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Sturm Graz weiterhin mit Problemen im Ballbesitz [Spiel-Analyse]

Sturm Graz verlor zwar im Duell gegen den LASK 0:2, zeigte jedoch in einigen Bereichen eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr und konnte vor allem das Spiel lange spannend halten.

+ + 90minuten.at Exklusiv + + Eine Spielanalyse von Simon Goigitzer

 

Der SK Sturm Graz war der zweite Gegner für den LASK in dieser Woche. Am Donnerstag gewannen die Linzer in der Europa League mit 4:3 gegen Ludogorets Rasgrad. Daher gab es auch einige Veränderungen in der Startformation. Andrés Andrade rückte wieder zurück in die Dreierkette und ersetzte Petar Filipovic. Johannes Eggestein durfte statt Marko Raguž starten und auch Rene Renner war wieder auf der linken Außenseite aufzufinden. Sturm Graz begann mit der selben Aufstellung, wie beim Sieg über den SV Ried am vergangenen Spieltag.

 

Hat sich Sturm Graz mit Christian Ilzer verbessert?

Im Ballbesitz agierten die Grazer in einer 4-1-3-2 Formation, wobei beide Stürmer sehr gerne auf den Flügel auswichen und somit dort Überzahl kreierten. Mit dem Ball gab es jedoch noch einige Probleme wie in der letzten Saison unter Nestor El Maestro. Die beiden größten Problemstellen im Ballbesitz sind die Bewegungen der Spieler ohne den Ball und oft auch die Entscheidungen des Ballführenden. In sehr viele Situationen hatten die Spieler der Grazer kaum Anspielstationen und mussten den hohen Ball nach vorne spielen. Zwar gab es oft Läufe in die Tiefe, jedoch kam selten ein Spieler entgegen oder befreite sich aus dem Deckungsschatten um für den Ballführenden eine kurze Passoption zu sein. Dadurch kam es mehrmals zu hohen Bällen oder auch Ballverlusten in der eigenen Hälfte.

In mehreren Situationen sah man, dass Sturm – trotz des hohen Pressing der Linzer – den hohen Ball vermeiden und flach herausspielen wollte. Allerdings brachten sie die Spieler durch zu wenig Bewegung ohne den Ball in schwierige Situationen. Wie zum Beispiel in der 20. Minute (Abbildung 1)

Abbildung 1: Sturm Graz brachte sich selber, wegen schlechten Positionierungen, in Gefahr. (Pfeile in Schwarz zeigen bessere Optionen)

Sturm Graz hatte Abstoß und Amadou Dante wurde von Gregory Wüthrich am Flügel angespielt. Der linke Außenverteidiger spielte daraufhin mit dem ersten Kontakt auf Andreas Kuen in die Mitte. Da der Mittelfeldspieler bereits unter Druck war, konnte er nur noch mit dem ersten Kontakt zurück zum Innenverteidiger spielen. Wüthrich nahm den Ball jedoch an und konnte von Andreas Gruber unter Druck gesetzt werden. Die Grazer kamen aus dieser Situation nicht mehr heraus und es gab daraufhin Einwurf für den LASK.

Die Passabfolge bis zu Kuen waren situationsgerechte Entscheidungen, da sie in dieser Szene zunächst den hohen Ball vermeiden wollten, aber die Gäste pressten hoch an und somit bräuchte es auch mehr Bewegung in der 1. Aufbaulinie. Kuen bekam den Ball und hatte nur noch eine Passoption, die zudem nicht optimal anspielbar war. Sobald Kuen den Ball bekam, hätte sich Wüthrich viel näher zum Strafraum positionieren sollen, damit er sich nicht nur besser aus dem Deckungsschatten von Gruber lösen könnte,  sondern auch mehr Passoptionen nach dem Rückpass von Kuen gehabt hätte. Das heißt, dass wenn sich der Innenverteidiger früher in die Mitte bewegte hätte, hätte er ohne Probleme einen hohen Ball nach vorne oder auf die ballferne Seite spielen können. Zudem wäre es noch möglich gewesen eine weitere flache Passoption zu finden. So konnte er von Gruber schneller angelaufen und zu einem Ballverlust provoziert werden.

Auch in der nächsten Szene haben die Grazer Probleme, da es kaum Anspielstationen für den Ballführenden gab. (Abbildung 2)

Abbildung 2: Auch hier gab es für den Ballführenden kaum Anspielstationen. (Pfeile in Schwarz zeigen bessere Optionen)

Sandro Ingolitsch bekam den Ball vom rechten Innenverteidiger und wurde von Renner und von Balic unter Druck gesetzt. Ingolitsch entschied sich mit dem ersten Kontakt nach vorne zu spielen, jedoch wehrte Renner den Ball ins out ab. Der rechte Außenverteidiger hatte kaum kurze Anspielstation nach vorne und auch Hierländer sprintete zunächst in die Tiefe, als der rechte Innenverteidiger den Ball hatte. Auch der zentrale Mittelfeldspieler bot sich nicht situationsgerecht an, um die Pressingsituation der Linzer aufzulösen. Zu sehen war allerdings auch, dass sich David Nemeth nach dem Pass auf den Flügel sofort wieder frei bewegte und auch anspielbar gewesen wäre.  Durch die schlechten Positionierungen im Ballbesitz kam es auch immer wieder zu einer schlechten Restverteidigung. Hätte Renner den Ball erobern können, hätten die Linzer in eine 5 gegen 5 Situation umschalten können.

