Auf Kevin Wimmer wartet im Herbst seiner Karriere ein sehr spezielles Spiel.
Mit Slovan Bratislava trifft der gebürtige Welser am Dienstag in der UEFA Champions League auswärts auf den LASK (ab 21 Uhr im LIVE-Ticker>>>). Das ist jener Verein, dem er sich als Siebenjähriger anschloss, bei dem er seine komplette fußballerische Ausbildung absolvierte und den er noch heute als seinen "Herzensverein" betitelt.
"Der LASK wird Favorit sein", sagt der 33-Jährige im 90minuten-Interview.
Außerdem spricht der Innenverteidiger sehr offen darüber, warum bei Slovan momentan ein wenig der Wurm drinnen zu sein scheint, wie Star-Trainer Yaya Toure tickt und wie lange er noch professionell Fußball spielen möchte:
90minuten: Was war nach der Champions-League-Auslosung bei dir los?
Kevin Wimmer: Ich habe schon vor der Auslosung gesagt, dass das schönste Los wäre, gegen den LASK in Linz zu spielen. Meine Familie, meine besten Freunde sind alle aus Oberösterreich und werden beim Spiel sein. Ich bin beim LASK großgeworden und habe dem Verein sehr viel zu verdanken. Es wird sehr besonders, wieder einmal gegen den LASK zu spielen, und dann noch dazu auf der größtmöglichen Bühne. Der LASK ist mein Herzensverein, deswegen freue ich mich umso mehr auf das Spiel.
90minuten: Der LASK ist deshalb euer Gegner in der Champions League, weil er in der Vorsaison und auch im Playoff Historisches geschafft hat. Wie war dein Blick von außen auf diese Meilensteine?
Wimmer: Ich habe mich sehr gefreut, dass der LASK das Double gewonnen hat. Dann die Champions-League-Quali gegen Celtic, wo man schon beim Hinspiel gesehen hat, dass sie nicht die schlechtere Mannschaft sind. Im Rückspiel dann nochmal so zurückzukommen, war unglaublich. Es ist selten, dass ich mich so freue, wenn eine gegnerische Mannschaft gewinnt. Das war schon richtig cool.
Die Art und Weise, wie sie sich qualifiziert haben, hat es vielleicht noch ein Stück besonderer gemacht. Wir haben am nächsten Tag unser Quali-Spiel (gegen Celje, Anm.) gehabt und ich habe dann natürlich umso mehr gehofft, dass auch wir in die Champions League kommen, damit es die Chance gibt, gegen den LASK zu spielen.
90minuten: Wie siehst du generell die Entwicklung des LASK?
Wimmer: Die Entwicklung, die der Verein in den letzten Jahren hingelegt hat, ist schon richtig gut. Der erste Meistertitel nach Ewigkeiten, der Cup-Sieg und jetzt auch noch Champions League - ich glaube, die Luft nach oben ist in nächster Zeit dünn. (lacht)
Der LASK hat sich in den letzten zwei, drei Jahren richtig stabilisiert und ist ein absoluter Top-Klub in Österreich. Diese Saison wird natürlich nicht einfach, aber ich sehe sie auf jeden Fall mindestens wieder in den Top 3 und bin mir auch ziemlich sicher, dass sie sich dort in den nächsten Jahren regelmäßig finden werden.
90minuten: Am Dienstag ist die Sympathie zumindest für 90 Minuten ausgeblendet. Was für ein Gegner wird den LASK mit euch erwarten?
Wimmer: Wir wissen, dass der LASK sehr heimstark ist. Ihr Erfolg in Lissabon war unglaublich - das ist genau das, was uns noch fehlt: Den ersten Sieg in der Champions-League-Geschichte einzufahren. Der LASK wird Favorit sein. Wir werden versuchen, defensiv gut zu stehen, weil der LASK vor allem offensiv sehr große Qualität hat, mit sehr vielen verschiedenen Spielertypen.
Wir müssen kompakt sein, Umschaltsituationen sind nämlich sowieso unsere Stärke. Wir haben Flügelspieler, die richtig schnell sind, und einen slowenischen Nationalstürmer (Andraz Sporar, Anm.), der viel Qualität mitbringt. Wir werden uns also darauf fokussieren, so wenig wie möglich zuzulassen und dann über Konter gefährlich zu werden.
Ich bin jetzt die vierte Saison bei Slovan, gefühlt wird die Kaderqualität immer ein bisschen niedriger als höher.
