Rot-weiß-rote Stürmer: Marc Janko und die Alternativen
Die Stürmerfrage sieht relativ eindeutig aus – zumindest in der Theorie: Wenn Marc Janko fit ist, wird er spielen. Doch wird er das und wie sieht es mit seinem Ersatz aus? Ein Kader-Check von Georg Sander
Marc Janko
Über Marc Jankos Spielerkarriere ist so gut wie alles gesagt. Und im Nationalteam? Sieben Tore, zwei Assists in der EM-Quali, da bleiben kaum Fragen übrig. Was macht den schlaksigen Mittelstürmer aber so gut, warum kann einer, der fußballerisch eher in die 90er-Jahre passt, so überzeugen? Janko trifft einfach, wenn er mit Vorlagen gefüttert wird. Streicht man die unsägliche Zeit in der Türkei, heißt es Tore, Tore, Tore. Mit Ausnahme der Spielzeiten 12/13 und 13/14 verging seit 2008/09 keine Saison, in der er für seine Klubs nicht mindestens 14 Treffer erzielte. Addiert man dann noch dazu, dass Janko gesundheitlich immer wieder Probleme mit dem Bewegungsapparat hatte, ist das eine beeindruckende Torquote auf Profiniveau von einem Treffer alle 124 eingesetzten Minuten. Lionel Messi kommt auch „nur“ auf 101 und spielt bei einem Weltklasseverein.
Dass Janko so gut funktioniert, liegt sicherlich auch an seinem Intellekt. Nach wie vor gilt ja ein Fußballer, der drei gerade Sätze herausbringt und dabei nicht wirkt, als ob er eine Presseaussendung auswendig aufsagt, als Ausnahme. Aber Janko wirkt im Gespräch stets besonnen, überlegt. So spielt er auch. Er weiß, wo er hin muss, er weiß, was er kann – und vor allem, was er nicht kann. Ein 90-minütiges Pressing kann er beispielsweise nicht. So wählt er seine Laufwege präzise, geht zielsicher dort hin, wo es der Abwehr weh tut.
90minuten.at-Fazit: Er wird fit, er muss fit werden. Er ist der richtige, um einen Außenseiter wie Ungarn in die Schranken zu weisen, taktisch disziplinierte Isländer vor unlösbare Rätsel zu stellen und weiß auch, wie man mit rustikalen Gegnern wie Portugals Pepe fertig wird. Lieber Fußballgott, lass Marc Janko dort weiter machen, wo er vor seiner Verletzung aufgehört hat!
Rubin Okotie
Allein schon für seine zwei Siegtore gegen Montenegro und Russland muss jeder Fußballfan Rubin Okotie abbusseln. Was wäre gewesen, wenn dieser Stürmer 2009 keinen Knorpelschaden erlitten hätte? Denn dann wäre er mit damals 23 Jahren sicherlich nicht zur zweiten Mannschaft des damaligen Bundesligisten 1. FC Nürnberg gewandert, und via Truiden in Belgien, Sturm Graz, dem Jugendklub Austria und den Dänen von SönderjyskE bei 1860 Münschen im Abstiegskampf gelandet. Aber zwei Jahre in Folge 14 bzw. 13 Scorerpunkte im beinharten Kampf gegen den Abstieg, sind bemerkenswert. Um die Perspektive zu schärfen: 2015/16 hatte Okotie bei fast jedem dritten Tor seine Füße im Spiel, vergangene Saison bei 13 von 32! Dazu kommt, dass gegen den TSV 1860 München Grödig ein ruhiges Pflaster ist und Austria Wien-Trainer sicher im Sattel sitzen – um auch diesen Teil der Geschichte zu erzählen.
Fußballerisch muss man dem heute 28-Jährigen sowie so kaum etwas vormachen. Angesichts seiner Leidensgeschichte wünscht man ihm nach ein paar weiteren tollen Szenen im Nationalteamdress einen netten Vertrag bei einem angesehenen Erstligisten. Und wenn der Verein schon nicht so glamurös ist, dann wenigstens der Vertrag. Der junge Mann hat schon genug gelitten.
90minuten.at-Fazit: Er macht einfach die richtigen Tore, und mögen es nicht die besten sein. Okotie ist eine gute Alternative zu Marc Janko, ist den Tick dynamischer und kann vielleicht durch seine feinere Technik den Ball noch länger halten. Und ehrlich: Hoffentlich muss er dann in der Schlussphase eh nur noch den Ball vom Tor fern halten, weil Österreich schon lange deutlich führt.
Lukas Hinterseer
Positionen im Verein und in der Nationalmannschaft können schon einmal variieren. Im Verein beim FC Ingolstadt ist Lukas Hinterseer zumeist an vorderster Front zu finden, auch wenn er gegen Ende der Saison öfters auf Rechtsaußen eingesetzt wurde, in Hasenhüttls 4-3-3. Die meisten Spiele gab er den zentralen Stürmer. Nachdem nun Marcel Kollers nominelles 4-2-3-1 mit dem bekannten Stammpersonal zwischen 4-1-4-1 und 4-4-1-1 flimmert und Okotie der Janko Nummer 2 ist, verändert Hinterseer beim Kommen meistens ein bisschen was. Fünf von acht Einsätzen absolvierte er auf der Junuzovicposition, vier Mal als Einwechsler für eben ihn. Damit wandert die zentrale Offensivposition in Kollers 4-2-3-1 dann weiter nach vorne; Hinterseer ist mit 1,92 Metern größer als Okotie und fast so groß wie Janko, im Vergleich zu „Zladdi“ fehlt ihm aber etwas die Dynamik.
Lukas Hinterseer ist im Nationalteam eher die Rolle Absicherung in der Defensive/Bälle halten in der Offensive zuzuordnen. Erst einmal durfte er 2013 im Test gegen die USA von Beginn an ran; in den letzten zwei Jahren ersetzte er in Bewerbsspielen einmal Arnautovic und bekam ein paar Minuten beim 5:0 in Liechtenstein 2015. 2016, in den verlorenen Tests gegen Albanien und die Türkei, kam er in der Schlussphase, wohl genau um die Brechstange auszupacken.
90minuten.at-Fazit: Lukas Hinterseer ist Stürmer in der deutschen Bundesliga, dergestalt hat er Qualität. Koller sieht in ihm einen guten, robusten Ersatzmann für die letzte halbe Stunde, wenn Junuzovic nicht mehr kann oder, wenn Janko nicht spielen kann, einen Okotie-Ersatz. Den endgültigen Qualitätsbeweis im Nationalteam ist der Tiroler nun noch schuldig geblieben – vielleicht hat er ihn sich für die EM aufgehoben.