Koller hintergeht gegen Portugal seine Spielidee - und holt den gewünschten Punkt

Koller bricht im Spiel gegen Portugal mit seiner bisherigen Spielphilosophie. Während die Null dadurch gehalten werden konnte, war es im Offensivbereich ein Offenbarungseid. Eine Taktik-Analyse von Momo Akhondi

 

Manch einer sprach von der „Schande von Bordeaux“, nachdem die Österreicher ihr Auftaktspiel gegen den Nachbarn aus Ungarn mit 0:2 verloren. Ganz so schlimm war es zwar nicht, doch der Druck auf die Mannschaft von Marcel Koller war vor dem zweiten Gruppenspiel enorm.

 

Und Teamchef Marcel Koller hatte in den drei Tagen Vorbereitungszeit auf das Spiel gegen Portugal reichlich Sorgen. Er musste nicht nur seinen gesperrten Abwehrchef Dragovic ersetzen, sondern auch auf den nominellen Zehner Junuzovic verzichten. Dieser ist üblicherweise mit seiner laufstarken Art und seinem passenden Timing für das Pressing der Österreicher sehr wichtig. Während hier viele mit Alessandro Schöpf gerechnet hatten, überraschte Koller mit David Alaba auf der „Zehn“. Dahinter rutschte Stefan Ilsanker in die erste Elf, was sich als kluger Schachzug herausstellte.

 

Eine zentrale Frage war trotzdem: Wird Alaba die Rolle von Junuzovic übernehmen können? Muss er das überhaupt? Wie wird das Pressing der Österreicher in Abwesenheit vom Werder-Dynamo ausschauen? Hier folgte die nächste mittelgroße Überraschung von Teamchef Koller: Harnik rutschte für Marc Janko in den Sturm, während Marcel Sabitzer seine Rolle am rechten Flügel übernahm.

 

Auf den zweiten Blick war diese Entscheidung von Marcel Koller freilich nicht überraschend, Janko hatte gegen die Ungarn keine gute Partie, konnte im Spiel nach vorne selten involviert werden. Was aber schwerer wog, war Jankos Lethargie gegen den Ball. Der 1,96-Meter große Basel-Legionär ist bekannt für seine klugen Läufe im Pressing, mit denen er den Gegner sehr gut dorthin lenken kann, wo der Rest der Mannschaft dann den Ball am Besten erobern will. Oft war es in der Vergangenheit so: Janko lockt den Gegner in die Falle, Junuzovic kommt mit seiner Intensität und gewinnt den Ball tief in der gegnerischen Hälfte.

 

Doch nun fehlten beide regulären Pressingspieler und das aus gutem Grund.

 


Pressing im 4-1-4-1/4-4-2 Hybrid

Zu Beginn der Partie sah es so aus, als würde Alaba an der Seite von Harnik und damit ähnlich wie der übliche Zweiersturm agieren.

 

Bild 1 – Alaba neben Harnik, aber tiefer als sonst

 

Doch dabei fiel schnell auf, dass die Österreicher als Mannschaft viel tiefer standen als sonst: Alaba und Harnik waren oft in der eigenen Hälfte und warteten dort auf den Gegner von der iberischen Halbinsel. Dies stand im krassen Gegenspruch zur bisherigen Koller-Ära. Seit dem ersten Testpiel gegen die Ukraine 2011 zeichnet das österreichische Nationalteam ein aggressives Pressing aus. Dieses muss zwar nicht immer ganz vorne stattfinden, aber ist zu jeder Zeit proaktiv und darauf aus, den Ball zu erobern.

 

Gegen Portugal hingegen haben die Stürmer sich nicht nur tiefer platziert, sondern sich auch darauf beschränkt lose das Zentrum zu decken. Dabei fiel schnell auf, dass Alaba nicht konstant neben Harnik blieb, wie es das Nationalteam üblicherweise macht.

 

Bild 2 – Alaba lässt sich fallen, es entsteht ein 4-1-4-1, weil auch Ilsanker weiter nach hinten rückt. Baumgartlinger kann weiter nach vorne und Arnautovic kann breit bleiben.

