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Derby-Analyse: Rapid im Ballbesitz ideenreicher als die Austria [Spielanalyse]

Im 329. Derby zwischen der Wiener Austria und dem SK Rapid Wien konnten sich die Gäste in der Generali Arena mit einem 3:1 durchsetzen. Das Experiment Dreierkette ging bei den Austrianern schief und die Hütteldorfer zeigten wieder gute Ansätze im Ballbesitz.

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Eine Spielanalyse von Simon Goigitzer

 

Die Violetten begannen das Wiener Derby in einem 3-4-2-1/3-4-1-2. Sie spielten nicht, wie in den Partien davor, im herkömmlichen 4-1-2-1-2. Neben der taktischen Umstellung im Ballbesitz und im Pressing kamen zusätzlich auch viele Abspielfehler dazu. Ein Derby bringt natürlich eine gewisse Nervosität mit sich und das sah man vor allem in den Anfangsminuten bei beiden Mannschaften. Nach zehn Minuten stand es nach zwei Fehlern von Abwehrspielern 1:1.

In der ersten Halbzeit gab es bei der Austria sehr große Probleme im Ballbesitz. Die Veilchen konnten das Pressing der Gäste kaum überspielen und taten sich schwer, überhaupt in das mittlere Drittel zu kommen. Neben kurzen Ballbesitzphasen konnte man auch in den Umschaltphasen kaum zu guten Torabschlussmöglichkeiten oder gar in das letzte Drittel kommen. Nach Ballgewinn versuchten die Hausherren zwar immer schnell nach vorne zu spielen und die Unordnung des Gegners auszunutzen, jedoch waren die Pässe meist sehr ungenau oder man verlor den Ball gleich wieder im Dribbling. Es wurde selten versucht nach Ballgewinn den Ball zu sichern, um das Spiel neu aufzubauen.

 

Fehlgeschlagene Dreierkette und violette Aufbaufehler

Das Experiment mit einer Dreier- beziehungsweise Fünferkette gegen Rapid Wien zu spielen ging schief. Nach 35 Minuten stellte Christian Ilzer das System auch um. Aber wieso funktionierte das System mit der Dreierkette nicht? Zwar hatte die Austria nicht oft lange Ballbesitzphasen, aber als sie in der eigenen Hälfte in der Dreierkette aufbauen konnten, schienen sie ideenlos zu sein. Wie zum Beispiel in der 12. Minute. (Abbildung 1)

Abbildung 1: Zwierschitz lief den freien Raum vor sich nicht an und spielte wieder zurück. (Pfeile in schwarz zeigen einen besseren Vorschlag, Pfeile in rot zeigen die Entscheidung des Spielers)

Stephan Zwierschitz bekam den Ball und hatte sehr viel Platz nach vorne. Der Innenverteidiger dribbelte zwar einige Meter an, drehte aber wieder viel zu früh ab und spielte zurück zu Maudo Jarjue. Der Rückpass erzeugte für Rapid die Möglichkeit anzupressen. Vor allem, weil Jarjue auch nicht mit einer offenen Körperposition den Pass annahm und eigentlich nur zu Zwierschitz wieder zurückprallen lassen konnte. Außerdem machte die neue Nummer drei bei der Austria keinen Schulterblick und konnte gar nicht die freien Spieler auf der anderen Seite sehen. So kam Zwierschitz wieder zum Ball und wurde von Taxiarchis Fountas unter Bedrängnis gesetzt. Der Rapid-Stürmer konnte den langen Ball nach vorne auch noch verhindern. Besser wäre gewesen, nach vorne zu dribbeln. Dadurch hätte ihn Fountas attackieren müssen und ein Pass zu James Jeggo wäre möglich gewesen - die Austria hätte die erste Pressinglinie überspielen können.

In der 18. Minute gab es eine ähnliche Situation. (Abbildung 2) Zwierschitz bekam wieder den Ball und hatte abermals sehr viel Raum vor sich, dribbelte aber nicht an und spielte wieder den Ball zurück zu Jarjue. In der Folgeaktion bekam Johannes Handl den Ball ein wenig in den Lauf und dribbelte auch gleich an. Dadurch kam die Austria nach einem Pass von Handl auf den Flügel und nach einem Zuspiel von Klein in die Sturmspitze in das letzte Drittel. Besser wäre gewesen, wenn Jarjue Zwierschitz mit einem Pass in den Lauf gezwungen hätte nach vorne zu gehen. Daraufhin hätte Zwierschitz selber den freien Raum vor sich andribbeln sollen, da der Platz viel größer war als in der Aktion danach bei Handl.

