Nach den ersten 270 Spielminuten als WAC-Trainer dürfte sich bei Thomas Silberberger einiges an Frust angestaut haben. Zum Interview nach der 0:3-Auswärtspleite bei Blau-Weiß Linz erscheint er mit Verspätung, weil die Spieler in der Kabine viel zu besprechen hatten.
"Ich bin der vierte Trainer in dieser Saison, der die gleichen Parolen hört. Vielleicht kommt die Reaktion – ich bin extrem gespannt. Wir werden den Spielern einen Matchplan mitgeben. Die Frage ist, ob sie die Qualifikationsgruppe annehmen oder nicht", sagt er im Anschluss bei 'Sky'.
Aus zwei Entscheidungsspielen gehen die Linzer mit vier Punkten als klarer Sieger hervor und lösen sich erstmals seit November vom letzten Tabellenplatz. Wolfsberg rutscht dorthin zurück, wo die Saison nach dem ersten Spieltag begonnen hat.
Selbst ohne Punkteteilung wäre es inzwischen knapp: Blau-Weiß hätte 25 Zähler auf dem Konto, der WAC 29.
Das Defizit gegenüber demselben Zeitpunkt der Vorsaison liegt bei 19 Punkten, obwohl 2024/25 der Einzug in die Meistergruppe mit besseren Gegnern gelang.
Die einfache, aber falsche Erklärung wäre, Didi Kühbauer und Konsorten eine Überperformance in der vergangenen Spielzeit zuzuschreiben.
Die WAC-Ausbeute der letzten Jahre:
Saison | Punkte (Ungeteilt) | Punkteschnitt |
|---|---|---|
2025/26 | 29 | 1,03 |
2024/25 | 55 | 1,71 |
2023/24 | 46 | 1,43 |
2022/23 | 42 | 1,31 |
2021/22 | 47 | 1,46 |
Kein Kader für den Abstiegskampf
Wohl näher an der Wahrheit liegt die Feststellung, dass die Mannschaft aufgrund der überwiegend erfolgreichen Vorjahre gar nicht mehr auf die gegenwärtige Situation ausgelegt ist.
Definiert man Abstiegsnot als "weniger als maximal sieben Punkte großen Abstand zum Tabellenletzten der Qualifikationsgruppe", hatte der WAC sie seit der Ligareform für exakt drei Spieltage der Saison 2022/23. So knapp wie jetzt war es in diesem Zeitraum nie.
Heute wie damals im Lavanttal aktiv waren neben Kapitän Dominik Baumgartner nur Simon Piesinger, David Skubl und Florent Hajdini.
Wer auch immer aktuell das Wort in der Kabine ergreift: Viele Spieler, die aus Erfahrung sprechen können, gibt es nicht.
Wer ist schuld?
Nach dem Abgang von Kühbauer zum LASK wurde TV-Experte Peter Pacult als Nachfolger installiert, war nach vier Ligaspielen aber auch schon wieder weg. Die Zusammenarbeit wird heute von beiden Seiten als großes Missverständnis gesehen. "Ich habe vielleicht mit zu wenigen Leuten gesprochen. Ich dachte, das passt", meinte WAC-Präsident Dietmar Riegler vor kurzem im 90minuten-Interview.
Ob ein erster Einbruch der Leistungsfähigkeit mit jedem Trainer gekommen wäre, lässt sich im Nachhinein schwer nachvollziehen. Fakt ist, dass die Daten aus vier Pacult-Partien gegen die WSG Tirol, Sturm Graz, Hartberg und Ried kaum positive Interpretation zulassen. Besser wurde es allerdings auch unter seinen Nachfolgern nicht.
Wie Pacult selbst machten auch seine Nachfolger Andeutungen darauf, dass im Hintergrund einiges im Argen liegen könnte. "Ich bin jetzt zehn Tage da, ich habe verdammt viel beobachtet, es ist verdammt viel zu tun. Vielleicht muss ich auch die eine oder andere unpopuläre Maßnahme setzen in den nächsten Tagen und Wochen", verkündete Silberberger nach dem ersten Spiel gegen Blau-Weiß Linz.
Auch die Führungsriege und die Mannschaft wird demnach ihren Anteil an der aktuellen Misere haben.
Was läuft falsch?
Viele Probleme im WAC-Spiel haben keine Ursache im rein taktischen Bereich.
