Frauen-Teamchef Söndergaard: "Wird in Österreich einen Boom geben!"
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Frauen-Teamchef Söndergaard: "Wird in Österreich einen Boom geben!"

Österreichs Frauen-Nationalteam will zur WM 2027 nach Brasilien. Der erste Prüfstein ist der Kosovo. Teamchef Lars Söndergaard betont im Interview, wie wichtig es ist, "österreichischen" Fußball zu zeigen - Pressen und mutig sein.

Am 9. und 13. Oktober duelliert sich Österreichs Frauen-Nationalteam mit dem Kosovo. Das von Lars Söndergaard betreute Team geht als Nummer 23 der FIFA-Weltrangliste als Favorit in dieses Spiel. Die Kosovarinnen liegen nur auf Rang 85. Von einem Pflichtsieg will der ÖFB-Teamchef dennoch nicht reden.

Möchte sich die "Natio" aber den Traum von der Weltmeisterschaft in Brasilien 2027 erfüllen, muss danach Ende November/Anfang Dezember die Schweiz oder Israel bezwungen werden. Den Grundstein legte das Team mit Söndergaards erstem Länderspiel als Frauenteamchef gegen Slowenien im Juni.

Er kann auf jeden Fall auf die Dienste der zuletzt verletzten Marie Höbinger, Lilli Purtscheller und Sarah Zadrazil vertrauen.

Im 90minuten-Exklusiv-Interview liegt der Fokus auf das Spielerische, dem Druck und dann - obwohl sein Vertrag vorerst nur bis zum Ende der WM-Quali geht - auf strategischen Überlegungen und Vergleichen zu seiner Heimat Dänemark.

90minuten: Sie sollen Österreich nach Brasilien bringen. Wie ist die Stimmung in der "Natio"?

Söndergaard: Ich weiß nicht, ob sie sich nicht trauen, offen zu sein, aber mir gegenüber waren die Gespräche bislang positiv (lacht). Ich weiß auch nicht, wie es ist, wenn ich nicht da bin, aber ich würde sagen, dass wir eine gute Stimmung haben und sich alle – auch die Betreuer – auf den nächsten Lehrgang freuen. Wir hatten im Sommer einen guten Lehrgang, in dem wir vieles aufarbeiten und analysieren konnten. Es ist gut, über taktische Maßnahmen und die individuelle Entwicklung jeder einzelnen Spielerin zu sprechen. Die WM ist natürlich unser Traum, aber ich denke eher kurzfristig, Schritt für Schritt. Wenn wir diese Runde nicht überstehen, ist alles vorbei.

Sie sind technisch gut und ich erwarte nicht, dass sie sich hinten reinstellen. Denn ihre Stärke liegt in der Offensive. Sie arbeiten unglaublich hart und bringen sich sofort hinter den Ball.

Lars Söndergaard

90minuten: In solchen Drucksituationen spricht man viel über die Akteurinnen am Feld. Aber wie geht es Ihnen als Trainer damit, wenn es gleich um alles geht – im Unterschied zu einer Meisterschaft, in der es auch einmal vier, fünf Runden gibt, um sich alles anzusehen?

Söndergaard: Im Klubfußball gibt eine Saisonvorbereitung mit Trainingsspielen. Sonst geht es immer um alles. Da braucht man ja nur Ralf Rangnick oder jeden Teamchef im Männer- und Frauenfußball fragen – gerade mit der Nations League ist das eine besondere Sache. Allerdings gibt es auch die Entwicklung der Spielerinnen und da würde man sich als Trainer schon mehr Zeit zum Üben wünschen. Allerdings ist es auch gut, unter Wettbewerbsbedingungen zu üben, wenn es um etwas geht.

90minuten: Die Kosovarinnen liegen in der FIFA-Weltrangliste klar hinter Österreich. "Wir" sind also Favorit. Was für ein Spiel erwartet Ihre Spielerinnen?

Söndergaard: Ich habe viele Spiele von ihnen gesehen. Sie spielen oft mit derselben Mannschaft und wechseln wenig. Das ist eine gestandene Mannschaft, die sich kennt. Sie sind technisch gut und ich erwarte nicht, dass sie sich hinten reinstellen. Denn ihre Stärke liegt in der Offensive. Sie arbeiten unglaublich hart und bringen sich sofort hinter den Ball. Wenn sie sich hinten positionieren, warten sie auf Konter und sind brandgefährlich, vor allem ihre linke Seite ist schnell. Da müssen wir höllisch aufpassen. Mit Spielerinnen wie Erëleta Memeti (Eintracht Frankfurt) und Modesta Uka (Austria Wien) legen sie viel Wert auf technisch guten Fußball. Wenn Kosovo tief steht, soll das idealerweise daran liegen, dass wir so gut spielen, dass sie dazu gezwungen werden und nicht vorspielen können.

90minuten: Österreich will immer früh anpressen, aber wäre es nicht denkbar, den Kosovarinnen den Ball zu geben und selber umzuschalten?

Söndergaard: Das liegt uns gar nicht. Ich komme zwar aus Dänemark, kenne aber die österreichische Kultur. Ich sehe die U17- und die U19-Frauen, und die spielen mit hohem Pressing. Das sollten wir auch tun, mutig drauflos spielen – eben weil es unsere Fußballkultur ist. Wir können uns das trauen, wir sind gut genug, beide Spiele zu gewinnen. Wichtig ist – das haben wir gegen Slowenien und Norwegen gut gemacht –, dass wir aus einer Kompaktheit pressen. Diese Kompaktheit ist die Grundlage, um anschließend nach vorne zu spielen. Natürlich muss man auf die Restverteidigung schauen. Aber auf Konter zu spielen, wäre auch deshalb gefährlich, weil sie rund um den Sechzehner sehr gefährlich sind und gut schießen können. Da ist es besser, sie weit von unserem Tor wegzuhalten.

