Es gibt einige Argumente, die gegen den SKN St. Pölten als Titelanwärter sprechen:
In den letzten Jahren hat der Verein mehrere Investoren gefunden und wieder verloren. Von den finanziellen Konsequenzen hat er sich bis heute noch nicht vollständig erholt. Dazu kommt ein kleiner Aderlass. Kapitän Stefan Thesker hat Niederösterreich ebenso verlassen wie Winter-Neuzugang Nemanja Celic und Stamm-Linksverteidiger Dirk Carlson. Auch Marco Hausjell, bester Torschütze der vergangenen Saison, ist weg. Das erste Ligaspiel gegen den FAC ging verloren.
Weil er aber noch am letzten Spieltag im Mai Chancen auf den Aufstieg hatte, ist der SKN auch in diesem Jahr nicht abzuschreiben. Die große Enttäuschung ist mittlerweile verdaut, so gut es eben geht.
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Belastendes Saisonfinish
"Wir haben versucht, die Erlebnisse gemeinsam aufzuarbeiten. Nach der Saison fährt man zuerst in den Urlaub und ist mit den Gedanken alleine. Zurück in der Kabine kann man wieder darüber sprechen. Dieses Gefühl, in der Kabine zu sitzen, alles getan zu haben und trotzdem leer auszugehen - es soll uns jetzt ein Antrieb sein", sagt Cheftrainer Cem Sekerlioglu.
Es hat wirklich geschmerzt - auch Tage danach noch. Ich war im Urlaub und hatte es nicht nur lustig.
Die Liga-Entscheidung beschreibt er als Nackenschlag. Obwohl der Verein es am Ende nicht mehr selbst in der Hand hatte und auf den letzten Metern Gelegenheiten ungenutzt ließ. "Es sind Tränen geflossen, uns hat das wirklich geschmerzt - auch Tage danach noch. Ich war im Urlaub und hatte es nicht nur lustig."
Im vergangenen Sommer erklärte der 47-Jährige gegenüber Medien noch selbstbewusst, nach vielen Jahren im Nachwuchs und als Assistent gut vorbereitet in seine erste Saison als Profi-Cheftrainer zu gehen.
Zum Start in die zweite ordnet er ein: "Man beginnt eine solche Aufgabe mit viel Enthusiasmus und Motivation. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass es schon sehr viel Energie gekostet hat. Es war ein sehr intensives Jahr."
Weniger Geld zur Verfügung
Angesprochen auf die brenzlige Situation des Vereins im Vorjahr meint Sekerlioglu: "Es ist noch immer eine schwierige Situation. Wir haben weniger Budget für den Sport als letztes Jahr. Ich glaube, dass wir mit den Mitteln, die uns zur Verfügung gestanden sind, wirklich sehr viel herausgeholt haben."
Mit den Abo-Verkäufen anderer Klubs könne man einfach nicht mithalten. Über 500 hat der SKN St. Pölten inzwischen abgesetzt, damit ist man für den Moment zufrieden. "Wir haben sportlich unseren Teil dazu beigetragen, dass wir uns aus unserer Lage herauskämpfen. Es müssen aber nach wie vor alle intensiv arbeiten."
Wenn es rund um die Mannschaft Nebenschauplätze gibt, trifft uns das natürlich auch.
Mehrere tiefgreifende Umbrüche - vom VfL Wolfsburg, zu FC32, zur aktuellen Investorengruppe um Dietmar Wieser - hinterlassen auch in den internen Strukturen ihre Spuren.
Mit der Weiterentwicklung in dieser Hinsicht ist Sekerlioglu zufrieden. "Luft nach oben gibt es immer. Wenn man einen Verein übernimmt und immer wieder unerwartet über Hürden stolpert, ist das schwierig."
Eine Warnung spricht er dann aber trotzdem aus: "Nur weil wir ein paar gute Verstärkungen bekommen haben, heißt es nicht, dass wir an die letzte Saison anknüpfen können. Im Gegenteil. Wenn es rund um die Mannschaft Nebenschauplätze gibt, trifft uns das natürlich auch."
