Erfolgscoach Ilzer exklusiv:  "Ich bin ein Zirkusdirektor!"
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Erfolgscoach Ilzer exklusiv: "Ich bin ein Zirkusdirektor!"

Hoffenheims Trainer über seine persönlichen und sportlichen Erfolgsrezepte, den richtigen Umgang mit dem Höhenflug und die Beziehung zu Andi Schicker.

Die TSG Hoffenheim ist in Deutschland das Team der Stunde: Elf der vergangenen 14 Bundesliga-Partien gewonnen, Platz drei in der Tabelle, sechs Zähler Vorsprung auf den ersten Nicht-Champions-League-Platz.

Lokführer dieses Highspeed-Erfolgszuges ist ein Österreicher: Christian Ilzer formte aus einem Abstiegskandidaten ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble, gegen das derzeit kein Kraut gewachsen zu sein scheint.

Vor dem Hit gegen Tabellenführer Bayern München (Sonntag, ab 17:30 Uhr im LIVE-Ticker) spricht der Steirer über eklige Arbeitsweisen, seinen kongenialen Partner Andreas Schicker und warum die TSG für Blut, Schweiß und Tränen stehen soll.


90minuten: Herr Ilzer, haben Sie heute schon 55 Liegestützen gemacht?

Ilzer: Es waren 60.

90minuten: Weil die Ansprüche an die TSG Hoffenheim gestiegen sind?

Ilzer: Nein, ich erhöhe automatisch mit jedem Jahreswechsel um fünf Liegestütze. (lacht) Ob ich das bis zum Ende durchziehe, weiß ich nicht. Für mich gehört das zu meinem Morgenritual, um Energie zu gewinnen: Bett machen, Liegestütze, kalt duschen. Damit bringe ich meinen schlafenden Kreislauf in Schwung und habe die erste Überwindung schon hinter mir.

90minuten: In Schwung gebracht haben Sie auch die TSG Hoffenheim, die in Deutschland als Mannschaft der Stunde gefeiert wird. Rückstände, Unterzahl, nichts scheint Ihr Team derzeit stoppen zu können. Wie sehr hilft Ihnen grad, dass Sie von Sturm Graz gewohnt sind, Erfolge zu moderieren, damit der Klub nicht komplett abhebt?

Ilzer: Alles, was ich in meiner Trainerkarriere erlebt habe, hilft mir. Ich hatte in Österreich ja auch schon die Aufgabe, Misserfolge zu moderieren, das war genauso wichtig. Mich hat auch die Zeit bei Austria Wien, als wir unter den Erwartungen geblieben sind, zu einem besseren Trainer gemacht. Ob Kritik oder Lob – es mögen verschiedene Pole sein, aber sie machen Ähnliches mit der Mannschaft. Sie lenken ab von den Dingen, die wesentlich sind, um als Spieler und Team auf bestmöglichem Niveau performen zu können.

90minuten: Vergangenes Jahr fast abgestiegen, jetzt im Höhenrausch. Rufen Sie das Erreichen der Champions League zum Ziel aus?

Ilzer: Beides – was jetzt passiert und was im Frühjahr passiert ist – sind Herausforderungen. Und die Dinge, die mich herausfordern, machen mir Spaß. Klar gewinne ich lieber, ich bin ja ein Wettkämpfer. Aber ich fand auch das Frühjahr sehr spannend. Wir haben damals schon Dinge eingeleitet, die jetzt dafür ausschlaggebend sind, dass wir eine erfolgreiche Phase haben. Nur ist Arbeitsweise im Fußball nicht immer sofort sichtbar.

"Er schafft die perfekten Bedingungen für meine Kernarbeit, das Potenzial meiner Spieler zu maximieren und daraus eine erfolgreiche Mannschaft zu formen."

über Andi Schicker

90minuten: Und die Champions League?

Ilzer: Ziele und Visionen sind der Treibstoff, der in uns steckt. Der Fokus muss aber darauf liegen, was täglich zu tun ist. Um eine gute Zukunft zu haben, muss man das meistern, was zwischen dem Jetzt und der Zukunft liegt. Das sind für uns konkret 14 Spiele in der Bundesliga. In denen heißt es, bereit zu sein für Blut, Schweiß und Tränen.

90minuten: Wofür stehen diese Schlagworte konkret?

Ilzer: Blut: den vollen körperlichen Einsatz bringen. Schweiß: unser täglicher Aufwand, das Invest, das wir einbringen. Tränen: die Emotionen wie Sieg, Niederlage oder persönliche Dinge zu verarbeiten. Wenn wir als TSG bereit sind, werden wir das Maximum aus unseren Möglichkeiten herausholen. Für was es dann reicht, wird man sehen.

