Samstag, 12. September:
Angelo Stiller geht im Bundesliga-Spitzenduell zwischen dem VfB Stuttgart und der TSG Hoffenheim nach 35 Minuten zu Boden. Ein Schlag gegen das Knie, der DFB-Star kann nicht weitermachen.
An der Seitenlinie macht sich wider Erwartungen nicht Ex-Kapitän Atakan Karazor bereit, um den Mittelfeld-Strategen zu ersetzen. Es ist ein junger Vorarlberger, den Trainer Sebastian Hoeneß ins Gefecht schickt: Yanik Spalt.
Nach dem Bundesliga-Debüt stehen eine Passquote von 100 und eine Zweikampfquote von 63 Prozent zu Buche. Stuttgart verliert 1:2 - doch Spalt hat seine Feuertaufe bestanden. "Man konnte sehen, warum er bei uns in der Gunst weit oben steht", sagte VfB-Trainer Sebastian Hoeneß im Anschluss.
In Österreich hatte den Namen des frischgebackenen Bundesliga-Legionärs bis dahin kaum jemand auf dem Radar.
Martin Scherb sitzt gerade mit dem U18-Nationalteam im Zug. Die Stimmung scheint heiter, die Geräuschkulisse erinnert an eine Klassenfahrt.
Erst am Vormittag war Scherb mit seiner Mannschaft vom Vier-Nationen-Turnier in Frankreich zurück nach Österreich geflogen. Vor zwei Jahren wäre der heute 19-jährige Yanik Spalt im selben Flieger gesessen. Ganze 46 Spiele hat Spalt seit 2021 für Österreichs U-Nationalteams absolviert. Diesen September wurde er erstmals für den EM-Quali-Lehrgang des U21-Nationalteams nominiert.
Kaum jemand erlebte den Aufstieg des jungen Mannes aus Nüziders (Bezirk Bludenz) so mit, wie Martin Scherb (57). Vom ersten bis zum 36. U-Länderspiel, von der U15 bis zur U18, war es der ÖFB-Jugendguru aus Herzogenburg, der seine Reise begleitete.
Stiller Leader
"Spalti war zu Beginn sehr ruhig und schüchtern. Das zeichnet viele Spieler aus dem Westen aus. Überhaupt, wenn sie dann im Nationalteam auf die ein bisschen wilderen Buben aus dem Osten treffen."
So unscheinbar sich der talentierte Vorarlberger abseits des Platzes auch gab - ab der U16 machte ihn der mittlerweile seit acht Jahren beim ÖFB tätige Niederösterreicher zum Kapitän: "Er ist im Laufe der Lehrgänge nicht zum Lautsprecher geworden, ist jedoch durch seine Art Fußball zu spielen, seine Präsenz am Platz und seine Seriosität einfach vorangegangen."
14 Jahre, zwei Monate und 20 Tage alt war Spalt, als er im November 2021 gegen Sloweniens U15 sein erstes U-Länderspiel machte. Rund eineinhalb Jahre zuvor hatte er Heimatverein Nüziders in Richtung der AKA Vorarlberg verlassen.
Von da an ging es für Spalt - zumindest auf den ersten Blick - nur steil bergauf.
Bilderbuchlaufbahn
Scherb erzählt: "Er ist einer der wenigen Spieler, die noch nie einen gröberen Rückschritt erleiden haben müssen. Er ist selten verletzt, eine gröbere Verletzung hat er nie gehabt. 'Spalti' ist mit 16 von Vorarlberg nach Stuttgart, hat dort ein halbes Jahr Probleme gehabt, weil er später angemeldet wurde und nur in der Verbandsliga spielen durfte. Dann ist er in der U17 eingestiegen und hat seinen Weg gemacht."
Von der U17 in die U19, über die UEFA Youth League in die U23 und mittlerweile fester Teil des Profikaders. Es ist eine Bilderbuchlaufbahn, die Spalt bei den Schwaben hingelegt hat.
Zu Kopf gestiegen sei ihm das nie: "Er ist ein Spieler, den jeder Trainer gerne hat. Er ist ein extrem höflicher, demütiger, junger Mann, der nie abgehoben hat."
Dass sein Weg nicht nur auf Persönlichkeit, sondern gleichermaßen auf fußballerischen Qualitäten fußt, wird Scherb nicht müde zu betonen.
"Allzweckwaffe" 'Spalti'
In Zeiten, in denen in der heimischen Talentelandschaft vor allem Innenverteidiger Hochkonjunktur zu haben scheinen, bringt Spalt willkommene Abwechslung.
"Grundsätzlich ist er zentraler Mittelfeldspieler. Er ist komplett verlässlich auf der Sechser- und Achter-Position, taktisch extrem diszipliniert. Yanik ist sehr gut in der Balleroberung, als Linksfuß sehr pressingresistent."
