Als Fan des österreichischen Nationalteams schwebte man in den letzten eineinhalb Wochen einigermaßen angenehm durch die Länderspielpause. Leicht an der guten Stimmung gerüttelt haben nur die ersten rund 90 Minuten gegen Israel – aber wie sehr will man sich als Tabellenführer mit Punktemaximum auf der Habenseite schon an lethargischem Fußball aufhängen?
Weniger selig ist Irland und die Stimmung um die Boys in Green. Ausgerechnet im Spiel gegen den ÖFB am Donnerstag (ab 20:45 Uhr im LIVE-Ticker) könnte sich in Dublin viel aufgestauter Frust entladen, wobei das Geschehen auf dem Platz schon längst zum Nebenschauplatz verkommen ist.
Spieler mussten über Boykott entscheiden
Zeitgleich mit der Österreich-Partie gegen den Kosovo trat Irland im ungarischen Debrecen zum Auswärtsspiel gegen Israel an. Das Stadion war leer, auf ein eigenes Ticketkontingent hatte man weit im Voraus verzichtet. Dass überhaupt eine irische Mannschaft aufs Feld geschickt werden konnte, wurde hingegen erst kurzfristig klar.
Erst am Samstag entschieden die Spieler selbst per Abstimmung, gegen Israel anzutreten. Nur Torwart Gavin Bazunu (24) entschied sich gegen eine Teilnahme. Er tue dies "nicht, um die israelische Bevölkerung oder gar die jüdische Community vor den Kopf zu stoßen - sondern aus Protest gegen den brutalen Konflikt in der Region", gab er wenig später bekannt.
Viel Rückhalt gab es dafür aus der irischen Bevölkerung. Ein großer Teil steht den Begegnungen mit Israel kritisch gegenüber. Zentral geht es dabei um den Umgang mit Palästinensern im Gazastreifen und der West Bank.
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Auf dem Platz war von der Unruhe kaum etwas zu merken. Vor Anpfiff senkte Irlands Nationalteam während der gegnerischen Hymne die Köpfe, verweigerte Handschläge und trug einen Trauerflor, als Zeichen des Gedenkens. Sportlich behielten die Iren mit einem überraschend klaren 3:0 die Oberhand.
Erledigt hat sich das Thema damit allerdings noch nicht. Am Sonntag trifft Irland erneut auf Israel. Offiziell ist es diesmal ein Heimspiel, das nicht in Dublin, sondern unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Serbien ausgetragen werden soll. Ein Boykott ist laut dem irischen Teamchef Heimir Hallgrimsson endgültig vom Tisch. Die Spieler werden, wie vom Verband gewünscht, unter stillem Protest antreten.
Sport und Politik
Auf der Insel wird man sich jedenfalls noch länger mit diesem Länderspielfenster beschäftigen.
Erst am Mittwoch tagte ein Ausschuss des irischen Parlaments, die Spitze des irischen Verbandes (FAI) musste Rede und Antwort stehen. Vor allem die Spieler-Abstimmung stand im Fokus. FAI-Geschäftsführer David Courell betonte, dass die finale Entscheidung vom Verband getroffen worden sei. Gleichzeitig musste er eingestehen, dass man die Spieler nicht zu einem Antritt hätte zwingen können. Weil eine erste Abstimmung nicht zu einem eindeutigen Ergebnis geführt hatte, wurde sie wiederholt.
Auch die Frage, inwiefern vorab Gespräche mit Gavin Bazunu geführt worden waren, konnte der Verband nicht restlos aufklären. Der Teamchef hatte vor allem die Feldspieler nach ihrer Meinung gefragt. Auf die Torhüter wurde dann möglicherweise vergessen.
Störaktionen nicht ausgeschlossen
Fest steht, dass eine Rückkehr zur Normalität erst nach einer umfassenden Untersuchung möglich sein wird. Im Spiel gegen Österreich haben nun erstmals seit Mai die Fans bei einem Heimspiel die Chance, sich Gehör zu verschaffen.
