonhighlight an: Im Cup wartet das Tiroler Derby gegen Wacker Innsbruck. Wie blickst du darauf, und wie sehr freust du dich?

Hinterseer: Ich glaube schon, dass das gerade in Tirol ein großes Thema ist. Es wird sicher ein Highlight, wenn du vor einem fast ausverkauften Haus spielst. Wie es ist, wenn viele Zuschauer im Tivoli-Stadion sind, hat man vor gut zwei Wochen gesehen. Das ist schon etwas Besonderes in Österreich. Es wird sicher eine sehr intensive Partie, weil jeder die Geschichte dahinter kennt.

Es ist das erste Tiroler Duell seit Langem, bei dem es auch um einiges geht: um den Aufstieg ins Viertelfinale. Für uns ist der Aufstieg ganz klar das Ziel. Die Rollen sind ebenfalls klar verteilt: Zweitligist gegen Erstligist. Die Erwartungen liegen natürlich bei uns, aber dieser Druck kann einen manchmal auch bremsen. Damit müssen wir umgehen. Wir sind der Bundesligist und müssen an unsere Leistungsgrenze gehen. Dann glaube ich, dass wir aufsteigen können.

90minuten: Für euch ist das auch deshalb spannend, weil ihr eure Bundesliga-Heimspiele immer am Tivoli austragt. Jetzt spielt ihr dort als Auswärtsmannschaft vor vollem Haus. Wie geht man damit um?

Hinterseer: Im Grunde genommen wie mit jedem anderen Spiel. Es ist in diesem Fall ein Auswärtsspiel. Wahrscheinlich sind wir aber in derselben Kabine, deshalb ändert sich für uns eigentlich nichts. Das hatten wir im letzten Jahr gegen Real Madrid schon einmal: Wir sind mehr oder weniger als Auswärtsmannschaft hingefahren, hatten die Gästekabine, und das Tivoli war voll. Die meisten Auswärtsspiele sind ohnehin so.

Im Grunde genommen ist es also nichts anderes und nichts Besonderes, vielleicht sogar eher ein Vorteil. Auch wenn es nicht die eigenen Fans sind: Wenn mehr Leute im Stadion sind, egal ob sie dir positiv oder negativ gegenüberstehen, macht das etwas mit einem. Wenn man das in gute Energie umwandelt, kann es einen pushen.

Der Weg ins Ausland, nach Deutschland, ist sehr hart. Das ist ein Haifischbecken, gerade wenn du aus dem Ausland kommst.

Lukas Hinterseer

90minuten: Für dich persönlich ist es ein besonderes Spiel. Wacker war dein erster Profiverein, und im Sommer warst du noch beim Legendenspiel als Wacker-Spieler dabei. Wie blickst du persönlich auf das Duell?

Hinterseer: Nach 17 oder 18 Jahren als Profi ist es einfach ein normales Spiel wie jedes andere. Von damals ist, glaube ich, kein Einziger mehr dort. Natürlich finde ich es auch cool, dass es jetzt einen zweiten Profiverein in Tirol gibt. Gerade für die jungen Burschen in Tirol und in der Akademie ist es wichtig, dass der Tiroler Fußball auf Profiebene vertreten ist – jetzt durch zwei Vereine, uns und Wacker Innsbruck.

Wenn Wacker damals keine Profimannschaft gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nie die Möglichkeit gehabt, Fuß zu fassen. Ich hätte dann vermutlich irgendwo anders meinen Weg machen müssen, aber so war es mehr oder weniger vor der Haustür. Deshalb hoffe ich, dass viele Tiroler Jungs diesen Weg ebenfalls gehen können, ihre ersten Profischritte in Tirol machen und anschließend in die weite Welt hinausgehen.

90minuten: Du bist selbst als Tiroler in die weite Welt hinausgegangen und hast in deiner Karriere einiges erlebt. In Deutschland hast du für unzählige Traditionsvereine gespielt, bei Ingolstadt das erste Bundesligator der Vereinsgeschichte geschossen, warst Nationalspieler, bei einer EM dabei und hast in Südkorea bei Ulsan Hyundai gespielt. Wenn du das Revue passieren lässt: Was waren deine Highlights, und wie blickst du auf diese Zeit zurück?

