Taktik-Analyse: So kann Portugal gebogen werden
Admira-Trainer Oliver Lederer hat gemeinsam mit 90minuten.at den kommenden Gegner Portugal unter die Lupe genommen und erklärt, wie man Ronaldo & Co schlagen könnte. Von Georg Sander und Oliver Lederer
Hast du einen Geheimfavoriten? Ja, Portugal. Diese Konversation gibt es beinahe bei jedem Großereignis in den letzten Jahren. Diesmal ist Portugal wieder einer, auch wenn Cristiano Ronaldo langsam in die Jahre kommt. Portugal ist aber vor allem eines: Ein Gegner, der nach dem Auftakt-0:2 gegen Ungarn bezwungen werden muss. Admira-Trainer Oliver Lederer, der für 90minuten.at die Gegner analysiert, hat eine Idee, wie das gehen kann.
Oliver Lederer analysiert für 90minuten.at die Gegner Österreichs
Kein Ausblick auf das Portugalspiel kann ohne Rückblick auf die Ungarn-Partie ablaufen: „Bis auf die höhere Position beim Attackieren, also den Pressingpunkten, haben wir Ungarn recht gut analysiert. Ich habe gesagt, dass Österreich gut zu Ungarn passt – leider hat es Ungarn noch besser zu Österreich geschafft“, attestiert Oliver Lederer, „nach 15 Minuten hatten sie uns ihr Spiel aufgezwungen; sie haben die Schwachstellen gut ausgenutzt, die Mitte zugemacht und zeigten sich weitgehend gegen Österreichs Pressing resistent.“ Zum Ende des Spiels, gegen nur noch zehn Österreicher, wurde Ungarn dann freilich mutiger. „Die erste Viertelstunde war super, da kann es auch schnell 1:0 stehen und wir reden über ein anderes Spiel. So war nach der Anfangsphase der Spielwitz ein bisschen weg.“ Immerhin war es ein lang erwartetes Spiel, man spürte dann Angst vor der eigenen Courage – vielleicht so wie Lederers Admira im Cupfinale. Auch da gab es große Erwartungen, die jäh entzaubert wurden.
„Ich will Marcel Koller keine Tipps geben, das steht mir nicht zu und er wird schon seine Ideen haben und die richtigen Schlüsse ziehen. Sicher waren Janko und Harnik nicht in Form. Aber auch an durchschnittlichen Tagen können die Spiele entscheiden“, meint Oliver Lederer. Schließlich sei Österreich auch zurückgekommen, erzielte postwendend den Ausgleich, der aber nicht gegeben wurde. „Der Ausschluss war hart, ich weiß nicht, ob alle Schiedsrichter dieses Foul sehen.“ Aber das ist alles egal, auch der interessante und gut umgesetzte ungarische Matchplan, gewürzt mit quasi an der Grenze zur Gelben tänzelten Härte.
Nun gilt es, die Portugiesen zu besiegen. Und das könnte so funktioneren:
Taktische Grundordnung
„Ich fange nicht viel mit Zahlenspielen a la 4-4-2 an“, stelle Lederer klar. „Portugal ist mit Ungarn nicht vergleichbar. Sie bauen das Spiel über eine Viererkette auf, davor gibt es einen Sechser, zwei Flügelspieler, einen zentralen, eher offensiven Mittelfeldmann, dann folgen wohl Nani und Cristiano Ronaldo.“ Vielleicht ein 4-1-2-1-2, wenn man doch will. Zwar sei Portugal eine Mannschaft, die durch schnelle Spieler und Stärken im Dribbling eher für Konter geeignet wäre, in der Gruppe F ist man aber klarer Favorit und setzt demnach auf viel Ballbesitz. Die Flügelspieler stechen wie bei kaum einer anderen Mannschaft in die Mitte, machen Räume für die Außenverteidiger frei. Der Fokus liegt aber dennoch darauf, Linien aufzuspielen und so den Gegner unter Druck zu setzen.
„Portugal ist aber keine Highscore-Mannschaft, sie haben nie mit mehr als einem Tor Unterschied gewonnen“, sagt Lederer. Ein Indiz, dass der letzte Offensivpfiff und Nachdruck fehlt? „Sie haben aber mit Ronaldo einen der drei besten Spieler der Welt, einer der besten im 16er.“ Seine Stärken müssen kaum beschrieben werden. Entnerven muss man ihn halt.
Island macht es richtig, die rechte Angriffsseite zuzustellen. André Gomes bringt den Ball flach gut rein, aber weder Nani, noch Ronaldo oder der Rückraum sind gedeckt – das darf nicht passieren!
Das Spiel gegen den Ball
Gegen den Ball ist Ronaldos offensive Wucht und Klasse aber ein Vorteil. „Er macht so gut wie nichts nach hinten“, beschreibt Lederer das Defensivverhaltens eines, der vielleicht auch als Badkicker bezeichnet werden könnte, auch wenn das der Admira-Coach so nie sagen würde. „Sie verteidigen in einem immens asymmetrischen 4-1-4-1. Der Achter und der ballferne Flügel müssen Ronaldos Räume kompensieren, wenn sie – eher tiefer – pressen.“ Dadurch entstehen Räume hinter Ronaldo und auf der ballfernen Seite, die es zu bespielen gilt. Das asymmetrische und tiefe Pressing beherrschen die Iberer aber dafür sehr gut. Sie können Ronaldos mangelnde Defensivarbeit gut kompensieren.