Damals war Katar zu Gast, die Begegnung wurde mehrfach von Tennisballwürfen unterbrochen. Organisiert hatte den Protest gegen die Israel-Spiele damals die Gruppierung "Stop the Game", die auch am Donnerstag präsent sein wird.
Im Gespräch mit 90minuten rechnet ein irischer Nationalteam-Reporter mit Unterbrechungen und Störaktionen, die sich vor allem gegen die FAI richten werden. Die Spieler und vor allem Bazunu könnten hingegen wohlwollend empfangen werden.
Weil Irlands Verband Co-Gastgeber der EM 2028 sein wird, findet rund um das ÖFB-Duell ein Testlauf unter UEFA-Beobachtung statt. Dafür wurden unter anderem einige Sitzreihen in Spielfeldnähe freigeräumt. Betroffene Fans haben eine dementsprechende Benachrichtigung in der Vorwoche erhalten. Offiziell soll so der Einsatz größerer LED-Werbebanden simuliert werden. Dass so auch der Zugang zum Innenraum erschwert wird, ist ein wohl nicht ganz zufälliger Nebeneffekt.
Unangenehmer Gegner
Sportlich geht es am Donnerstag in Dublin möglicherweise um die Tabellenführung. Sollte das irische Team gegen Österreich eine ähnlich gute Leistung wie gegen Israel abrufen können, wäre es wohl kein ruhiges Pflichtspiel-Debüt für ÖFB-Torwart Florian Wiegele.
Vor allem die Offensive um Troy Parrott, Adam Idah und Jack Moylan hinterließ einen dynamischen Eindruck, unterstützt von weit aufgerückten Außenverteidigern. Gegenüber 90minuten berichten Beobachter, dass der mutige Auftritt sie überrascht habe: "Gegen den Kosovo haben wir einen passiven Ansatz gesehen, Hallgrimsson sieht sich selbst als defensiv orientierten Trainer. Gegen Österreich würde ich damit rechnen, dass man wieder auf Konter setzt."
Technisch und physisch sollte Irland jedenfalls in der Lage sein, den ÖFB phasenweise unter Druck zu setzen. Wie sehr der Matchplan darauf ausgelegt ist, wird sich zeigen.
Intakte Teamchemie bei den Iren
Der Isländer Heimir Hallgrimsson amtiert seit 2024 als irischer Teamchef. Nach biederen Auftritten stand er vor einem Jahr bereits stark unter Druck. Die emotionale Beinahe-Qualifikation für die WM 2026 - Irland scheiterte im Play-Off knapp gegen Tschechien - hat Mannschaft und Trainer aber nicht zerrissen, sondern zusammengeschweißt. Das schwierige Wochenende in Ungarn war in vielerlei Hinsicht ein erfolgreicher Test für den Zusammenhalt innerhalb des Teams.
Anders als der im Umbruch steckende ÖFB arbeitet Hallgrimsson mit einem Mannschaftskern, der sich aus vielen Spielern im besten Fußballeralter zusammensetzt, die inzwischen gut aufeinander abgestimmt sind. Um die Köpfe zwischen den vielbeobachteten Auftritten frei zu bekommen, hatten die Spieler zu Beginn der Woche einen Tag frei. Auch ein Psychologe wurde ihnen zur Seite gestellt.
Fußball bleibt Nebenschauplatz
"Niemand spricht über Fußball. Das Österreich-Spiel ist vor allem dann Thema, wenn wir über die allgemein angespannte Stimmung reden. Es ist eine volatile Situation, die sich stündlich ändern kann", berichtet ein irischer Journalist über die Lage in Dublin.
Möglich ist, dass ein souveräner Auftritt gegen den ÖFB die Wogen glätten könnte. Zuvor wird sich aber Irlands Verband seinen Kritikern stellen müssen. Wie dieser Prozess aussieht, ist noch unklar. Österreichs Nationalteam wird ihn jedenfalls hautnah miterleben.
Daniel Sauer