90minuten: Gefühlt kommt dieses Duell für euch zu keinem guten Zeitpunkt. Slovan hinkt als Dauermeister momentan in der Liga den eigenen hohen Erwartungen hinterher und weist bereits acht Punkte Rückstand auf Tabellenführer Dunajska Streda von Robert Klauß auf. Warum läuft es nach einem sehr guten Saisonstart momentan bei euch nicht?
Wimmer: Wir sind mit einem neuen Trainer in die Saison gestartet, es hat - wie man so schön sagt - einen Trainereffekt gegeben. Man hat gemerkt, dass sich alle Spieler ein bisschen mehr reingehauener aber haben als üblich, weil sie sich zeigen wollten.
Ich bin jetzt die vierte Saison bei Slovan, gefühlt wird die Kaderqualität immer ein bisschen niedriger als höher. Wir haben uns jetzt zum zweiten Mal für die Champions League qualifiziert - man weiß um die Einnahmen, die es da für den Klub gibt - und bei uns werden trotzdem immer die besten Spieler abgegeben, aber nicht wirklich etwas nachgeholt. Hauptsächlich werden Spieler von der Ligakonkurrenz verpflichtet, aber das hilft dir international kurzfristig eher weniger weiter.
Slovan geht mehr und mehr in die Richtung, ein Ausbildungsverein zu sein, bei dem viele junge Spieler gefördert und mit gutem Gewinn weiterverkauft werden sollen. Das ist der Grund, warum die Qualität momentan ein wenig zurückgeht. Wenn man so viele Spiele hat, merkt man einfach, dass wir in der Liga bei Weitem nicht mehr so konstant spielen wie in den Jahren davor.
90minuten: Der von dir bereits angesprochene Trainer heißt Yaya Toure und hat sich als Spieler einen großen Namen gemacht. Zu Saisonbeginn wurde er in den slowakischen Medien hochgelobt, nun ist er aber in die Kritik geraten. Was für eine Art von Trainer ist er?
Wimmer: Einer, der sehr intensiv trainieren lässt und eine klare Spielphilosophie hat, die sich komplett von seinem Vorgänger (Vladimir Weiss, Anm.) unterscheidet. Er legt viel Wert auf das Flügelspiel, darauf haben sich die Mannschaften schon mal nach den ersten paar Runden, in denen es top funktioniert hat, eingestellt. Wir haben momentan nicht wirklich einen Plan B, deswegen bekommen wir Probleme.
Aber als Typ hat er natürlich eine brutale Qualität. Es ist unglaublich, dass er bei uns gelandet ist. Wir haben uns für die Champions League qualifiziert, das war für ihn schonmal ein Riesenerfolg. Aber wenn es mit dem Meistertitel nicht klappen sollte, wird es für ihn wahrscheinlich nicht einfach - trotz seines großen Namens. Ich hoffe, dass wir uns jetzt schnellstmöglich stabilisieren und den Rückstand verkleinern können.
Robert Klauß macht (mit Dunajska Streda, Anm.) einen super Job, was man von seinen Spielern so hört. Wenn man sieht, wie die momentan spielen, wird es nicht einfach, dieses Jahr den Titel zu holen. International müssen wir jetzt anfangen - wie es der LASK vorgezeigt hat - gegen größere Gegner mitzuhalten, sodass es nicht von der ersten Minute an klar ist, dass du nur darauf wartest, das Spiel zu verlieren, weil der Unterschied zu groß ist.
90minuten: Yaya Toures Trainings gelten als sehr intensiv. Sein Credo lautet, dass das Spiel am Wochenende der angenehmste Tag der ganzen Woche sein soll, die Mega-Länderspielpause hat er als zweite Sommervorbereitung genutzt.
Wimmer: Das gesamte Trainerteam legt großen Wert darauf, dass wir in jeder Trainingswoche die nötigen "High-Speed-Meter" machen. Die große Länderspielpause haben sie "Mini-Preseason" genannt - in meiner Karriere hat es nicht viele Wochen gegeben, in denen ich anstrengender trainiert habe. Das ist auch okay, aber ich glaube, dass es während der regulären Wochen, in denen wir sowieso schon viele Spiele haben, oftmals ein bisschen viel ist.