Das erste Tor von Blau-Weiß Linz ist dafür ein gutes Beispiel: Innenverteidiger Dominik Baumgartner setzt sich mit einem schlechten Defensivkopfball nach oben zuerst selbst unter Druck und geht dann im Duell mit Shon Weissmann leicht zu Boden - der Israeli kann den Ball annehmen und nach einer Drehung aus kurzer Distanz einschieben.
Es ist nicht der einzige Zweikampf nach einem hohen Ball, den die körperlich eigentlich überlegene Wolfsberger Defensive verliert.
Diese Szene lässt Thomas Silberberger sichtlich verzweifeln:
Blau-Weiß Linz spielt durch den eher laschen Druck der ersten WAC-Linie, Nicolas Wimmer rückt zu spät aus der Fünferkette. Nach einem Doppelpass mit Ronivaldo hat Dominik Reiter in der Vorwärtsbewegung viel Platz, trifft letztlich aber keine gute Entscheidung.
Ähnlich agiert die Elf aus Kärnten auch in anderen Situationen. Der Freistoß zum 2:0 entsteht aus einem Fehlpass im Spielaufbau, im Anschluss verhalten sich die drei Innenverteidiger ungeschickt. Mit schnellen Doppelpässen und Diagonalbällen war der WAC am Dienstag defensiv permanent überfordert.
Auch in der Offensive war der Auftritt wenig konsequent:
Emmanuel entscheidet sich für einen Distanzschuss, weil kein Teamkollege anspielbar ist. Es ist einer von sieben Abschlüssen außerhalb des Strafraums.
Nach Umschaltsituationen kommt zu wenig Personal schnell in die Vorwärtsbewegung, in längeren Ballbesitzphasen waren in der ersten Halbzeit kaum Spielverlagerungen zu sehen.
Eigentlich ähnelt die taktische Herangehensweise dem Spiel unter Kühbauer, wirkt aufgrund mangelnder Intensität aber wie eine billige Kopie.
Was jetzt?
Große taktische Umstellungen von Thomas Silberberger zu verlangen, wäre vermessen gewesen. Der Tiroler wurde erst nach der Länderspielpause installiert und hatte bislang eine volle Trainingswoche zur Verfügung.
Dass der Routinier die richtigen Schlüsse ziehen kann, war bei der jüngsten Niederlage aber bereits zu sehen. Mit der Einwechslung von Jessic Ngankam und Markus Pink zur Halbzeit gelang es ihm, das Team mit zwei robusten Anspielstationen aus seiner Lethargie zu lösen. Erik Kojzek spielte zuvor auf verlorenem Posten und hatte große Probleme mit den gegnerischen Innenverteidigern.
Im Ballbesitz wandelte sich das System phasenweise in die Nähe einer Viererkette. Auch wenn es letztlich keine konsequente Systemumstellung war, ergaben sich daraus längere Ballbesitzphasen in der gegnerischen Hälfte mit deutlich mehr involvierten Spielern.
Dass Blau-Weiß Linz nach der Halbzeit bis zum vorentscheidenden 2:0 vor allem nach gegnerischen Fehlern gefährlich wurde, sollte zeigen, dass sich der WAC Risiko erlauben darf und muss.
Schwierige Ausgangslage
In der gegenwärtigen Situation sind Umstellungen beim Stand von 0:1 schlicht zu wenig. Silberbergers Hauptaufgabe wird sein, die richtige Ansprache gegenüber der Mannschaft zu finden.
Der Rückstand auf Blau-Weiß Linz beträgt jetzt einen Punkt. Eigentlich müsste der WAC aber mindestens zwei Punkte aufholen, um sich zu retten. Im Rahmen der Punkteteilung wurden die Zähler der Oberösterreicher abgerundet, jene des WAC nicht. Um den GAK abzufangen, wären bereits vier Punkte und ein Sieg im direkten Duell vonnöten. Die WSG Tirol liegt tatsächlich fünf Punkte voraus, weil auch bei ihr abgerundet wird.
Mit Saisonende laufen die Verträge von Leistungsträgern wie Wimmer, Baumgartner, Piesinger und Pink aus. Gegenüber der 'Krone' ließ Dietmar Riegler auch seine eigene Zukunft offen: "Den Verein lasse ich nicht im Stich, Dietmar Riegler wird es weiterhin geben – aber ich muss nachdenken, wie und in welcher Form es weitergeht."
Der Verein und mit ihm viele Spieler steuern demnach in Richtung einer unsicheren Zukunft. Ob sich unter diesem Druck in letzter Minute eine funktionierende Mannschaft formen lässt, weiß wohl nur Thomas Silberberger.
Daniel Sauer