Tabelle der anderen Art: Warum Vienna und Sturm am Ende stehen
Foto © GEPA

Tabelle der anderen Art: Warum Vienna und Sturm am Ende stehen

In einer Umfrage der Bundesliga-Kickerinnen schneiden beide Vereine schlecht ab. 90minuten hat nachgefragt, wieso.

Sportlich läuft es für Sturm Graz gerade ganz nach Wunsch. In der Liga nach sieben Spieltagen ungeschlagener Tabellenführer, im UEFA Women’s Europa Cup gelang der Einzug in die zweite Quali-Runde. Dort trifft man auf den VfL Wolfsburg, zweifacher Champions-League-Sieger.

Angst und Bange werden könnte es den Schwarz-Weißen trotzdem: In einer Umfrage der Interessensvertretung VdF attestieren die eigenen Spielerinnen dem Verein gravierende Mängel in mehreren Bereichen. Mit 55,2 von 100 möglichen Punkten belegt Sturm den vorletzten Platz. Meister Austria Wien führt die Wertung mit 79,1 Punkten knapp vor Red Bull Salzburg an.

Die Gesamtwertung der VdF-Umfrage:

Platzierung

Verein

Gesamtpunkte

1

Austria Wien

79,1

2

Red Bull Salzburg

77,8

3

LASK

65,5

4

SKN St. Pölten

61,1

5

Südburgenland/Hartberg

58,8

6

Blau-Weiß Linz/Kleinmünchen

56,5

7

Sturm Graz

55,2

8

First Vienna FC

54,0


Nach einer mühsamen Rückreise vom Auswärtssieg beim FC Gintra in Litauen stand Sportchef Michael Erlitz 90minuten Rede und Antwort. Das Team nahm den Bus nach Riga, dann einen Flug nach Wien und einen weiteren Bus nach Graz. Einige Betreuer legten den Weg mit dem Kleinbus zurück, Dauer rund 14 Stunden.

Eine Aussprache mit den Spielerinnen stand zum Zeitpunkt des Interviews noch aus. Sie wollten sich auf den Europacup konzentrieren, zwischen Spielen und Analysen war schlicht noch keine Zeit.

"Ich muss ehrlich sagen, dass wir diese Umfrage nicht wirklich gebraucht hätten. Wir haben einen Mannschaftsrat und kommunizieren täglich mit den Spielerinnen. Wenn es Themen gibt, werden sie meistens direkt angesprochen. Bei manchen Themen ist der Lösungsweg leichter, bei anderen schwieriger."

Die Sturm-Bilanz

Kategorie

Punkte

Liga-Schnitt

Pünktlichkeit Gehalt

8,5

8,19

Klarheit d. Verträge

6,7

7,60

Informationsaustausch

5,1

5,63

Medizin (Akut)

6,5

6,40

Medizin (Alltag)

7,2

5,94

Angemessene Ausrüstung

3,7

5,13

Qualität d. Ausrüstung

5,2

6,46

Infrastruktur

2,8

5,56

Organisation Auswärtsspiele

6,4

7,36

Öffentlichkeitsarbeit

3,4

5,24


Vor allem in puncto Infrastruktur wurde Sturm abgestraft. Besserung ist laut Erlitz aber schon in Sicht. "Wir stehen kurz vor dem Einzug in unser neues Trainingszentrum. Ich glaube, dass es in Österreich keine bessere Infrastruktur im Frauenfußball gibt. Wir sind der erste Verein, der derart investiert."

Während der Bauarbeiten findet das Training am Postplatz statt. Phasenweise gab es dort Probleme mit Strom und Wasser. Genau die seien jetzt in den Umfrage-Ergebnissen reflektiert, meint Erlitz. Weil die Trainingsplätze mit der zweiten Herren-Mannschaft geteilt werden, gibt es hin und wieder außerdem das eine oder andere Loch im Platz. 

Verständnis für manche Bewertungen, Unverständnis für andere

Auch bei Fragen zur Ausrüstung schneidet Sturm nicht gut ab. So richtig erklären kann sich Erlitz die niedrige Bewertung nicht. "Wir haben eins zu eins dieselbe Ausstattung wie die Herren. Wir haben jetzt auch auf die Nike-Tech-Fleece-Linie umgestellt. Da kann es an der Qualität eigentlich nicht mangeln."

Liegen könnte es an den Schuhen. Diese wurden in der Befragung erwähnt. In der Frauen-Bundesliga ist es allerdings nicht garantiert, dass sie auch wirklich allen Spielerinnen zur Verfügung gestellt werden. Bei Sturm ist die vertragliche Abmachung von Spielerin zu Spielerin unterschiedlich. Je nachdem, wie das Fehlen von Schuhen bei der Ausrüstung innerhalb eines Vereins ausgelegt wurde, könnte sich so das Ergebnis verschoben haben. 

Michael Erlitz, Sportlicher Leiter bei den Sturm Graz Frauen
Foto © GEPA
Michael Erlitz, Sportlicher Leiter bei den Sturm Graz Frauen

Es werde sowieso an allen angefragten Punkten laufend gearbeitet, heißt es bei Sturm. Für die Öffentlichkeitsarbeit wurde beispielsweise Spielerin Laura Krumböck fest angestellt. 