90minuten: Dazu passt, dass Hoffenheim in der Marktwert-Tabelle Achter ist, in der echten Tabelle Dritter. Kein Team überperformt mehr.

Ilzer: Dabei entwickelt sich der Marktwert permanent mit, wir haben ihn seit dem Sommer ja schon um 40, 50 Millionen gesteigert. Der Umbruch im Sommer war nach den Erkenntnissen des Frühjahrs unabdingbar. Wir wollten eine Gruppe entwickeln, die zum einen aus sehr erfahrenen Hochqualitätsspielern der Vergangenheit besteht, zum anderen aus vielen jungen hungrigen Talenten. Diese Mischung ist prädestiniert für die Art und Weise, wie wir Fußball spielen lassen wollen. Es gab aber noch eine weitere Herausforderung.

90minuten: Und zwar?

Ilzer: Andi (Anm.: Sportchef Schicker) hatte wirtschaftliche Vorgaben, die auch ich mitzutragen hatte. Wir haben trotz des großen Umbruchs ja ein Transferplus geschafft. Wir haben Plätze im Kader geschaffen, um auch zukünftig ein Transferplus zu schaffen. Und wir haben die Personalkosten gesenkt. Und trotzdem hat sich unter all diesen Voraussetzungen eine Mannschaft entwickelt, die einen herausragenden Teamspirit hat und die Lust in sich trägt, sich weiterzuentwickeln.

90minuten: Sie sprechen Andi Schicker an, der im Laufe dieser Saison auch an anderen Standorten wie Wolfsburg heiß begehrt war. Haben Sie ihm gut zugeredet, das Projekt Hoffenheim nicht im Stich zu lassen?

Ilzer: Andi und ich haben seit unserer gemeinsamen Zeit in Graz ein intensives Arbeitsverhältnis und sind darüber hinaus auch privat sehr gut befreundet. Es wundert mich nicht, dass um ihn ein "G‘riss" entstanden ist, wie man in Österreich sagt. Er liefert seit Jahren einen extrem guten Job ab. Deshalb freut es mich, wenn er begehrt und in aller Munde ist, ich gönne ihm das sehr. Ich habe mich aber auch sehr gefreut, dass er sich entschieden hat, den Weg mit uns weiterzugehen. Er schafft die perfekten Bedingungen für meine Kernarbeit, das Potenzial meiner Spieler zu maximieren und daraus eine erfolgreiche Mannschaft zu formen.

90minuten: Holt er Sie bei solchen Fragen mit ins Boot?

Ilzer: Er kommt jeden Tag zu mir ins Büro, wir unterhalten uns immer über Themen, die anstehen. Ich bin ein vertrauter Weggefährte von ihm, natürlich tauschen wir uns aus. Er spricht ganz offen mit mir über solche Dinge.

90minuten: Die Statistik weist Hoffenheim in vielen Punkten als Führender aus – bei den intensiven Läufen, den Sprints, den Fouls. Wie bringt man eine Mannschaft dazu, sich so zu schinden?

Ilzer: Fouls zu begehen, steht nicht auf meiner Menükarte, ein Foul ist immer ein schlecht geführter Zweikampf. Die Mannschaft hat sich dazu committet, die Basics einzubringen, die man braucht, um erfolgreich Fußball zu spielen. Dazu gehören Sprints und eine große Laufbereitschaft. Wir sind ein kleiner Verein, der es aber wagt, groß zu träumen. Das wollen andere auch, aber der Unterschied ist die Umsetzung. Man muss dazu eine Haltung entwickeln. Es braucht allerdings beides: Kampfeslust und Fußballkunst. Wenn man so manches Tor von uns sieht, da steckt schon eine hohe fußballerische Qualität drin. Darüber hinaus geht es um Identifikation. Jeder Spieler muss sich mit dem gemeinsamen Ziel identifizieren und ein klares Rollenverständnis für seine Aufgabe haben. Das große Ganze muss immer über dem eigenen Ego stehen.

90minuten: Wie unangenehm mussten Sie zu Ihrem Landsmann Alexander Prass sein? Er kam langsam in die Saison, zeigte sich zuletzt stark verbessert, saß beim jüngsten Spiel gegen Union Berlin aber 83 Minuten auf der Bank.