 

Oft ließ sich David Alaba ins Mittelfeld zurückfallen und rückte damit noch gutes Stück weiter nach hinten. Dabei landete er oft an der Seite von Julian Baumgartlinger und ersetzte die Position von Stefan Ilsanker. Dieser zog sich wiederum weiter zurück und machte aus dem 4-4-2 ein 4-1(hier ist jetzt Ilsanker)-4(Alaba füllt für ihn aus)-1. Diese Rückzugstrategie ist jetzt keine bahnbrechend neue Defensiv-Strategie; Diego Simeone greift oft auf dieses Mittel zurück um beim Übergang in die eigene Hälfte nochmals die eigene Defensive zu stärken.

 

Noch während der Partie wurde von vielen Analysten spekuliert, weshalb Alaba diese Laufwege in der Defensive gehen musste. Manch einer vermutete, dass Alaba und Ilsanker abischern sollten, damit Julian Baumgartlinger höher pressen und mit seiner körperlichen wie läuferischen Präsenz dem Gegner den Ball abnehmen kann. Andererseits führte ein anpressender Baumgartlinger dazu, dass die Portugiesen gezwungen wurden, ihre Angriffe über die andere Seite vorzutragen, wo Alaba, Arnautovic und Ilsanker bereit standen. Baumgartlinger hätte also eine leitende Rolle im Pressing inne gehabt, welche ohne dem tieferen Alaba nicht möglich gewesen wäre.

 

Andere meinten wiederum, dass Alabas sich in den halblinken Halbraum zurückfallen ließ, um Arnautovic die Möglichkeit zu geben breit zu stehen und damit Quaresma besser im Auge zu behalten. Dieser Gedanke ist nicht abwegig. Die beiden Flügelspieler der Portuguiesen agieren ausgesprochen asymmetrisch und Ricardo Quaresma ist in sehr viel höheren und breiteren Positionen anzutreffen als sein Pendant Andre Gomes auf der Gegenseite.

 

In der Tat verrichtete die linke Seite sehr viel Defensivarbeit, wodurch auch Arnautovic weite Wege nach hinten gehen musste. Das lag vor allem daran, dass Fuchs seinen Gegenespieler Quaresma in eine enge Manndeckung nahm und Arnautovic ihm dabei oft den Rücken freihalten musste – vor allem gegen dem vorstoßenden Rechtsverteidiger der Portugiesen: Vieirinha. Mit einem Augenzwinkern verriet Arnautovic den Journalisten nach dem Spiel: „Ich habe bewiesen, dass ich ein guter Linksverteidiger bin“.

 

Bild 3 – Arnautovic (Kreis) als Linksverteidiger. Er muss ganz nach hinten, um Vieirinha nicht entwischen zu lassen und dem mannorientierten Fuchs den Rücken freizuhalten.

 

Auf der Gegenseite war eine solch klare Zuordnung – „du nimmst den, ich den anderen!“ – nicht immer möglich. André Gomes war nicht so weit vorne anzutreffen und daher konnte ihn Florian Klein nicht so einfach in Manndeckung nehmen, wie es Fuchs auf der Gegenseite mit Quaresma machen konnte. Außerdem hatte Marcel Sabitzer mit den aufrückenden und nachstoßenden Läufen von Neu-Dortmunder Gueirreiro seine liebe Not. Folgerichtig waren die Portugiesen über ihre linke Seite auch gefährlicher, weil die mannorientierte Deckung von Klein und Sabitzer auf der Seite nicht sauber ausführbar war, weshalb es hier auch immer wieder zu Zuordnungs- und Abstimmungsproblemen kam.

 


Die spezielle Rolle von David Alaba

Was uns wiederum zur speziellen Rolle von David Alaba im veränderten Pressing der Österreicher zurückbringt. Ich denke, dass es (mitunter) einen sehr simplen Grund für das Zurückfallen von Alaba gab: Der Bayern-Star sollte die Kreise von Joao Mourinho stören und diesen weitesgehend aus dem Spiel nehmen. In der Tat konnte man oft sehen, wie David Alaba sich nach der portugisiesichen Nummer 8 ummsah, um sich dann immer wieder zu ihm zu bewegen.

