Raue Stimmung in ÖFB-Gruppe: Mit Protesten ist zu rechnen
Foto © GEPA

Raue Stimmung in ÖFB-Gruppe: Mit Protesten ist zu rechnen

Nicht nur beim Heimspiel gegen Israel sind verstärkte Sicherheitsmaßnahmen im Einsatz. In Irland könnte der Fußball sogar in den Hintergrund rücken. 90minuten beleuchtet die politischen Spannungen.

In den letzten Tagen hat sich die Stimmung rund um das Gastspiel des israelischen Nationalteams auch in Österreich aufgeheizt.

Im Rahmen der UEFA Nations League trifft der ÖFB seinen ersten Gegner am Donnerstag in Linz (ab 20:45 Uhr im LIVE-Ticker). Rund 14.300 Tickets wurden dafür verkauft, einige Plätze bleiben leer.

Erst kürzlich bezog Bundespräsident Alexander Van der Bellen überraschend klar Stellung und sprach im Zusammenhang mit Israels Vorgehen im Nahen Osten von "Kriegsverbrechen" und "Verletzungen des Völkerrechts". Israels Außenminister konterte mit scharfer Kritik.

Für den Spieltag wurden zwei Demonstrationen angemeldet: Eine beim Hauptbahnhof, eine in Stadionnähe - beide mit 100 bis 200 Teilnehmern und israelkritischer Ausrichtung. Gegenüber 90minuten betont die Polizei Oberösterreich, das Sicherheitskonzept präzise an die Anforderungen angepasst zu haben: "Wir sind uns der Sensibilität der aktuellen Lage bewusst."

Laut ÖFB wird es verschärfte Zugangskontrollen geben. Wie bei allen Länderspielen seien Transparente mit politischen Botschaften verboten. Im Stadion erlaubt seien ausschließlich Nationalflaggen von Österreich und Israel.

Proteste in Dublin erwartet

Sensibel ist die Lage nicht nur in Linz - im Gegenteil. Das Auswärtsspiel gegen Irland in Dublin am dritten Spieltag könnte für den ÖFB deutlich unangenehmer werden. Auch dort ist mit Protesten zu rechnen, selbst Störungen des Spiels sind nicht unwahrscheinlich.

Am 1. Oktober trifft Österreich im Aviva-Stadium auf Irland
Foto © GEPA
Am 1. Oktober trifft Österreich im Aviva-Stadium auf Irland

"Es ist das einzige verbliebene Forum, in dem irische Fans sich Gehör verschaffen können", erklärt ein irischer Journalist im Gespräch mit 90minuten. Der Ärger gilt allerdings nicht den Österreichern, sondern dem eigenen Verband (FAI), der UEFA und Israel.

Schon im Mai waren es Tennisbälle mit der Aufschrift "Stop the Game", die im Freundschaftsspiel gegen Katar für drei Unterbrechungen gesorgt haben. Damals wurden auf den Tribünen Palästina-Flaggen geschwenkt. Für das Spiel gegen Österreich hat Irlands Verband kurzfristig einige spielfeldnahe Plätze geräumt und Fans mit entsprechenden Tickets in einen Premium-Sektor umgebucht - ohne zusätzliche Kosten. Als Grund genannt werden Vorbereitungen auf die EM 2028.

Große Teile der Iren und viele Fans des Nationalteams positionieren sich im Nahost-Konflikt aufseiten der palästinensischen Zivilbevölkerung. Seit 2024 erkennt Irland den Staat Palästina offiziell an. Israel unterhält seither keine Botschaft in Dublin.

Mannschaft unter Druck

Das einzig verbliebene Forum ist die Partie in Dublin, weil die "Boys in Green" keines ihrer beiden Duelle mit Israel im Rahmen dieser Länderspielpause auf heimischem Boden austragen werden. Das Auswärtsspiel findet am 27. September in Debrecen (Ungarn) statt - für irische Fans wird kein Ticketkontingent zur Verfügung stehen.

Gänzlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen wird das eigentliche Heimspiel, nämlich in der serbischen Kleinstadt Backa Topola. Mit dieser Konstruktion sollen Ausschreitungen verhindert werden.

Wir spielen gegen Israel, wir spielen gegen den Völkermord.

Irland-Trainer Heimir Hallgrimsson

Wirklich zufrieden ist mit dieser Lösung niemand. Vor wenigen Tagen musste sich Trainer Heimir Hallgrimsson im Rahmen seiner Kaderpräsentation der irischen Presse stellen. Die Sponsorenwand hinter ihm hatte der Verband abgenommen.

"Wir spielen gegen Israel, wir spielen gegen den Völkermord", lautete der prägnanteste Satz eines langen Statements. Als solcher wurde die israelische Militärkampagne in Gaza von einer UN-Kommission eingestuft - derselben Kommission, die zuvor auch den Angriff am 7. Oktober 2023 zum Kriegsverbrechen erklärt hatte.

Der Isländer hatte vor dieser Äußerung rund 20 Minuten in seiner Zweitsprache referiert und Fragen beantwortet. Über die Plattform 'X' warf Israels Verband dem Isländer daraufhin "Dummheit, Ignoranz und Heuchlerei" vor. Auch eine offizielle Beschwerde wurde angekündigt, aber nie eingereicht. Irlands Premierminister stärkte Hallgrimsson hingegen den Rücken.

