Kollers Mut zur Dreierkette wurde nicht belohnt [Taktik-Analyse]
Kollers Entscheidung zur Dreierkette gegen Island war eigentlich eine gute Entscheidung. Dennoch scheiterte der Versuch aus mehreren Gründen. Eine Taktik-Analyse von Momo Akhondi
Für Österreich war das Spiel gegen die Isländer wie ein Finale. „Siegen oder Fliegen“ lautete das Motto. Nachdem die ersten beiden Spiele bei dieser Europameisterschaft sowohl im Aufbau als auch im Pressing enttäuschend waren, war Marcel Koller gestern gefordert, die Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen. Und der Schweizer enttäuschte prinzipiell nicht.
Dreierkette, gegen das Problem der tiefen Außenverteidiger?
In den vergangen Spielen wurde eine Thematik wieder akut, welche Koller bereits seit seinem Amtsantritt verfolgt: Das Spielermaterial auf den defensiven Außenbahnen. Für das dominante, auf Ballbesitz angelegte Spiel, welches Ruttensteiner und Koller forcieren, sind Fuchs, Klein, Garics und Suttner nicht die Idealbesetzung. In der Vergangenheit war Koller stets bemüht diese Schwächen zu kaschieren, indem er im Spielaufbau die einzelnen Rollen anpasste. Doch ausgerechnet zur EURO wurde dieses Problem wieder offensichtlich.
Die tiefen Außenverteidiger locken den Gegner nach vorne, beteiligen sich danach jedoch kaum am Spielaufbau, womit die Österreicher dem Gegner den Raum quasi schenken. Auch gegen Portugal war dieses Problem aktuell, hier jedoch noch zu verzeihen. Die Portugiesen stellten die Österreicher sehr weit vorne, Mann gegen Mann, zu und konnten den Österreichern dadurch – sehr einfach – den Zahn ziehen.
Gegen die Isländer war nun Marcel Koller gefordert, um das Ballbesitzspiel der Österreicher wieder auf Schiene zu bekommen. Koller entschied sich für eine Variante mit drei Innenverteidigern, welche in Richtung des .
Bild 1 – Drei Innenverteidiger ermöglichen Fuchs und Klein höher aufzurücken.
Die Idee dahinter schien klar: Dragovic, Hinteregger und Prödl sollen gegen die tiefstehenden Isländer das Spiel machen, Fuchs und Klein mit dem zusätzlichen Mann im Rücken endlich den Mut haben, mit nach vorne zu gehen. Dabei spielte ein anderer Fakt den Österreichern besonders in die Karten.
Bild 2 – Island deckt den Raum, nur Gunnarson sucht sich zwischendurch immer einen Mann.
Die Isländer haben mit Lagerbäck einen Trainer, der traditionell auf Raumdeckung setzt, nur Kapitän Gunnarson suchte bei den Isländern immer wieder einen direkten Gegenspieler, sobald jemand gefährlich und mit Tempo zwischen die Linien wollte. Der alleinige Fakt, dass der Gegner nicht auf sture Manndeckung setzte, tat dem Spiel der Österreicher unheimlich gut. Die ganze Mannschaft stand mit dem Ball plötzlich stabiler da und konnte im Spielaufbau die richtigen Räume besetzen. Dabei half die Dreierkette auch, um das vereinzelt höhere Pressing der Isländer zu zerspielen.
Bild 3 – Baumgartlinger kann die Innenverteidiger unterstützen. Fuchs und Klein hoch aufgerückt.
Auf Bild 3 kann man sehen, wie Baumgartliner – und teilweise auch Ilsanker – sich einbringen konnten, ohne den restlichen Spielaufbau gleich komplett zu töten. Sehr hilfreich sind dabei naturgemäß auch die hohen Positionierungen von Fuchs und Klein. Beide sind am Bild gar nicht mehr zu sehen.
