Baden Frederiksen: "Habe darüber nachgedacht, mit Fußball aufzuhören"
Mit seinen 25 Jahren hat Nikolai Baden Frederiksen schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Von schwierigen Jahren gezeichnet, kam der Däne zurück zur WSG Tirol und funktioniert plötzlich wieder. 90minuten hat nach seinem Hattrick mit ihm gesprochen.
Am vergangenen Sonntag im Spiel gegen den FC Blau-Weiß Linz hat Nikolai Baden Frederiksen einen beinahe perfekten Nachmittag erlebt. Beinahe, weil er beim Knierutsch-Jubel nach dem ersten von drei Treffern im Rasen hängenblieb und beinahe einen Bauchfleck hingelegt hätte.
Gesundheitlich geht es dem Dänen aber gut, versichert er lachend im Interview mit 90minuten: "Diese Frage haben mir einige Teamkollegen auch schon gestellt. Ja, alles okay."
Einem Einsatz im Entscheidungsspiel gegen den GAK am Sonntag (17 Uhr im LIVE-Ticker) steht somit nichts im Weg. Gewinnt die WSG Tirol, während Rapid gegen Salzburg verlieren und die SV Ried (gegen die Wiener Austria), sowie der SCR Altach (gegen Sturm Graz) bestenfalls unentschieden spielen, gelingt der Einzug in die Meistergruppe. Wenn der nominell beste Stürmer des Wattener Kaders rechtzeitig zur Bestform findet, macht es die Angelegenheit umso spannender.
90minuten: Am Wochenende ist dir der erste Hattrick in der Bundesliga gelungen. Durftest du den Ball behalten?
Baden Frederiksen: Es hat ein bisschen gedauert, bis man ihn dann wirklich herausgerückt hat (lacht). Nach einer halben Stunde hat Ferdinand Oswald dann doch einen Ball gefunden, das ganze Team hat ihn unterschrieben.
90minuten: Weißt du schon, was du mit ihm machst? Erling Haaland legt sich die Hattrick-Bälle ja nach eigener Aussage ins Bett.
Baden Frederiksen: Damit hätte meine Frau wohl eher keine Freude. Den Ball werde ich meinem Vater geben. Er sammelt Erinnerungsstücke von meinem Bruder und mir in seinem kleinen Büro, bei uns zu Hause. Er wird gut darauf aufpassen.
Ich war schon einmal nahe dran - wenn es mir dieses Mal gelingen sollte, freue ich mich.
90minuten: Sieben Tore hast du in dieser Saison bisher erzielt, keines davon war unspektakulär. Hast du einen persönlichen Favoriten?
Baden Frederiksen: Sie waren alle auf ihre Art besonders. Abgesehen vom Hattrick fällt mir das Tor gegen Salzburg ein. Wir haben damit das Momentum des Spiels gedreht und gewonnen, das hat nicht nur mir, sondern dem ganzen Verein viel bedeutet. Auch die beiden Tore gegen Sturm Graz waren speziell, weil wir den Meister in seinem Stadion schlagen konnten. Es müsste also eines von diesen drei sein. Sie waren natürlich alle wichtig für mich, aber auch für die WSG, die sich inzwischen auch mit den Großen messen kann.
90minuten: 2021 hast du die Saison als Zweiter der Torschützenliste beendet, nur Patson Daka hat damals öfter getroffen. Außer Reichweite ist der Titel derzeit nicht. Setzt du dir das als Ziel?
Baden Frederiksen: Das tun wir Stürmer wahrscheinlich alle. Der Führende hat derzeit zehn Tore, ich habe nicht viel Rückstand. Wirklich oft denke ich darüber aber nicht nach. Patson Daka hatte damals in jedem Spiel gefühlt vier bis sechs hundertprozentige Torchancen, Salzburg war dominant. Die Liga ist seitdem enger zusammengerückt und besser geworden. Ich war schon einmal nahe dran - wenn es mir dieses Mal gelingen sollte, freue ich mich.
90minuten: Aktuell liegt auch noch ein Teamkollege vor dir: Valentino Müller. Im Spiel gegen Ried hast du ihm gerade erst ein Tor aufgelegt. Vielleicht müsstet ihr euch demnächst einmal absprechen.
Baden Frederiksen: (Lacht) Ich fände es richtig gut, wenn Valentino Müller Torschützenkönig wird. Wenn ich könnte, würde ich ihm den Titel sofort übertragen.
90minuten: Als Außenstehender fragt man sich hin und wieder, ob deine Tore dir tatsächlich immer so gelingen, wie du dir das kurz vor dem Abschluss vorstellst. Überraschst du dich manchmal selbst?