Er habe mit seinen Spielern viele Gespräche geführt, so Irlands Teamchef. Ihnen sei die Situation unangenehm. Dass trotzdem alle gekommen seien, rechne er ihnen hoch an. Die FAI hatte ihnen ihre Teilnahme zuvor freigestellt.

Spieler-Protest bleibt unwahrscheinlich

Ob die irischen Spieler im Rahmen ihrer nächsten Auftritte ein Zeichen setzen, bleibt offen. Gegenüber 90minuten beziffert ein Journalist die Wahrscheinlichkeit für einen eigenmächtigen Boykott jedenfalls auf null Prozent.

Nicht jeder Spieler im Kader habe dieselben Ansichten oder dieselbe Überzeugung, meint er. Irlands Mittelfeldspieler Finn Azaz hat Verwandte in Israel. Co-Trainer Paddy McCarthy arbeitet bei Crystal Palace mit Israels Flügelspieler Anan Khalaili zusammen.

Inzwischen bemüht sich der Verband darum, seine Spieler bestmöglich abzuschirmen. Interviewtermine wurden auf das absolute Minimum heruntergeschraubt, der Druck von Politik und Fans bleibt trotzdem groß. Auch ehemalige Nationalspieler und Ex-Teamchef Brian Kerr wünschen sich eine öffentliche Stellungnahme der Mannschaft. Vor dem Teamhotel versammelten sich am Montag Fans, um die Spieler von einem Boykott zu überzeugen.

Das Basketball-Nationalteam der Frauen verweigerte im Duell mit Israel kürzlich den Handschlag. Seitens der irischen Funktionärs-Delegation verzichtet man auf das normalerweise übliche Abendessen mit den Gegnern. Aufseiten Israels wurde bereits angekündigt, auf einen Trikottausch zu verzichten, der wohl nie stattgefunden hätte.

Irland für Suspendierung Israels

Irlands Fußballverband vertritt gegenüber Israel schon seit Längerem eine klare Linie. Demnach soll das israelische Nationalteam vorübergehend von internationalen Bewerben ausgeschlossen werden, weil der israelische Verband Spiele in besetzten Gebieten austrägt und damit gegen Statuten von FIFA und UEFA verstößt.

Irland ist neben dem Vereinigten Königreich Gastgeber der EM 2028
Foto © IMAGO / Panthermedia
Irland ist neben dem Vereinigten Königreich Gastgeber der EM 2028

Nach der Auslosung der Nations League stand bis in den Sommer ein möglicher Boykott beider Spiele im Raum. Als Gegenargument führte die bereits verschuldete FAI einen drohenden Verlust von bis zu 10 Millionen Euro an. Auch ein Abstieg aus Liga B der Nations League wäre durch den Abzug von sechs Punkten wahrscheinlicher geworden.

Und dann gäbe es auch noch das UEFA-Regelwerk, das einen Ausschluss Irlands aus der Nations League zulässt. Als Co-Gastgeber der EM 2028 wollte der Verband in dieser Hinsicht kein Risiko eingehen. Ein Kurs, der bei den eigenen Anhängern nicht gut ankommt.

Hätten andere Verbände Unterstützung signalisiert, wären andere Lösungen möglich gewesen, meinte CEO David Courell vor einigen Tagen. Man bleibe jedenfalls bei der Ansicht, dass Israel derzeit keine Länderspiele austragen sollte.

Kaum Berichterstattung über Israel-Spiele

Der allgemein kritischen Stimmung werden sogar kommerzielle Interessen untergeordnet. RTE, der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Irland, limitiert die Übertragung auf ein vertraglich vereinbartes Minimum. So verzichtet man beispielsweise auf ein Studio und einen eigenen Kommentator. Auch Werbeeinschaltungen wird es keine geben.

Andere Medienhäuser haben ähnliche Lösungen angekündigt. Zumindest vier Journalisten, die üblicherweise von Auswärtsspielen berichten, werden die Reise nicht antreten. Einer ihrer Kollegen spricht in diesem Zusammenhang von einer "nennenswerten Minderheit".

Beim "Heimspiel" in Serbien werden die LED-Banden im Stadion ebenso keine Werbung anzeigen. Stattdessen wird darauf "Respect" zu lesen sein.

ÖFB ohne klare Positionierung

Auf Anfrage von 90minuten möchte der ÖFB keine Position zu einem möglichen Ausschluss Israels von internationalen Bewerben beziehen.

Politische Einschätzungen und Entscheidungen sind den dafür zuständigen und verantwortlichen Stellen vorbehalten.

ÖFB

"Grundsätzlich sind politische Einschätzungen und Entscheidungen den dafür zuständigen und verantwortlichen politischen Stellen vorbehalten. Als Sportverband sehen wir unsere Verantwortung darin, den sportlichen Wettbewerb unter sicheren Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Der Sport kann und soll dabei seine integrative Kraft und seine verbindenden Werte zeigen und entfalten. Gerade Österreich kommt dabei auch aus seiner Geschichte heraus eine besondere Verantwortung zu."

Eine Spur konkreter wurde Ralf Rangnick im Rahmen seiner Spieltags-Pressekonferenz: "Alle Kriege auf dieser Welt sind völlig sinnlos und kosten unnötig Menschenleben. Was ich mir wünsche, ist, dass alle begreifen, dass sie auf diesem Planeten Verantwortung haben und dafür sorgen, dass alle Menschen in Frieden leben können"

Kommentare