Das Ganze war ein Stück weit natürlich Placebo für die Außenverteidiger. Im üblichen Spielaufbau der Österreicher kippt normalerweise einer der beiden Sechser ab, womit effektiv wieder eine Dreierkette gebildet wird. Der abkippende Sechser verabschiedet sich jedoch ebenso rasch wieder nach vorne, weshalb die Außenverteidiger oft das Gefühl haben, dass sie den Spielaufbau aus der Tiefe heraus unterstützen müssen, was in diesem Fall jedoch ein Trugschluss ist.
In diesem Zusammenhang wurden auch immer wieder die offensiven Mängel der beiden österreichischen Außenverteidiger überstrapaziert. Hier haben wir jedoch schon den nächsten Denkfehler: es geht bei den aufgerückten Außenverteidigern gar nicht darum, dass sie jetzt drei Spieler ausdribbeln und dann eine David-Beckham-Flanke schlagen, die Janko per Fallrückzieher verwertet. Siehe Hector und Höwedes bei den Deutschen.
In diesem Zusammenhang reicht die schlichte Präsenz der Außen tief in der gegnerischen Hälfte, um sich den Gegner so zurechtlegen zu können, wie man es gerne hätte.
Bild 4 – Fuchs zirkuliert den Ball auf der Seite und öffnet dadurch das Zentrum für Dragovic.
Wenn die Österreicher die Außen sauber besetzen konnten, hatte das zwei entscheidende Vorteile: einerseits kann der Gegner schlichtweg nicht mehr so eng in der Mitte stehen, wenn an beiden Outlinien Spieler das Feld breit machen. Würden sie das trotzdem machen, wären die Außenspieler frei. Zusätzlich ist der Gegner gezwungen auf die Seite zu verschieben, sobald einer der Flügelverteidiger den Ball erhält. Wenn man den Gegner jetzt lange genug auf den Flügel anlocken kann, öffnet man woanders Räume. Bei den Isländern war es auffällig, wie schnell sich das Zentrum auflöste, sobald Fuchs den Ball längere Zeit auf der linken Seite behauptete. Gelang es den Österreichern dann vom Flügel zurück in die Mitte zu kommen, öffneten sich große Räume in der Mitte und – in weiterer Folge – auch auf der anderen Seite.
Trotz der vielen Vorteile im Spielaufbau der Österreicher schien es so, als ob sich die Außenverteidiger so weit vorne am Feld nicht wohl fühlten, immer wieder musste Koller seinen Kapitän dazu ermutigen aufzurücken.
Bild 5 – Koller schiebt Fuchs wieder und wieder nach vorne, Minute 44.
An dieser Stelle werden sich viele Leser denken: „Wieso lobt der die erste Halbzeit so?! Das war doch furchtbar!“. Es stimmt: die Dreierkette war eine sehr gute Idee, welche die Stärken der Spieler wohl am Besten zum Geltung bringen kann und auch die richtige Wahl, um nach dem offensiven Offenbarungseid gegen Portugal wieder die spielerische Linie zu finden. Doch in der Umsetzung gab es einige Kinderkrankheiten.
Anfängliche Kinderkrankheiten bringen Österreich aus dem Rhythmus
Das wohl größte Problem war das zu Beginn noch wenig kohärente Pressing, wenn die Isländer den Ball hatten. Man merkte: die spielen das zum ersten Mal in der Konstellation, und diese war schon sehr komisch. Gegen den Ball wurde das System der Österreicher zu einem 3-4-3 mit Fuchs und Klein auf einer Höhe mit den Sechsern Ilsanker und Baumgartlinger. Dabei kamen die Außenverteidiger bei wachsendem Druck auch ganz nach hinten und bildeten mit den Innenverteidigern eine Fünferkette. Das passierte vereinzelt auch.
Bild 6 – Österreich bildet zu früh eine Fünferkette. Konterkraft verpufft.