Baden Frederiksen: Das dritte Tor gegen Linz war natürlich spektakulär, weil der Ball eigentlich vom Tor wegflattert. Ich würde nicht sagen, dass ich mich damit überrascht habe. Der Kontakt mit dem Ball hat sich gut angefühlt. Natürlich gelingt einem das nicht zehn Mal pro Saison. Wenn es so perfekt abläuft, denke ich mir schon: 'Was habe ich da gerade eigentlich getan?' Aber ich weiß, was ich mit meinem linken Fuß kann und konnte das jetzt einige Male zeigen.
Manchmal vergesse ich selbst, wie schlecht es mir vor wenigen Monaten gegangen ist.
90minuten: Im Herbst hast du in einem "Sky"-Interview nach dem Spiel gegen den SK Rapid ein dänisches Sprichwort verwendet und gemeint: "Die Ketchup-Flasche ist jetzt offen". Damals ist dir dein erstes Tor seit der Rückkehr gelungen, jetzt stehst du bei sieben. Wie groß ist das Selbstvertrauen inzwischen?
Baden Frederiksen: Sehr groß. Selbstvertrauen ist wirklich wichtig, als Stürmer lebt man davon. Vor meinem Wechsel zurück zur WSG habe ich eineinhalb Jahre nicht mehr regelmäßig oder auf diesem Level gespielt, das letzte Tor lag fast 800 Tage zurück. Man hat mir hier eine Chance gegeben, das auszupacken, was lange ganz tief in einem Koffer gesteckt ist. Ich bin wirklich zufrieden und glaube, dass sogar noch mehr gehen kann, wenn ich ehrlich bin. Manchmal vergesse ich selbst, wie schlecht es mir vor wenigen Monaten gegangen ist. Es ist immer wichtig, auf dem Boden zu bleiben und zu wissen, woher man kommt. Ich genieße jedes Spiel, es entwickelt sich in die richtige Richtung. Wenn bald wirklich alles verarbeitet ist, glaube ich vielleicht noch mehr an mich. Ein Hattrick hilft natürlich enorm - wenn es nicht so wäre, würde etwas falsch laufen.
90minuten: Im Spiel gegen den GAK am Sonntag geht es um viel. Sollte die WSG Tirol gewinnen, Rapid, Ried und Altach in den Parallelspielen aber nicht, wärt ihr in der Meistergruppe dabei. Wie läuft die Vorbereitung?
Baden Frederiksen: Es ist allen bewusst, wie wichtig das nächste Spiel ist. Wir hatten einen Tag frei, abgesehen davon läuft die Vorbereitung aber gleich wie in anderen Wochen. Natürlich spüren wir den Druck. Das ganze Team weiß aber auch, dass wir uns diese Position erarbeitet haben. Wir können mit den besten Vereinen der Liga mithalten und haben auch schon gegen sie gewonnen. Gleichzeitig treffen wir auf einen direkten Gegner in der Tabelle, wir wollen den Abstand nach unten vergrößern. Ob wir am Ende in der oberen oder unteren Hälfte landen, haben wir nicht selbst in der Hand. Wir werden aber alles tun, um die Chance mit drei Punkten am Leben zu halten. Dann drücken wir die Daumen und hoffen, dass es sich ausgeht.
90minuten: In Drucksituationen bemühen sich Vereine oft, alles abzublocken, was um sie herum passiert. Umgekehrt könnte man versuchen, zusätzliche Energie daraus zu ziehen. In K.O.-Spielen erleben wir immer wieder Dinge, die man sich vorher nicht erwartet hätte. Kannst du diesem Gedanken etwas abgewinnen?
Baden Frederiksen: Wir haben schon in der Winter-Vorbereitung besprochen, dass wir fünf Finalspiele vor uns haben. Das Spiel gegen den GAK ist ein K.O.-Match, da kommt automatisch Anspannung und Vorfreude auf. Für mich gehört das zum Fußball dazu. Wichtig ist, dass wir gut vorbereitet sind. Philipp [Anm.: Semlic, Cheftrainer] und sein Trainerteam sind wirklich gut darin, Druck von unseren Schultern zu nehmen. Wir haben viele junge Spieler im Kader, deswegen ist das besonders wichtig. Gegen starke Teams haben wir uns oft gut präsentiert, weil die Köpfe frei waren. Wir hatten nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.
Mir liegt viel an diesem Verein. Ich glaube, dass ich grün-weißes Blut in mir habe.
90minuten: Wenn man Philipp Semlic an der Seitenlinie beobachtet, wirkt er manchmal ein bisschen grantig - er verschränkt gerne die Arme und lebt sehr mit dem Spiel mit. Intern sieht das anders aus. Wie gefällt dir die Zusammenarbeit mit ihm bis jetzt?