Abbildung 2: Zwierschitz bekam wieder den Ball und lief den freien Raum vor sich nicht an.

In der ersten Halbzeit gab es bei der Austria nur selten schnelle Vorstöße von den Abwehrspielern um den Raum nutzen. Dadurch kam es auch wieder vermehrt zu hohen Bällen zu den Stürmern.

 

Das Pressing der Veilchen

Im Pressing agierte die Austria zunächst in einem 3-4-2-1. Christoph Monschein war der einzige Stürmer, jedoch attackiere Max Sax mehrmals aus der Zehnerposition heraus und es ergab sich ein 3-4-1-2. Die Gastgeber attackieren Rapid sehr hoch. Monschein lief meist in einem Bogen von innen einen der beiden Innenverteidiger an und stellte den zweiten Innenverteidiger in den Deckungsschatten. Der ballführende Abwehrspieler wurde durch das Anlaufen meist gezwungen, auf den Außenverteidiger zu spielen. Falls der Pass zum Außenspieler kam, attackierte entweder der äußere Stürmer oder auch der Außenverteidiger der Austria den Ballführenden. Die Violette lenkten auch den Aufbau der Gäste öfters über die linke Seite der Grün-Weißen. Das könnte daran liegen, dass Stephan Auer auf der anderen sehr oft Lösungen im Ballbesitz hatte, als er unter Druck kam und die Pressinglinien mehrmals überspielen konnte.

Abbildung 3: Pressing der Austria im 3-4-2-1

Einige Male wurde von den Austrianern jedoch beim Attackieren falsch angelaufen, sodass Rapid ohne Probleme die erste Pressinglinie überspielen konnte. Wie zum Beispiel Sax in der 47. Minute. (Abbildung 4)

Abbildung 4: Sax lief Barac falsch an und ermöglichte den Innenverteidiger den Pass zu Schwab.

Mateo Barac bekam den Ball und Sax lief den Innenverteidiger an. Stefan Schwab bewegte sich aus den Deckungsschatten des Stürmers und konnte von Barac angespielt werden. Bevor Sax anlief, machte er keinen Schulterblick und wusste daher nicht, dass sich ein Gegner aus seinem Deckungsschatten löste. Dadurch lief er Barac gerade an und ließ den Passweg zum gegnerischen Sechser offen. Dies war aber nicht die einzige Situation, in der Sax falsch attackierte. Auch in der ersten Halbzeit kam es einige Male vor, dass er unnötig oder falsch anlief und daher Raum hinter sich öffnete, den auch Rapid bespielen konnte.

Beim Attackieren konnte man zwar Rapid öfters zu einem hohen Ball nach vorne zwingen, allerdings hatte die Austria kaum Ballgewinne in den Pressingfallen bei den gegnerischen Außenverteidigern. Dazu kam, dass die Außenspieler bei den Grün-Weißen die Pressinglinie mit diagonalen Pässen in den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld überspielen konnten. Kurz vor der Pause reagierte dann Christian Ilzer auf die Probleme im Pressing und im Ballbesitz und wechselte Dominik Prokop statt Jarjue ein. Nach der Einwechslung spielte die Wiener Austria wieder im gewohnten 4-1-2-1-2. Dennoch ähnelte die zweite Halbzeit ein wenig den ersten 45 Minuten. Die Austria konnte zwar durch die Systemumstellung besser von hinten aufbauen, hatten aber weiterhin Probleme im letzten Drittel und im Pressing.

 

Rapid mit ein paar guten Ansätzen im Ballbesitz

Die Grün-Weißen spielten mit Ball in einer 4-2-3-1-Formation. Aufgebaut wurde in einer flachen Viererkette. Das heißt, dass die Außenverteidiger kaum hochschoben und eher hinten blieben. Dazu spielten die Gäste mit zwei Sechsern. Stefan Schwab, der sich öfters zwischen die beiden Innenverteidiger fallen ließ, kippte auch links neben die beiden Abwehrspielern ab. Durch das Fallenlassen von Schwab resultierte aber meistens der hohe Ball nach vorne, da eine Anspielstation in der Mitte fehlte. Rapid tat sich leichter, um sich aus dem Pressing zu lösen. Die Gäste spielten sehr viel über die Außenverteidiger, die oft in Drucksituationen Lösungen gegen das Pressing der Austria hatten. Vor allem Auer spielte mehrmals flache diagonale Pässe in den Zwischenlinienraum vor der Abwehr, um die Pressinglinie zu überspielen.