Die Österreicher griffen zu Beginn wohl ein wenig zu oft auf die Fünferkette zurück, vielleicht lag es an der anfänglichen Nervosität, doch man ließ sich damit unnötig weit nach hinten drücken und musste dadurch auch potenzielle Gefahr bei eigenen Kontern einbüßen.
An vorderster Front pressten Arnautovic, Alaba und Sabitzer auf einer Höhe. Von links nach rechts. Ja, ihr lest richtig: Alaba war gegen den Ball Mittelstürmer.
Bild 7 – Arnautovic, Alaba und Sabitzer im Sturm. Der Außenspieler wird durch Arnautovics Laufweg aus dem Spiel genommen.
Besonders auffällig im Spiel gegen den Ball war, dass Arnautovic fast alle Läufe im Pressing so wählte, dass er den Gegner ins Zentrum lenken kann. Hierfür lief er den Gegner immer im Bogen an und nahm dabei den Außenspieler in den Deckungsschatten und damit effektiv aus dem Spiel. Gleich zu Beginn konnte der Stoke-Legionär dem isländischen Tormann dadurch den Ball abnehmen und die Österreicher damit fast in Führung bringen.
Probleme hatten die Österreicher – wie im Nationalmannschafts-Fußball fast schon traditionell – in der vertikalen Kompaktheit. Vorne pressten unsere drei Stürmer teilweise sehr gut, doch das Mittelfeld stand zu weit hinten. Dadurch konnten die Isländer das Pressing mit einem einfachen Pass aushebeln.
Bild 8 – teilweise zu große Abstände erleichtern den Isländern das Durchspielen.
An dieser Stelle soll jedoch kein Vorwurf an die Mannschaft von Marcel Koller geäußert werden, die fehlende Eingespieltheit gegen den Ball war zu erwarten und wohl unvermeidbar. Doch es brachte die Österreicher zu Beginn der Partie gleich gehörig aus dem Rhythmus. Potenziell können die Spieler dann das Vertrauen in das neue System verlieren, bevor es sich richtig beweisen kann. Doch das Pressing blieb nicht das einzige Baustelle bei Kollers Dreierketten-Plan.
Eine weitere Kinderkrankheit, die am Einfachsten mit der Nervosität zu erklären war, sind die großen Abstände bei eigenem Ballbesitz.
Bild 9 – Baumgartlinger und Ilsanker bei den Innenverteidigern dann lange Zeit nichts.
Die gesamte österreichische Mannschaft ließ sich vor allem in der Anfangsphase zu weit auseinanderziehen. Dadurch, dass die Abstände von der Innenverteidigung zu den Offensivspielern so groß war, kamen vor allem die beiden Sechser Ilsanker und Baumgartlinger nicht zur Geltung. Entweder sie standen zu nah an den Innenverteidigern und hatten in weiterer Folge keinen Anschluss zu den Stürmern, oder sie standen zu nah an den Stürmern, wodurch die Innenverteidiger wiederum keine Verbindung nach vorne hatten außer den hohen Ball. Wären sie genau in der Mitte gestanden, wäre aufgrund der riesigen Abstände, genau gar nichts passiert – weder nach vorne noch nach hinten.
Das viel größere Problem der Österreicher an diesem Abend war jedoch eine Fehlplanung von Koller und weniger mit der Nervosität erklärbar. Aus irgendeinem Grund spielte David Alaba gegen die Isländer als „falsche Neun“: er begann – wie auch im Pressing – an vorderster Front und ließ sich in weiterer Folge nach hinten in den Zehnerraum fallen. Vorne besetzten Arnautovic und Sabitzer dann die Stürmerposition. Das System wurde effektiv zu einem 3-4-1-2 mit Alaba als Zehner hinter Arnautovic-Sabitzer. In der Position war Alaba als einziger Spieler zwischen den Linien und damit für den Gegner sehr leicht zu isolieren, außerdem kam unser Bayern-Legionär in dieselben Situationen, in denen er sich seit jeher schwer tut: statisch und mit dem Rücken im Tor, unter großer Bedrängnis des Gegners, welcher sich voll und ganz auf ihn fokussieren kann.
