Kollers bisher größte Prüfung

Gegen Ungarn waren die Österreicher taktisch unterlegen, gegen Portugal rührte Marcel Koller ganz untypisch Beton an. Gegen Island steht der Schweizer vor seiner bisher größten Prüfung. Von Michael Fiala

 

Himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt. Man sagt, der österreichische Fußball-Fan kennt nur diese beiden Gefühle. Auch Teamchef Marcel Koller musste sich in den ersten Monaten seiner Amtszeit erst langsam an diese Denkweise herantasten, um damit auch umgehen zu können. Er hat es eigentlich auch ganz gut hinbekommen, doch mit der äußerst souveränen Qualifikation in der Grupppe gegen Schweden und Russland brach das Hoch-Gefühl bei vielen wieder aus.

 

Eigentlich ging es im Vorfeld der EM oft nur noch um die Frage, ob Österreich den etwas verwegenen Gruppensieg anvisieren soll oder doch lieber Gruppenzweiter wird, um die angenehmeren Gegner im Achtelfinale zu bekommen, was sich übrigens sowieso nicht bewahrheitet hat. Derzeit fragen sich aber wohl die meisten Fans: Wie soll am Mittwoch mit der bisher gezeigten Leistung ein voller Erfolg gegen Island gelingen?

 

Kritik wurde vor einem Jahr als unnötig abgestempelt
In den vergangenen Jahren war es meist so, dass der österreichische Matchplan aufgegangen ist, weil man taktisch einfach überlegen oder das eine oder andere Mal auch das Spielglück auf der rot-weiß-roten Seite war. Der Blick auf die EM-Qualifikation lässt diesbezüglich wenig Kritik zu. Und wurde , gab es Kritik an der Kritik. Credo: Sogar im Erfolgsfall suchen sie (= die wenigen kritischen Medien) das Haar in der Suppe. Dabei geht und ging es nie darum, endlich einen Fleck auf der weißen Weste von Koller zu finden, sondern um die konstruktive Kritik an der taktischen Ausrichtung Österreichs. Doch im Erfolgsfall wollen sich die Mainstream-Medien eigentlich selten bis nie mit derartigen Themen auseinandersetzen. Jetzt in Frankreich hat man aber gesehen, was passiert, wenn man nicht richtig oder zu spät reagiert oder wenn die Fähigkeiten der Spieler nicht 100%ig korrekt eingeschätzt werden. 

 

Ja, Marcel Koller ist kein Wunderwuzzi, auch wenn er in den Medien meist so dargestellt wurde. Auch der Schweizer musste zähneknirschend feststellen, dass sich die Gegner bei einer Europameisterschaft deutlich besser auf die Partien vorbereiten als im Rahmen der Qualifikation. Das bisher so erfolgreiche Pressing der Österreicher wurde von den Ungarn mit einer sehr interessanten Taktik erfolgreich bespielt, was passieren kann und auf diesem Niveau dazugehört. Ernüchternd zu sehen war dann jedoch eher in Folge, dass Koller keine Antwort darauf hatte. Ein Warnschuss diesbezüglich war das Testspiel gegen die Niederlande, doch das hat die Öffentlichkeit im “Europhorie”-Modus nicht wirklich wahrgenommen.

 

Der harte Boden der französischen Realität
Abseits der taktischen Ausrichtung gibt es noch eine weitere Herausforderung: Das Gefühl der Unbesiegbarkeit, das Teile des österreichischen Teams aber auch des Verbands selbst in den vergangenen zwei Jahren angenommen haben, hat zu einem übersteigerten Selbstwertgefühl geführt. Koller und ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner waren stets bemüht, dieses Bild wieder zurechtzurücken, was aber nicht gelang. Ein Grund dafür ist sicherlich auch die zum Teil fanorientierte, kritiklose Berichterstattung in Österreich. Und wenn es dann doch im Vorfeld Kritik gab, wie etwa von ORF-Analytiker Peter Hackmair zum Thema Körperspracher der Spieler, reagierte man dünnhäutig und zettelte unnötigerweise eine öffentliche Diskussion an

 

Der Fall auf den harten Boden der französischen Realität war daher umso härter - für Koller, das Team, die Fans aber auch viele Medien. Das Selbstvertrauen der ÖFB-Spieler ist daher mehr als angeknackst. Im Turniermodus ist dies auch nur sehr schwer zu reparieren. Kommt man einmal in eine Negativspirale hinein, so mussten selbst große Teams wie Frankreich oder Spanien nach der Gruppenphase die Segel streichen.

 

Am Mittwoch werden rund 50.000 Österreicher nach Paris pilgern, mehr als 30.000 werden im Stade de France sein und das Team anfeuern. Mit Island wird ein top eingestellter Gegner mit breiter Brust auf dem Rasen warten. All die Entwicklungen der vergangenen Wochen muss Koller in wenigen Stunden analysieren und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Es wird Marcel Kollers bisher größte Prüfung als Trainer der österreichischen Nationalmannschaft werden.

 

Taktik-Analysen

>>> Portugal vs Österreich - Koller hintergeht gegen Portugal seine Spielidee - und holt den gewünschten Punkt

>>> Fragwürdige taktische Ausrichtung endet mit verdienter Auftaktniederlage