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Salzburgs Verbesserungen im Positionsspiel biegen harmloses Sturm [Spiel-Analyse]

Zum Start der Meistergruppe konnte sich der FC Red Bull Salzburg gegen seinen noch vor dem Spiel ersten Verfolger SK Sturm Graz durchsetzen. Viel Salzburger Ballbesitz, eine Menge an Umschaltaktionen und wenige Torraumszenen prägten das Spiel.

+ + 90minuten.at Exklusiv - Eine Spielanalyse von Simon Goigitzer + +

 

Am ersten Spieltag der Meistergruppe empfing der amtierende Meister FC Red Bull Salzburg den SK Sturm Graz. Die letzten Spiele beider Mannschaften waren nicht sehr berauschend. In der Königsklasse verloren die Salzburger gegen den FC Bayern München mit einem Gesamtscore von 8:2.  Besonders mental, was auch Cheftrainer Matthias Jaissle betonte, war das Spiel gegen die Grazer eine große Herausforderung. Im Vergleich dazu war Sturm nur in der Bundesliga unterwegs und erzielte in den vier Spielen davor drei Remis. Nur gegen den TSV Hartberg konnte ein klarer Sieg eingefahren werden. Dennoch war die Favoritenrolle eher den Gastgebern zugeteilt.

Bevor jedoch genauer über taktische Aspekte, die in diesem Spiel vorgekommen sind, geschrieben wird, werden einige Statistiken genauer betrachtet. Ein genauerer Blick auf die xG-Werte beider Mannschaften zeigte, dass die Salzburger nicht unverdient gewonnen haben. Die Bullen erarbeiteten sich einen xG von 2,79 und die Grazer nur 0,73. Ginge man noch mehr in die Details – besonders in den Schussstatistiken – so können die xG-Werte gleich erklärt werden. Zwar haben beide Teams die gleiche Anzahl der Schüsse, jedoch wurde viele Abschlüsse der Grazer geblockt und acht von 14 Schüssen waren von außerhalb des Strafraumes. Dazu im Vergleich die Schüsse der Gastgeber: 11 Abschlüsse waren im Strafraum, dabei zwei Stangenschüsse und nur vier blockierte Abschlüsse. Auch die Großchancen zeigen, dass die Salzburger vor allem in der Offensive überlegen waren. Insgesamt hatten die roten Bullen fünf Großchancen und die Gäste aus Graz null.

Allerdings waren die Abschlussstatistiken nicht nur die einzigen Zahlen, die klar auf die Seite der Salzburger schlugen. Zunächst hatten die Gastgeber ein klares Übergewicht im Ballbesitz und auch die Erfolgsquote der Pässe war bei RB um einiges höher. 76 Prozent der Pässe kamen bei den Salzburgern an, bei den Gästen nur 59 Prozent. Bei den anderen Statistik-Bereichen wie Zweikämpfe oder Defensive-Werte war es recht ausgeglichen. Dennoch zeigen die bereits erwähnten Statistiken, dass Salzburg die Überhand gehabt hat und Sturm recht wenige Chancen hatte. Trotzdem meinte Cheftrainer Christian Ilzer nach dem Spiel, dass „es eine gute Leistung war.“

 

Umschaltmannschaft vs Umschaltmannschaft!

Am gestrigen Sonntag trafen zwei Mannschaften aufeinander, die gegen den Ball nicht nur die gleiche Formation spielen, sondern auch in Umschaltsituationen oder auch Ballbesitzmomente ähnliche Prinzipien haben. Neben hohem Pressing, direktem sowie vertikalem Spiel nach vorne ähnelt sich sogar das Anlaufverhalten und das Gegenpressing. Treffen zwei solche Teams aufeinander, kommt es im Spiel immer wieder zu Umschaltmomenten. So ging es für den Zuschauer sehr viel hin und her, jedoch gab es, besonders in der ersten Hälfte, kaum Strafraumaktionen. Das sorgte dafür, dass das nicht sehr ansehnlich war. Dennoch gilt es einige Szenen beziehungsweise taktische Aspekte hervorzuheben.

Der SK Sturm Graz spielte, wie gewohnt, mit einer 4-4-2-Formation und einer Raute im Mittelfeld. Die Salzburger wurden hoch angelaufen und der Pass auf den Außenverteidiger war der Auslöser für das intensive Anlaufen beziehungsweise das Anpressen.

Abbildung 1: Das Pressing der Grazer

Besonders wichtig dabei ist, dass der Achter nicht nur aus der Mitte heraus anläuft, sondern sich auch an seinen Gegenspieler orientiert. Da die Salzburger hauptsächlich auch in einer Raute spielten, war in diesen Fällen der gegnerische Achter. Zudem musste vom Spieler beachtet werden, dass sich der RBS-Profi nicht aus seinem Deckungsschatten befreit. Daher musste auch immer wieder beim Anlaufen ein Schulterblick gemacht werden, um womöglich das Anlaufverhalten noch zu korrigieren.

