Dominik Schmid: "Es ist nicht unsere Aufgabe, Papa zu spielen"
Der Schweizer kam im Sommer vom FC Basel zu Red Bull Salzburg - vor dem Duell mit dem SK Sturm spricht er über die aktuelle Lage in der Mozartstadt und was er als "untypischer Salzburg-Transfer" tun soll.
Dominik Schmid ist eigentlich zu alt für Red Bull Salzburg. Doch Sportchef Marcus Mann war nach den letzten titellosen Jahren bewusst, dass die Talenteschmiede von der Salzach in allen Mannschaftsteilen Erfahrung benötigt. Darum spielt der beim FC Basel ausgebildete Linksverteidiger bei Red Bull Salzburg.
270 Spiele in den ersten beiden Ligen für Basel, Lausanne, Wil und die Grasshoppers - 187 davon in der Super League - sind ein guter Nachweis von Routine.
Er, Haris Tabakovic und Abubakr Barry sollen aber nicht "Papa spielen" - dennoch soll er darauf achten, dass die Jungen ihre Leistung nicht nur unter der Woche gegen Klubs wie AC Milan und RSC Anderlecht (International pfui: Salzburg verliert bei Anderlecht >>>) bringen, sondern auch auswärts beim WAC.
Für das zweite Saisonduell mit dem SK Sturm Graz (Sonntag, ab 17 Uhr im LIVE-Ticker) muss hingegen wohl niemand motiviert werden.
Anlässlich dieses Spiels hat 90minuten mit dem Routinier über den kommenden Gegner, Schmids Jahre in der Schweiz und den Vergleich mit Österreich gesprochen.
90minuten: Dominik, ein Einsatz gegen Anderlecht ist sich nicht ausgegangen, wie geht es deinem Knie?
Dominik Schmid: Dem Knie geht es gut. Die letzten Tage waren echt sehr positiv und ich war schon Anfang der Woche schmerzfrei. Dennoch wurde entschieden, dass ich nicht mitfliege – ich peile das Spiel gegen Sturm Graz an.
90minuten: Sprechen wir über den Sonntag. Beim ersten Saisonduell war das Ergebnis letztlich klarer, als das Spiel war. Zuletzt hat Sturm in der Liga zwei Mal Remis gespielt, der eine oder andere Schlüsselspieler ist verletzt. Welcher Gegner erwartet euch am Sonntag?
Schmid: Ich glaube, man kann das Hinspiel so beschreiben, wie du es sagst. Ich würde auch behaupten, dass es in der Bundesliga der Gegner war, mit dem wir am meisten Mühe hatten, obwohl das Ergebnis zum Schluss klar war. Eigentlich erwarte ich mir auch ziemlich genau das gleiche Spiel, wenn nicht mit noch mehr Aggressivität und Emotionen, schließlich ist das ihr Heimspiel und sie haben ihre Fans im Rücken. Wir sind jedenfalls auf alles vorbereitet und bin mir sicher, dass es ein gutes Fußballspiel wird, auch wenn uns momentan ebenfalls einige, Spieler aufgrund von Verletzungen fehlen.
Ich muss an dieser Stelle nun ehrlich gestehen, dass ich den Sturm-Kader im Detail nicht kenne. Was ich weiß, ist, dass sie auch einen guten, breiten Kader haben.
90minuten: Sturm hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, wie beurteilst du euren und deren Kaderbreite?
Schmid: Man sieht, dass die Dreifachbelastung dazu führt, dass wir beide immer wieder rotieren bzw. rotieren müssen. Vor der Saison wurde daran gearbeitet, eine entsprechende Breite im Kader zu haben, und ich finde, dass das beim FC Red Bull Salzburg der Fall ist. Das wird mit Fortdauer der Saison immer wichtiger, weil die Belastung aufgrund der großen Anzahl an Spielen ja immer mehr wird. Ich muss an dieser Stelle nun ehrlich gestehen, dass ich den Sturm-Kader im Detail nicht kenne. Was ich weiß, ist, dass sie auch einen guten, breiten Kader haben, weil auch sie sich auf die Dreifachbelastung eingestellt haben und dort Leute arbeiten, die das Maximum herausholen wollen.