Die Forderung aus dem Juni, der Verein möge Farbe bekennen und eine klare Richtung vorgeben, bleibt aufrecht. "Es hat sich seitdem noch nichts verändert."
"Eine halbe Akademiemannschaft"
Ein kompletter Neustart, wie Absteiger Blau-Weiß Linz, blieb St. Pölten erspart. "Wir haben den Vorteil, dass wir einen großen Teil der Mannschaft halten konnten. Nachteil ist, dass wir den Kader nicht verbreitern können. Wir haben wieder junge Spieler hochgezogen. Wenn ich auf den Trainingsplatz schaue, läuft inzwischen eine halbe Akademiemannschaft herum."
Beim ersten Pflichtspiel der Saison standen sechs Teenager im Kader. Ihr Trainer spricht davon, dass sie später das Aushängeschild des Vereins werden könnten.
Vor allem im Sturm hatte Sekerlioglu auf Verstärkung gehofft. Kurz vor Ligastart wurde die Verpflichtung von Luis Hartwig, der schon vor drei Jahren auf Leihbasis Potenzial angedeutet hatte, bekannt.
Auch Neuzugang Jonathan Amon füllt eine Lücke in der Offensive und soll für mehr Tiefgang sorgen. Was bringt er außer viel Tempo mit? "Noch mehr Tempo. Er ist ein extrem schneller Spieler. Für uns war wichtig, dass wir nicht nur junge Spieler, sondern auch eine erfahrene Achse im Team haben."
Amon - so die Presseaussendung zur Verpflichtung - soll auch charakterlich gut zur Mannschaft passen. Was ist damit gemeint?
"Er hat die USA mit 15 Jahren verlassen und hat das Elternhaus früh verlassen und ist deswegen früh gereift. Ich kenne das nur zu gut aus meiner Zeit als Akademietrainer. Er ist ein angenehmer Zeitgenosse."
Zuletzt stand der 27-Jährige in Dänemark unter Vertrag, wo er 96 Erstligaspiele absolvieren konnte.
Weiter Hoffnung auf Akademie-Kooperation
Keine Bewegung gibt es aktuell im Nachwuchsbereich. Der SKN würde gerne eine Kooperation mit der Akademie St. Pölten schließen. Gespräche wurden zwar geführt, später aber vom niederösterreichischen Verband auf Eis gelegt.
Im Moment müssen wir die Spieler zu uns transferieren, es ist kein nahtloser Übergang.
"Es ist uns gelungen, einige Spieler bei uns einzubinden. In der 2. Liga muss das der Weg sein, um diese Plattform bestmöglich zu nutzen und irgendwann auch einen Ertrag herauszuholen. Im Moment müssen wir die Spieler zu uns transferieren, es ist kein nahtloser Übergang. Wir werden dranbleiben“, kündigt der Trainer an.
Viel Konkurrenz in der Liga
Hauptanliegen des SKN-Trainers ist, dass alle Vereine die Saison beenden können. Der Ausfall von Stripfing im vergangenen Herbst kostete seinen Verein womöglich den Aufstieg.
Mit der Vienna, Wacker Innsbruck, Blau-Weiß Linz und Hertha Wels nennt Sekerlioglu gleich vier Vereine, denen er eine erfolgreiche Saison zutraut. "Es sind Mannschaften dabei, die auch in der Bundesliga mitspielen könnten. Wenn der Zweite in eine Relegation gehen könnte, wäre ich nicht böse."
Welche Perspektive hat St. Pölten? "Ich glaube, dass es auch gut war, was uns im Mai passiert ist. Der SKN ist ein kleiner Verein in einer großen Stadt. Wir müssen im Hintergrund jetzt an den richtigen Schrauben drehen, um das Umfeld wieder ready für einen Aufstieg zu machen."
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Daniel Sauer