 

Bild 4 und 5 – die zwei „Achter“ sind unzertrennlich.

 

Dabei musste er den Monaco-Spieler nicht immer konsequent manndecken, es reichte auch wenn er ihn im Deckungsschatten hatte. Dabei vergewisserte Alaba sich mehrmals, ob dieser sich nicht davongeschlichen hat.

 

Bild 6 und 7 – Alaba schaut mehrmals, ob Moutinho hinter ihm steht und

 

Beim letzten Bild (7) blickt Alaba noch einmal hinter und macht seinen Partner Marko Arnautovic darauf aufmerksam, dass er sich um Moutinho kümmern soll, weil dieser immer weiter auf die Seite abdriftet. Nachdem das kommuniziert wurde, machte sich der Bayern-Spieler auf Richtung Ball.

 

Doch das Übergeben von Moutinho ging auch in die Gegenrichtung:

 

Bild 8 – Arnautovic kümmert sich um Moutinho

 

Hier nimmt Marko Arnautovic den portuguisischen Mittelfeldspieler in lose Manndeckung, merkt dann aber gleich im Anschluss, dass er zu weit in die Mitte rücken musste um Moutinho zu decken, der Flügel steht nun frei. Er macht also Alaba eine klare Handgeste und übergibt Moutinho seinem Kumpel, bevor er wieder auf den Flügel ausweicht.

 

Alles in Allem war die Strategie der Österreicher gegen den Ball ein Bruch mit dem bisherigen Koller-Fußball, doch die Defensiv-Taktik ging im Endeffekt auf. Auch wenn die Disziplin und die Kraft mit der Zeit nachließen und auch wenn eine gehörige Portion Glück sowie ein toller Robert Almer nötig waren, konnte Österreich gegen Quaresma, Nani und Ronaldo die Null halten.

 

Es haperte jedoch erneut im Spiel mit dem Ball, sogar noch mehr als gegen die Ungarn am Dienstag.

 



Uninspiriertes Rumgebolze mit dem Ball

Ruttensteiner hatte nach der Niederlage gegen die Ungarn einen Erklärungsansatz dafür, wieso die Österreicher ihr Aufbauspiel nicht so umsetzen konnten wie gewohnt. Im Kurier-Interview meinte der ÖFB-Sportdirektor: „Meiner Meinung nach haben wir viel zu schnell nach vorne gespielt und hätten unser Kombinations- und Positionsspiel gerade gegen diese Mannschaft forcieren müssen. Ich hätte es gerne gesehen, dass wir in der Hälfte der Ungarn den Ball laufen lassen. Vielleicht oft auch ohne Endzweck zum Tor, um die ungarische Mannschaft in Bewegung zu bringen und damit Räume zu öffnen.“

 

Mit dieser Einschätzung hat der Sportdirektor durchaus Recht. Von den strukturellen Problemen in der Positionierung der Außenverteidiger abgesehen, fehlte es den Österreichern wie schon gegen die Niederlande an Bewegung im Ballbesitz. Doch die Aussage ist auch ein wenig widersprüchlich. Ein Passspiel, welches das Ziel hat den Gegner zu bewegen und damit Räume zu öffnen, verfolgt unweigerlich einen Endzweck und steht im Widerspruch zum „Tiki Taka“, welches sinnloses Ballgeschiebe ohne Hintergedanken beschreibt. So kam es in der ersten Hälfte gegen Portugal zu einigen Situationen mit österreichischem Ballgeschiebe in der Hintermannschaft.

 

Bild 9 – Almer spielt den Ball zwei Mal hin und her, nur um ihn dann wegzuschießen

 

Es schien so, als würde man die Forderung von Sportchef Ruttensteiner halbherzig umsetzen wollen und spielte zuweilen ein paar Alibipässe, bevor der Ball weggeschossen wurde. Die geforderte Bewegung, um den Gegner in Bewegung zu bringen blieb aus.

 

Die österreichischen Spieler waren zu wenig beweglich, als dass man den manndeckenden Gegner aus seiner Position hätte ziehen können. Das hätte schon gegen die Ungarn Räume öffnen können, gegen die unkompakten aber sehr mannorientierten Portugiesen hätte man dadurch sogar viel größere Räume vorfinden können.

