Foto: © Screenshot Sky Sport Austria Mai

Wiener Derby: Eindeutige xG-Werte, dennoch gerechtes Remis [Spiel-Analyse]

Drei Runden vor Schluss der österreichischen Bundesliga traf der SK Rapid Wien auswärts auf die Wiener Austria. Nach einem schwachen Anfang der Violetten wendete sich die Partie nach der Gelb-Roten Karte für die Hütteldorfern und die Austria konnte die Partie beinahe noch drehen.

+ + 90minuten.at Exklusiv - Eine Spielanalyse von Simon Goigitzer + +

 

Am 30. Spieltag der österreichischen Bundesliga kam es zu Austragung des 336. Wiener Derbys. Zum vierten Mal in Folge trennten sich die Wiener Austria und der SK Rapid Wien mit einem 1:1. Insgesamt endeten die letzten sieben Derbys mit einem Remis. Obwohl beide Mannschaften die Chancen dazu gehabt hätten, als Sieger vom Platz zu gehen. Am Sonntag hatte die Wiener Austria einen xG-Wert von 2,17 und Rapid einen Wert von 1,15. Zudem hatten beiden Teams jeweils mindestens zwei Großchancen. Das bedeutet, dass das gestrige Derby laut Statistik höher ausfallen hätte müssen. Auch in den Duellen davor gab es ähnlich Werte, nur dass in den letzten Fällen die Hütteldorfer die klar bessere Mannschaft war, allerdings nicht ihre Torchancen nutzten.

Mit der gelb-roten Karte von Bernhard Zimmermann kippte das Spiel zugunsten der Austria. Davor und vor allem in der ersten Hälfte hatten die Gäste die Überhand. Nicht nur mehr Ballbesitz, sondern auch mehr Pässe und ein größerer xG-Wert zeigen, dass Rapid in den ersten 45 Minuten viel dominanter war. Das lag vor allem an den verschiedenen Pressing-Höhen der beiden Teams.

Die Wiener Austria agierte in einer engen 4-2-3-1-Formation im Mittelfeldpressing. Dabei wurde der Fokus gelegt, den Ball nicht durch die Mitte zu spielen lassen. Daher wurden die Sechser auch immer wieder vom Stürmer in den Deckungsschatten gestellt und der Ballführende von der ersten Aufbaulinie aus dem Zentrum angelaufen. Darüber hinaus wurde auf die Flügel geleitet. (Abbildung 1)

DaAbbildung 1: Das Pressing der Austria im 4-2-3-1.

Zudem agierten die Austrianer im zentralen Mittelfeld mannorientiert. Aus der 4-2-3-1-Formation heraus bildete sich durch die Doppelsechs der Hütteldorfer oft ein 4-1-4-1 bei den Gastgebern. Das heißt, dass die Gegner der Austria im Zentrum manngedeckt wurden. Wie in der Abbildung 2 zu sehen ist. Nur nach der Gelb-Roten Karte oder bei einem Abstoß für Rapid pressten die Violetten die erste Aufbaulinie der Gäste hoch an.

Abbildungen 2: Durch die Mannorientierungen bildet sich ein 4-1-4-1.

Bei den Gästen aus Hütteldorf gab es ähnliche Ansätze, wobei die Pressinghöhe variierte. Anfangs wurde die Austria hoch angelaufen, wodurch es auch kaum zu längeren Ballbesitzphasen der Gastgeber kam. Auch Rapid presste in einem 4-2-3-1 an, jedoch gab es aufgrund der verschiedenen Phasen der Pressinghöhe auch Unterschiede in den Formationen bei den Hütteldorfern. Beim hohen Anlaufen ähnelte es eher einem 4-3-3 und beim tiefen Mittelfeldpressing einem flachen 4-4-2.

Abbildung 3: Das Anlaufen in einem 4-2-3-1.

 

Der Flügel-Fokus

In der ersten Halbzeit gab es auch in der Ballbesitzphase einige Unterschiede zwischen den beiden Mannschaften. Aufgrund des hohen Anlaufens der Hütteldorfer hatte die Austria kaum längere Ballbesitzphasen oder Ballstafetten. Erst nach dem Führungstreffer der Gäste konnte die erste Aufbaulinie den Ball zirkulieren lassen. Davor kam die Austria in Phasen des Ballbesitzes beinahe nur zu Umschaltmomenten beziehungsweise nützte eine Balleroberung gleich zum Umschalten in die Offensive. Zwar gab es auch einen Abschluss in der 15. Minute nach einem Konter, dennoch blieb die Austria in der Anfangsphase eher ungefährlich.