Wir sind sicher die fitteste Mannschaft in der Liga, aber das Fußballerische kommt momentan ein bisschen zu kurz, wir spielen keinen guten Fußball. Das liegt nicht am Trainer, sondern daran, dass wir das, was wir können, nicht abrufen. Wenn gleichzeitig die Qualität der Spieler von Jahr zu Jahr weniger wird, wird es auch für den Trainer schwierig, seine Spielidee so durchzubringen, wie er sich das vorstellt, weil das Spielermaterial einfach nicht zur Spielweise passt. Das ist unsere Problematik im Moment.
90minuten: Du und Toure seid euch in der Premier League das ein oder andere Mal als Spieler gegenübergestanden, unter anderem bei einem 2:1-Sieg Tottenhams im Etihad im Februar 2016. Welche Erinnerungen hast du an diese Duelle?
Wimmer: Das 2:1 war sicher das Highlight. Wir haben damals noch um den Meistertitel mitgespielt und haben jeden Sieg gebraucht, weil wir unbedingt an Leicester City dranbleiben wollten. Manchester City war in dem Spiel das leicht bessere Team, aber wir hatten damals so viel individuelle Qualität, dass wir aus wenigen Chancen die Tore gemacht und das Spiel kurz vor Schluss durch ein Tor von Christian Eriksen gewonnen haben.
Er (Toure, Anm.) war im Mittelfeld schon eine Augenweide. Ein unglaublicher Spieler mit einer Top-Physis. Wenn er mal den Ball gehabt hat, war es sehr schwer, da hinzukommen, mit dem Ball am Fuß hatte er auch so viel Qualität. Obwohl er defensiver Mittelfeldspieler war, war er torgefährlich. Wie viele Torbeteiligungen er hatte, hat seinesgleichen gesucht.
Ich glaube, dass er auch als Trainer eine gute Karriere machen kann. Bei uns hat es sehr vielversprechend angefangen, jetzt haben wir ein paar Probleme. Wenn er bei uns nicht erfolgreich sein sollte, wird er mit seinem Namen, mit seiner Vita sicher etwas richtig Gutes finden. Dann ist auch als Trainer einiges möglich für ihn.
90minuten: Kommen wir zu deiner Person: Du hast deinen Vertrag bei Slovan im Mai bis Saisonende verlängert, dann bist du 34 Jahre alt. Wie geht es dann bei dir weiter?
Wimmer: Es gibt eine Option auf ein weiteres Jahr, wenn ich in der Liga 50 Prozent der Spielminuten mache. Zwischenzeitlich habe ich relativ wenig gespielt. Falls es zu keiner Verlängerung kommen sollte, ist es auch okay. Sollte es bei Slovan zu Ende gehen, werde ich mir gut überlegen, welcher Schritt als nächster folgen soll. Aber weiterspielen würde ich schon noch gerne. Ich finde mich noch zu gut, um am Ende der Saison aufzuhören.
90minuten: Kannst du dir vorstellen, nochmal nach Österreich zurückzukehren?
Wimmer: Der Schritt aus Bratislava wäre nicht allzu groß. (lacht) Ich verfolge die österreichische Liga nach wie vor am intensivsten von allen Ligen. Mein Papa ist Torwarttrainer in Ried, den LASK verfolge ich auch sehr intensiv. Also wenn sich etwas Interessantes ergeben sollte, kann ich mir das immer vorstellen.
90minuten: Ich habe kürzlich ein Interview mit Gernot Trauner, ebenfalls Baujahr 92, geführt, der sehr offen darüber sprach, welche Schäden der Profifußball an seinem Körper angerichtet hat. Er war allerdings auch oft schwer verletzt. Wie geht es dir diesbezüglich?
Wimmer: Ich kenne den Gernot persönlich sehr gut, wir waren gemeinsam in der Fußballakademie in Linz. Er ist ein super Typ, war ein richtig guter Spieler, aber leider sehr oft verletzt. Ich bin zum Glück von schweren Verletzungen verschont geblieben, habe eigentlich nur Muskelgeschichten gehabt, aber nichts Gravierendes. Körperlich fühle ich mich noch sehr gut, deswegen könnte ich mir vorstellen, noch ein, zwei Jahre weiterzuspielen.
Rückblickend würde ich es trotzdem wieder genau so machen.
90minuten: Hoffen wir also, dass deine Karriere noch etwas andauert. Wagen wir trotzdem einen ersten Rückblick. Es hat Phasen gegeben, in denen du in sehr jungem Alter nahe am Weltklasse-Niveau dran warst. Wieso haben diese nicht länger angedauert?
