ballesterer #109: Ein englischer Sommer
Volle Stadien, eine Gesellschaft im Umbruch und der WM-Titel – mit dem Turnier inmitten der „Swinging Sixties“ sollte für England eine neue Ära beginnen. Doch das Goldene Zeitalter währte nur kurz, der Sieg von Wembley wurde zur sportlichen Bürde. (Text:
Nur wenige Engländer treffen die Königin ihres Landes, manche jedoch begegnen ihr sogar mehrmals. Alan Ball, George Cohen, Roger Hunt, Nobby Stiles und Ray Wilson mussten fast 34 Jahre warten, um Elizabeth II wiederzusehen. Doch im März 2000 erhielten sie im Buckingham Palace die Auszeichnung des „Order of the British Empire“ – für ihre Verdienste um den Fußball. Sie gehörten zu jener Mannschaft, die am 30. Juli 1966 die Bundesrepublik Deutschland 4:2 geschlagen und so den einzigen WM-Titel für England gewonnen hat. Die übrigen Mitspieler wie Gordon Banks, Bobby Charlton und Geoff Hurst hatten ihre Ehrungen schon Jahrzehnte zuvor erhalten, die fünf waren jedoch im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. Die Königin immerhin soll bei der Ehrung gesagt haben, sie erinnere sich noch sehr gut an die WM.
Empire im Wandel
Mehr als 87.000 Zuschauer füllen das Wembley-Stadion, als das Turnier am 11. Juli beginnt. Schulkinder präsentieren Banner mit den Namen der 16 teilnehmenden Verbände, auf dem Dach flattern die Fahnen der Länder, und von einem Podest auf dem Rasen erklärt Elizabeth II die achte Weltmeisterschaft für eröffnet. Alle bisherigen Titelträger sind dabei: vom ersten Weltmeister Uruguay, der das erste Spiel gegen England bestreit, über die Italiener, denen ein Desaster bevorsteht, bis zu West-Deutschland mit dem jungen Franz Beckenbauer und Brasilien mit Pele. Der Titelverteidiger gilt bei den Buchermachern als Favorit, es wäre der dritte Sieg in Folge. Für die Sowjetunion bestreitet Tormann Lew Jaschin seine dritte WM. Und dann sind da noch die Debütanten wie Portugal mit Eusebio, Fußballer des Jahres 1965, und Nordkorea, das zuvor kaum jemand hat spielen gesehen hat. Sie alle sind dorthin gekommen, wo das Spiel über 100 Jahre zuvor erfunden worden ist.
England befindet sich im Umbruch. Nach 13 Jahren hat die sozialdemokratische Labour-Partei 1964 wieder die Regierung übernommen. Die lange Nachkriegszeit mit staatlichen Rationierungen ist endgültig vorbei, der Lebensstandard spürbar gestiegen. Reihenhaus, Kleinwagen und Fernseher sind die Statussymbole einer Gesellschaft im Wandel. Der Spiegel schreibt im April 1966, die Werte der konservativen Tories, nämlich Adel, Kirche, Empire, Flotte, kurz: Traditionen, stünden nicht mehr hoch im Kurs. „New Britain“ lautet das Schlagwort von Premierminister Harold Wilsons Amtszeit. Das neue Großbritannien soll durch eine soziale, wirtschaftliche und technische Modernisierung entstehen – geschmiedet in der white heat of this revolution, der Gluthitze dieser Revolution, wie Wilson in seiner wohl berühmtesten Rede sagt. Revolution und Moderne passen zum London der „Swinging Sixties“, dem Epizentrum von Mode, Musik und Stil. Die Klassenschranken der Gesellschaft sind durchlässiger geworden. Ein Universitätsstudium steht nicht mehr nur jenen offen, die die richtigen Vorfahren oder das nötige Geld haben. Der Minirock ist das Kleidungsstück der Jugend, die Beatles liefern die Musik und Model Twiggy die Silhouette.
Mann mit Plan
Bevor der Ball rollt, treffen die englischen Spieler die Königin. Auf dem Rasen von Wembley stellt Kapitän Bobby Moore seine Kollegen vor, sie reicht ihnen die Hand – in weißen Handschuhen. Zum ersten und letzten Mal bei diesem Turnier trägt Teamchef Alf Ramsey keinen Trainingsanzug, sondern Anzug und Krawatte. Er ist seit Mai 1963 im Amt, als Nachfolger von Walter Winterbottom, der bei der WM 1962 im Viertelfinale gescheitert war. Anders als Kollegen bei großen Klubs wie Matt Busby bei Manchester United und Bill Shankly bei Liverpool versprüht Ramsey wenig Charisma, seine Auftritte wirken steif, und die englische Presse wird ihn nie in ihr Herz schließen.
„Selbst nach Englands Sieg bei der Weltmeisterschaft wurde ihm nur widerwillig Respekt gezollt“, schreibt Jonathan Wilson in seiner „Geschichte der Fußballtaktik“. Doch Ramsey kommt mit der Empfehlung, innerhalb von acht Jahren Ipswich Town vom Drittligisten zum Meister gemacht zu haben. Er überzeugt den Verband, ihm die alleinige Verantwortung für die Kadernominierung zu übertragen, die zuvor ein Verbandskomitee übernommen hatte. Ramsey will seinen Plan ohne Einmischung umsetzen. Zu Beginn seiner Amtszeit verkündet er: „England wird 1966 Weltmeister.“
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SCHWERPUNKT: WM 1966
ES WAR EINMAL IN ENGLAND
Als die „Three Lions“ Weltmeister wurden
„ES WAR EINE FEHLENTSCHEIDUNG“
Sigfried Held über das Wembley-Tor und eine schmerzhafte Niederlage
PROTEST GEGEN DIE FIFA
Der WM-Boykott der afrikanischen Teams
FEHLENTWICKLUNG
Die FIFA-Spielbeobachter verzweifelten am defensiven Turnier
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