Es kommt nicht von ungefähr, dass van Gaal, Heynckes und Guardiola Alaba als Links- oder Innen- oder Halbverteidiger spielen ließen. Der zweifache Sportler des Jahres ist Weltklasse, wenn er das Spielfeld vor sich hat. Sein strategisches Auge, sein überragendes Passspiel und seine Athletik ermöglichen es ihm, aus einer tiefen Position heraus das Spiel voranzutreiben. Dabei hilft ihm sein außerordentlich gutes Raumgefühl, um die Laufwege seiner Mitspieler auszugleichen und auszubalancieren. Alaba weiß fast immer, wann er sich wohin bewegen muss, damit alle Räume gut besetzt sind und der Angriff am Leben erhalten wird, dabei aber auch stets gegen Ballverluste abgesichert ist. Vor allem kann er aus der tiefen Position dann auch mit Dynamik bis ganz nach vorne stoßen und den Gegner so entscheidend aus der Ordnung bringen. Vereinfacht gesagt: Alaba ist gut, wenn er mit Tempo und Blick zum Tor bis ganz nach vorne kommt. Alaba ist hingegen weniger gut, wenn er – dieselbe Position - von Haus aus besetzen muss. Stehend, mit dem Rücken zum Tor und für den Gegner leicht zu verteidigen.
Trotzdem schob ihn Koller zum erneuten Mal nach vorne, dieses Mal sogar weiter vorne denn je. Alaba hatte einen sehr schweren Stand und kam kaum zur Geltung, was auch daran lag, dass er zwischen den Linien alleine als Anspielstation parat stehen musste, während die Stürmer sich fast nur darauf konzentrierten mit Tempo hinter die Abwehr zu laufen.
Bild 10 – 3-4-1-2 mit Alaba hinter Arnautovic und Sabitzer (rotes Dreieck). Fuchs steht hoch, Klein traut sich die letzten Meter nicht zu um Platz zu öffnen (rote Kreise).
Die Offensivtaktik von Marcel Kollers Mannschaft schien klar: man wollte die schnellen Arnautovic und Sabitzer mit hohen Bällen und „Lupfer“ mit Tempo hinter die Abwehr bringen. Dementsprechend waren die Österreicher auf hohe Bälle fokussiert, sobald man sich in der gegnerischen Hälfte festsetzen konnte. Doch eine Regel besagt: Bälle, die hoch und weit weg geschlagen werden, kommen ebenso schnell wieder zurück. Erschwerend kam hinzu, dass beide Stürmer sich ein wenig zu sehr auf ihre Rolle versteiften und ständig an der Abseitslinie auf den hohen Ball lauerten. Damit wurde Alaba zwischen den Linien noch weniger unterstützt.
Das größte Problem dabei: die Halbräume wurden von den Österreichern überhaupt nicht besetzt, links und rechts von Alaba war Raum vorhanden, doch die Stürmer konzentrierten sich auf die Viererkette der Isländer.
Sinnvoller wäre es gewesen, wenn die Österreicher mit zwei Spielern zwischen den Linien agiert hätten, und nur einem Stürmer davor, der die Viererkette der Gegners beschäftigt. In solch einer 3-4-2-1 Formation hätte man die Halbräume gut besetzen können und damit auch einfacher durch die isländische Defensivformation kommen können.
Bild 11 – zwei Österreicher sollten lieber die Halbräume besetzen (rote Rechtecke), einer die Mitte vorne. Doch das Gegenteil war der Fall.