Dennoch fehlten einige Details, sodass Rapid sich viel besser, effektiver und öfters aus dem Pressing der Austrianer herauslösen hätte können. Wie zum Beispiel in der 47. Minute. (Abbildung 5)

Abbildung 5: Ullmann schoss einen Ball hoch nach vorne, obwohl Velimirovic in der Mitte einen Anspielstation gewesen wäre.

Maximilian Ullman bekam den Ball und hatte bei der Annahme eine geschlossene Körperposition gegenüber dem Spielfeld. Darauf hin wurde er von hinten unter Druck gesetzt und konnte nur noch einen hohen Ball nach vorne Spielen. Das führte dann zu einem Ballverlust. Besser wäre es gewesen, wenn Ullmann den Ball mehr in die Mitte mitgenommen hätte. Dadurch hätte er sich auch besser in den Weg des gegnerischen Offensivspielers stellen können. Außerdem wäre ein Pass zum Sechser Dalibor Velimirovic möglich gewesen. Der Debütant hätte sich natürlich auch besser anbieten können. Mit dem Pass in die Mitte hätte sich Rapid aus der Pressingsituation herausgelöst und für den jungen zentralen Spieler wäre es möglich gewesen die Seite zu wechseln.

Durch die Umstellung der Austria in der zweiten Halbzeit konnten die Gäste dann noch viel mehr die das Spiel über die Flügel forcieren. Denn die Violetten konnten nicht immer aus der Achterposition den Flügel herausattackieren. Falls der Achter der Austria heraus attackierte, schob dahinter keiner schnell genug nach und Rapid nutzte den Raum. Wie zum Beispiel bei einem Doppelpass zwischen Philip Schobersberger und Thomas Murg in der 65. Minute. (Abbildung 6)

Abbildung 6: Ein Doppelpass zwischen Schobersberger und Murg ermöglicht Rapid zu einer Torabschlussmöglichkeit.

Schobersberger bekam den Ball am Flügel und konnte in die Richtung des Tores dribbeln. Der Flügelspieler wurde von James Jeggo nicht wirklich attackiert und spielte einen Pass zu Murg, der einen Lauf vor den gegnerischen Innenverteidiger machte. Die Nummer zehn Rapids ließ den Ball gleich wieder prallen und Schobersberger konnte den freien Raum hinter Jeggo, den Murg auch noch mit seinem Lauf größer machte, nutzen.

 

Das Pressing der Grün-Weißen

Der SK Rapid Wien verteidigte in einem asymmetrischen 4-4-2. Die Gäste attackierten die Austria ab der Höhe der Mittellinie. Phasenweise agierten sie aber auch höher und versuchten die Veilchen in Pressingfallen zu locken. Als die Austria Anfangs noch mit einer Dreierkette spielten, leiteten die Grün-Weißen meist den Aufbau auf einen äußeren Innenverteidiger und pressten daraufhin den Ballführenden. Falls sie nicht hoch anpressten, standen die Hütteldorfer in einem 4-4-2 sehr eng und kompakt. Rapid ließ kaum vertikale Zuspiele in der ersten Halbzeit zu. In der zweiten Hälfte war dies dann durch die neue Staffelung schwerer zu verteidigen, da mehr Gegenspieler in der Mitte waren und sich gegenseitig Passwege öffnete. Auch bei der Austria gelangten dann flache diagonale Zuspiele vom Außenverteidiger in den Raum zwischen der Abwehr und dem Mittelfeld. In der zweiten Halbzeit kam es dann vermehrt zu Kontern von Rapid. Besonders nach der 2:1 Führung pressten sie nicht mehr so hoch an und verteidigten viel tiefer in der eigenen Hälfte.

 

Fazit

Der FK Austria Wien startete mit einer Dreierkette in das Wiener Derby. Vor allem im Ballbesitz gab es große Probleme, wodurch sie auch selten nach vorne kamen. Durch die Systemumstellung konnten sie zwar besser im Aufbau agieren, waren aber im letzten Drittel dennoch zu ungenau und spielten zu viele Fehlpässe. Der SK Rapid Wien verteidigte etwas tiefer als die Austria und presste nur phasenweise hoch an. Die Grün-Weißen standen sehr kompakt und ließen besonders über die Mitte sehr wenig zu. Im Ballbesitz sah man, dass Rapid sich auch mit flachen Zuspielen aus dem Pressing herausspielen kann. Sobald Schwab sich seltener aus dem Mittefeld fallen ließ, überspielten die Gäste das Pressing viel leichter. Zwar fehlen noch einige Details, aber Rapid war in dieser Partie um einiges ideenreicher als die Austria im Ballbesitz.

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