Koller raus?
Das frühestmögliche Ausscheiden bei der Europameisterschaft muss auch der Teamchef verantworten. Jetzt aber ein mögliches Ende der Koller-Ära herbeizuschreiben, ist absurd und gefährlich. Ein Kommentar von Michael Fiala
Dass Marcel Koller die österreichischen Kicker gestern mit einer Dreierkette aufs Feld schickte, die er unter Match-Bedingungen erst ein einziges Mal getestet hatte (und zwar im Schweizer Trainingslager gegen den Sechstligisten Schluein) war natürlich verwunderlich. Das Ergebnis war in den ersten 25 Minuten auf dem Feld zu sehen, erst langsam stabilisierte sich das Team, doch da stand es bereits 0:1. Über einen verschossenen Elfer braucht man auch keine Worte zu verlieren, denn es blieb genügend Zeit, um den Rückstand noch zu drehen. Eine gute zweite Hälfte war dann in Summe zu wenig für eine Europameisterschaft.
Koller fehlte der Mut zur eigenen Courage
Schon gegen Ungarn verwunderte es, dass der Schweizer die Außen-Verteidiger so tief positioniert und somit den östlichen Nachbarn in die Hände gespielt hat. Generell konnte man feststellen: Koller fehlte, aus welchen Gründen auch immer, der Mut zur eigenen Courage. Es fehlte ihm der Mut, bei der EM als Nr. 10 der Welt das eigene Spiel zu spielen, so wie man es im Rahmen der Qualifikation gesehen hat. So wie man es bei Ungarn oder Island gesehen hat. Die Koller-Analyse nach dem Spiel gegen Island, dass es an den nervösen Spielern gelegen haben könnte, greift hier natürlich viel zu kurz. Fragen wie diese und viele mehr, die sich Koller in den kommenden Tagen und Wochen gefallen lassen muss – und auf die Antworten darf man sehr gespannt sein.
Damit wären wir auch bei einer der wichtigsten Aufgabe der Medien: Themen kritisch zu hinterfragen und sachlich aufzuarbeiten. Und man merkt, dass sich die rot-weiß-roten Gazetten damit schwer tun. Kollers Arbeit war sakrosankt. galt in den vergangenen Jahren als verpönt, auch wenn sie sachlich vorgetragen wurde. Es war andererseits aber auch nicht anders zu erwarten, dass der Boulevard jetzt am Tag danach langsam aus der Deckung kommt und Koller – noch sehr verhalten aber doch - in Frage stellt. Dass auch Qualitätszeitungen (siehe Bild) hier mitmachen, ist jedoch eher ein Armutszeugnis der medialen Auseinandersetzung mit diesem Thema.
(Screenshot Die Presse)
Es braucht keine Teamchefdiskussion, es braucht sachliche Analyse
Klar muss man auch Teamchef Koller in die Pflicht nehmen. Was der österreichische Fußball jetzt auf keinen Fall brauchen kann, ist eine künstliche Teamchefdiskussion. Man darf eines nicht vergessen: Vor ein paar Jahren wurde Taktik noch überbewertet, Taktik-Mappen für Team-Spieler abgeschafft und es galt das Credeo: „Man kann den Fußball auch verkomplizieren. Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Geht’s raus und spielts.“ Das Ergebnis: Österreich verabschiedete sich regelmäßig bereits nach rund vier bis fünf Spielen aus der aktuellen Qualifikation. Gestern haben hat sich das ÖFB-Team – zugegeben nach ernüchternden Spielen – von einer Europameisterschaft verabschiedet. Und das lag bei weitem nicht nur daran, dass Österreich plötzlich so viele Legionäre in den Top-Ligen hat.
Jedem, der die EM verfolgt hat, ist klar, dass jene Teams, die taktisch bestens vorbereitet sind, Erfolge feiern – siehe Ungarn. Auch Koller muss zähneknirschend zur Kenntnis, dass es auf diesem Niveau Trainer gibt, die möglicherweise besser sind als er. Es gilt all diese gezeigten Schwächen aufzuarbeiten – und zwar sachlich. Dazu muss auch der Verband als Ganzes noch dazulernen, denn hier gab es ebenfalls in den vergangenen Wochen die eine oder andere (unnötige) offene Baustelle.
Eines haben die vergangenen Koller-Jahres jedenfalls gezeigt: Der Schweizer hat Österreich auf internationales Niveau gehoben und eine besondere Stärke im Bereich der Analytik an den Tag gelegt. Genau diese Fähigkeit gilt es jetzt für die kommende WM-Qualifikation zu nützen.
Alles andere wäre absurd und gefährlich für den österreichischen Fußball. Der verhaberte Fußball hat – zumindest was das Nationalteam betrifft - seit 2011 an Bedeutung verloren, jetzt scheint er wieder ein bisschen nach Luft zu schnappen. Für die Entwicklung des österreichischen Fußballs wäre es sehr wichtig – unabhängig von der Person Koller an sich - ,wenn man den alten Seilschaften nicht wieder jene Bedeutung zumisst, die sie vor ein paar Jahren noch gehabt haben.
>>> Analyse: Klartext zum Ausscheiden - an diesen drei Punkten ist Österreich gescheitert