Für das schlechte Abschneiden in der Kategorie "Informationsaustausch mit der sportlichen Leitung" nennt der sportliche Leiter einerseits den Umbruch im Sommer. Mehrere befragte Spielerinnen seien mit ihrer Rolle im Verein unzufrieden gewesen.

Für Erlitz ist der Informationsaustausch mit dem Team ein zweischneidiges Schwert: "Einerseits verstehe ich, dass die Mannschaft über jeden Schritt so früh wie möglich informiert werden will. Aus strategischen Gründen ist es aber einfach nicht möglich, jede Entscheidung in der Kaderplanung sofort weiterzugeben. Dass wir deswegen schlechter bewertet werden, ist für mich verständlich."

Traditionsklub am Tabellenende

Knapp schlechter abgeschnitten als Sturm Graz hat der First Vienna FC auf dem achten Platz. Die Aufsteigerinnen vom SK Rapid sowie der SCR Altach und der USV Neulengbach haben an der Umfrage nicht teilgenommen.

Auf ein neues Trainingszentrum darf sich der Klub aus Döbling nicht freuen. Die Verbesserung der Infrastruktur hängt an der Neugestaltung der Hohen Warte, die wiederum an der Finanzierung durch die Stadt Wien hängt. Sportchef Mario Graf ist seit Juni im Amt, berichtet aber schon von kleinen Verbesserungen.

Die Vienna-Bilanz

Kategorie

Punkte

Liga-Schnitt

Pünktlichkeit Gehalt

8,0

8,19

Klarheit d. Verträge

7,4

7,60

Informationsaustausch

3,6

5,63

Medizin (Akut)

6,4

6,40

Medizin (Alltag)

6,0

5,94

Angemessene Ausrüstung

4,0

5,13

Qualität d. Ausrüstung

4,6

6,46

Infrastruktur

1,8

5,56

Organisation Auswärtsspiele

7,6

7,36

Öffentlichkeitsarbeit

4,6

5,24


Das Team darf seit Sommer zweimal wöchentlich unter guten Bedingungen im Prater trainieren. Für den Transport der Trainingsutensilien wurde ein Shuttle organisiert. Außerdem wurden die Spielerinnen neu eingekleidet: "Wir haben im Sommer von Nike auf Uhlsport umgestellt und für diese Saison alles neu ausgefasst. Nur Schuhe haben die Spielerinnen nicht bekommen."

Um die interne Kommunikation zu verbessern, wurde der Austausch intensiviert: "Die Kommunikation im Verein funktioniert jetzt ganz gut. Wir haben einen Spielerinnenrat, das Trainerteam tauscht sich regelmäßig mit der sportlichen Leitung aus. Auch mit der Abstimmung zu den Männern und Didi Elsneg bin ich zufrieden."

Sogar einen eigenen, internen Fragebogen hat Graf erstellt. Damit soll Verbesserungspotenzial noch genauer ausgelotet werden.

Mittlerweile dreht es sich mehr um Bezahlung. Wir als Verein haben bei weitem nicht das Budget von Sturm Graz oder St. Pölten. Das könnte in Zukunft schon Druck erzeugen.

Mario Graf

Auf Vereine mit begrenzten Ressourcen, wie die Vienna, erhöht sich der Druck durch den Einstieg finanzstarker Männerklubs in die Frauen-Bundesliga.

"In der Vergangenheit war die Infrastruktur ein noch größeres Thema, weil es auch noch nicht wirklich Entschädigungen gegeben hat. Mittlerweile dreht es sich schon mehr um Bezahlung. Wir als Verein haben bei weitem nicht das Budget von Sturm Graz oder St. Pölten. Das könnte in Zukunft schon Druck erzeugen. Wir können derzeit noch damit punkten, dass wir ein familiäres Umfeld und eine gute sportliche Plattform bieten können", sagt Graf.

Finanzielle Situation bestimmt den Rahmen

Bei der Vienna sind mehrere Spielerinnen geringfügig angemeldet, daher theoretisch Profis. Um die Engagements darüber hinaus auszuweiten, braucht es mehr Geld.

Die VdF-Umfrage sieht der Vienna-Sportchef grundsätzlich positiv. "Man sieht, dass es im Frauenfußball schwierig ist, perfekte Bedingungen zu schaffen, weil es einfach an der Kohle fehlt. Wir machen miteinander das Beste daraus und arbeiten hart. An manchen Dingen kann man derzeit nichts ändern."

In der Männer-Bundesliga gibt es die "Tabelle der anderen Art" schon seit Jahren, bei den Frauen war es der erste Durchlauf. Es hat sich gezeigt, dass bei einer Wiederholung die eine oder andere Unstimmigkeit bei der Interpretation ausgeräumt werden müsste. Die Voraussetzungen der Vereine und die Erwartungen der Spielerinnen an ihre Klubs unterscheiden sich stark. Ein interessanter Einblick in die Entwicklung der Frauen-Bundesligisten hat sich trotzdem ergeben.

Kommentare