Rangnick drückt auf Reset: Österreichs WM-Generation im Vergleich
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Rangnick drückt auf Reset: Österreichs WM-Generation im Vergleich

28 Jahre liegen zwischen der WM 1998 in Frankreich und der WM 2026 in Nordamerika. Dazwischen: eine sportliche Wüstenwanderung und ein Trainerwechsel, der alles veränderte.

Die Parallelen sind da: gestandene Profi-Fußballer auf dem Platz, ein Team mit Namen, die man kennt, die Hoffnung im Land groß. Doch worin liegt der Unterschied zum heutigen Team und warum machen sich Österreicher Hoffnung auf ein anderes Ergebnis als im Jahr 1998?

1998: Ein Team der Solisten

Die WM 1998 lässt sich im Prinzip so zusammenfassen: “90 Minuten plus“. Alle drei Tore der Österreicher fielen nämlich in der Nachspielzeit. Toni Polster gegen Kamerun, Ivan Vastic gegen Chile, Andreas Herzog gegen Italien per Elfmeter. Dies zeigte, dass Österreich mit einer Mannschaft ins Turnier ging, die niemals aufgab und dann dennoch mit leeren Händen nach der Gruppenphase den Weg nach Hause antrat.

Was retrospektiv als dramatisches und kämpferisches Auftreten gesehen werden kann, wurde damals wie eine Tragödie betrachtet. Große Namen, die am Ende das Resultat nicht ändern konnten. Neben den gestandenen Bundesliga-Spielern, die auf dem Platz standen, war Herbert Prohaska auf der Bank. Das ganze Land sah zu. Ohne Livestream und Twitter-Echtzeit-Hysterie.

Solide aber kein System

Der Kader von ‘98 war solide, aber was fehlte, war ein System. Prohaska baute auf Individualisten wie Toni Polster, der damals beim 1. FC Köln unter Vertrag stand und der Zielspieler mit Torinstinkt war. Andreas Herzog war der Mittelfeldmotor von Werder Bremen, der mit seiner kreativen Spielweise überzeugte, und Ivica Vastic, der mit Energie von der Bank kam.

Was ausblieb, war eine erkennbare Spielidee. Österreich verteidigte ordentlich, spielte nach vorne pragmatisch und hoffte auf die individuelle Klasse der Schlüsselspieler. Das reichte damals für Unentschieden gegen Chile und Kamerun, aber nicht für das Achtelfinale und auch nicht gegen Italien. Danach verschwand die Nationalmannschaft für Jahrzehnte von der großen Bühne.

Was zwischen 1998 und 2026 passierte

Nach der WM 1998 folgte eine lange Zeit der Stille. Qualifikationspleiten, Trainerrochaden, verpasste Turniere. Hierunter litt auch die österreichische Liga, die zunehmend an Ansehen verlor. Talente wanderten frühzeitig ins Ausland ab. Das Nationalteam war zwischen 1998 und der EM 2008 de facto nicht wirklich auf internationalem Niveau relevant.

Dann kam die “Wende“. Im Verbund mit Salzburg veränderte ein großer Getränkekonzern namens Red Bull die Nachwuchsarbeit; Red Bull-Akademien wurden aufgebaut und später kam Ralf Rangnick. Der Deutsche übernahm 2022 die Nationalmannschaft, die förmlich in einer Identitätskrise steckte und formte innerhalb von zwei Jahren ein Team, das 2024 als EM-Gruppensieger Frankreich und die Niederlande hinter sich ließ.

2026: Ein Team, eine Struktur

Das heutige ÖFB-Team ist das Gegenteil von 1998. Keine Solisten, keine Individualismus-Romantik. Rangnick hat das österreichische Nationalteam in eine Pressing-Maschine verwandelt, die kollektiv denkt und kollektiv handelt. Nicolas Seiwald und Xaver Schlager (beide RB Leipzig, beide seit der Akademie im System) sind das Herzstück. Dahinter David Alaba, sofern fit, als spieleröffnender Innenverteidiger mit Weltklasseformat. Vorne Marko Arnautovic, mittlerweile 37 Jahre alt, aber immer noch der Spieler, dem niemand einen guten Tag gönnen will.

Der entscheidende Unterschied zu 1998 ist nicht die Qualität der Einzelspieler. Der Unterschied ist das System. Rangnicks Team weiß, was es tut. Jeder Spieler kennt seine Rolle, seinen Raum, seinen Pressingauftrag. Das machte Österreich 2024 für Frankreich unbequem. Das könnte bei der WM 2026 entscheidend sein.

Was bleibt und was sich verändert hat

1998 schaute Österreich kollektiv auf den Fernseher und sah eine Mannschaft, die ihr Bestes gab und trotzdem scheiterte. 2026 schaut Österreich erneut kollektiv auf die Nationalmannschaft, die Erwartungen haben sich jedoch geändert. Es ist ein echter Glaube entstanden und die Underdog-Mentalität scheint nicht mehr vorhanden zu sein.

Was sich noch verändert hat, ist die Art und Weise, wie Österreicher die Spiele verfolgen. Statistiken, Expected Goals gehören zum Stammtischgespräch. Wetten werden nicht mehr nur im Wettbüro nebenan getätigt, sondern bei einem der zahlreichen Online-Wettanbieter in Österreich.

Was sich nicht verändert hat: Österreicher kämpfen. Bis zur letzten Minute. Polster tat es 1998 gegen Kamerun. Arnautovic tat es 2021 gegen Nordmazedonien. Und irgendwann, in irgendeinem Stadion in den USA oder Kanada, wird es wieder einen Moment geben, in dem ein ÖFB-Spieler alles gibt, was er hat und das ganze Land mit ihm.

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