Ein weiterer Aspekt, der bei den Grazern auffiel, war vor allem das offensive Umschaltverhalten. Hierbei war ein klares Muster zu erkennen. Kam es zu einer Balleroberung, so wurde versucht, so schnell wie möglich den Ball nach vorne zu spielen. Dabei waren die Laufwege der Stürmer extrem wichtig, da die Gäste sonst zu keiner Torchance gekommen wären. Kam es beispielsweise auf der linken Seite zu einer Balleroberung, so lief der ballnahe Stürmer mit einem Bogenlauf auf den Flügel und in die Tiefe. Dabei sprintete auch der ballferne Stürmer in die Tiefe, konzentrierte sich aber auf den ballfernen Halbraum. Somit sorgten die beiden Stürmer dafür, dass die Innenverteidiger sehr weit auseinander waren und möglicherweise der Zehner mit viel Platz und Zeit den Ball bekommen hätte können. Jedoch war es auch möglich, dass vor allem der ballnahe Stürmer in die Tiefe geschickt wurde. Beispiele gab es hier in der 22. Und 31. Minute, als die Grazer auch in der Anschlussaktion am Strafraum nur knapp das Tor verfehlten.

 

Salzburg: Verbesserungen im Ballbesitz?

Beim FC Red Bull Salzburg gab es – aufgrund höherer Ballbesitzanteile – ebenfalls einige auffallende Dinge. Gegen den Ball agierte man wie erwähnt in einer 4-1-2-1-2-Formation und presste die Grazer hoch an. Dabei wurden jedoch die Innenverteidiger direkt angelaufen im Vergleich zu den Grazer, für die der Pass auf den Außenverteidiger ein Pressingauslöser war.

Im Ballbesitz wendeten sich die roten Bullen jedoch von der Raute oft ab und agierten entweder in einer 4-2-2-2-Formation oder bildeten in der ersten Aufbaulinie auch eine situative Dreierkette. Das 4-2-2-2 half vor allem im Spielaufbau, um die ersten Pressinglinie der Gäste zu überspielen. Luka Sucic bewegte sich neben Nicolas Seiwald und so waren sie gegen Anderson Niangbo, der bei den Grazer als Zehner agierte, in Überzahl. Ein Vorteil war zudem, dass die beiden Stürmer der Gäste es gewohnt sind, aus der Mitte heraus anzulaufen. So war es häufig möglich vertikale Pässe aus der ersten Aufbaulinie zum Sechser zu spielen und so konnten gleich fünf Sturm-Spieler überspielt werden.

Abbildung 2: Durch die Doppelsechs in der Mitte kann das Pressing überspielt werden.

Neben der Doppelsechs, um die 1. Ebene zu überladen, gab es auch einige Vorteile in der situativen Dreierkette. Besonders die Ballzirkulation in der Abwehr war eine. Je breiter die erste Aufbaulinie war, desto länger waren die Laufwege für die Gegner. Zudem gab es immer die Möglichkeit, die Seite zu wechseln. Da mit der Dreierkette ein Mann mehr da war und so auch der abkippende Seiwald als Absicherung diente, konnte der ballferne Breitengeber – in diesem Spiel Andreas Ulmer oder Rasmus Kristensen auch wirklich in der Breite bleiben. Das ermögliche viele Seitenwechsel, wodurch die Salzburger auch kontrollierter und mit mehr Platz in das letzte Drittel eindringen konnten.

Abbildung 3: Situative Dreierkette

Abbildung 4: Situative Dreierkette ermöglich Platz im Zwischenlinienraum.

Auffällig war jedoch auch, dass neben den gewohnten vertikalen Pässen in die Tiefe in der Rauten-Formation, wirklich viele Seitenverlagerungen gespielt wurde. Einige Mal als Kristensen ein wenig eingerückt war und den Flügel direkt auf Ulmer wechseln konnte.

Salzburgs Matchplan ging besonders in den ersten beiden Dritteln auf, da sie eine klare Überlegenheit mit dem Ball hatten und auch durch ihr Gegenpressing immer wieder Konter unterbinden konnten. Allerdings gab es viele Probleme im Angriffsdrittel. Besonders nach dem 1:0-Führungstreffer kamen die Bullen immer wieder zu einigen Chancen, die sie nicht nutzten. In diesen Momenten waren die Spieler oft zu eigensinnig, beziehungsweise trafen die falschen Entscheidungen. Der Sieg hätte für die Salzburg viel höher ausfallen können.

 

Fazit - Sturms schlechter Start in die Meistergruppe

Im ersten Topspiel der Meistergruppe zeigte der SK Sturm Graz nur eine bescheidene Leistung. Neben wenigen Torchancen und kaum langen Ballbesitzphasen kam es auch zu wenig hohen Balleroberungen oder offensiven Umschaltaktionen, die fertig gespielt wurden. Auch die Zahlen in der Statistik belegten, dass die Grazer nicht ihren besten Tag gegen den amtierenden Meister erwischten.

Der FC Red Bull Salzburg hingegen zeigte vor allem mit dem Ball interessante Lösungen im eigenen Drittel, hatte jedoch große Probleme im Angriffsdrittel beziehungsweise vor dem Strafraum. Besonders zu Beginn des Spieles konnten kaum Torchancen erspielt werden. Dennoch konnten die Bullen nach einer herben Niederlage gegen die Münchner eine durchwegs gute Leistung zeigen, die auch für den Sieg gegen schwache Grazer reichte.

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