90minuten: Ich hätte hier noch die Frage aufgeschrieben: Welchen Spieler aus dem Sturm-Kader hättest du gerne an deiner Seite? Das kann ich jetzt wohl streichen.
Schmid: Ich bin mit meinen Mitspielern in Salzburg zu 110 Prozent zufrieden und würde auf keiner Position irgendwie tauschen wollen. Das heißt nicht, dass die Sturm-Spieler in irgendeiner Weise schlechter sind. Sie haben gut Spieler in ihren Reihen, auch junge Talente. Luca Weinhandl wurde ja jetzt in die Nationalmannschaft einberufen.
90minuten: Du bist ja auch noch relativ neu in der Liga und musstest in den letzten Wochen erst einmal all deine Kollegen und vielleicht ein paar Jungs aus Liefering kennenlernen. Wie bereitest du dich auf deine direkten Gegenspieler vor?
Schmid: Es ist schon alles neu, wenn man in eine andere Liga kommt. In der Analyse sind wir im Staff gut aufgestellt, damit ich am Feld weiß, wer mir mit welchen Stärken und Schwächen gegenüber steht. Dann hängt es auch davon ab, wie interessiert du als Spieler selbst bist. Ich habe mich etwa mit Niki Veratschnig unterhalten, der die Liga kennt. Ab und zu spreche ich auch mit Klubmitarbeitern darüber, die viel über Gegner und den generellen Ablauf in der Liga wissen.
90minuten: Bleiben wir gleich bei deinem Wechsel. Du bist im Sommer nach Salzburg gekommen, im guten Fußballalter von 28 Jahren. Warum?
Schmid: Die Gespräche mit Marcus Mann waren extrem gut und auf Augenhöhe. Er hat nicht wie andere Sportchefs versucht, mir Honig ums Maul zu schmieren und zu erzählen, wie toll und schön nicht alles ist. Er hat Themen angesprochen, die nicht so gut gelaufen sind und wie man sich verbessern will. Das hat mir sehr imponiert, weil ich es mag, wenn man Dinge ehrlich anspricht.
Es wurde konkret begründet, warum man mich gerne holen will, obwohl ich kein "typischer Salzburg-Transfer" bin. Letztlich glaube ich auch, dass der Klub eine tolle Adresse ist, um Titel zu gewinnen. Hier ist schon der zweite Platz nicht gut genug. Als ich nach Basel zurückgekommen bin, hatten wir auch sieben Jahre keinen Titel geholt. Das ist bei Red Bull Salzburg anders, weil es nur drei Saisonen waren. Aber es kribbelt in mir, weil ich dabei helfen kann, das wieder zu ändern.
90minuten: Das heißt, dass Sportchef Mann und Trainer Danny Röhl genau nach einem Typ wie dir gesucht gaben?
Schmid: Es ist meine Aufgabe, dem Team und den jungen Spielern zu helfen und dabei auch noch guten Fußball zu spielen. In den letzten zwei, drei Spielzeiten hat vielleicht genau diese Erfahrung gefehlt. Und ich bin ja nicht alleine. Haris Tabakovic und Abubakr Barry sind auch als erfahrene Spieler gekommen. Das ist das Gerüst, das man haben wollte. Wir sollen die Jungen an der Hand nehmen und zusammenhalten. Und trotz dieser Neuerungen sind wir immer noch die jüngste Mannschaft in der Bundesliga.
Es ist die große Kunst im Fußballalltag, sich gegen den AC Milan vor einem vollen Haus genau gleich zu motivieren wie auswärts beim Tabellenletzten vor ein paar tausend Fans.
90minuten: Welche Wirkung habt ihr Routiniers denn konkret auf die jungen Spieler, was erwartet der Trainer von euch – klar ist: Wer von Duellen mit Bayern München träumt, muss erst gegen Hartberg gut spielen.