 

Bild 10 – Unkompakt aber Hauptsache Mann gegen Mann: Baumgartlinger hier ausnahmsweise ohne Manndecker.

 

Vor allem die beiden Sechser Ilsanker und Baumgartlinger wurden oft sehr eng manngedeckt, vor allem Letzterer wurde von Moutinho fast dauerbewacht. Hier hätten kluge Bewegungen ebenfalls Platz schaffen können. Doch gut abgestimmte Läufe gab es bei den Österreichern zu selten. Es genügte den Portugiesen, einfach im Spielaufbau die österreichischen Verteidiger Mann gegen Mann zuzustellen, um den Österreichern jegliche Hoffnung auf einen Spielaufbau zu nehmen und zu hohen Bällen zu zwingen, wobei diese wie gegen Ungarn nur selten erobert werden konnten.

 

Bild 11 – Österreich gibt den Spiel-auf-bau auf

 

Eine weitere Möglichkeit die Portugiesen zu knacken, wären Dribblings gewesen, doch mit vereinzelten Ausnahmen von Julian Baumgartlinger trauten sich die Österreicher diese nicht zu.

 

Erneut waren die sehr tiefen Außenverteidiger ein Hemmschuh im Aufbau und sorgten dafür, dass fast alle österreichischen Angriffe, die nicht hoch und weit nach vorne geschossen wurden, nach dem selben Schema abliefen: einer der beiden Innenverteidiger Hinteregger/Prödl wurde durch die mannorientierte Deckung gezwungen, den Ball zur Außenverteidigung zu passen. Von dort kam dann der Pass die Outlinie entlang zu den Außenstürmern Arnautovic oder Sabitzer. Das Ganze endet dann auch gleich mit einem Ballverlust und dem erneuten Rückzug Richtung eigenes Tor.

 

Bild 12 –Baumgartlinger und Ilsanker sind gedeckt, Prödl muss zu Klein spielen, dieser spielt „Long-Line“ die Seitenlinie entlang. Alaba wär eigentlich frei gestanden ...

 


Lichtblick Stefan Ilsanker

Der Lichtblick in einer sonst sehr biederen österreichischen Mannschaft war Stefan Ilsanker. Der Leipzig-Legionär, nicht gerade berühmt für sein Aufbauspiel und seine besonderen Fähigkeiten am Ball, war mitunter der Einzige, der versucht hat, den Gegner wegzulocken und mit seiner Bewegung Platz für seine Mitspieler zu öffnen.

 

Bild 13 – Ilsanker weiß, dass er manngedeckt wird, also macht er einen interessanten Laufweg und öffnet damit Platz für Hinteregger.

 

Das war nur ein Beispiel für Ilsankers überraschend gutes Raumgefühl, welches von seinen Mitspielern jedoch zu selten beantwortet wurde.

 

Bild 14 – Almer schießt den Ball ins direkt ins Out, Koller ist außer sich.


Fazit

Wenn man sich die Interviews nach dem Spiel anhört, wird man den Eindruck nicht los, Kollers Matchplan entstand aus der puren Verzweiflung bzw. aus der Ernüchterung zum Auftakt und der Angst vor einem vorzeitigen Aus. Almer sprach davon, dass man die Taktik komplett umgekrempelt hatte, auch die Aussagen von Arnautovic und Fuchs passten diesbezüglich ins Bild.

 

Unter dem Strich ist das Defensivkonzept von Koller einigermaßen aufgegangen, die Mannschaft konnte zu null spielen. In der Offensive war es jedoch nicht nur ein Offenbarungseid, sondern gleichzeitig auch äußerst schade, weil die portugisische Ausrichtung an diesem Abend einen durchaus anfälligen Eindruck machte.

 

Zum Autor: Momo Akhondi Momo Akhondi ist neben seiner Tätigkeit bei 90minuten.at auch Analyst beim deutschen Taktik-Portal Spielverlagerung.de und hat bereits mit Bundesligatrainern aus Österreich und Deutschland zusammengearbeitet.

 

 

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