Baden Frederiksen: Ich genieße es sehr und bin Philipp ewig dankbar. Er hat sich für mich eingesetzt und ist ein toller Charakter. Dass er manchmal unzufrieden wirkt, liegt vermutlich daran, dass er weiß, wie viel er von uns erwarten kann. Wir haben als Team gezeigt, wie erfolgreich wir spielen können. An einem guten Tag schlagen wir jeden Gegner, an einem schlechten Tag können wir gegen jeden verlieren. Als Trainer hofft man immer auf 110 Prozent Leistung. Philipp ist ein echter Leader, der viel tut, um die WSG weiterzuentwickeln. Mir liegt viel an diesem Verein. Ich glaube, dass ich grün-weißes Blut in mir habe. Wir teilen diese Perspektive, dafür habe ich riesigen Respekt.
90minuten: Deine enge Bindung zur WSG Tirol hast du in den letzten Monaten immer wieder betont, die Rückkehr hat sich im Herbst aber ungeplant ergeben. Mit welchen Gedanken hast du dich im September ins Flugzeug gesetzt?
Baden Frederiksen: Ich habe meinen Vertrag in Dänemark im Sommer zwei Jahre vor Ablauf aufgelöst, es war eine unangenehme Situation. Ich habe mich nach Möglichkeiten umgeschaut und meinen Berater beinahe sofort gebeten, Köcki [Anm.: Stefan Köck, Sportdirektor] anzurufen. Wir haben viele Gespräche geführt, auch mit einigen Spielern, die ich schon gekannt habe: Ferdinand Oswald, David Gugganig, Tobias Anselm und Johannes Naschberger. Ich habe gefragt, ob ich zu ihnen fliegen darf, um wieder in ein professionelles Umfeld einzutauchen und mich fit zu halten - sie haben zugestimmt. Als ich angekommen bin, war alles so, wie ich es in Erinnerung hatte.
Jede einzelne Person hat mich mit offenen Armen und einer großen Umarmung empfangen. Im Fußball erlebt man das nicht oft.
Ich habe mich sofort in guten Händen gefühlt, das Team hat mich sofort aufgenommen. Jede einzelne Person hat mich mit offenen Armen und einer großen Umarmung empfangen. Im Fußball erlebt man das nicht oft. Eine Woche später bin ich mit zum Auswärtsspiel nach Altach gefahren, danach haben wir uns zusammengesetzt und Gespräche geführt. Es war eine gute Situation für alle Seiten, wir haben schnell eine Lösung gefunden. Auch Diana [Anm.: Langes, Vereinspräsidentin] muss ich loben. Sie ist viel da, um uns zu unterstützen. Bei anderen, größeren Vereinen sieht man die Eigentümer oder Präsidenten nur selten. Viele Vereine sagen, dass sie eine große Familie sind. Wenn man zur WSG kommt, weiß man, was das wirklich bedeutet.
90minuten: Hast du bei früheren Stationen in deiner bisherigen Karriere ähnliche Erfahrungen gemacht?
Baden Frederiksen: Ich habe mich auch bei anderen Vereinen sehr wohl gefühlt. Meine Zeit in Holland bei Vitesse Arnheim war wirklich besonders. Auch bei Juventus, oder dem FC Nordsjaelland war ich gerne. Warum es sich hier noch einmal anders anfühlt, kann ich eigentlich nicht genau sagen. Es ist ein Zuhause geworden.
90minuten: Vor rund zwei Jahren hast du auch für einen anderen österreichischen Verein gespielt. Das Kapitel Austria Lustenau wurde im Februar 2024 frühzeitig beendet, es war für beide Seiten wenig zufriedenstellend. Damals ist dir viel Kritik entgegengeschlagen, deine Einstellung wurde hinterfragt. Wie hast du diese Zeit in Erinnerung? Hättest du dich anders verhalten können oder müssen?
Baden Frederiksen: Wie du richtig sagst, hat es für beide Seiten nicht wirklich gepasst. Ich war bis Sommer 2023 an Ferencvaros verliehen und dort für mehrere Monate verletzt. Ich bin nicht komplett fit nach Lustenau gekommen, der Verein war auch schon in einer schwierigen Situation. Am Ende ist dann alles ein Stück zu weit gegangen, finde ich. Ich möchte aber gar nicht zu viel dazu sagen. Ich selbst hätte mit Sicherheit mehr tun können, in jeder Hinsicht. Heute blicke ich zurück und habe viel daraus gelernt.
Ich bin phasenweise wirklich am Boden gelegen.