Schmid: Ja. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, Papa zu spielen. Wir schauen genau hin und greifen ein, wenn wir merken, dass etwas in die falsche Richtung läuft. Generell geht es also darum, uns als Truppe zusammenzuhalten. Wir Routiniers wissen, was uns damals geholfen hätte, wie wir es uns gewünscht hätten, dass man mit uns umgeht. Das ist, glaube ich, eine gute Einstellung, um junge Spieler auch mal einzubremsen. Es ist die große Kunst im Fußballalltag, sich gegen den AC Milan vor einem vollen Haus genau gleich zu motivieren wie auswärts beim Tabellenletzten vor ein paar tausend Fans. Das beherrscht nicht jeder sofort. Dabei sind es die vermeintlich kleinen Spiele, die die Punkte bringen, die dich zum Meistertitel bringen.
90minuten: Hat diese Zeit der Titellosigkeit auch beim FC Basel dazu geführt, dass das Stadion zunehmend leerer wurde und ist die Rechnung so: Schönerer Fußball ergibt mehr Sieg, also wieder mehr Fans?
Schmid: Es liegt doch im Naturell des Menschen, lieber ins Stadion zu kommen, wenn die eigene Mannschaft gut performt. Als ich nach Basel zurückgekommen bin, war die Mannschaft im Vorjahr fast abgestiegen und da war das Stadion auch nicht voll. Es spornt uns jetzt an, guten Fußball zu spielen und die Leute so wieder in die Red Bull Arena zu bringen.
90minuten: Das heißt, das uralte, traditionsreiche Basel hebt sich da im Großen und Ganzen nicht vom 2005 komplett neu aufgestellten Salzburg ab?
Schmid: In Basel trägt die ganze Stadt Rot-Blau und vielleicht entfacht sich dadurch die Euphorie ein bisschen schneller, wenn du dann wieder guten Fußball spielst. Aber wir wollen das auch hier machen und ich denke, wir spielen schon richtig guten und attraktiven Fußball. Und ich glaube auch, dass die Leute auch vermehrt ins Stadion kommen, wenn wir das weiterhin machen.
90minuten: Worüber wir in Österreich mit Schweizern immer sehr gerne sprechen, sind Vergleiche zwischen Liga und Nationalmannschaft. Fangen wir mit der Liga an. Was sind die Unterschiede?
Schmid: Mein Eindruck ist, dass das Gefälle von den Topteams zu den Mannschaften am Tabellenende etwas höher ist als in der Schweiz. In der Super League weiß man nie, was bei einem Spiel passiert. Das ist in Österreich auch so, aber ich habe das Gefühl, dass man sich hierzulande eher hinten reinstellt als in der Schweiz. Hier habe ich das gegen uns schon öfters registriert, dass es das eine oder andere Team nach zehn, 15 Minuten so macht. In Österreich ist dafür die Qualität in den Topspielen höher. Unsere Duelle mit Rapid, LASK oder Sturm sind schneller, intensiver und emotionaler als jene von Basel gegen Young Boys, St. Gallen oder Lugano. Da geht in Österreich die Post ab und das macht schon viel Spaß.
90minuten: Sprich: Die Topteams sind in Österreich etwas besser, die Nachzügler etwas schwächer als in der Schweiz?
Schmid: Ich will den Begriff schwach nicht verwenden, weil wirtschaftlich und infrastrukturell kleinere Teams immer für eine Überraschung gut sind. Es ist einfach das Gefälle etwas höher.
90minuten: Das österreichische Nationalteam war diesen Sommer das erste Mal seit 28 Jahren bei einer Weltmeisterschaft, die Nati war drei Mal in Folge im Achtelfinale, nun im Sommer sogar im Viertelfinale. Woran liegt das?
Schmid: Die Frage wird mir nicht das erste Mal gestellt und eine gute Antwort darauf ist schwierig. Unsere Nationalmannschaft ist natürlich eingespielt und hat einen Trainer, der schon lange dabei ist. Beide Nationen haben auf allen Positionen Spieler in Topligen. Wir Schweizer verfügen aber über Leute wie Gregor Kobel, Johann Manzambi oder Dan Ndoye und andere, die zur Weltspitze gehören. Dazu kommen noch junge, talentierte Spieler, die ehrgeizig sind und sich ständig neu beweisen wollen und gegenseitig pushen. Und am Tag X, also bei der Weltmeisterschaft, kennen dann viele schon dieses Gefühl und wissen, was gemacht werden kann. Das haben wir den Österreichern vielleicht voraus.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler