"Der österreichische Fußball ist zusammengewachsen", ist die übergeordnete Beobachtung von Werner Gregoritsch zum Grunddurchgang der Saison 2025/26.
Das ist eine spannende Angelegenheit. Ob die Qualität steigt, wird sich erst im Sommer zeigen, wenn der Europacup wieder losgeht.
Der heutige Sky-Experte kann gegenüber 90minuten frei von der Leber weg sprechen. Zwar klopfte der eine oder andere Klub in den letzten Monaten an, er fühlt sich in der Analytikerrolle aber aktuell pudelwohl.
Sturm Graz – Sie wissen, wie man Meister wird
"Dass derzeit so viele junge Spieler ihre Chance beim aktuellen Meister bekommen, gefällt mir als ehemaliger U21-Teamchef natürlich sehr. Du musst nur aufpassen, dass sie nicht verheizt werden und das entsprechend managen.
Aus meiner Sicht ist Sturm Graz aktuell keine Meistermannschaft - eben auch, weil die Jungen noch nicht so gefestigt sind wie die arrivierten älteren Kicker, die den Verein verlassen haben.
Die Grazer verfügen im Unterschied zu den meisten anderen Klubs allerdings über etwas, was du nicht trainieren kannst: Die Erfahrung, wie man Meister wird. Selbst bei Salzburg kennen das nicht mehr allzu viele Spieler oder sogar Funktionäre.
Darüber hinaus waren die Blackies schon einmal abgeschrieben und stehen nun an der Spitze. Die Funktionäre wissen, wie man mit derartigen Dingen umgeht und haben mit Fabio Ingolitsch einen Neuanfang gestartet. Er genießt zudem ihr Vertrauen.
All das macht den Tabellenführer derzeit sehr stark - und wer mit den Auf und Abs rational umgeht, kann am Ende durchaus ganz oben stehen. Ob es dann Sturm, Salzburg oder ein komplett anderer wird, werden wir erst sehen. Weil es heuer so eng ist, würde ich derzeit auf gar keinen wetten."
Red Bull Salzburg – Vom eigenen Erfolg geschlagen
"Vor ein paar Jahren hat Red Bull Salzburg der gesamten Fußballwelt gezeigt, wie man Rohdiamanten schleift und auch noch Erfolg hat. Diesem Vorbild sind viele andere Klubs im In- und Ausland gefolgt und somit sind sie nicht mehr die Einzigen, die die Haalands oder Szoboszlais suchen und finden.
Zudem fehlt auf höchster Ebene nach dem Tod von Didi Mateschitz sowie dem Weggang von Christoph Freund die Führung. Das führt nun dazu, dass der Trainer diesen Kader hat: mit interessanten jungen Österreichern, sehr wenigen Routiniers und vielen Spielern aus aller Herren Länder.
Wenn es gut läuft, ist letzteres kein Problem – du tust dir aber schwer, eine motivierende Ansprache und taktische Instruktionen auf Dauer vom Deutschen auf Englisch, Französisch oder Japanisch zu übersetzen.
Managen muss das nun Daniel Beichler, den ich damals in der Sporthauptschule unterrichtet habe und kenne ihn gut. Was spricht dafür, dass er das schafft, obwohl man ihn ins kalte Wasser beim heimischen Flaggschiff geworfen hat? Er ist ein intelligenter Bursche, kennt die meisten Spieler aus Liefering und war schon als Spieler ein großes Schlitzohr. Wenn er es schafft, dass die Kicker wie gegen den LASK spielen, ist viel möglich. Es wäre aber auch Wahnsinn, ihn nach zehn Spielen hinauszuwerfen, nach all dem, was in den letzten Jahren war."
LASK – Alphatiere haben das Ego hinten angestellt
"Das Interessante am LASK ist, dass das Gespann Gruber-Kühbauer funktioniert. Es sind beides Alphatiere, und Gruber musste erst einmal über seinen Schatten springen, weil er ihn damals vor die Tür gesetzt hatte. Dass sich beide wieder so zusammenfinden, ist nicht selbstverständlich. Der CEO hat da offenbar dazu gelernt. Aktuell stimmen Chemie und Hierarchie, was meiner Meinung nach einer der Gründe ist, wieso sie gut spielen.
Der andere ist der Trainer. Ich kenne ihn ja schon lange, der Didi war mein Kapitän beim SV Mattersburg. Er hat eine gewisse Gabe, seine Mentalität und Ausstrahlung auf die Mannschaft zu übertragen und war schon als Kapitän ein echter Anführer.
Ich kenne keinen Trainer, der derartige Führungsqualitäten hat. Außerdem kann er Spieler sehr genau nach ihren Stärken dort einsetzen, wo sie am besten sind. Taktik, gut und schön – aber entscheidend ist, dass der Trainer ein Spiel lesen kann und weiß, wer oder was von der Bank kommen muss. Und auch das kann er.
Gleichzeitig muss man mit ihm auch umgehen können, weil er sehr temperamentvoll ist. Schon was Didi mit dem WAC erreicht hat, war außergewöhnlich, und ich denke, dass er Meister werden kann. Ich denke, dass er sich danach in einer großen Liga beweisen wird."
FK Austria Wien – Sie sind das Zünglein an der Waage
"Für mich ist die Austria nicht die erste Mannschaft, an die ich als möglichen Meister denke – wenn Sturm, Salzburg und der LASK auslassen. Das ist deshalb so, weil Trainer Stephan Helm die Spieler für seine Art des Fußballs begeistert hat.
Er gibt seinen Spielern in allen öffentlichen Interviews das Gefühl, dass er hinter ihnen steht. Auch als es nicht so gut lief und sogar, als über seine Ablöse spekuliert wurde. Diese Krise im sportlichen Bereich ist souverän gemeistert worden, und die Position des Trainers ist derzeit stärker als zuvor.
Gerade die Jungen zahlen ihm das in sie gesetzte Vertrauen in Form von Leistung zurück. Wichtig sind aber auch die Routiniers. Der Fischer-Manfred ist sicherlich nicht der großartigste Techniker, aber geht mit seiner Art und Weise voran.
Ein überhaupt ausgezeichneter Transfer war Aleksandar Dragovic. Der ist Austrianer durch und durch und hat im Fußball schon alles gesehen. Die Austria kann somit der entscheidende Faktor sein, wer Meister wird – eben vielleicht sie selbst."
SK Rapid – Wenn Leidenschaft und Liebe hinderlich sind
"Die Vergangenheit ist das Schlimmste für eine Mannschaft und das hemmt den SK Rapid zuweilen. Dabei ist es sinnlos, wenn sie immer hören, was früher einmal war. Du kannst alles von den tollen Fans haben, wenn du Erfolg hast oder dich reinhaust. Als ich Kapfenberg-Trainer war, habe ich sogar mit ihnen verhandelt, gerade, weil ich als ein so emotionaler Trainer galt. Und ich fand die Atmosphäre dort auch, wenn ich das sagen darf, geil.
Und dieser Verein ist sehr außergewöhnlich: Die U21-Kicker, die ich hatte, waren von dem Klub begeistert. Der Wind dreht sich aber doppelt so schnell wie woanders, weil diese Leidenschaft und Liebe aller Akteure hinderlich sind. Das gesamte große Umfeld lässt den Emotionen freien Lauf und es gibt kein Mittelmaß.
Der Verein braucht zwar Rationalität, aber die Fans wollen einen Diego Simeone, der 90 Minuten Gas gibt – und nicht einen kontrollierten Ottmar Hitzfeld.
Dass sie es doch noch in die Meistergruppe geschafft haben, kann nämlich Kräfte freisetzen. Wenn sich die Spieler nun in allen Spielen an die Grenzen des Machbaren gehen, kann bei diesem engen Tabellenstand wirklich alles geschehen: vom Meister bis Rang sechs …"
TSV Hartberg – Belohnung für die Ehrlichkeit
"Diese Region ist total sympathisch und die Fans identifizieren sich mit dem Verein. Das war schon früher so. Als ich 17 Jahre alt war, hat man mich einmal zum TSV Hartberg verliehen und ich treffe die Leute fast 50 Jahre später immer noch. Das zeigt doch dieses Wohlgefühl, das die Spieler heutzutage erleben.
Und dieses Umfeld ist echt. Die Präsidentin lebt für den Verein und ist wirklich so. Ihre Leidenschaft ist total echt. Der Erich Korherr ist für mich zudem einer der besten Funktionäre Österreichs. Sie stehen für Ehrlichkeit und Konsequenz.
Der Manfred Schmid hat die schwere Situation mit den Auswärtsspielen im Herbst gut gemanagt und weiß, wie die Mannschaft spielen muss. Immerhin stellen sie die beste Abwehr der Meistergruppe und haben zudem jetzt noch mehr Heimspiele. Ich glaube, sportlich funktioniert es auch deshalb so gut, weil er einfach alles erlebt hat. Er war in der deutschen Bundesliga Co-Trainer. Dem braucht man nichts mehr zu erzählen.
Sie hätten ja letztes Jahr schon fast den Cuptitel geholt, stehen hinten mehr als solide, haben mit Havel eine Rakete im Sturm – wenn Rapid Meister werden kann, dann auch Hartberg."
WSG Tirol – Emotional, rational, ideal
"Ich war als Sky-Experte bei Sturm Graz gegen die WSG Tirol im Einsatz und habe dort eine WSG gesehen, die dem amtierenden Meister taktisch, defensiv und offensiv überlegen war. Sie sind nicht nur hinten stehen geblieben, sondern haben den Gegner durchgehend unter Druck gesetzt.
Mich beeindruckt Philipp Semlic, er ist intelligent und denkt den Fußball rational und emotional. Das sage ich nicht nur, weil er mein Nachfolger in der Sporthauptschule war und einmal fast mein U21-Nationalteam-Assistent geworden wäre. Er bringt seine Idee einfach sehr gut rüber.
Du brauchst aber nicht nur einen guten Trainer. Stefan Köck macht einen hervorragenden Job, es ist beinahe ein Erfolgsduo wie Andreas Schicker und Christian Ilzer. Die Wattener setzen genauso auf Kontinuität und mit einem sehr ehrlichen Zugang haben sie viel aufgebaut.
Das siehst du an den Spielern. Das Team ist gut zusammengestellt, weil sie eben den Spielermarkt gut lesen können. Wenn es dann in der Mannschaft stimmt, macht das jeden Spieler besser. Ich traue ihnen zu, die Qualifikationsgruppe zu gewinnen."
SCR Altach – Ebenfalls ein tolles Duo
"Beim SCR Altach gibt es derzeit ebenfalls ein ausgezeichnetes Duo. Ognjen Zarić ist ein moderner Trainer und hat im ÖFB-Cup-Halbfinale im vielleicht wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte gezeigt, was alles möglich ist. Ihm zur Seite steht mit Atde Nuhiu ein sehr erfahrener Mann als Co-Trainer, der alleine 242 Mal in der englischen Championship gespielt hat.
Ich denke, er hat einen sehr guten Draht zu den Spielern und ist somit das Bindeglied zwischen Trainer und Mannschaft, die Verbindung von Theorie und Praxis.
Insgesamt ist Altach ein gesunder Verein, auch wenn es in den letzten Jahren immer sehr knapp war mit dem Klassenerhalt. Dieses Jahr sind sie definitiv kein Abstiegskandidat!
Sie haben in dieser Saison schon den LASK, die Austria und im Cup Sturm und Salzburg geschlagen. Das zeigt, wie gut sie sein können. Aber es darf nun dennoch niemand glauben, dass irgendwer etwas Besonderes ist oder es nun leicht geht."
Ried – Keine Zauberer
"Für mich ist es die größte Sensation, dass Trainer Maximilian Senft trotz Interesse oder sogar Angeboten im Herbst nicht gegangen ist. Es gibt wenige Vereine, die einem Trainer auch bei einem Abstieg die Treue halten - und es gibt wenige Trainer von kleinen Vereinen, die bleiben, obwohl sie zu einem größeren Klub gehen könnten.
Ich denke, das liegt am Umfeld. Wir waren mit der U21 sehr regelmäßig zu Gast bei der SV Ried und da lernst du die Verantwortlichen schon gut kennen. Es ist ein geerdeter und über die Jahre etablierter sogenannter "Dorfverein", der mittlerweile einfach zur Bundesliga gehört.
Der Klub lebt von den menschlichen Werten. Ich sage dazu immer: Wo viel Geld ist, ist weniger Gemeinschaft – im Fall der Wikinger ist das Umgekehrte der Fall.
Ihre fußballerische Philosophie ist so, dass sie nicht zaubern, sondern tun, was sie können. Jetzt sagt der eine vielleicht, dass sie sich auf Standards verlassen und die Zweikämpfe suchen. Aber ich glaube, dass der Erfolg ihnen recht gibt. Eigentlich hätten sie sich die Meistergruppe verdient."
WAC – Da müsste jetzt alles schiefgehen
"Ich habe schon erzählt, wie ich über den Didi Kühbauer denke. Mit der auf seinen Abgang folgenden Entwicklung hat wohl niemand gerechnet. Ja, der Peter Pacult ist nicht der extreme Kommunikator, er ist eher so Happel-Schule. Ich hätte ihm dennoch Zeit gegeben.
Wenn einer so viel erreicht hat, dann wachsen Spieler und Trainer unweigerlich enger zusammen und jeder Trainer hat es danach sehr schwer. Die Kicker sind ja nicht innerhalb weniger Wochen schlecht geworden, immerhin waren sie Cupsieger und bekanntlich fast sogar Meister.
Aber es ist nicht das erste Mal, dass der Verein in so einer Situation ist, und Präsident Dietmar Riegler hat den WAC mit all seiner – auch fußballerischen – Erfahrung immer wieder zurück nach oben geführt.
Das liegt in dem Fall zweifelsohne daran, dass der Wolfsberger AC per se eine passende Struktur hat und ein gesunder Klub ist. Da müsste jetzt schon alles daneben gehen …"
GAK – Kontinuität wird zum Erfolg führen
"Für den neutralen Beobachter meines Ex-Klubs sind sie aktuell dort, wo sie hingehören. Es war letztes Jahr schon so, dass sie sich in der Bundesliga schwerer tun – das ist aber auch logisch.
Was hat dem GAK in dieser Saison gefehlt? Eigentlich nur ein paar kleine Dinge. Wenn du das eine oder andere Spiel unentschieden spielst statt verlierst, kommst du in den so wichtigen Flow. Ich finde es zudem gut, dass der Verein an Ferdinand Feldhofer festhält. Das haben sie bei Gernot Messner und der verpassten Meisterschaft in der 2. Liga schon so gehandhabt, zwischendurch anders.
Viele Trainerwechsel sind mit Kommunikationsschwierigkeiten innerhalb der Mannschaft verbunden – das ist eine menschliche, logische Sache. Im Herbst war es schon eng für ihn, die Mannschaft hat jedoch die Antwort am Platz gegeben und gezeigt, dass sie hinter ihm stehen.
Der Effekt von Trainerwechseln ist kaum gegeben, und ich zitiere hier gerne Leo Windtner: Am erfolgreichsten bist du, wenn Kontinuität herrscht."
Blau-Weiß Linz – Der Trainer ist die wichtigste Person
"Ich kenne Blau-Weiß Linz ja gut, weil Co-Trainer Andreas Gahleitner gleichzeitig mein Assistent war. Dass sie in diese Situation kommen, hat mich überrascht, weil Gerald Scheiblehner tolle Aufbauarbeit geleistet hat. Ich halte viel von Mitja Mörec und es tut mir für alle leid, dass es nicht geklappt hat. Es zeigt sich aber hier ganz deutlich, dass der Trainer die wichtigste Person im Fußballbetrieb ist.
Scheiblehner hat den Verein über Jahre geformt und dann steht der Verein immer vor der Frage. Die Belohnung war, dass er ins Ausland gehen konnte. Dann müssen die Funktionäre entscheiden, wie es weitergeht. Sie stehen unter enormem Druck:
Du musst erfolgreich sein, damit sich Spieler gut entwickeln und du diese verkaufen kannst, damit das Budget stimmt. Eine Sisyphus-Arbeit, weil der Stein verlässlich den Berg herunterrollt, wenn du oben bist.
On top kommt dann noch die Unplanbarkeit, wenn ein Stürmer Ladehemmung hat oder ein wichtiger Spieler schwer verletzt ist. Am Ende muss man sagen: Wer nach 22 Runden Letzter ist, ist vermutlich das schwächste Team der Liga."
Georg Sohler