Jubel wird notwendig sein, um nach Brasilien zu kommen
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Jubel wird notwendig sein, um nach Brasilien zu kommen

90minuten: Die Abwehr ist sehr routiniert, viele spielen nach großen Auslandskarrieren in unserer Liga. Passt da die Qualität, vielleicht gerade hinsichtlich Speed?

Söndergaard: Man hat schon gegen Chelsea gesehen, dass das geht. Es ist ganz normal, auf Routine zu setzen, weil einem das viel bringt. Ich möchte am liebsten eine Mischung zwischen Routine und Jugend haben. Nur das eine oder das andere ist nicht gut. Die älteren Spielerinnen bringen Erfahrung, die jüngeren unter anderem Schnelligkeit. Diese Mischung brauchen wir.

90minuten: Stichwort Mischung: Neben SKN-Kapitänin Jenny Klein spielen aus der heimischen Liga nur Austrianerinnen, vornehmlich mit internationaler Karriere. Sind die anderen guten Spielerinnen bei heimischen Klubs nicht gut genug für das Nationalteam?

Söndergaard: Ich bin mir sicher, dass die österreichische Bundesliga eine Ausbildungsliga wird. In größeren Ligen ist oft kein Platz für junge Spielerinnen. Das sehe ich auch beim Perspektivlehrgang: Viele sind sehr jung und gehen schnell ins Ausland. Sie können sich hier entwickeln, bevor sie den nächsten Schritt machen. Ich hatte als Coach der dänischen Frauen-Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft zwei Spielerinnen aus unserer Liga, das waren die zweite und die dritte Torfrau. So wird es auch hier sein. Ich würde mir wünschen, dass der Schritt ins Ausland etwas später kommt und sich die Spielerinnen die Entwicklungszeit nehmen. Die Spielerinnen, die zur Austria zurückgekommen sind, sind ebenfalls sehr wichtig. Ich glaube, die meisten Spielerinnen für eine Nationalmannschaft werden weiterhin aus größeren Ligen im Ausland kommen.

90minuten: In der dänischen A-Liga sind in den letzten zehn Jahren vier Teams Meister geworden, bei uns hat die Austria dem SKN nach mehr als zehn Jahren den Teller entrissen. Was ist das Schlechte daran, wenn eine Mannschaft so dominant ist?

Söndergaard: So war es zuvor auch in Dänemark. Praktisch immer haben Brøndby IF und Fortuna Hjørring gewonnen. Køge hat es dann auch geschafft, sie hatten Geld, das vieles verändert hat. Es ist aber nichts Einzigartiges, wenn man ein, zwei souveräne Mannschaften hat. Wichtig ist, dass die anderen auch investieren. Das sehe ich in Österreich gerade: Vor allem die Männervereine bringen Know-how und Infrastruktur mit. So kann sich der Frauenfußball schneller entwickeln und die Liga enger werden.

Die Mädchen brauchen Role Models und bessere Verhältnisse: Equal Play, nicht unbedingt Equal Pay. Wenn sie die gleichen Möglichkeiten und Vorbilder haben, werden mehr Mädchen Fußball spielen.

90minuten: Noch ist der Drop-out im Frauenfußball ja hoch, weil die Bundesliga ein sehr zeitintensives Hobby ist und viele spätestens nach dem Studium aufhören ...

Söndergaard: Das wird sich mit der Zeit verändern. Die Spielerinnen werden zunehmend etwas verdienen können. Wahrscheinlich werden sie nie so viel verdienen wie die Männer, aber es geht zumindest in diese Richtung. Wenn sie mit dem Fußball etwas verdienen, müssen sie viele Kosten nicht selbst tragen.

90minuten: Wie viel Zeit hatten Sie eigentlich, sich auch auf strategischer Ebene beispielsweise mit Männer-Teamchef Ralf Rangnick auszutauschen – oder ist dem Ziel WM 2027 gerade alles untergeordnet?

Söndergaard: Mein erster Lehrgang war zwei Wochen, bevor der Urlaub der Spielerinnen angefangen hat. Ich musste die Spielerinnen kennenlernen, das Trainerteam zusammenstellen und die Gegner kennenlernen. Das ist zeitaufwendig. Aber jetzt hatte ich mehr Zeit. Ich war auch bei der Trainerfortbildung in Saalfelden und konnte viel Neues über Österreich lernen, das ich bisher nur von außen kannte. Ich komme aus dem Männerfußball, war in den letzten acht Jahren aber im Frauenfußball tätig und schätze es wirklich sehr, wie Frauen und Mädchen ihre Zeit in ihren Sport investieren, ohne oft viel dafür zu bekommen.

Die Mädchen brauchen Role Models und bessere Verhältnisse: Equal Play, nicht unbedingt Equal Pay. Wenn sie die gleichen Möglichkeiten und Vorbilder haben, werden mehr Mädchen Fußball spielen. Dann kann sich der gesamte Frauenfußball entwickeln. Man wird sehen, dass es in Österreich einen Boom geben wird! Der Frauenfußball ist hierzulande auf einem guten Weg – qualitativ fehlt nur noch die Breite. Aktuell liegt der gesamte Fokus auf dem WM-Playoff.

90minuten: Wir danken für das Gespräch!


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