Der GAK spielt gegen den Abstieg, eine unangenehme Situation für jeden Fußballer. Für Ramiz Harakaté erfüllt sich hier dennoch ein Traum. Denn bevor Christoph Freitag ihn im Sommer zum SKN St. Pölten holte, war der Unterhaus-Kicker im Sumpf, wie er im Herbst gegenüber LAOLA1 erzählte.
Sumpf heißt auf Französisch "marais" und sagt ein Franzose "Je suis dans le marais", dann meint er laut dem Spieler Folgendes: "Wenn wir sagen, wir stecken im Sumpf, bedeutet das, dass wir am Tiefpunkt angelangt sind und es eine schwere Zeit ist, in der es schwierig ist, voranzukommen, wie in den Sümpfen, wo es Krokodile, Hindernisse, Laub und abgestorbene Bäume gibt - jeder Schritt ist mühsam."
Für den Profifußballer hieß das: vereinslos, niemand wollte ihn. 90minuten hat mit ihm gesprochen und erzählt die Geschichte des Franzosen, der die Kurve Richtung Erstligafußball bekommen hat und seinen Traum lebt.
Anfang in Toulouse
Ramiz Harakaté kommt in Toulouse zur Welt. Die Eltern des marokkanisch-stämmigen Angreifers verlassen Südfrankreich aber, als er fünf ist, wie er im 90minuten-Interview erzählt. Sie lassen sich bei Paris nieder. Dieses Umland von Paris ist in den 2000ern ein hartes Pflaster, es kommt oft zu Unruhen in den Vierteln, wo seit den 1970er-Jahren billige Plattenbauten für die Arbeitskräfte aus den ehemaligen Kolonien entstanden. Der 2002 geborene Ramiz ist zum Glück zu jung, um all das erlebt zu haben.
In meinem Heimatland setzt man auf Individualität. Die Spieler haben viel Qualität und dürfen ihr Können zeigen. In Österreich ist der Fußball mehr teamorientiert, mit Fokus auf Zusammenarbeit und Arbeitsethik.
Er kickt, wie viele andere Buben auch. Und er träumt von Paris St. Germain und Lionel Messi. Statt für PSG schnürt er seine Schuhe für den FC Montfermeil, einen Klub aus einer 30.000-Einwohner-Gemeinde im östlichen Speckgürtel der Hauptstadt.
2020/21 spielt er in der U19-Liga gemeinsam mit den Alterskollegen seines Lieblingsklubs Paris St. Germain. Am 18. Oktober 2020 spielt er gegen PSG. Ein gewisser Xavi Simmons, heute Teamkollege von Kevin Danso bei Tottenham, trifft doppelt, insgesamt schenkt der Topklub Montfermeil acht Tore ein. Den Ehrentreffer erzielt just Harakaté.
Im Sumpf
Stade Briochin verpflichtet ihn schließlich zur Saison 2021. In der ersten Mannschaft in der dritten Liga wird er aber nur einmal eingesetzt, spielt bis 2023 in der B-Mannschaft. Im Winter geht er zu C'Chartres, Championnat National 2 – Groupe A, vierte Liga.
Er wechselt wieder, ist in derselben Leistungsstufe halber Stammspieler bei Racing CFF. Ihm wird es wurscht gewesen sein, aber der Klub hat rot-weiß-rote Vergangenheit: Edmund Weiskopf, Rudi Hiden und Heinrich Hittl kickten vor dem 2. Weltkrieg dort, Österreichs Trainerlegende Ernst Happel in den 50ern.
Der Traum droht zu platzen, er ist im Sumpf, der "Sackgasse". Schon die vierte Liga ist eigentlich keine Profiliga, es gibt ein Mindestgehalt, welches mit deutlich unter 2.000 Euro brutto selbst für einen damals 22-Jährigen wenig ist. Dann klingelt das Telefon. Der SKN St. Pölten lädt ihn, angestoßen von einem Berater, zum Probetraining ein. Wenn das nicht passiert wäre?