Wie schon erwähnt, konnte die Austria erst nach dem Führungstreffer Rapids und dem darauf folgenden tieferen Pressing dafür sorgen, dass der Ball in den eigenen Reihen zirkulieren konnte. In dieser Phase der ersten Hälfte gab es auch einige Muster beziehungsweise Abläufe zu erkennen. Besonders die Außenverteidiger spielten im Aufbau eine Rolle. In einer 2-4 Staffelung im Aufbau bekamen immer wieder die Außenspieler den Ball und versuchten diesen meistens diagonal in das Sturmzentrum zu spielen. Hier waren vor allem die Bewegungsabläufe vom Zehner (Alexander Grünwald) als auch von Stürmer Marco Djuricin und später Noah Ohio wichtig, um den Ball in den Zwischenlinienraum zu spielen. Besonders Tiefenläufe sorgten dafür den Abstand zwischen den gegnerischen Ketten zu vergrößern und einen Pass in den Zehnerraum zu erlauben.

Auch der SK Rapid Wien fokussierte sich im Spielaufbau auf den Flügel, versuchte dabei jedoch besonders im letzten Drittel erst den Flügelspieler anzuspielen. Dies gelang vor allem mit hohen Seitenverlagerungen von der ersten Aufbaulinie oder den beiden Sechsern. Hier ein Beispiel. (Abbildung 4)

Abbildung 4: Spielverlagerung auf den Flügel.

Durch das Herausattackieren von Grünwald konnte die erste Pressinglinie der Austria mit einem vertikalen Pass auf den Sechser sofort überspielt werden. Emanuel Aiwu spielte den Pass direkt auf Robert Ljubicic, der diese Aktion perfekt ausführte. Nicht nur machte er Schulterblicke zu den richtigen Zeitpunkten – also kurz vor dem Pass und während der Ball unterwegs ist – sondern nahm den Ball auch so mit, dass er mit dem zweiten Kontakt den hohen diagonalen Pass auf Marco Grüll spielen kann. Dabei war es natürlich auch wichtig, dass Aiwu den direkten Pass auf den linken Fuß von seinem Mitspieler spielt, sonst könnte sich Ljubicic nicht ohne Probleme nach vorne aufdrehen. Ein weiteres Beispiel für die Seitenverlagerung von Rapid. (Abbildung 5)

Abbildung 5:Seitenverlagerung aus der ersten Aufbaulinie

Allerdings waren Seitenverlagerungen nicht das einzige Mittel, um das enge 4-2-3-1 der Austria zu knacken. Das Andribbeln von Maximilian Hofmann aus der ersten Aufbaulinie heraus brachte einige Male Aktionen in der gegnerischen Hälfte. Ein Beispiel aus der 34. Minute. (Abbildung 6)

Abbildung 6: Vertikaler Pass, um das Pressing zu überspielen

Hofmann bekam im Aufbau den Ball von Kevin Wimmer zugespielt. Der Innenverteidiger wurde daraufhin von Grünwald angelaufen. Durch die zentrale Positionierung von Aiwu wurde Vesel Demaku gebunden und auch Manfred Fischer stand zu weit entfernt von seinen Mitspielern. Christoph Knasmüllner bewegte sich bei der Annahme von Hofmann in den Zwischenlinienraum und konnte daraufhin mit einem vertikalen Pass angespielt werden.

 

Änderungen nach der gelb-roten Karte

Nach dem Zimmermann-Ausschluss stellte Cheftrainer Ferdinand Feldhofer auf eine flache 4-4-1-Formation um. Allerdings bildete Rapid auf der ballnahen Seite durch das Fallenlassen des äußeren Mittelfeldspielers öfters eine Fünferkette. Das heißt, als die Wiener Austria im Angriffsdrittel war, verteidigten die Gäste ballnah in einem 5-3-1. In der Phase des Ballbesitzes kam es für Rapid beinahe nur noch zu offensiven Umschaltsituationen.

In Überzahl versuchte die Wiener Austria noch mehr Spieler in die letzte Linie zu bringen, um daraufhin auch nach einem Pass auf den Flügel, die Strafraumbesetzung hochzuhalten. Auffällig war vor allem das Muster, wenn der Ball auf den Außenspieler gespielt wurde, dass dieser überlaufen wurde, da oft der Abstand zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger groß war. Hier dazu ein Beispiel:

Abbildung 7: Pass auf den Außenspieler

Abbildung 8: Nach dem Pass auf den Flügel kam ein Tiefenlauf zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger

 

Fazit

Der SK Rapid Wien war in der ersten Hälfte die dominantere Mannschaft und konnte daraufhin auch den Führungstreffer erzielen. Die gelb-rote Karte für den grün-weißen Torschützen spielte jedoch in die Karten der Austria und die offensivere Ausrichtung brachte kurz vor Schluss den Ausgleich. Die Chancen, um die Partie zu drehen, waren sogar vorhanden. Auch die Statistiken - besonders die xG-Werte - zeigen, dass die Austria dieses Spiel hätte gewinnen sollen, gereicht hat es aber am Ende einmal mehr nicht. Das Unentschieden brachte beiden Mannschaften keine Sicherheit, um den Platz in Europa.

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