Jeder Fan des RC Lens kennt den Namen Anton "Tony" Marek. Der Wiener war einer der ersten Österreicher, der für den Racing Club aus dem Norden Frankreichs auflief.
Einer Legende nach bewahrte er Lens im Jahr 1935 in Saint-Etienne im Alleingang vor einer Niederlage. Als Mareks Mannschaft wegen Verletzungen nur mehr zu neunt war und 0:3 zurücklag, wurde der Verteidiger kurzerhand zum Stürmer umfunktioniert und schoss einen Hattrick.
Später machte sich Marek auch als Trainer einen Namen in Lens. Er verstarb früh, im Alter von nur 49 Jahren. Doch im Stade Bollaert-Delelis, der Heimstätte des RC Lens, hat er sich bis heute verewigt. Denn seit 1997 ist die Fantribüne nach Marek benannt.
Die Erwartungen übertroffen
In der jüngeren Vergangenheit machte sich Kevin Danso einen Namen in Lens. Und aktuell ist Samson Baidoo dabei, sich in die Herzen der Fans zu spielen.
Im vergangenen Sommer verließ Baidoo den FC Red Bull Salzburg und unterschrieb bis 2030 bei "Sang et Or" (Blut und Gold). Für kolportierte acht Millionen Euro ging es in die Ligue 1 – dieselbe Summe hatte Lens einst auch für Danso auf den Tisch gelegt.
Beobachter blickten gespannt auf Baidoos Wechsel. Ob er sich in Frankreich durchsetzen werde? Nach einem halben Jahr lässt sich sagen, dass der Innenverteidiger die Überwartungen sogar übertroffen hat.
Defensiv und offensiv ein wichtiger Faktor
Baidoo ist in Lens unumstrittene Stammkraft. Unter den Feldspielern hat er über alle Bewerbe hinweg die drittmeisten Minuten absolviert. Der 21-Jährige ist aber nicht nur eine wichtige Stütze in der Dreier-Abwehrkette, sondern hat auch seine Torjäger-Qualitäten wiederentdeckt.
In den ersten zehn Liga-Einsätzen für Lens hat Baidoo zweimal getroffen. Bereits in Salzburg hat sich der Verteidiger, der in der Jugend beim GAK Stürmer gewesen war, gleich einmal mit zwei Bundesliga-Treffern vorgestellt. In seiner zweiten Saison bei den "Bullen" blieb er allerdings ohne Scorerpunkt.
In Frankreich trat Baidoo indes auch als Vorlagengeber in Erscheinung. Im Pokal-Sechzehntelfinale vor rund einer Woche lieferte er beim 3:0 über den FC Sochaux einen Assist.
Im Herbst stand Baidoo mehrfach in der Elf des Spieltages der französischen Sport-Tageszeitung "L’Equipe". Für den Ex-Salzburger und auch für seinen Klub RC Lens könnte die Saison bislang fast nicht besser laufen.
Unter den RC Lens-Feldspielern absolvierte Baidoo in der Saison 2025/26 über alle Bewerbe hinweg die drittmeisten Minuten (Quelle: transfermarkt.at, Stand: 18.01.26).
Spieler | Position | Minuten |
|---|---|---|
Matthieu Udol | Linksverteidigung | 1.720 |
Malang Sarr | Innenverteidigung | 1.710 |
Samson Baidoo | Innenverteidigung | 1.665 |
Adrien Thomasson | Zentrales Mittelfeld | 1.581 |
Florian Thauvin | Offensives Mittelfeld | 1.421 |
Nach 21 Jahren erstmals wieder Tabellenführer
Denn vor dem Start der Rückrunde in der Ligue 1 lachen "Les Artesiens" – so heißen die Bewohner der historischen Provinz Artois, zu der Lens gehörte – von der Tabellenspitze. Der Sprung auf Platz eins, der mit dem Sieg über Angers SCO Ende November 2025 gelang, war historisch. Denn für Lens war es die erste Tabellenführung seit 21 Jahren.
Den ersten und bislang letzten Meistertitel errang der Klub im Jahr 1998 – nur aufgrund der besseren Tordifferenz ließen die Nordfranzosen den punktgleichen FC Metz hinter sich. In der Spielzeit 2022/23 war Lens ganz knapp dran am zweiten Titel. Doch in der Endabrechnung fehlte ein Punkt, um Paris Saint-Germain zu entthronen.
Für diese erfolgreiche Phase in der jüngeren Vergangenheit darf ein Mann verantwortlich zeichnen: Joseph Oughourlian. Seit 2018 ist er Präsident des RC Lens. Damals spielte der Racing Club noch in der zweiten Liga, finanzielle Probleme waren immer wieder Thema. Oughourlian baute die Schulden ab und versprach den Fans eine soziale Ticketpreis-Politik, sollte Lens aufsteigen. Seit 2020 spielt "Sang et Or" wieder erstklassig.
"Dieser Verein ist Lens, er ist der Stolz der Einwohner der Stadt", sagte Oughourlian der Tageszeitung "La Voix du Nord" (Die Stimme des Nordens). Der Klub ist seit seiner Gründung eng mit dem Kohlebergbau, der die Region prägte, verbunden. Bis in die 1980er Jahre haben die Arbeiter malocht, bis die Anlagen mit der Zeit stillgelegt wurden. Die Grubenlampe im Wappen des RC Lens ist geblieben.
Laut Philippe Guilbaud, Journalist bei "La Voix du Nord", ist der Klub in Frankreich sehr beliebt. "Sie haben sehr gute Fans, die zu den besten des Landes gehören. Das Stadion ist immer voll", sagt er im Gespräch mit 90minuten. Und das, obwohl das Stade Bollaert-Delelis mehr Plätze (38.000) als Lens Einwohner (33.000) hat.
