Und dann kam Real Madrid. Wie wäre Philipp Lienharts Karriere wohl verlaufen, wenn es nicht so gewesen wäre?
Am Mittwoch spielt der 29-jährige Innenverteidiger mit dem SC Freiburg im Finale der UEFA Europa League. Gegner in Istanbul ist Aston Villa (ab 21:00 Uhr im LIVE-Ticker >>>).
Die Engländer haben erst vor wenigen Tagen den FC Liverpool auseinandergenommen und gehen als Favorit in das Duell. Freiburg bleibt die Außenseiterrolle - noch. Denn der Verein hat in den letzten Jahren eine gewaltige Entwicklung genommen.
Historische Erlebnisse in Freiburg
Die bekannte, väterliche Verkörperung des Erfolgs war eigentlich lange Christian Streich. Nach zwölfeinhalb Jahren als Cheftrainer war 2024 Schluss. Mit Julian Schuster trat ein Ex-Spieler das Erbe an und hatte auf Anhieb Erfolg.
Freiburg ist längst nicht mehr aus der Deutschen Bundesliga wegzudenken. 2022 stand man im Pokalfinale, das bitter im Elfmeterschießen gegen Leipzig verloren ging. Zwei Mal gelang seitdem der Einzug ins Achtelfinale der Europa League.
Er ist wohl die beste spielerische Repräsentation der Entwicklung des SC Freiburg.
Philipp Lienhart gehört seit beinahe neun Jahren zum Inventar der Breisgauer und hat alle wichtigen Schritte mitgemacht.
"Er ist seit seiner ersten Saison wohl die beste spielerische Repräsentation der Entwicklung des SC Freiburg. Der Verein hat sich gemeinsam mit ihm jedes Jahr weiterentwickelt und ist zu einer der konstantesten Mannschaften geworden, ohne dabei je zu große Töne zu spucken", sagt Julian gegenüber 90minuten. Er ist SC-Fan und Mitgestalter des 'Spodcast Freiburg'.
Sollte Lienhart dem Verein über den Sommer hinaus erhalten bleiben, wird er die Top 10 der Spieler mit den meisten Einsätzen der Klubgeschichte erreichen. Vorbeiziehen würde er zuerst an einem gewissen Joachim Löw, dann an Nils Petersen.
Eine Woche vor dem WM-Finale im Juli feiert Lienhart seinen 30. Geburtstag. Die Gelegenheit für einen großen Transfer wird sich wohl nicht mehr bieten.
"Freiburg würde sicher keine Steine in den Weg legen. Man ist aber eben mittlerweile, auch dank ihm, ein Verein, der immer um die internationalen Plätze mitspielt und damit auch für Nationalspieler attraktiv bleibt. Wenn man ihm zuhört, ist er immer noch sehr glücklich in Freiburg - und wir sowieso glücklich mit ihm", meint Julian.
Eine entscheidende E-Mail
Nach Freiburg gekommen ist Lienhart aus Madrid, zuerst - im Sommer 2017 - auf Leihbasis. Der 21-Jährige hatte damals keine Erfahrung im Erstligafußball vorzuweisen, Christian Streich stellte ihn trotzdem sofort in die Startelf.
Später wurde er von Verletzungen ausgebremst. "Im Nachhinein kann man vielleicht sogar sagen: Wäre sein Start bei uns verletzungsbedingt nicht so schwierig gewesen, wäre mehr Vereinen aufgefallen, dass Philipp Lienhart - Hand aufs Herz - lange Zeit viel zu gut für den SC Freiburg war", ordnet Julian näher ein.
Weil der SC ein Jahr später zu knapp bei Kasse war, um die Kaufoption in Höhe von vier Millionen Euro zu ziehen, wandte sich der damalige Sportdirektor, Klemens Hartenbach, in einer E-Mail an Real Madrid.
Julian erinnert sich: "Es war eine Art Manifest zur Spielerentwicklung, Solidaritätsgedanken und der Seele des Sports. Ob das nun der Grund war, dass Philipp Lienhart bei uns gelandet ist, weiß ich nicht, aber die Vorstellung finde ich sehr schön."
Plötzlich auf dem Real-Radar
Das Sprungbrett nach Madrid war für den Innenverteidiger die U19-Europameisterschaft 2014. Lienhart war erst kurzfristig in den Kader von Teamchef Andreas Heraf gerutscht, der ihn später als die "Entdeckung des Turniers" titulierte.
Damals war er gerade beim SK Rapid II in der Regionalliga Ost aktiv, bei den Profis hat er vor seinem Transfer nie mittrainiert. Nebenbei hatte er eine Lehre als Bürokaufmann begonnen, die später dem sportlichen Erfolg zum Opfer fiel.
