Mehr oder weniger große rot-weiß-rote Baustellen

Der gestrige Test gegen die Niederlande hat vor allem eines gezeigt: Österreich ist noch weit entfernt vom Turniermodus. So weit ist das auch relativ normal. Dennoch gibt es einige mehr oder weniger große Baustellen. Von Michael Fiala.

 

Konnte man das Malta-Spiel noch als Bewegungstherapie für elf Kicker abtun, war der Test gegen die Niederlande natürlich ein ernstzunehmender Fingerzeig, vor allem dann, wenn es in Frankreich gegen Portugal geht. Das ÖFB-Team zeigte sich dabei noch ein ganzes Stück entfernt vom Turniermodus, was natürlich einerseits daran liegt, dass “das Turnier” eben noch nicht begonnen hat. Andererseits ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Alaba & Co gestern weniger geliefert haben als sie sich eigentlich vorgenommen haben. In Summe gab es über die gesamten 90 Minuten gesehen eine verdiente Niederlage, da die Gäste im Angriffsdrittel wesentlich gefährlicher agierten als Alaba, Janko & Co.

 

Dass der gestrige Abend mit einer Niederlage endete ist unter anderem auch mit der nicht 100%igen Einstellung bzw. mangelnden Pyhsis zu erklären. Bzgl. der Einstellung findet man schnell auch eine oberflächliche Erklärung: Niemand will 10 Tage vor dem ersten EM-Match eine Verletzung riskieren. Abgesehen davon gibt es aber auch andere Erklärungsmöglichkeiten:Da war einerseits David Alaba auf dem Feld, dem die lange Saison mit 46 Pflichtspielen für Bayern anscheinend mehr in den Knochen steckt als ihm selbst lieb ist und dessen Freigeist-Option vor allem im defensiven Bereich das Team vor Probleme stellt. Oder Marc Janko, der nach seiner Verletzung auch noch ein Stück weit entfernt ist von seiner gewohnten Präsenz. Dann gibt es noch Martin Harnik und Florian Klein, die das Stuttgart-Jahr auch noch nicht abschütteln konnten. Auch Zlatko Junuzovic wirkt derzeit ein bisschen ausgebrannt. Und Dragovic wirkt auch noch etwas unkonzentriert. Probleme, die aber jedes Team der EM in diversen Facetten zu bewältigen hat.

 

Die Qualifikation wurde mehr als souverän - nach Punkten gesehen - gewonnen. Dennoch war Koller schon vor einem Jahr immer bemüht festzustellen, dass es auch viele knappe Siege waren, die auch anders hätten verlaufen können. Die gestrige Niederlage war vor allem in der ersten Hälfte so ein Spiel. Österreich hätte verdient 1:0 in Führung gehen können. Dies ist nicht passiert und auf EM-Niveau, zu dem man die NIederlande trotzt der Nicht-Quali zählen muss, kommt es dann, wie es gestern gekommen ist.

 

Eine der Aufgabe von Koller wird es daher sein, die derzeit anscheinend intern vorhandene Grundstimmung zu korrigieren. Denn eines ist auch relativ klar: Mit so einer Leistung wie gestern wird es selbst in Frankreich relativ schwer, das Achtelfinale zu erreichen. Das Vertrauen in Marcel Koller ist groß, dass er in den kommenden Tagen vor dem ersten Match gegen Ungarn die richtigen Mittel findet, um das Team “so richtig heiß zu machen” (5 Euro ins Phrasenschwein).

 


Abgesehen von der physisch/psychischen Komponente gibt es aber auch ein paar mehr oder weniger akute Baustellen, die zum Teil schon seit Längerem bestehen und die wohl nur zum Teil bis zum Beginn der EM korrigiert werden können:

 

Robert Almer
Dem Austria-Torhüter ist bewusst, dass das 1:0 zum Teil natürlich auch ihm gehört. Die relativ lange hoch in der Luft befindliche Flanke - auch wenn sie abgefälscht war - hätte er haben müssen. Jahrelang war es bei Almer irgendwie egal, ob er Spielpraxis bei seinem Klub sammeln konnte oder nicht. Seit Ende Oktober hat Almer neun Meisterschaftsspiele in den Beinen und es wirkt so, als ob er sein volles Potenzial noch nicht abrufen kann, wie das Spiel gegen die Niederlande gezeigt hat.

 

Innenverteidigungsduo Dragovic-Prödl
Wie sehr Martin Hinteregger im Spielaufbau der Österreicher vermisst wird, wenn er nicht spielt, hat der gestrige Abend gut gezeigt. Dragovic hat als Innenverteidiger unbestritten seine Qualitäten, aber sein Level im Spielaufbau ist sicherlich auch mit ein Grund, warum der ganz große Transfer bisher ausgeblieben ist. Das fiel gestern besonders auf als er an der Seite mit Sebastian Prödl gespielt hat, der den Punkt Spielaufbau auch nicht auf der Visitenkarte beim Punkt “Stärken” stehen hat. Bei der EM ist aber davon auszugehen, dass Dragovic/Hinteregger auf dem Platz stehen werden.

 

Rechte Seite
Viel wurde gestern über links gespielt, auch wenn das Team bemüht war, über Klein/Sabitzer den einen oder Spielzug einzuleiten. Der gestrige Abend hat aber gezeigt, dass die rechte Seite wohl jener Teil im Nationalteam ist, der am weitesten vom EM-Niveau entfernt ist und es bis zum Turnierstart auch nur schwer werden wird. Sabitzer ist daher keine wirkliche gewinnbringende Alternative zu dem unter Normalform agierenden Martin Harnik.

 

Ungefährliche Standards
Österreichs Standards sind derzeit so ungefährlich wie schon lange nicht mehr. Gegen die Niederlande hat das Team zwei, drei aussichtsreiche Freistöße zugesprochen bekommen; die Ausbeute war mehr als dürftig. Koller meinte gestern in der Pressekonferenz nach dem Spiel zweckoptimistisch, dass man noch Zeit hätte, um daran zu arbeiten. Als Ass im Ärmel wird man die Standards bei der EM jedoch nicht sehen.

 

Taktische Varianten
Das Team hat unter Koller in den vergangenen Monaten und Wochen zusätzliche taktische Varianten einstudiert. Dies ist auch wichtig, um bei der EM auf diverse Ereignisse reagieren zu können. Das überfallsartige Pressing, welches das österreichische Team während der Quali ausgezeichnet hat, kam bisher im 2016er-Jahr jedoch zu kurz. Es bleibt zu hoffen, dass sie es beim Turnier in den richtigen Phasen wieder abrufen können.

 

Keine Panik
Jedes Team hat vor der EM die eine oder andere Baustelle zu bewältigen. Das österreichische Team steht aktuell auf Platz 10 der Weltrangliste und dies ist nicht durch Zufall passiert. Die in den Koller-Jahren erarbeitete Basis stimmt weiterhin und lässt auch keinen Zweifel daran, dass Österreich bei der EM die Gruppenphase überstehen kann. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit, den das Team im 2015er-Jahr nahezu erlangt hatte, ist aber (zum Glück) dahin. Dies ist eine gute Basis für den Schweizer, um in den kommenden Tagen an den notwendigen Schrauben drehen zu können, damit ein - aus österreichischer Sicht - erfolgreiches Turnier gespielt werden kann. Das Erreichen der K.O.-Phase und hier speziell das Viertelfinale ist und bleibt dabei das realistische Ziel für das rot-weiß-rote Team.

 

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