'Dass Franco Foda so sakrosankt ist, ist eigenartig'

Zu Gast bei „Talk & Tore - Die Tipico Fußballdebatte" am Sonntag Sturms General-Manager Gerhard Goldbrich, FIFA-Schiedsrichter Harald Lechner sowie die Journalisten Peter Klimkeit und Jürgen Pucher. Hier einige Aussagen des von Thomas Trukesitz moderierte

 

Gerhard Goldbrich:

…über den aktuellen Stellenwert von Sturm im österreichischen Fußball: “Die Frage ist ob man als Nummer Vier, wenn man die Tabelle trotzdem hernimmt in Österreich, definitiv Mittelmaß ist? Das möchte ich so auch nicht stehen lassen. Wenn man sich ansieht, wie die Mannschaft spielt, dann möchte ich das Mittelmaß auch nicht stehen lassen. Dass wir keine Tore machen, da sind wir definitiv Mittelmaß, das ist auch richtig. Es ist bei uns sehr schwierig momentan in irgendeiner Form zu argumentieren, weil es dann immer gleich in die Schublade der Ausreden und Ausflüchte geschoben wird. Michael Madl ist von uns weggegangen. Es ist aber mit Anastasios Avlonitis ein sehr guter Ersatz geholt worden. Man darf aber nicht vergessen, dass wir mit dem Simon Piesinger einen Kreuzbandriss haben, dass gestern zum Beispiel ein Thorsten Schick nicht dabei sein konnte, Tanju Kayhan nicht dabei, Christian Klem verletzt ist und und und. Donis Avdijaj kommt erst gerade wieder zurück. Wenn er auch noch trifft, dann ist er wieder voll da und wird uns auch noch helfen. Es ist für uns nicht so einfach, immer so zu performen, wie es sich jeder wünsche würde. Wenn man sich anschaut, die Schere nach vorne klafft auch im finanziellen Bereich immer weiter auseinander. Da stehen wir grundsätzlich richtig auf dieser Position. Wir sind nicht in der Lage, um ein paar Hunderttausend im Winter einen Murg oder Venuto, wen auch immer zu holen. Wir haben einen sehr gesunden und breiten Verein aufgestellt, müssen auch viele soziale Komponenten in der Steiermark abdecken. Wir haben nicht das Budget der Kampfmannschaft, dass wir in dieser Form reagieren können, sondern eben auch einen Abgang verkraften müssen und deshalb stehen wir zu Recht auf diesem Tabellenplatz. Aber ich lasse auch nicht gelten, dass wir mit drei Siegen wieder vorne dabei sind, weil der Anspruch vielleicht von vielen so ist, aber die Wirklichkeit eben eine andere. Aber man darf auch nicht sagen, wenn man drei Mal verliert, ist man hinten dabei. Das ist Fußball.“ 

 

…über notwendige Transfers als Budgetausgleich: “Es ist nicht so, dass wir auf der wirtschaftlichen Seite untätig sind. Wir haben auch da keine schlechte Arbeit geleistet, haben den Sponsoring-Höchststand. Aber wir sind in einer Region, die momentan die Wirtschaftskraft nicht hat. Wir haben einen Präsidenten und einen Vorstand, die ehrenamtlich unermüdlich rennen, dass neue Sponsoren kommen. Dass Sponsoren wegbrechen, ist klar. Wenn einmal ein größerer Sponsor nicht mehr dabei ist, dann ist es in einer Region wie der Steiermark mit der derzeitigen Situation sehr schwierig, das zu kompensieren. Dazu kommt, dass wir auch aufgrund der Wirtschaftslage nichts von der Politik erwarten können. Das soll kein Vorwurf an die Politik sein, aber es ist eben so, dass es die Unterstützung in diesem Ausmaß nicht gibt. Das habe ich schon vor eineinhalb Jahren gesagt: Sturm ist ein Verein, der verdammt dazu ist, Spieler zu verkaufen. Das muss sein. Wenn ich sage, ich muss das eine oder andere Mal einen Transfer tätigen und jemanden verkaufen, dann ist es logisch, dass es ein Leistungsträger sein wird. Weil die Nummer 29 im Kader wirst du wahrscheinlich nicht so verkaufen können, dass es dem Budget guttut. Aber wir haben auch die Spieler immer relativ gut ersetzt. Wir haben auch die Spieler, die wir dann verkaufen konnten, zum Teil auch geholt, weil sie so wie bei Djuricin, beim vorigen Klub nicht diese Rolle gespielt haben, die sie dann bei uns gespielt haben und zu der sie auch unser Trainerteam gemacht hat. Es stimmt ja nicht, dass das in der Zukunft immer wieder sein muss. Jetzt war es notwendig. Schauen wir, wie es in der Zukunft ist.“ 