Sein Debüt gab er mit 16 Jahren unter dem damaligen Amateure-Trainer Zoran Barisic. "Er war schon gut, zu Beginn war seine Entwicklung aber noch nicht absehbar. Das war ein junger Bursche, der mittrainiert hat", erinnert sich Peter Haring. Die beiden standen in 20 Spielen gemeinsam auf dem Platz.
Lienhart sei damals schon so gewesen wie heute auch: Ruhig, besonnen, mit beiden Beinen auf dem Boden. "Über ein halbes Jahr hat er einen großen Sprung geschafft und war konstant einer der besten Spieler. Da konnte man sich schon vorstellen, in welche Richtung es gehen kann", beschreibt Haring.
Ich war geschockt. Ich konnte es nicht glauben. Es war eine Riesenüberraschung.
Vom Wechsel nach Madrid war er dann - wie viele Teamkollegen - aber trotzdem überrascht: "Ich weiß gar nicht, ob ich ihm den Schritt nach Madrid damals ohne Weiteres zugetraut hätte. Ich glaube schon, dass er jemand ist, der Zeit braucht, um sich anzupassen."
Auch für das junge Talent kam der entscheidende Anruf aus dem Nichts. "Ich war daheim, als mich mein Berater darüber informiert hat, dass es Interesse von Real Madrid gibt. Ich war geschockt. Ich konnte es nicht glauben. Es war eine Riesenüberraschung", ordnete er wenige Monate nach dem Umzug nach Spanien selbst gegenüber LAOLA1 ein.
Rückblickend hätte es für Lienhart nicht besser laufen können. Das freut auch Peter Haring. "Ich war später sogar einmal in Madrid, er hat mir Karten besorgt", schmunzelt er im Gespräch mit 90minuten.
Jugendverein drückt in der Kantine Daumen
Begonnen haben Leben und Karriere von Philipp Lienhart in Lilienfeld. Die kleine Stadtgemeinde liegt im Traisental, eine halbe Autostunde südlich von St. Pölten. Vater Franz hat selbst für den Verein gespielt, später war er der erste Trainer seines Sohnes.
Anders als bei Wiener Vereinen stehen junge Talente des SC Lilienfeld nicht automatisch im Fokus der Wiener Vereine. Philipp empfahl sich beim SK Rapid über ein Probetraining. "Sein Papa ist zu mir gekommen und hat gefragt, ob der Wechsel für mich okay ist - er würde ihn gerne dorthin bringen. Natürlich freut man sich sehr, wenn daraus dann so eine Karriere wird", erinnert sich Obmann Gernot Edy.
Das Finalspiel werden die Lilienfelder im Klubhaus verfolgen, wo bereits einige Lienhart-Trikots hängen. Edys Wunsch an den ehemaligen Schützling: "Bitte hole heute Abend den Pokal und dann noch die Weltmeisterschaft. Das wäre was."
Größtes Spiel der Vereinsgeschichte
Die Wucht des SC Freiburg wird oft unterschätzt, weil der Verein bewusst auf laute Ansagen verzichtet. 2021 wurde ein neues Stadion bezogen, das fast immer bis auf den letzten der 34.700 Plätze gefüllt ist. Gegen Aston Villa werden viele weitere Sympathisanten die Daumen drücken.
Unserem Verein fehlt dieser eine Moment, wo am Ende wirklich alles gutgeht, statt dann der Sache doch nur überraschend nahegekommen zu sein.
Julian vom 'Spodcast' freut sich auf das für ihn größte Spiel der Vereinsgeschichte.
Nach dem verlorenen Pokalfinale hatte er eigentlich damit gerechnet, dass sich der Verein mit einem Platz im Tabellenmittelfeld zufriedengeben muss:
"Stattdessen entwickelt sich der Verein immer weiter und hat uns dieses Jahr Europapokal-Nächte erleben lassen, an die ich mich den Rest meines Lebens erinnern werde. Trotzdem: Unserem Verein fehlt dieser eine Moment, wo am Ende wirklich alles gut geht und man einmal diesen großen Titel gewinnt, statt dann der Sache doch nur überraschend nahe gekommen zu sein. Aber die Mannschaft hat diese Saison in den entscheidenden Spielen wieder und wieder gezeigt, dass ihr kein Moment zu groß ist. Wenn es eine Mannschaft packen kann, dann diese."
Gegen Ollie Watkins, Morgan Rogers und Jadon Sancho verteidigen wird Lienhart an der Seite von Matthias Ginter. Julian lobt die Chemie, die sich zwischen den beiden entwickelt hat. Überhaupt sei es eine Stärke, dass sich der Österreicher ideal an alle Partner anpassen konnte. Deshalb hält er fest:
"Die unglaubliche Entwicklung des SC in den letzten neun Jahren ist deshalb für mich ohne den Namen Philipp Lienhart gar nicht zu erzählen."
Daniel Sauer