So kann Österreich bestehen
„Gegen Ungarn war man hektisch, konnte die eigenen Stärken nicht ausspielen“, attestiert Oliver Lederer. Das dürfe nicht passieren. Sie bauen das Spiel tief auf, mit breit aufgefächerten Innenverteidigern und einem mitspielenden Torhüter. Da muss klug gepresst werden, die Außenbahnen nach Möglichkeit gedoppelt werden. Dass Prödl Dragovic ersetzt, ist im Spielaufbau Österreichs „ein Nachteil. Aber er hat seine Qualitäten, beweist sich seit Jahren in Deutschland und England, ist vielleicht etwas wuchtiger und kann durch seine Strafraumpräsenz den hohen Seitenfokus der Portugiesen wohl gut bespielen.“ Aufpassen muss man auf vertikale Wechselpässe.
Wenn es schnell geht, passt die Zuordnung nicht immer bei Porugal. Trotz 6:3-Überzahl im eigenen Sechzehner ist Birki Bjarnason mutterseelenalleine.
Offensiv muss man über die erste Pressinglinie drüber kommen und vor den Abwehrverbund gelangen. Das geht durch Seitenwechsel und eben den Raum, den Ronaldo aufmacht. Dort muss dann flott gespielt werden, wenn man sich in der Mitte befindet. Carvalho ist nicht der Schnellste und die Zuordnung – das zeigte das isländische Tor – passt auch nicht immer, wenn es flott einher geht. Flanken auf die erste Stange gilt es zu vermeiden, da ist die Innenverteidigung gut, auch wenn nicht auszuschließen ist, dass „Janko sich auch gegen die durchsetzen kann.“ Eher gilt es nach schnellen vertikalen Bällen in den Rückraum die zweite Stange anzupeilen oder den Raum zwischen Sechser und Abwehr. „Das ist ja überhaupt auffällig. Da sich die Sechser stark nach vorne orientieren, verwaist der Raum zwischen Elfmeterpunkt und Strafraumgrenze.“
Oliver Lederers Fazit
„Sie sind von der Mentalität her sehr hitzig“, schließt Oliver Lederer seine Analyse, „sind technisch stark und in der Offensive im eins-gegen-eins sehr gut. Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren, uns nicht anstecken lassen, Standards in der Nähe des eigenen Strafraums vermeiden und geschickt die Außenbahnen versuchen zu kontrollieren – was bei diesen offensiven Flügelspielern schwierig genug ist.“ Ruft Österreich aber seine Tugenden ab und nützt die Räume, die sich dem Außenseiter gegen den Favoriten bieten, kann viel gelingen.
Was man über Portugal wissen sollte
Während der Donaufußball die Gruppengegner Österreich und Ungarn in lichte ballesterische Höhen beförderte, erwachte Portugal erst in den 1960er-Jahren. Angeführt von dem unvergleichlichen Eusébio wurde die Selecao Dritter bei der WM 1966. Der Aufstieg zur Fußballgroßmacht gelang recht spät, denn nach dem dritten Rang qualifizeirte sich Portugal erst wieder 1986 und dann 2002 für eine Weltmeisterschaft, nachdem man 1984 beim erstmaligen Antreten bei einer EM-Endrunde gleich das Halbfinale erreichte und gegen Frankreich verlor. Seit 1996 ist Portugal auf europäischer Nationalmannschaftsebene immer mit dabei, kam immer über die Gruppenphase hinaus, verlor das Finale bei der EM daheim 2004 gegen Griechenland. Der Aufstieg zum Fixstern im internationalen Fußball gelang durch die sogenannte Goldene Generation um das Jahr 2000 herum, die Kenntnis über Kicker wie Vitor Baia, Pauleta, Nuno Gomes, Rui Costa oder Luis Figo ist quasi ein Muss.
Portugal blieb mit kluger Zuarbeit auf Klubebene für die großen Ligen Europas am Ball. Cristiano Ronaldo, Bruno Alves, Pepe Joao Moutinho, Nani oder Quaresma sind nun auch schon ein paar Hährchen im internationalen Klubfußball bekannte Namen. Fernando Santos gibt seit 2014 den Dompteuer im Zirkus der harten Verteidiger und aufreizenden Angreifer. Ein man-to-watch ist der 18-jährige Renato Sanches, ein bodenständiger Mittelfeldmann von Benfica Lissabon, der nach der EM bei den Bayern auflaufen soll. 35 Millionen Euro Ablösesumme blätterten die Münchner für den zentralen Mittelfeldmann hin.
Die Portugiesen spielten früher ewig und drei Tage mit einem 4-3-3, in den Freundschaftsspielen im Jahr 2016 stellte Santos aber auf ein 4-4-2 mit zwei zentralen Mittelfeldspielern auf der Doppelsechs aus und mit Ronaldo als offensivem Freigeist um.