"Dann hätte ich wahrscheinlich in der fünften Liga weiterspielen müssen. Aber als Profi muss man sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren und nicht zu weit in die Zukunft schauen."
Angekommen im anderen Kick
Harakaté überzeugt die Verantwortlichen. "Mit Ramiz bekommen wir einen Spieler, der uns eine gewisse Unberechenbarkeit geben soll. Er hat uns auf Anhieb überzeugt, und wir sind froh, dass wir mit ihm unsere Offensive verstärken können", so lässt sich Sportdirektor Christoph Freitag in der Aussendung zitieren. Ausgestattet wird er zunächst mit einem Vertrag bis 2025, mit Option.
Ein bisschen Zeit braucht der Franzose. Schließlich ist der österreichische Fußball anders als der französische: "In meinem Heimatland setzt man auf Individualität. Die Spieler haben viel Qualität und dürfen ihr Können zeigen. In Österreich ist der Fußball mehr teamorientiert, mit Fokus auf Zusammenarbeit und Arbeitsethik. Alles ist seriöser und strukturierter."
Er adaptiert sich und zündet den Turbo. So mühsam die Karriere bislang war, nach dem ersten Tor am 6. Oktober 2024 gegen die SV Ried trifft er regelmäßig. Vor dem Heimspiel in der 28. Runde scheinen die Wölfe den Braten zu riechen: Dieser Mann ist zu gut für die 2. Liga. Sie ziehen die Option bis Sommer 2026, nach 15 Scorerpunkten. Er legt noch zwei Assists nach, insgesamt schafft er sieben Tore und elf Assists.
Eigentlich ist mein Traum Realität geworden. Es wäre ein noch größerer Traum, zurück nach Paris zu gehen und dort für Paris St. Germain zu spielen.
Turbo gezündet
Der GAK schlägt zu. Nebst offiziell kommunizierten Attributen wie Torgefahr, Geschwindigkeit, Variabilität, konnte aus dem Umfeld der Rotjacken Genaueres in Erfahrung gebracht werden: Er hat eine hohe Sprintfähigkeit, die er konstant leistet. Vor allem der linke Fuß überzeugt mit Ballverarbeitung und Schusstechnik.
Die Ablösesumme ist offiziell nicht bekannt, ein mittlerer sechsstelliger Betrag soll es sein. Der Vertrag läuft drei Jahre. In der Bundesliga funktioniert er persönlich sofort: Beim 2:2 beim Bundesliga-Debüt gegen Austria Wien trifft und assistiert er. Danach gelingt dem Klub wenig, der erste Saisonsieg folgt erst am 1. November gegen Altach – mit je einem Tor und einem Assist Nummer zwei.
"Im ersten Spiel hätten wir fast gewonnen. Es haben dann immer wieder Details gefehlt", erklärt er dazu. "In solchen Situationen muss man als Team zusammenbleiben."
An ihm liegt es nun nicht, dass man ist, wo man ist, sein Scorerkonto ist derzeit mit zehn Punkten gut gefüllt. Er meint lapidar: "Ich versuche einfach, mein Bestes zu geben, um mit meinen Mitspielern zu harmonieren. Es hat mir sehr geholfen, Tore zu erzielen und Vorlagen zu geben."
Träumen ist erlaubt
Nun geht es darum, in der Liga zu bleiben. Man braucht kein großer Prophet sein, dass er selbst vermutlich erstklassig bleiben wird. Logisch wäre ein weiterer Schritt nach oben, eventuell zu einem Verein mit Meistergruppenanspruch.
Ramiz Harakaté wirkt indes schlichtweg froh, dass es überhaupt mit dem Profifußball auf höchster Ebene klappt. "Eigentlich ist mein Traum Realität geworden, ich spiele in der höchsten Liga mit tollen Mitspielern", meint er abschließend. Eine Sache hat er aber im Hinterkopf: "Es wäre ein noch größerer Traum, zurück nach Paris zu gehen und dort für Paris St. Germain zu spielen."
Klingt unmöglich? Naja, er hat es aus dem Sumpf geschafft, warum soll es nicht weiter gehen...
Georg Sohler