Ilzer: Alex hat mit Bazou Toure einen sehr starken Konkurrenten auf dem linken Flügel. Er hat sich dieser Herausforderung gestellt und sich auch nicht hängen lassen, wenn Bazou mehr gespielt hat. Als Bazou beim Afrika Cup war, hat Alex gespielt und ständig das Niveau seiner Leistungen nach oben geschraubt. Gegen Union hat er nur nicht angefangen, weil er leicht angeschlagen war.

"Ich bin in gewisser Weise ein Zirkusdirektor – manchmal beschimpft und ausgebuht, dann wieder gelobt und gehypt. Aber am Ende bleibe ich als Person in der Balance. [...] Meine Familie merkt jedenfalls nicht, ob ich ein siegreicher oder ein Loser-Trainer bin. Ich komme immer mit dem gleichen Gesicht zur Haustür hinein."

90minuten: Wenn man sich mit dem Erfolgslauf der TSG beschäftigt, kommt man immer zu der Frage, warum die Fans nicht mitziehen und das Team vor wenigen Zuschauern spielen muss. Sie haben für sich den Stehsatz kreiert, dass Sie dankbar für jeden sind, der ins Stadion kommt. Aber nervt Sie das Thema nicht auch?

Ilzer: Dass das Thema aufkommt, ist ja normal und es ist auch kein Stehsatz, sondern ernst gemeint. Ich habe den Verein in einer Phase kennengelernt, als es nicht lief, wir keine Ergebnisse geliefert haben. Da habe ich den Kern unserer Anhänger so erlebt, dass sie uns auch in dieser schweren Phase treu zur Seite standen. Genauso treu erlebe ich diesen Kern jetzt auch. Das sind keine Erfolgsfans, die kommen wirklich immer. Deswegen freut es mich, dass wir grad denen viel zurückgeben können, indem wir guten und erfolgreichen Fußball spielen.

90minuten: Die nächste Challenge am Sonntag (17:30 Uhr) ist die wohl größte im deutschen Fußball, es geht auswärts nach München. Die Fans sangen nach Union: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus!". Können Sie Ihnen auch diesen Wunsch erfüllen?

Ilzer: Natürlich gibt es eine gesteigerte Erwartungshaltung, das hat haben wir uns mit unseren Leistungen erarbeitet. Gegen den Ligakrösus Bayern sind es immer besondere Spiele, dort werden wir auf höchstem Level gefordert und können daraus lernen. Wichtig ist aber auch: Was passiert nach einem Spiel gegen die Bayern, wie verarbeiten wir das? Egal, ob die Sensation geschafft wurde oder wir mit einer Niederlage heimfahren, es wird uns in unserer Entwicklung weiterbringen. Unsere interne Erwartung an dieses Spiel ist allerdings ganz klar.

90minuten: Nämlich?

Ilzer: Dass es uns gelingt, die Basics, die ich vorhin beschrieben habe, auch in diesem Spiel abzurufen. Wir wollen konsequent unseren TSG-Fußball auf den Platz bringen, nicht nur in einigen Phasen, sondern von der ersten bis zur letzten Minute. Wir erwarten nicht das perfekte Spiel von uns, sondern dass wir die vielen unperfekten Momente, die es geben wird, aushalten können. Darum geht es.

90minuten: Sie werden derzeit von allen Seiten gefeiert, sind zu Gast im Sportstudio des ZDF, werden jetzt schon als Trainer des Jahres gehandelt. Was macht das mit Ihnen persönlich? Wie erden Sie sich bei dem Trubel?

Ilzer: Genauso wie ich die Kritik zuvor nicht zu sehr an mich herangelassen habe, lasse ich auch jetzt das Lob nicht zu sehr an mich heran. Lob und Kritik, das ist alles Teil des Showbusiness. Ich bin in gewisser Weise ein Zirkusdirektor – manchmal beschimpft und ausgebuht, dann wieder gelobt und gehypt. Aber am Ende bleibe ich als Person in der Balance.

90minuten: Mit welchen Mitteln?

Ilzer: Ich schaue darauf, dass ich gute Energie habe und tue Dinge, die mich in einen guten Zustand versetzen. Das kann im Gym sein oder bei einem Spaziergang. Ich muss unabhängig von Erfolg oder Misserfolg in einem Zustand sein, in dem ich die Dinge lesen kann, die Mannschaft und Staff von mir brauchen. Dabei hilft, dass ich mir bewusst darüber bin, einen fantastischen Job ausüben zu können. Der Rest gehört einfach dazu, manchmal spielt man mit, manchmal entzieht man sich. Meine Familie merkt jedenfalls nicht, ob ich ein siegreicher oder ein Loser-Trainer bin. Ich komme immer mit dem gleichen Gesicht zur Haustür hinein.

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