Hohe Fluktuation
Bekanntlich gehört es zur großen Kunst, den Erfolg zu bestätigen. Vor allem, wenn es große Veränderungen gibt – wie im Sommer in Lens.
An die 30 Spieler haben den Klub verlassen oder wurden verliehen. Darunter wichtige Stützen wie Danso, der fix zu Tottenham wechselte. Die Mittelfeldspieler Andy Diouf (Inter) oder Neil El Aynaoui (Roma) gingen nach Italien.
Auf der anderen Seite verpflichtete der Klub einige Spieler. Zudem nahm ein neues Trainerteam rund um Chefcoach Pierre Sage (46) die Arbeit auf. Sportdirektor Jean-Louis Leca (40, Ex-Lens-Spieler) und Generaldirektor Benjamin Parrot (40) sind erst seit Mai 2025 im Amt.
Rückblickend haben die Ideen der neuen Köpfe schnell gefruchtet.
Die Mischung macht's
"Er ist sehr besonnen und hat klare Vorstellungen vom Fußball. Er hat es geschafft, dass die Spieler an einem Strang ziehen", sagt Guilbaud über Trainer Sage.
Der Franzose lässt einen sehr intensiven Fußball spielen. "Er ist vielleicht sogar der intensivste in der Ligue 1", so Guilbaud. Der Gegner soll erst gar nicht aus der eigenen Hälfte kommen. Mit einem hohen Gegenpressing will das Team die Bälle schnell zurückerobern.
Das gelingt mit einer stimmigen Mischung aus jungen und erfahreneren Spielern. Im Tor ist der erst 21-jährige Robin Risser gesetzt. In der Abwehr sprang Ismaelo Ganiou (20) im Herbst für den verletzten Jonathan Gradit (33) ein und konnte neben Baidoo überzeugen. Mit nur 13 Gegentoren in 18 Spielen stellt Lens die beste Defensive der Liga.
Er ist einfach großartig. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, ihn an unserer Seite zu haben.
Im Mittelfeld spielt Ex-Rapidler Mamadou Sangare (23) eine überragende Saison. Für die Tore und Vorlagen sorgen vor allem die Routiniers Wesley Said (30), Weltmeister Florian Thauvin (32) oder Kapitän Adrien Thomasson (32).
Zudem erlebt der eine oder andere in Lens seinen zweiten Herbst. Odsonne Edouard war in der vergangenen Saison bei Crystal Palace außen vor und sammelte keinen einzigen Scorer. In Lens ging dem Ex-PSG-Spieler der Knopf auf (sieben Tore in 14 Ligaspielen).
Lob von allen Seiten
Auch Baidoo blühte schnell auf. Beim Debüt tat er sich als rechter Innenverteidiger in der Dreierkette noch schwer. Es folgte der Wechsel ins Abwehrzentrum, wo er zu überzeugen wusste.
"Er ist sehr beeindruckend. Es schien, als hätte er immer schon hier gespielt", sagt Journalist Guilbaud über Baidoos erstes halbes Jahr in Frankreich. "Die Mitspieler und der Trainer konnten seine Qualitäten schon im ersten Training sehen."
Torhüter Risser lobte seinen Vordermann gegenüber "Lensois.com" in höchsten Tönen: "Er ist einfach großartig. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, ihn an unserer Seite zu haben."
Trainer Sage bei "La Voix du Nord" über Baidoo: "Er strahlt eine gewisse Präsenz aus und wirkt älter, als er ist, selbst im Alltag. Außerdem ist er ein hervorragender Teamplayer. Ich glaube, er wird eine Zukunft bei einem guten europäischen Verein haben."
Baidoo über Danso: "Ich bin wie sein kleiner Bruder"
Ende des letzten Jahres wurde Baidoo bereits mit den Premier-League-Klubs Crystal Palace und West Ham United in Verbindung gebracht. Wegen fehlender TV-Gelder seien die Klubs auf Spielerverkäufe angewiesen, so Guilbaud. Sollte es im Sommer ein hohes Angebot für Baidoo geben, wäre ein Abgang also nicht undenkbar.
Mit einem Wechsel auf die Insel würde der Ex-Salzburger denselben Weg wie Danso gehen. Vor dem Schritt nach Frankreich tauschte sich Baidoo mit seinem Vorgänger aus. "Kevin hat mir nur gute Dinge über Lens erzählt", sagte er der "L’Equipe". "Wir haben Gemeinsamkeiten. Ich bin wie sein kleiner Bruder."
Im Oktober 2023 kam Baidoo bei seinem Debüt für Österreichs A-Team in Belgien für Danso ins Spiel. Zwischen den beiden gibt es einige Verbindungen.
Träumen darf erlaubt sein
Der nunmehrige "Spurs"-Verteidiger hat in Lens einen sehr guten Eindruck hinterlassen. "Die Fans und die Mitspieler liebten ihn", sagt Guilbaud. In den dreieinhalb Jahren, in denen Danso für die Nordfranzosen auflief, habe er sich stark entwickelt.
Dasselbe traut Guilbaud auch Baidoo zu. Wird er sich eines Tages vielleicht sogar mit dem Meistertitel in der Vita aus Lens verabschieden? "Gegen Paris Saint-Germain wird es sehr schwierig", schmunzelt Guilbaud. "Ich denke, in Lens wollen sie aktuell nicht vom Titel träumen – aber irgendwie auch schon."
Der Racing Club befindet sich jedenfalls weiterhin auf Kurs. Das 1:0 gegen AJ Auxerre am vergangenen Wochenende war der achte Liga-Sieg in Folge. Das Träumen vom Titel darf erlaubt sein.
Christoph Bosnjak