In weiterer Folge war es dann vor allem Arnautovic, der vorne das Heft in die Hand nahm und den Durchbruch hinter die isländische Abwehr erzwingen wollte. Er nahm damit auch Sabitzer mehr oder weniger den Platz weg und mutierte immer mehr zum „echten“ und einzigen Mittelstürmer der Österreicher.
Bild 12 – Arnautovic im Dauersprinter-Modus, dabei könnte er noch einmal kurzkommen.
Dahinter haben Sabitzer und Alaba aber oft nicht die Halbräume besetzt, sondern waren teilweise verloren ob der enormen Präsenz von Arnautovic in der Spitze.
Bild 13 – Leute! Arnautovic WILL. HINTER. DIE. ABWEHR. Aber Alaba und Sabitzer sind ein wenig verloren. Fuchs und Klein stehen gut (rote Kreise).
Je länger die erste Halbzeit ging, desto mehr wurde Arnautovic zum Ankerpunkt in der Offensive, doch er schwächte dadurch auch die Offensivstruktur der Österreicher massiv, weil Alaba und Sabitzer dahinter immer mehr in der Luft hingen. Kombiniert mit dem Dilemma der Sechser, die weiterhin nicht wussten, ob sie sich weiter vor oder zurück positionieren sollten, wurden im Spielaufbau der Österreicher oft Spieler übersprungen, um schnell weit und hoch zu Arnautovic zu kommen.
Die besten Szenen in der ersten Halbzeit gab es dann, wenn Arnautovic bereits längere Zeit alleine vorne gewartet hat und Alaba und Sabitzer sich quasi mit ihren neuen Rollen anfreundeten und die Halbräume besetzen.
Bild 14 – Arnautovic zwingt Sabitzer und Alaba dazu ihre Rollen zu verändern, diesmal zum Guten.
Diese Halbraumbesetzungen waren leider viel zu selten zu sehen, jedoch nicht ein Problem der Dreierkette per se. In der zweiten Hälfte stellte Koller auf eine Viererkette um und konnte das Problem mit der Offensivbesetzung zwar beheben, alte Probleme kamen jedoch wieder zum Vorschein.
Rückkehr zur Viererkette mit Licht und Schatten
Die Rückkehr zur Viererkette war gleichzeitig nicht ganz eine Rückkehr zum 4-2-3-1.
Mit der Einwechslung von Schöpf und Janko stellte Koller eigentlich auf ein 4-1-4-1 um, bei dem Baumgartlinger hinter Alaba und Schöpf agierte. Hinten waren Fuchs und Klein wieder als Außenverteidiger an der Seite von Dragovic und Hinteregger. Dadurch mussten Sabitzer und vor allem Arnautovic wieder auf die Flügel raus. Die Betonung liegt auf „mussten“.
Bild 15 – Alaba und Schöpf besetzen die Halbräume sehr gut, doch die Breite fehlt erneut. Fuchs und Klein wieder entscheidend tiefer.
Durch die Einwechslung von guten Spielern zur Halbzeit konnte Koller die Qualität der Mannschaft entscheidend heben. Mit der guten Halbraumbesetzung von Alaba links und Schöpf rechts gelang schlussendlich auch der verdiente Ausgleich. Janko konnte mit seiner Präsenz als Stürmer wieder für ein besseres Positionsspiel der Restmannschaft sorgen. Auch dem großen Mittelstürmer kam somit der raumdeckende Gegner entgegen, um seine Stärken mit dem Ball einzubringen. Doch die Umstellung zurück zur Viererkette brachte auch altbekannte Probleme mit sich.
Fuchs und Klein agierten im Spiel nach vorne erneut sehr schüchtern und verpassten es dadurch, die isländische Abwehr auseinander zu ziehen. Die Außenspieler Sabitzer und vor allem Arnautovic haben ihren Drang in die Mitte zur Halbzeit nicht abgelegt und rutschten immer wieder Richtung Zentrum.
