Ein normaler Regionalligist ist Wacker Innsbruck natürlich nicht.
"Ich würde sagen, dass wir seit mindestens einem Jahr auf Profiniveau trainieren. Das Stadion, die Kabinen, die Fans - es fühlt sich einfach alles komplett anders an als bei einem Mittelklasseverein in der 2. Liga", ordnet Okan Yilmaz im Gespräch mit 90minuten ein.
Der 28-Jährige weiß, wovon er spricht: Vor neun Jahren setzte er in Innsbruck die Unterschrift unter seinen ersten Profivertrag. 101 Zweitligaspiele hat Yilmaz seitdem absolviert, auch ein Kurzzeit-Engagement im Ausland hat er hinter sich.
Mein Ziel und Traum wäre es, auch noch in der Bundesliga für Wacker spielen zu dürfen.
Im Herbst war der Stürmer der beste Torschütze seines Teams, in der Schlussphase des ÖFB-Cup-Spiels gegen den SK Rapid hätte er sich mit seinem letztlich aberkannten Treffer beinahe ins Wacker-Geschichtsbuch geköpft.
Wo sich Yilmaz in den nächsten Jahren sieht, ist kein Geheimnis. "Da schauen wir weit in die Zukunft, aber mein Ziel und Traum wäre es, nach dem Aufstieg in die 2. Liga auch noch in der Bundesliga für Wacker spielen zu dürfen."
Noch-Halbprofi
Um dieses Vorhaben in die Tat umsetzen zu können, hat er sich beruflich verändert. Yilmaz gab einen Bürojob beim Land Tirol für eine Anstellung als Immobilienmakler auf, um in Bewegung zu bleiben. Seine Arbeitsstunden hatte er schon davor reduziert: "Auf Dauer ist es extrem anstrengend, nach acht Stunden Sitzen zum Training zu fahren."
Vor allem, weil in Innsbruck viel von den Spielern erwartet wird. Vier bis fünf Einheiten stehen pro Woche auf dem Plan, dazu addieren sich neben einer Partie auch Vor- und Nachbereitung, sowie Regeneration. "Es kommen sicher 20 bis 25 Stunden zusammen", meint Yilmaz.
In seiner knapp bemessenen Freizeit engagiert sich der Innsbrucker auf der Streaming-Plattform 'Twitch', um sich dort ein drittes Standbein aufzubauen: "Mir macht das extrem Spaß, weil ich junge Menschen damit gut erreichen und vielleicht ein bisschen mitnehmen kann. Wir haben zum Beispiel schon eine Talentesichtung gemacht, für die sie mir Videos geschickt haben. Wir haben das dann gemeinsam mit einem Berater und einem Individualtrainer angeschaut, es ist super angekommen."
Verstärkung aus Südamerika
Okan Yilmaz ist nicht der einzige Spieler, der sich proaktiv auf den möglichen Aufstieg vorbereitet. Inzwischen hat er kaum noch Teamkollegen, die Vollzeit arbeiten. Auch Profis gibt es im Kader, zwei neue wurden als Vorgriff auf den Sommer schon im Winter aus Uruguay verpflichtet.
Verteidiger Mauro Marichal (18) und Stürmer Anderson Rodriguez (19) sprechen weder Deutsch noch gut Englisch - es ergeben sich Herausforderungen bei der Integration, die so wohl auch kein anderer Regionalligist zu bewältigen hat.
"Wir sind eine multikulturelle Mannschaft, dafür stehen wir auch. Die eine oder andere Sprachbarriere gibt es, der Großteil verständigt sich auf Deutsch und Englisch. Insgesamt haben wir ein sehr feines Klima in der Kabine", berichtet Yilmaz. Als Spanisch-Übersetzer infrage kommen derzeit der Mannschaftsarzt und Verteidiger Matteo Franzotti. "Er konnte vor einem Jahr auch noch kein Deutsch, jetzt kann er schon Antworten geben", schmunzelt der Goalgetter.
Winter-Neuzugänge bei Wacker Innsbruck
Spieler | Alter | Position | Nationalität | Transfer |
|---|---|---|---|---|
Quirin Rackl | 20 | LM/LV | Deutschland | Leihe + Option |
Mauro Marichal | 18 | IV | Uruguay | Leihe + Option |
Anderson Rodriguez | 19 | ST | Uruguay | Leihe + Option |
Matej Kvacek | 18 | ST | Tschechien | Ablösefrei |
Den Kader zusammengebastelt hat Sportvorstand Jakob Griesebner. Die Aufgabenbereiche des 24-Jährigen sind breit gestreut. 90minuten hat ihn zwischen einem Termin beim Steuerberater und einer Besprechung über die Organisation des VIP-Klubs im Frühjahr erreicht.
In den kommenden Wochen stehen zahlreiche Vertragsgespräche auf dem Plan, Griesebner geht sie mit viel Optimismus an: "Von Spielerseite waren die Signale sehr positiv. Wir fokussieren uns jetzt aber auf den weiteren Saisonverlauf."
Gelingt der Frühjahresauftakt, steht der einen oder anderen Personalentscheidung wohl nichts mehr im Weg. Das Interesse im Kader, den Weg mitzugehen, ist jedenfalls groß - so hört man.
Wacker-Sportvorstand Jakob Griesebner:
In der 2. Liga wäre es zulässig, neben dem Fußball einen Teilzeitjob zu behalten. Auch für derartige Konstruktionen zeigt sich Wacker derzeit offen: "Wenn es die Leistungsfähigkeit nicht beeinflusst, ist das für uns nicht ausgeschlossen. Die individuellen Rahmenbedingungen müssen jeweils für Spieler und Verein passen", meint Griesebner.
Mittelfeldspieler Lucas Scholl macht seine ersten Schritte als Trainer in der Jugend des FC Bayern, deshalb pendelt er immer wieder zwischen Innsbruck und München. Ob das auch in der 2. Liga möglich wäre, ist fraglich.
Trainerfrage und Transferbudget
Einige Leistungsträger sind bereits über die laufende Saison hinweg mit einem Vertrag ausgestattet. Das gilt nicht für Trainer Sebastian Siller. In Bälde soll sich das ändern, sagt der Sportvorstand: "Es ist definitiv unser Ansinnen, mit ihm zu verlängern. Es gibt gute Gespräche und wir sind positiver Dinge." Siller absolviert derzeit den Kurs zur A-Trainerlizenz und würde die Anforderungen der 2. Liga damit problemlos erfüllen.
Neben den beiden Neuzugängen aus Uruguay wurde Quirin Rackl vom FC Liefering für die linke Außenbahn ausgeliehen. Für den 20-Jährigen wurde eine leistbare Kaufoption vereinbart, gleiches gilt für die Südamerikaner. Beide stammen aus der Jugend des Racing Club de Montevideo, der Teil des "Red and Gold"-Netzwerkes ist, das LAFC und der FC Bayern München gemeinsam aufgezogen haben und kontinuierlich expandieren.
Wenn ein Spieler für uns richtig interessant ist, muss er nicht zwingend ablösefrei sein.
Als Partner ist das Risiko für Wacker Innsbruck bei solchen Transfers verhältnismäßig gering. Abgesehen vom Gehalt - für Profis, sprich Schlüsselarbeitskräfte, aus Nicht-EU-Staat liegt es bei rund 3.400 Euro Brutto pro Monat - fallen kaum Kosten an.
Auf nähere Vertragsdetails möchte Jakob Griesebner zwar nicht eingehen, spricht aber von einem "guten Austausch". Naheliegend wäre, dass in diesem Sinne die Konditionen für eine Weiterbeschäftigung leistbar gestaltet wurden. Offensichtlich ist der Verein in der Lage, Transfersummen in einem vernünftigen Bereich aufzustellen und ist nicht darauf beschränkt, ablösefrei zu verpflichten. Der Leistungsgedanke stehe jedenfalls im Vordergrund, meint Griesebner.
Umgekehrt ist der Verein nicht gezwungen, eigene Leistungsträger abzugeben, berichtet der Sportvorstand. "Die eine oder andere Anfrage hat es schon gegeben. Es war aber nichts dabei, das wir hätten machen müssen. Prinzipiell fühlen sich die Spieler auch immer sehr wohl und sind nicht unbedingt vernarrt darauf, wegzugehen."
Networking
Bislang galt bei Wacker die Devise, bei der Kaderplanung immer ein Jahr voraus zu sein. Griesebner hofft, auch in Zukunft an diesem Modell festhalten zu können. "Wir wollen dieses Ziel weiter verfolgen, auch wenn es natürlich nicht einfacher wird. Wir befinden uns aus meiner Sicht bereits jetzt auf einem guten Niveau. Natürlich schauen wir, dass wir das Ganze besonders im Falle eines Aufstiegs noch einmal weiterentwickeln."
Mit Blick auf die kommende Saison wurde auch ein vierter Spieler im Winter verpflichtet: Stürmer Matej Kvacek kam kurz vor Ende der Transferphase aus Tschechien. Der großgewachsene 18-Jährige war Teil des "FC Bayern World Squad", einer Auswahlmannschaft, die unter der Leitung von Roy Makaay auffälligen Spielern aus Scouting-Programmen und Partnerakademien der Münchner eine Plattform bieten soll.
Mit Daniel Francis und Matteo Franzotti hat Wacker bereits zwei Absolventen im Kader. Wie die Neuzugänge aus Uruguay war Kvacek bereits im Herbst zur Probe in Tirol und konnte mit Physis und einem guten Abschluss überzeugen. Eine ursprünglich in Erwägung gezogene Leihe im Frühjahr kam nicht zustande.
Die Bindung an das Netzwerk ist vor allem im sportlichen Bereich klar erkennbar. Verantwortliche der Bayern sind gelegentlich in Innsbruck zu Gast. Im Herbst wurde in München eine "Red-and-Gold-Trophy" ausgespielt.
Wacker-Coach Siller war zudem im November bei den Grasshoppers Zürich, um dort unter Gerald Scheiblehner zu hospitieren. "Alle Vereine - LAFC, GC Zürich, Racing de Montevideo, die Gambinos Stars und sogar Jeju SK aus Südkorea - waren schon persönlich bei uns, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Der Austausch untereinander ist sehr positiv und interessant", erzählt Jakob Griesebner stolz.
Man darf sich für die kommenden Jahre auf einen internationalen Wacker-Kader einstellen, das Scouting findet großteils im Rahmen der diversen Kooperationen statt. "Wir versuchen bereits jetzt, die vorhandenen Ressourcen bestmöglich zu nutzen. Das Netzwerk spielt hier eine große Rolle und wir sind immer sehr eng mit Harald Gärtner und Lukas Grether abgestimmt. Nichtsdestotrotz ist es unser Ansinnen, auch laufend über den Tellerrand hinauszusehen", sagt der Sportchef.
Partnerklub GC in Zürich verzichtet Laut Medienberichten gänzlich auf eine Scouting-Abteilung. Ob Wacker einen anderen Weg gehen wird, muss sich erst zeigen. Mit einem Aufstieg würde man sich wohl auch in diesem Bereich breiter aufstellen.
Und der Nachwuchs?
Auf den Österreicher-Topf angesprochen, der ab der 2. Liga ein interessanter wirtschaftlicher Bonus sein könnte, erklärt Griesebner: "Unsere Ressourcen sind nicht uneingeschränkt, wir werden nicht komplett darauf verzichten und wollen darauf achten, dass wir junge, einheimische Spieler in unseren Reihen haben. Eindimensional machen lassen, werden wir uns aber auch nicht."
Wir haben einen guten Austausch mit anderen Vereinen aus der Region. Es kann durchaus sein, dass es in Zukunft Bestrebungen geben wird.
Weil die zweite Mannschaft derzeit in der neunten von zehn Spielklassen antreten muss, klafft intern eine große Lücke. Vor eineinhalb Jahren entschied sich der Verein dafür, eine U16 aufs Feld zu schicken - der Aufstieg wurde am Ende knapp verpasst.
Im Rahmen einer Strukturreform geht es im Sommer zwar gleich zwei Stufen nach oben, auf die 7. Leistungsebene. Optimal ist die Situation natürlich trotzdem bei weitem nicht. Ab der 2. Liga stünden Wacker die Türen zu möglichen Kooperationen offen - Jakob Griesebner möchte noch nicht zu viel verraten.
"Wir haben einen guten Austausch mit anderen Vereinen aus der Region, welche bereits jetzt Plattformen für einige unserer jungen Spieler bieten. Auch unsere zweite Mannschaft soll langfristig wieder höher spielen." Alles Weitere sei derzeit noch nicht spruchreif.
Rasche Professionalisierung
Auch neben Platz wurde in den letzten Monaten einiges weiterentwickelt. Das Trainerteam arbeitet inzwischen mit einem Trackingsystem, um die Belastung besser steuern zu können. Intern werden jetzt beispielsweise Daten zu Distanzen, Geschwindigkeit und der Anzahl von Start-Stopp-Bewegungen gesammelt und verarbeitet.
Bei Heimspielen sitzt Videoanalyst Matthias Voppichler auf der Tribüne und ist telefonisch mit der Bank verbunden. Auch das ist in der Regionalliga unüblich. Im Rahmen der Wintervorbereitung wurde zudem erstmals eine sportmedizinische Untersuchung durchgeführt, die in der Regionalliga nicht verpflichtend ist, ab der zweiten Leistungsstufe aber schon.
Ich habe von Anfang an das Projekt geglaubt und hänge persönlich sehr daran.
Von Okan Yilmaz gibt es viel Lob für die professionelle Arbeit: "Wir sind aktuell sehr fit. Die ganze Mannschaft hat ein Ziel vor Augen, darauf ist jeder komplett fokussiert." Der Routinier sieht seine Rolle darin, die Spannung aufrecht zu halten.
Ihn selbst hat es 2023 zurück nach Innsbruck verschlagen. "Ich habe mir das lange überlegt. Die Gespräche mit Wacker waren so gut", meint er. "Ich habe von Anfang an das Projekt geglaubt und hänge persönlich sehr daran. Wir sind zweimal hintereinander aufgestiegen, auch im dritten Jahr schaut es gut aus."
Im Kader finden sich mehr als zehn Spieler, die bereits Profi-Erfahrung sammeln konnten. Dazu kommen einige Talente wie Christoph Weinzierl, der zwei Spiele für das U18-Nationalteam vorweisen kann. Die Linie vorgeben sollen einige Wacker-"Urgesteine".
Neben Yilmaz waren auch Raphael Gallé, Alexander Joppich und Phillipp Viertler Teil der zweiten Mannschaft, die vor Jahren in der 2. Liga aktiv war. Damals standen sie sogar mit Trainer Siller auf dem Platz. Kapitän Rami Tekir kommt aus der eigenen Jugend und hat seit 2019 für keinen anderen Verein gespielt, wenn auch mit Unterbrechungen.
Dichter Kalender
Anders als die Profi- und anderen Regionalligen, steht die nächste Runde im Westen erst ab dem 13. März an. Ein Kurztrainingslager hat Wacker bereits hinter sich, sportlich lief die Vorbereitung nach Wunsch. Zweitligist Schwarz-Weiß Bregenz wurde ebenso besiegt wie der deutsche Viertligist Unterhaching, nur gegen Dynamo Budweis aus Tschechien setzte es eine Niederlage.
Sollte der Aufstieg im Sommer gelingen, bliebe den Spielern nicht viel Zeit. Das letzte Spiel der Regionalliga West ist für den 13. Juni kalendiert, bis zur ersten Cup-Runde blieben nur rund fünf Wochen für Urlaub und Vorbereitung.
Mehr als 14 Tage haben die Spielern wohl nicht, um die Akkus aufzuladen. Die künftigen Konkurrenten der 2. Liga bekommen zwischen dem letzten Spiel 2025/26 und dem Auftakt 2026/27 ein ganzes Monat länger Zeit.
Ich vermute, dass die Spieler im Aufstiegsfall nur eine kürzere Sommerpause haben.
Jakob Griesebner sieht diese Konstellation gelassen: "Ich vermute, dass die Spieler im Aufstiegsfall nur eine kürzere Sommerpause haben. Im Winter ist die Pause sehr lang, im Sommer dafür sehr kurz."
Und auch Okan Yilmaz sieht dem Juni positiv entgegen: "Für mich gibt es im Sommer hoffentlich zwei Dinge zu feiern: Zum einen den Aufstieg, zum anderen meine Hochzeit."
Dann bliebe nur noch die Frage, welches Ziel sich Wacker für 2026/27 steckt, wenn es demnächst tatsächlich weiter nach oben gehen sollte. Präsident Hannes Rauch blickt voraus: "Wir sehen das sehr gelassen. Falls wir in die 2. Liga aufsteigen, werden wir eine gute Mannschaft haben, die eine gute Rolle spielen kann. Der Durchmarsch ist jedenfalls kein Muss. Dass wir uns nicht ewig in der 2. Liga aufhalten wollen, ist aber auch klar."
Daniel Sauer