Wimmer: Am allerbesten ist es bei mir in Köln gelaufen, dort war ich sehr jung Stammspieler in der deutschen Bundesliga und habe sehr gut gespielt. Mit dem Wechsel zu Tottenham habe ich mir den Traum erfüllt, in der Premier League zu spielen, noch dazu bei einer Mannschaft mit absoluten Top-Spielern. Das war schon ein Riesen-Highlight.
Meine erste Saison ist sehr gut gelaufen, da habe ich mehr gespielt, als ich mir gedacht habe. Natürlich hätte ich mir gewünscht, zehn Jahre bei so einem Verein zu spielen, aber die Konkurrenzsituation war eine andere. Dann kommst du von Tottenham zu Stoke, du glaubst, das ist eigentlich nur ein Zwischenschritt zurück zu einem größeren Verein, und stehst nach einem halben Jahr am Abstellgleis.
Es hat sicher Phasen gegeben, in denen du an dir selbst zweifelst, die Leistungen nicht so sind, wie man es sich vorstellt, und auch die Leichtigkeit ein bisschen fehlt. Das war der Hauptgrund, warum es auf dem Niveau leider nicht weitergegangen ist. Rückblickend würde ich es trotzdem wieder genau so machen.
90minuten: Kommen wir noch kurz auf deine ÖFB-Karriere zu sprechen, die gefühlt kurz, nachdem sie so richtig begonnen hat, vorbei war. Marcel Koller hat dich in den Quali-Spielen für die WM 2018 gegen Wales, Serbien und Irland auf der ungewohnten Position des Linksverteidigers aufgeboten, alle drei Partien gingen daneben. Danach bekamst du noch einen Joker-Einsatz von Koller und einen von Franco Foda, ab 2019 wurdest du nie mehr einberufen. Trauerst du einer größeren ÖFB-Karriere nach?
Wimmer: Es war immer eine Riesen-Ehre, für das Nationalteam einberufen zu werden. Aber wenn man auf diesem Niveau auf einer Position eingesetzt wird, bei der ich an einer Hand abzählen kann, wie oft ich dort gespielt habe, hat man die Automatismen und die Selbstverständlichkeit nicht. Es hat dann leider auch als Mannschaft nicht so funktioniert, das hat mir auch nicht weitergeholfen. Nachdem Marcel Koller weg war, war ich noch einmal dabei, danach bin ich nicht einmal mehr auf der Abrufliste gestanden. Es war okay für mich, ich habe dem nie nachgetrauert.
Das Nationalteam hat sich seitdem überragend entwickelt. Ich bin froh, dass ich die Chance bekommen habe, für das eigene Land aufzulaufen. Das ist nicht selbstverständlich, deswegen blicke ich noch immer sehr positiv darauf zurück. Ich habe es irgendwann akzeptiert, dass nicht mehr Länderspiele dazugekommen sind, obwohl es von der Qualität sicher ein paar mehr hätten sein können. Aber es hat einfach nicht sein sollen.
90minuten: Um zum Abschluss nochmal die Klammer zum LASK zu schließen: Du bist nun seit 14 Jahren fast durchgängig im Ausland, hast viele Jahre in den höchsten Ligen Deutschlands und Englands verbracht und in den letzten Jahren endlich auch Titel gewonnen. Hätte sich der 19-jährige Kevin Wimmer, der damals Linz verließ, jemals eine solche Karriere erträumen können?
Wimmer: Auf keinen Fall! Ich werde nie vergessen, als ich unter "Schoko" Schachner mit dem LASK 2. Liga gespielt habe. Er hat mir nach einem Ausfall die Chance gegeben, das war ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich. Ich habe nie gezweifelt, habe das Vertrauen vom Trainer gespürt und wir haben fast alle Spiele gewonnen und kaum Gegentore kassiert. Ich bin dann von Spiel zu Spiel sicherer geworden. Dann der Wechsel nach Köln, wo ich mit Peter Stöger auch einen Trainer hatte, der mich extrem gefördert hat.
Ich hätte mir eine solche Karriere nie erträumen können - so viele Stationen zu erleben: Premier League, Deutsche Bundesliga, Nationalteam. Ich bin auch froh, jetzt mit Slovan noch Titel gewonnen und Champions League gespielt zu haben. Deswegen kann man im Großen und Ganzen schon ganz positiv zurückblicken. Mal schauen, was die Zeit noch bringt, aber als kleiner Junge beim LASK hätte ich nie damit gerechnet, einmal bei solchen Vereinen zu landen.
90minuten: Vielen Dank für das Gespräch!
Simon Urhofer