 

…lässt mangelnde Kritikfähigkeit nicht gelten: “Wir reflektieren komplett. Ich werde mich nicht hierher setzen und den Teufel tun und vom gestrigen Spiel einen Spieler analysieren oder kritisieren. Das machen wir intern. Es steht niemandem zu, zu behaupten, es gibt keine Selbstreflexion oder was auch immer - nur weil wir in der Öffentlichkeit geschlossen auftreten. Das, was früher immer viele an Sturm kritisiert haben, dass es keine Geschlossenheit gibt, vom Vorstand bis hinunter, das ist jetzt so. Das diskutieren wir intern, machen die Tür zu. Das ist auch unser Recht. Ich kritisiere auch nicht, was bei der Kleinen Zeitung passiert, oder der Styria oder bei Sky, das ist auch nicht mein Thema. Das geht mich nichts an. Die Frage ist nur, wenn immer gefordert wird, jetzt soll der nächste noch draufhauen und der nächste: Man muss in Österreich schön langsam aufpassen, dass man das Produkt Fußball nicht schön langsam kaputt macht. Weil wir in unserer Medienlandschaft eigentlich nur mehr davon leben, das Produkt schlecht zu machen. Das ist schon etwas, worauf man sehr gut Acht geben muss, weil unsere Spieler nicht so schlecht sind, wie sie gemacht werden. Da geht es jetzt gar nicht um Sturm, sondern generell darum, dass ich sage, wir können mit der Kritik sehr gut umgehen. Und ich glaube, dass wir die Kritik seit Monaten im Stadion bei jedem Spiel bekommen, dass wir sie von vielen Medien konstant bekommen, viel mehr als etwas Positives.“ 

 

…wünscht sich Profischiedsrichter in Österreich: “Es werden solche Emotionen frei im Spiel, wenn ein Fehler passiert beim Schiedsrichter. Noch schlimmer ein spielentscheidender oder matchentscheidender Fehler. Dann sind nachher so viele Emotionen da, dass es beruhigend wirkt, wenn der Fehler zugegeben wird. Es wird aber auch für die Schiedsrichter in der heutigen Zeit immer schwieriger. Wie oft passiert es, dass man sich im Studio die Situation drei, vier, fünfmal ansehen muss - und dann sind sich die Experten noch nicht mal einig. Das ist ja bei uns auch so. Ich gebe nach dem Spiel ganz selten eine Auskunft, die ich mir nicht schon dreimal im Fernsehen angesehen habe. Das Tempo wird immer höher und die Zweikämpfe werden immer intensiver. Ich sehe nicht, dass wir ein Schiedsrichterproblem haben. Aber man muss darüber nachdenken, wenn der Fußball solche Wege geht, wie er bei uns in der Professionalität geht, dann ist die Frage, ob man nicht wirklich einmal über einen Versuch nachdenkt professionelle Schiedsrichterteams einzuführen. Den Schiedsrichtern die Möglichkeit zu geben, dass sie wirklich hauptberuflich diesem Job nachgehen können. Das ist schon eine Geschichte, die man in Österreich andenken muss.“

 


Peter Klimkeit:

…möchte in Graz bei Sturm keine Trainerdiskussion aufkeimen lassen: “Ich bin nicht der Anwalt des Franco Foda und habe in Graz schon einige Trainer miterlebt. Der Weggang von Franco Foda, die Suspendierung oder Beurlaubung damals, die unter Präsident Jauk passiert ist und dass er ihn wieder zurückholt, wird ja einen Grund haben. Franco Foda kennt den Klub, kennt Graz und weiß wie er mit den Leuten umgehen soll. Das hat nichts mit Kritik zu tun, die nicht da ist. Kritik ist da. Ich habe mit Foda auch hin und wieder Diskussionen. Aber wenn man das Gespräch sucht, erklärt er viel und es ist oft richtig. Das kommt dann später, was er vorhersagt. Das trifft oft ein. Und deswegen glaube ich, dass er derzeit der richtige Trainer ist. Und wenn der Präsident und der Vorstand entscheiden, mit ihm keinen gemeinsamen Weg mehr zu gehen, dann werden sie es machen. Aber derzeit in dieser Situation ist die Diskussion völlig fehl am Platz.“ 