Jedoch hat sich das Spiel der Grazer in einigen Bereichen im Vergleich zur letzten Saison stark verbessert. Einer dieser Bereiche sind die Umschaltsituationen in die Offensive, die wir sehr gut Vergleichen können, da unter El Maestro beinahe nur über Umschaltsituationen die Grazer zu Torchancen kamen und Christian Ilzer sehr viel Wert auf Konter legt. Zu erkennen war, dass – besonders in der zweiten Halbzeit – die Gegenpressingsituationen der Linzer mit kurzen Kombinationen besser und kontrollierter überbrückt werden konnten und sie dadurch auch in die gegnerische Hälfte kamen. In Situationen, in denen sie den Balleroberten versuchten mit vielen Doppelpässen das Umschaltverhalten der Linzer zu überspielen. In den Anschlussaktionen kamen auch mehrmals die richtigen Entscheidungen mit dem tiefen Pass nach vorne, jedoch war die Ausführung einige Male nicht optimal.

Sturm Graz zeigte aber nicht nur in den Umschaltsituationen in die Offensive gute Ansätze, sondern auch im Pressing agierten sie besser. Besonders das Anlaufverhalten der einzelnen Spieler war situationsgerechter, sodass sie die Linzer in ihrem Aufbau mehrmals unter Probleme stellten.

 

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Abbildung 3: Das Mittelfeldpressing der Grazer.

Wenn Sturm hoch anpresste, liefen sie die drei Abwehrspieler der Linzer mannorientiert an und der entgegenkommende zentrale Mittelfeldspieler wurde zugestellt. Attackierten sie jedoch nicht im Angriffspressing und übten ein Mittelfeldpressing aus, verteidigten sie mit einer Raute im Mittelfeld, wie in der Abbildung 3 zu sehen ist. Dazu kam noch, dass sie sehr schnell zwischen den beiden Pressingtypen umschalten konnten, um LASK nicht zu hoch aufbauen zu lassen und die gegnerische Dreierkette sofort wieder unter Druck zu setzen. Um das zu bewirken rückte Jakob Jantscher oder Kevin Friesenbichler oft sehr schnell wieder auf den linken Flügel, um mit Stefan Hierländer die drei Aufbauspieler der Linzer zu attackieren.
Zwar kann man gute Ansätze sehen, dennoch sind einige Probleme im Pressing noch vorhanden. Besonders zu sehen war der Abstand zwischen den Linien, der oft zu groß war und die Linzer mit vertikalen Bällen sehr schnell das Mittelfeld überspielen konnte.

 

Ein typisches LASK-Spiel

LASK spielte – wie üblich – in einer 3-4-3-Formation. Mit einem hohen Pressing und intensiven Umschaltphasen in beiden Richtungen versuchten sie immer wieder nach vorne zu kommen. Jedoch stach auch diesmal heraus, dass die Linzer nicht nur ein Umschaltteam sind. Auch im Ballbesitz fanden sie gegen das hohe Pressing der Grazer situationsgerechte Lösungen. Meisten kamen Chipbälle in den Zwischenlinienraum auf Eggestein, da die Grazer oft zu große Räume zwischen den Linien hatte. Zudem war die Entscheidungsfindung des deutschen Stürmers sehr gut, sodass die Anschlussaktionen immer wieder zu Ballbesitz im letzten Drittel führte. Durch einen Chipball über das Mittelfeld kam es zum ersten Treffer der Linzer, da sie auch in der Anschlussaktion gute Entscheidungen trafen und Husein Balić am Strafraum zum Abschluss kam.

Auch im Pressing war zu sehen, dass die Linzer gegen eine Viererkette nicht mit drei Stürmern attackierten, sondern die drei Offensiven wieder eine 1-2 Staffelung ergeben, um die beiden Innenverteidiger mannorientiert zu attackieren und den Sechser gleich zuzustellen. Das Bemerkenswerte an dieser Formation im Pressing gegen eine Viererkette ist, dass diese Art von allen drei letzten Trainern beim LASK durchgeführt wurde.

 

Fazit

Die Linzer konnten zwar gewinnen, jedoch sah man bei den Grazern eine Leistungssteigerung im Vergleich zum Vorjahr. Eine Analyse zwischen den beiden Vereinen von der vergangenen Saison finden Sie hier.

Im Pressing und in den offensiven Umschaltsituationen haben die Grazer sehr gute Ansätze und konnten vor allem in der zweiten Hälfte immer wieder zu Chancen kommen. In den zweiten 45 Minuten waren sie dem Ausgleich auch sehr nah und machten das Spiel für die Zuschauer auch noch spannend. Jedoch gibt es im Ballbesitz noch einige individuelle Details, die sie noch verbessern sollten, um gegen Mannschaften wie den LASK oder auch Salzburg gewinnen zu können.

Die Linzer konnten früh in Führung gehen, hatten aber große Probleme gegen die starke Defensive der Grazer. Sie konnten zwar öfters in das letzte Drittel kommen, allerdings kamen sie nur selten zu einem Abschluss.  Mit dem Sieg sind die Linzer weiterhin drei Punkte hinter dem SK Rapid Wien und Sturm Graz fällt auf den fünften Platz.

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