Den Titel "Allzweckwaffe", den ihm VfB-Sportvorstand Wohlgemut im Anschluss an sein Bundesliga-Debüt verpasste, kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich zeichnet Spalt seine Variabilität aus.
So setzte ihn Scherb einst als Linksverteidiger ein - und stieß damit nicht überall auf Verständnis: "Hannes Aigner, sein Berater und mein ehemaliger Kapitän in Altach, rief mich an und fragte, warum ich den 'Spalti' links hinten spielen lasse. Ich musste schon schmunzeln, als er ein paar Jahre später in der Youth League gegen Real Madrid und Juventus auch dort spielte."
Auf den Spuren von Laimer und Alaba?
Trotz großer Mittelfeld-Konkurrenz im 2007er-Jahrgang - Scherb nennt Rapids Ensar Music, Austria Wiens Philipp Maybach und Sturms JP Hödl - sei Spalt stets die "Konstante" im Team gewesen. "Man will ihn als Trainer einfach auf dem Platz haben."
Zentrale Mittelfeldspieler, die auf die Außenverteidigerposition ausweichen können, kennt man in Österreich nicht zuletzt seit Konrad Laimer oder dem jungen David Alaba. "Er hat ein ganz spezielles Profil. Er macht kaum Fehler, verliert kaum Bälle oder Zweikämpfe. Wenn er der perfekte Spieler wäre, würde er noch abschlussstärker sein. Aber er ist eher der Anker-Spieler.
Die Rolle eines klassischen "Abräumers" im Zentrum werde seinem Schützling nicht gerecht. "Er kann sich, wenn der Gegner ins Gegenpressing geht, wirklich gut lösen. Unter Druck verlagert er auf die ballferne Seite. Das macht er richtig gut.
Am Ende seiner Entwicklung sei sein Schützling sowieso noch lange nicht. Einmal mehr hebt Scherb die Führungsqualitäten "seines" Kapitäns hervor: "Er ist am Platz laut, teilt ein, macht aber kein unnötiges Theater. Er ist keiner, der dem Schiedsrichter auf die Nerven geht."
2007er auf der Überholspur
So weit, so vielversprechend.
Sein Debüt für die Profis hatte Spalt bereits im Jänner 2026 hinter sich gebracht, als er in der Schlussphase des Europa-League-Duells mit der AS Roma eingewechselt wurde.
Die Sommer-Vorbereitung absolvierte er komplett bei den Profis, im Testduell mit Paris FC stand er erstmals in der Startelf. Einmal mehr gab es im Anschluss Lob von Coach Sebastian Hoeneß.
Dass sich der rund 1,80 Meter große Linksfuß über den Sommer zu einer ernsthaften Option beim Champions-League-Teilnehmer mausert, war dennoch nicht zu erwarten.
Die beeindruckende Entwicklung des gebürtigen Bludenzers sei ein weiteres Zeugnis für die Qualität des 2007er-Jahrgangs, sagt Scherb:
"Wir waren mit dem 2007er-Jahrgang schon bei einer Europameisterschaft. Da waren wir eines der spielstärksten Teams, sind ins Viertelfinale gekommen. Das setzt sich dann individuell fort. Das ist bei JP Hödl so, der Champions-League-Quali spielt. Das ist bei Thierry Tazemeta so, der in Kaiserslautern in der 2. Bundesliga Tore schießt. Ein Philipp Maybach hat mit 19 Jahren 50 Spiele in der österreichischen Bundesliga."
"Dann ist er in sechs Jahren Weltfußballer"
Besagte Paradebeispiele seien aber unweigerlich mit nachhaltiger Förderung ihrer Vereine verbunden. Zu voll ausgereiften, gestandenen Profis sei es, auch bei Spalt, noch ein steiniger Weg.
"Da gehören Fehler und ganz viel Lernen dazu. Die Trainer müssen an sie glauben und Verständnis zeigen, wenn die Jungs nicht gleich im ersten oder zweiten Spiel riesigen Impact haben."
Vor schwierigen Zeiten ist im Profi-Fußball niemand gefeit. Selbst, wenn die bisherige Karriere noch so makellos verlaufen ist: "Wenn es in dem Tempo weitergeht, dann ist er in sechs Jahren Weltfußballer (Anm. lacht). Spalti hat bis jetzt alles richtig gemacht in seiner Fußball-Karriere. Aber die Sprünge waren schon groß, die er jetzt gemacht hat."
Potential, das auch Ralf Rangnick nicht verborgen geblieben ist: "Er war in den letzten Jahren bei den Perspektivspieler-Lehrgängen dabei. Er ist ein absoluter Potentialspieler und hoffentlich einer der jungen Wilden, die in den nächsten Jahren ans Tor zum A-Team anklopfen."
Felix Müller