 

Jürgen Pucher:

…sieht das Image des Sturm-Trainers durch schwache Leistungen des Teams angekratzt: “Zur Situation von Franco Foda, es ist schon ein Phänomen, dass ein Trainer, der eine derartige Unserie in den letzten Wochen hingelegt hat, überhaupt nicht in Frage gestellt wird. Das ist schon eher ungewöhnlich. Nicht, dass ich jetzt eine Trainerdiskussion per se gut finde, wenn es nicht läuft, dass man den Trainer als Ersten identifiziert, der raus muss. Aber, dass er so sakrosankt ist und überhaupt nicht in Frage gestellt wird, auch öffentlich nicht außer von wenigen, ist schon eigenartig.“ 

 



Harald Lechner:

…über sich häufende Fehlentscheidungen in der Frühjahrssaison: “Es waren sicher einige Aktionen, in denen wir falsch agiert und nicht die korrekte Entscheidung getroffen haben. Zu dem stehen wir auch. Aber ich sage auch, das Produkt Fußball besteht auch aus den Schiedsrichtern und auch hier dürfen wir nicht alles schlecht reden. Denn natürlich werden von den Medien richtig getroffene Entscheidungen als die Aufgabe des Schiedsrichters hingenommen und falsche werden natürlich immer wieder aus verschiedenen Kamerapositionen gezeigt. Das ist natürlich das Fatale für den Schiedsrichter.“ 

 

…über die Zusammenarbeit mit dem vierten Offiziellen: “Ich muss als Schiedsrichter so weit sein, dass ich nicht alle Wahrnehmungen umsetze. Ich bin der Letztverantwortliche auf dem Platz. Ich habe die Pfeife in der Hand und treffe Entscheidungen. Ich kann Informationen sammeln. Und ich sage, da tut sich ein jüngerer Schiedsrichter schwerer als vielleicht ein routinierter. Und hier liegt der Punkt. Es stimmt schon, dass wir als vierte Offizielle sehr viel mitsprechen, was aber nur positiv dem Spiel dienen soll. Wir reden nur über das Spiel und geben Informationen an den Schiedsrichter weiter.“

 

…sieht den Vorteil von Profischiedsrichtern momentan nicht gegeben: “Ich würde es in meiner aktuellen Situation nicht machen. Weil für mich immer die Frage ist, wie lange bin ich Schiedsrichter? Ich kann mich genauso verletzen, die Achillessehne reißen etc. Natürlich würde ein professionelles Umfeld oder das Profitum der Regeneration mehr dienen. Aber Fehler würden genauso passieren. Natürlich würden viele den Profi annehmen, es ist immer die Frage wie es aussieht. Aber die Fehler würden sich nicht reduzieren, glaube ich, weil vieles auf Wahrnehmung beruht und nicht auf Regelkenntnis oder Unkenntnis, sondern es sind sehr viele Vergehen, die einen Interpretationsspielraum offen lassen. Nicht jeder Kontakt ist ein Foul. So wie wir es im Fernsehen sehen, diese Kameraposition habe ich nicht und dann entstehen oft im Nachhinein Fehlentscheidungen.“ 

 

…über die Einführung des Videobeweises: “Wir haben schon viel diskutiert. Es wird Situationen geben wie eine Abseitsentscheidung, und wir bestrafen den Stürmer für eine unrichtige Entscheidung, wenn wir die Situation unterbrechen, dann können wir diese Situation nicht mehr wieder herbeiführen. In Bezug auf Abseitsentscheidungen würde es nur der Verteidigung helfen. Wenn unmittelbar danach das Spiel unterbrochen ist und ein Tor fällt, dann könnte ich zurückgehen. Aber es wird viele Situationen geben, wo es nicht sinnvoll ist, das einzusetzen, weil wir diese Situation wie sie gewesen wäre nicht mehr wiederherstellen können.“

 

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