Hinterseer: Ja, es war schon eine besondere Zeit. Wie gesagt, war ich damals als Tiroler Junge bei Wacker Innsbruck in der zweiten Liga nie das große Übertalent. Ich war nie wirklich bei den Jugendnationalteams, und Förderer hatte ich auch keine. Bis mir dann Roli Kirchler die Chance gegeben hat. Von da an war es für mich eine coole Geschichte.

Der Weg ins Ausland, nach Deutschland, ist sehr hart. Das ist ein Haifischbecken, gerade wenn du aus dem Ausland kommst, weil Deutschland unglaublich gut ausbildet. Die Auswahl ist also riesig, und sich über so lange Zeit durchzusetzen, ist etwas, worauf ich stolz bin. Das hätten mir sicher die wenigsten zugetraut. Die Bundesligazeit mit Ingolstadt unter Ralf Hasenhüttl war natürlich etwas Besonderes – mit dem Aufstieg und dem souveränen Klassenerhalt im ersten Jahr.

Auch der Wechsel nach Hamburg zu so einem Traditionsverein war etwas ganz Besonderes. Leider war es wegen Corona eine schwierige Zeit; darunter hat wahrscheinlich jeder Verein und jeder Spieler ein bisschen gelitten. Das war schade. Und der Wechsel nach Südkorea mit der Klub-WM in Katar und der Champions League in Asien waren ebenfalls coole Schritte.

Ich glaube, es hatte damals auch noch nicht viele Österreicher gegeben, die bei einer Klub-WM gespielt haben – außer David Alaba.

Lukas Hinterseer

90minuten: Gerade der Wechsel im Jänner 2021 nach Südkorea ist besonders, weil nicht viele Österreicher dort gespielt haben. Wie kam es damals dazu?

Hinterseer: (lacht) Eigentlich so, wie jeder Wechsel zustande kommt. Meine Zeit beim HSV ging zu Ende, mein Vertrag lief aus, und der Verein hat sich neu orientiert. Dann gab es den Kontakt zu ihnen. Sie waren zu diesem Zeitpunkt Champions-League-Sieger in Asien.

Ich hatte also die Möglichkeit, für den besten Verein in Korea beziehungsweise damals in Asien zu spielen und bei der Klub-WM in Katar dabei zu sein. Ich glaube, es hatte damals auch noch nicht viele Österreicher gegeben, die bei einer Klub-WM gespielt haben – außer David (Anm. Alaba) …

90minuten: … und den Salzburgern.

Hinterseer: Ja, okay, aber das war noch die alte Klub-WM, bei der wirklich nur die Champions-League-Sieger dabei waren. Bei der alten, ursprünglichen Version gab es, glaube ich, vorher nicht viele Österreicher. Von daher war es auch eine coole Erfahrung und etwas Besonderes.

Nach seiner Zeit in Südkorea ging es für Hinterseer zurück nach Deutschland zu Hannover 96.
Foto © imago images / Eibner
Nach seiner Zeit in Südkorea ging es für Hinterseer zurück nach Deutschland zu Hannover 96.

90minuten: Du warst dann aber nur ein halbes oder dreiviertel Jahr dort, glaube ich. War das einfach Heimweh?

Hinterseer: Zu dem Zeitpunkt hatten wir in Hamburg unseren ersten Sohn bekommen. Er war ungefähr zwei Monate alt, als ich den Wechsel gemacht habe. Ich bin Ende Januar zuerst allein hingeflogen, direkt nach Katar, und bin dort in die Klub-WM eingestiegen. Danach war ich noch zwei Monate allein in Korea, bis meine Familie wegen der Corona-Einreisebestimmungen nachkommen konnte. Das Land war geschlossen: Man konnte sich im Land frei bewegen, aber Tourismus war nicht möglich. Entweder war man beruflich dort oder Koreaner; enge Familienangehörige durften ebenfalls einreisen, aber es hat lange gedauert.

Das heißt, ich war die ersten drei bis dreieinhalb Monate allein. Meine Frau war währenddessen ziemlich viel allein, gerade mit einem neugeborenen Kind. Eigentlich hatten wir uns den Ablauf anders vorgestellt.

90minuten: Wie hätte der Plan ausgesehen?

Hinterseer: Ich hatte mich ein bisschen umgehört: Es wäre etwa so gewesen wie zuvor – manchmal kommt jemand zu Besuch, manchmal fliegt meine Frau mit dem Kind mit. Wenn wir viel unterwegs waren, wäre sie mit der Familie nach Dubai geflogen, um mich dort zu treffen. Bei Champions-League-Spielen war die Familie immer dabei - vor Corona.