Bild 16 – Fuchs hält sich stark zurück, sogar Hinteregger ist vor ihm, Arnautovic rückt in die Mitte. 8 Isländer verteidigen 4 Österreicher auf engstem Raum.
Dadurch, dass weder die Außenverteidiger noch die Außenstürmer die Breite besetzten, mussten die Isländer logischerweise auch keine Wege nach außen gehen, sondern konnten sich alle gemeinsam darauf konzentrieren, die Mitte zuzustellen. Auf Bild 16 sieht man, wie 8 Isländer extrem eng stehen können, um 4 Österreicher zu verteidigen. Ein Durchkommen ist hier utopisch. Um bessere Chancen zu haben, hätten die Österreicher irgendwie die Außen besetzen müssen, um die Isländer auseinanderzuziehen. Pep Guardiola sagte diese Saison auf einer Pressekonferenz: „Um gut über die Mitte angreifen zu können, braucht es Spieler auf den Außen. Um gut über die Außen angreifen zu können, braucht man Spieler in der Mitte. Sonst ist es für den Gegner leicht zu verteidigen.“
Bild 17 – Acht Isländer gegen drei Österreicher, Klein traut sich einfach nicht nach vorne, obwohl so viel Platz wäre.
Die Österreicher kamen zwar gut aus der Halbzeit und konnten bestimmte taktische Schwächen aus der ersten Halbzeit beseitigen, doch das lag vorrangig am verbesserten Personal und einer besseren Besetzung der so wichtigen Halbräume.
Je länger die zweite Halbzeit dauerte, desto augenscheinlicher wurden die Probleme der Österreicher. Durch das furchtbare Positionsspiel der Offensivabteilung war es für die Isländer ein Leichtes, das Ergebnis über die Zeit zu bringen. Die Österreicher mussten immer öfter auf verzweifelte Flanken und hohe Bälle zurückgreifen. Die altbekannten strukturellen Probleme im Offensivspiel ließen die Schlussphase zu einem Kampf gegen Windmühlen werden und fast jeder Angriff der Österreicher startete bereits unter aussichtslosen Bedingungen.
Dass die Isländer am Ende noch den Siegtreffer erzielen konnten, passte ins Bild, auch wenn an diesem Abend die Österreicher sich einen Sieg wohl verdient gehabt hätten.
Fazit
Koller bewies mit der Dreierkette zu Beginn Mut. Es war wohl auch die richtige Entscheidung, um den Spielaufbau der Österreicher wieder zu stärken. Die raumdeckenden Isländer waren dabei ein dankbarer Gegner, um sukzessive wieder in den Modus zu kommen, mit dem die Qualifikation auch erfolgreich bestritten werden konnte. Die aufgerückten Fuchs und Klein taten dem Spiel gut. Doch Abstimmungsprobleme im Pressing, große Abstände mit dem Ball waren jedoch ebenso ein Problem wie die Unsichtbarkeit der Sechser. Baumgartlinger kam eigentlich nur zum Ball, wenn er den Verteidigern im Aufbau helfen musste oder einen Klärungsversuch der Isländer abfangen konnte.
Das größte Problem der ersten Halbzeit war jedoch die schlechte Rollenverteilung von Arnautovic und Alaba und die dadurch schlecht besetzten Halbräume in der Offensive. Koller reagierte darauf mit einer Systemumstellung, die zwar die Halbraumbesetzung verbesserte, doch die Außenverteidiger wieder ins alte Schema fallen ließ. Zum Schluss waren die Österreicher machtlos gegen ihre eigenen strukturellen Defizite und mussten noch das 1:2 hinnehmen.
Zum Autor: Momo Akhondi ist neben seiner Tätigkeit bei 90minuten.at auch Analyst beim deutschen Taktik-Portal Spielverlagerung.de und hat bereits mit Bundesligatrainern aus Österreich und Deutschland zusammengearbeitet.
>>> Koller hintergeht gegen Portugal seine Spielidee - und holt den gewünschten Punkt