Rot-weiß-roter Kader-Check - Torhüter: Die Rollen sind klar verteilt

Es ist einer der Fragen, die die Fußballnation beschäftigt: Wie geht es dem Kader für die Europameisterschaft in Frankreich? Die Torhüter unter der Lupe von Georg Sander

 

Robert Almer: Die unangefochtene Nummer 1

 

24 Mal stand der 1,94 Meter große Routinier in der Spielzeit 2015/16 zwischen den Pfosten von Austria Wien. Als Robert Almer in Deutschland bei Fortuna Düsseldorf, Energie Cottbus und Hannover 96 spielte, kam er zwischen Sommer 2011 und dem Wechsel nach Wien auf ganze 36 Spiele, wobei drei davon für die Zweitvertretungen von Fortuna Düsseldorf und Hannover 96 waren. Teamchef Marcel Koller wäre es wohl auch egal gewesen, stand der bullige Keeper bei entsprechender Fitness in 17 von 20 möglichen Qualispielen für die WM in Brasilien und nun die EM in Frankreich im Tor. Nur gegen die Färöer am Ende der WM-Quali schaute er zu sowie bei zwei Spielen in derselben Qualifikation, weil der Oberschenkel Probleme machte. Koller steht zu seiner Nummer eins und das auch mehr als berechtigt. In so gut wie jedem Interview – und derer gab es viele – in denen der Schweizer seit seinem Amtsantritt auf Almer angesprochen wurde, verteidigte er ihn.

 

Saison Vereinsspiele
2008/09 9     (FAK)
2009/10 13   (FAK)
2010/11 13   (FAK)
2011/12 14   (Fortuna)
2012/13 1     (Fortuna)
2013/14 20    (Cottbus)
2014/15 1      (H96)
2015/16 24    (FAK)

 

Im Grunde genommen war die Spielzeit 2015/16 sogar die erste Saison, in der Almer mehr oder weniger unangefochteten Nummer eins bei einem Verein war, unterbrochen aber fast logischerweise durch eine Verletzung (am Kreuzband). Hundert Prozent sicher wirkte er dabei nicht immer, wie etwa beim 1:1 in Graz im März. Doch Marcel Koller geht es um die Leistung im Nationalteam und die war bei Robert Almer immer tadellos. Zugegebenermaßen leisteten sich umgekehrt die anderen Keeper Ramazan Özcan und Heinz Lindner just bei ihren wenigen Einsätzen Unsicherheiten.

 

90minuten.at-Fazit

Der Austria Schlussmann ist bei Marcel Koller gesetzt und es gibt vermutlich so gut wie nichts, was noch passieren könnte, was daran etwas ändern könnte. Koller schätzt Almers Präsenz und dieser zahlt es ihm mit schnörkellosen Leistungen zurück. Zwar fehlen vielleicht die absoluten Ausreißer nach oben im Nationalteam – dafür gibt es diese nach unten auch nicht.

 


Ramazan Özcan: Wenn er spielt, gibt es keine Siege

 

Läuft 'Rambo' Özcan auf, gewinnt das Nationalteam nicht. Sechs Spiele hat der wohl bald-Leverkusener bestritten, drei Remis und drei Niederlagen gab es. Das liegt nicht per se an seinem Können, auch wenn er sich im ersten (einem 2:2 in Nizza gegen Italien 2008) und im letzten Spiel (gegen die Türkei) einen schweren Schnitzer leistete. „Jeder macht einen Fehler. Wir wissen, dass der Rambo ein sehr guter Tormann ist und dass er uns auch schon ein paar Mal gerettet hat. Deswegen: Er kann es vergessen, wir vergessen es auch“, meinte Marko Arnautovic dazu. Ein schlechtes Gefühl braucht deshalb kein Nationalteamfan haben, wenn Almer ausfällt. Das deutsche Fachmagazin „Kicker“ (siehe Bild) bewertete den Ingolstadt-Keeper als Zwölfbesten Keeper der abgelaufenen Bundesligasaison, aber besser als Gladbachs Schweizer Keeper Yann Sommer, Dortmunds Roman Bürki und Wolfsburgs Diego Benaglio. Die verlässliche Nummer zwei soll der Hohenemser ab nächster Saison bei Leverkusen geben, hinter Bernd Leno. Diese Rolle kann er bei der EM schon einmal trainieren.

 

 

Vielleicht sagt es mehr über Robert Almer als über Ramazan Özcan aus, dass Österreichs einzige Nummer eins in einer der großen Ligen im Nationalteam nur Nummer zwei ist. Wo Almer auf einem hohen Niveau konstant spielt, leistet sich Özcan zwar hin und wieder einen Schnitzer, ist aber auch ein Mann für unmöglich zu parierende Bälle.

 

90minuten.at-Fazit

Rambo Özcan ist die Nummer zwei und spielte eine gute Saison in der deutschen Bundesliga. Wenn nichts schief geht, spielt er nicht und wenn er spielen sollte, hat er hoffentlich auch einmal den Tag, an dem er zum Matchwinner avanciert.

 


Heinz Lindner: Dabei sein, ohne zu motzen

 

Den Auslandswechsel hat sich der ehemalige Austria Wien-Keeper sicherlich glamouröser vorgestellt, als von der Bank aus zu beobachten, wie seine Eintracht Richtung zweite Bundesliga taumelt. Trotz Abgang vom bisherigen Einsergoalie Kevin Trapp im Sommer, eines neuen Trainers im Sommer und eines neuen Trainers während der Saison namens Niko Kovac, der ihn noch aus den Wiener Zeiten kannte, durfte er nur einmal im Pokal ran. Lukáš Hrádecký, sein wirklich im Wortsinne Vorgesetzter, kam erst im August nach Frankfurt, ist auch nicht der Ausnahmekönner schlechthin, aber es half alles nix. Freilich haben Torhüter immer das Problem, lediglich eine Position zu spielen und Lindners Fehler in der Vorbereitung spielten ihm nicht die Hände, aber es bleibt nun einmal eine insgesamt enttäuschende Saison für den 25-jährigen Tormann.

 



 

Gut, Marcel Koller schaut nicht auf Vereinseinsatzdaten; und man muss im Nationalteam auch einen dritten Tormann haben, der diese Rolle auch dankbar und devot genug annimmt. Lindner durfte zuletzt im 2014 zwischen die Pfosten und ließ sich im Grunde nichts zu Schulden kommen.

 

90minuten.at-Fazit

Die wenigsten Mannschaften brauchen im Laufe der Saison einen dritten Goalie. Es hätte auch Alexander Kofler oder Osman Hadzikic sein können, den Koller mitnimmt. Die Hauptaufgabe der Nummer drei: Da sein, ohne zu motzen. Das kriegt Lindner hin.