Im Jahr davor war es beispielsweise so: Wir sind vier Tage vorher nach Melbourne geflogen, die Familie war dabei, wir haben trainiert, sind abends essen gegangen, haben in Melbourne gespielt und sind dann nach Tokio weitergeflogen. So war es eigentlich vorher. Durch Corona hat sich leider viel verändert.

90minuten: Das war sicher keine einfache Zeit. Hast du ein Beispiel?

Hinterseer: Die Gruppenphase der Champions League (Anm. Juni/Juli 2021) fand dann so statt, dass wir uns im Sommer mit unserer Gruppe in Bangkok getroffen haben. Wir waren sechs Wochen in diesem Corona-Hotel: Einzelzimmer, Frühstück, Mittag- und Abendessen aufs Zimmer und einmal am Tag Training. Meine Frau war währenddessen sechs Wochen allein in Korea. Eigentlich ging die Initiative nicht von mir oder meiner Frau aus. Wir hätten schon durchgezogen, aber mein Berater hatte im Hintergrund bereits gearbeitet. Dann ergab sich eine Möglichkeit...

90minuten: Ja?

Hinterseer: Kurz vor Transferschluss wurde Marvin Ducksch von Hannover für, glaube ich, zwei Millionen Euro nach Bremen verkauft. Hannover musste also kurz vor Transferschluss noch einen Stürmer verpflichten. Das war mehr oder weniger eine Nacht-und-Nebel-Aktion, denn am Montag war Transferschluss. Am Freitagabend bekam ich einen Anruf und führte ein kurzes Telefonat mit Marcus Mann, dem heutigen Sportdirektor von Salzburg. Er sagte, sie wollten mich holen. Ich dachte: Okay, aber ich muss jetzt mehr oder weniger sofort losfliegen. Also gut. Ich habe die Wohnung so gut es ging ausgeräumt, und drei Stunden später war ich schon am Flughafen.

Das war eigentlich keine Entscheidung gegen Korea, sondern einfach eine Entscheidung für die Familie, weil wir uns als Familie dort wohler gefühlt hätten. Fußballerisch war es wirklich eine coole Zeit. Wie gesagt, es war die beste Mannschaft in Korea: Du gewinnst jedes Spiel, kommst in der Champions League immer ins Halbfinale und erreichst auch im Pokal das Halbfinale. Der Spielstil war sehr ansehnlich und technisch geprägt. Es war also eine tolle Erfahrung.

Lukas Hinterseer im Trikot von Hannover 96
Foto © imago images / Joachim Sielski
Lukas Hinterseer im Trikot von Hannover 96

90minuten: Zum Abschluss würde ich gerne noch auf deine Zeit in der Nationalmannschaft zurückblicken. Du hast einiges erlebt, auch wenn dir ein Tor leider verwehrt geblieben ist. Wie blickst du heute darauf zurück?

Hinterseer: Wie gesagt, war es früher auch ein bisschen anders. In meiner Zeit war Marcel Koller meistens mein Trainer. Wir waren eine eingespielte Truppe, und es war mehr oder weniger klar, wer dabei war. Es war immer ein ähnlicher Kader; wenn alle fit waren, haben meistens dieselben Spieler gespielt, und auch die ersten Wechsel waren oft dieselben. Früher gab es außerdem nur drei Wechselmöglichkeiten. Wenn ich heute schaue: Du hast die Nations League, drei oder vier Spiele, und teilweise werden zwischen zwei Spielen zehn Positionen verändert. Das war damals, gerade unter Marcel Koller, noch nicht der Fall.

90minuten: Am Ende bist du trotzdem auf 13 Länderspiele gekommen.

Hinterseer: Meine Position war klar: Ich war der dritte Stürmer hinter Marc (Janko) und Rubin (Okotie). Deshalb war ich froh, wenn ich einmal einen Kurzeinsatz bekommen habe. Trotzdem war es immer eine gute Zeit. Wir hatten viele schöne Momente, besonders die Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Das war, glaube ich, eine herausragende Zeit: In der Gruppe haben wir zehn Spiele bestritten, neun gewonnen und einmal unentschieden gespielt. Das war etwas Besonderes, und es war immer toll, dabei sein zu dürfen.

90minuten: Vielen Dank für das Gespräch!

UNIQA ÖFB-Cup: FC Wacker Innsbruck - WSG Tirol, Mittwoch, ab 18 Uhr im LIVE-Ticker >>>

Kommentare