90minuten: Rückblickend hat sich damals viel Negatives auf deine Person konzentriert. Du hast schon angesprochen, dass die letzten Jahre nicht einfach für dich waren. Man merkt es nicht immer, grundsätzlich wird das Bewusstsein für mentale Gesundheit aber auch im Fußball größer. Findest du das gut?
Baden Frederiksen: Fußball spielt sich heutzutage zu 20 Prozent auf dem Platz und zu 80 Prozent im Kopf ab. Im normalen Leben ist es nicht viel anders. Wenn das mehr ins Bewusstsein drängt, finde ich das gut. Ich bin phasenweise wirklich am Boden gelegen. Ohne genau darauf eingehen zu wollen: Bevor ich zur WSG gekommen bin, habe ich darüber nachgedacht, mit dem Fußballspielen aufzuhören. Aber man sieht ja, wie schnell es wieder bergauf gehen kann. Ich trage das alles noch ein Stück weit mit mir mit, es hinterlässt Narben. Wichtig ist, einen guten Umgang damit zu finden. An einem Wochenende gelingt mir ein Hattrick, aber wenn ich danach ein schlechtes Spiel mache, drehen sich die Kommentare sofort ins Negative. Darauf muss man sich einstellen und sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren.
90minuten: Du hast in den letzten Jahren für viele Vereine gespielt. Als 25-Jähriger hast du noch viel Fußball vor dir - wäre es nicht trotzdem angenehmer, bald einen Verein zu finden, bei dem du länger bleiben kannst?
Baden Frederiksen: Natürlich. Meine Karriere ist nie wirklich gerade verlaufen, es gab gute und schlechte Phasen. Ich baue meinen Ruf gerade wieder auf und versuche, ein paar Dinge zu reparieren. Es fühlt sich ein bisschen wie ein Neustart an. Derzeit sind meine Frau und ich sehr glücklich hier. Auch meine Familie freut sich, dass ich wieder hier bin. Wie die Zukunft ab dem Sommer aussieht, weiß ich nicht. Der Verein musste Spieler, die hier gute Leistungen gezeigt haben, oft ziehen lassen. Man weiß auch nie, wer sich sonst noch meldet. Sollte die Chance bestehen, das WSG-Trikot auch in Zukunft zu tragen, werde ich das immer in Betracht ziehen. Ich habe großen Respekt für Köcki und möchte, dass alles korrekt abläuft. Zuerst werde ich mit ihm sprechen.
90minuten: Nach der Saison 2020/21 wurde darüber berichtet, dass der SK Rapid dich gerne verpflichten hätte. Kannst du dich erinnern, wie nah du damals vor einem Wechsel gestanden bist?
Baden Frederiksen: Das ist schon lange her. Ich weiß, dass es Interesse gab und Gespräche stattgefunden haben. Mein Berater hat es damals ein paar Mal erwähnt, wie konkret es war, weiß ich nicht. Vitesse hat sich früh mit einem Angebot gemeldet, darauf lag mein Fokus. Ich hatte die Chance, mit meinem Kindheitsfreund Jacob Rasmussen zu spielen, der mir viel von Vitesse erzählt hat. Der Trainer war damals Thomas Letsch, der für meine Karriere auch viel bedeutet hat.
90minuten: Du hast schon erwähnt, dass sich die Liga in den letzten Jahren deiner Meinung nach verbessert hat. In Österreich sieht man die Entwicklung derzeit eher kritisch. Hältst du die Bundesliga immer noch für eine gute Plattform, um sich für große Ligen und Vereine zu empfehlen?
Baden Frederiksen: Ich finde es ein bisschen zu hart, wie über die Liga gesprochen wird. Vor einigen Jahren sind hier noch richtig große Kaliber über den Platz gelaufen: Dominik Szoboszlai, Erling Haaland - auch ein Gernot Trauner. Die sind nicht einfach zu ersetzen. Jedes Team hat sich ein Stück verbessert. Jeder kann jeden schlagen. Hartberg ist vor wenigen Jahren noch fast abgestiegen und spielt jetzt regelmäßig um die Top sechs. Über die größeren Teams wie Salzburg kann man natürlich sprechen, damals haben sie gefühlt jedes Spiel mit 6:0 gewonnen. Ich verstehe die Frage und die Perspektive, meiner Meinung nach hat die Liga aber einen Schritt nach vorn gemacht. Sie ist immer noch eine gute Plattform für junge Spieler. Es gibt schöne Stadien, tolle Fans, einige Teams spielen richtig guten Fußball. Wenn man sich hier gut präsentiert, kann man immer noch einen großen Schritt machen.
Daniel Sauer