Klartext zum Ausscheiden
Vorneweg: Marcel Koller ist in seiner Gesamtheit mit Sicherheit der richtige Trainer für Österreich. Wer die Spiele gesehen hat, weiß aber auch, dass nicht nur ein Ausscheiden mit einem Punkt möglich gewesen wäre, sondern mehr. Das ist kein Thema von Glüc
Enttäuschung. Allerorts. Ausgekontert von cleveren Ungarn, an die Wand gespielt von starken, aber abschlussschwachen Portugiesen, ausgeknockt von standhaften Isländern. Während einige Medien Marcel Koller in seiner Gesamtheit bereits in Frage stellen, wird das 90minuten.at nicht machen. Drei schlechte Spiele in zehn Tagen können einen Weg, der im Herbst 2011 begonnen hat und eine souveräne Qualifikation für die Europameisterschaft in Frankreich mit sich brachte, nicht ultimativ in Frage stellen. Dennoch tun sich hier drei Hauptproblemfelder auf, die es bis zum Start der Quali zur WM 2018 in Russland zu bearbeiten gilt.
Natürlich könnte man jetzt sagen: Aber Island und Ungarn! Nur hilft dieser Vergleich nichts. Österreich ist weder Island noch Ungarn. Das beginnt schon beim Anspruch: Österreich wollte dominieren, Ungarn und Island waren aufgrund verschiedener Faktoren und vor allem der Erwartungshaltung gegen Österreich in der reaktiven Rolle. Die Verbände sind auch anders strukturiert, die Spielertypen sind andere und so weiter. Während man hierzulande quasi ein Achtel- wenn nicht Viertelfinale erwartete, gab es bei den Nachbarn und auf der Insel wohl kaum diesen Anspruch.
Punkt 1: Formschwäche und mangelnde Kadertiefe
Von der Normalform waren die meisten Spieler entfernt. Der Einserstürmer und der Abwehrchef rekonvaleszent, der eine Spielmacher wohl überspielt, der andere nach 16 Turnierminuten verletzt, der rechte Flügel formschwach. Kein Innenverteidiger war in den letzten Monaten Stammspieler. Doch dabei bleibt es nicht. Eventuell ist die zweite Reihe eben nicht qualitativ so gut, um dem Druck einer Euro standzuhalten. Sabitzer spielte halt „nur“ zweite deutsche Bundesliga, Ilsanker und Okotie ebenfalls. Jantscher kickt auch nur in der Schweizer Superleague. Das ist keine Kritk an den Spielern selbst, aber offenbar reichte es nicht, um bei dieser Euro zu reüssieren.
Almer, Schöpf, Arnautovic, eventuell Klein – das waren die einzigen Spieler, die sich in normalen Leistungssphären bewegten. Viel wurde über Marcel Kollers Nibelungentreue geschrieben. Doch er hat halt nicht mehr, es drängte sich zunächst kaum wer aus dem Ausland auf, um das Niveau zu heben. Wer denn auch? Robert Gucher aus der Serie A von Frosinone? Florian Grillitsch vom Bremer Fast-Absteiger? Englische und deutsche Zweitligakicker? Hinzu kommt des Weiteren die heimische Bundesliga – das war ein Scheißjahr für den Klubfußball, Rapids Europacuperfolge im Herbst hin oder her. Herausragende Spieler, die helfen könnten, sind Mangelware. Sicher, ein Kainz, ein Laimer, eventuell Schaub könnten in Zukunft etwas bringen. Doch für die EM waren sie noch nicht bereit.
Es hat sich – mit Ausnahme von Allessandro Schöpf – in den letzten zwei Jahren eben kein Spieler zu weit aufdrängen können, dass man die, die letztlich gescheitert sind, raus nehmen hätte können. Oder wollen. Wer weiß, ob Florian Kainz ein besserer Flügel gewesen wäre? Koller wollte es nicht, es ist somit irrelevant. Das heißt aber wiederum nicht, dass es das vorhandene Personal nicht hätte schaffen können. Sich die nächsten Jahre drauf verlassen, dass dieser Grundstock rund um die bekannte Einserpanier reicht, ist töricht. Marcel Koller muss an Alternativen arbeiten, um Ausfälle zu kompensieren. Offenbar sitzt sein erster Anzug dann doch nicht so perfekt, wie die meisten (der Autor in vielen Fällen mich eingeschlossen) gedacht hatten.
Punkt 2: Coachingfehler
Auch für Marcel Koller war es die erste Endrunde. Er muss auch lernen, was er macht, wenn ein Spieler auslässt, wenn sich die Matchbedingungen ändern, wenn die Taktik eben nicht zum besser eingestellten Gegner passt. Viel Handlungsspielraum hatte er nicht, siehe den Punkt oben. Es ist auch müßig angesichts der Personalsituation. Ein wenig Spielraum hätte es aber gegeben, personell und taktisch. Allessandro Schöpf hätte beispielsweise den angeschlagenen Junuzovic gegen Ungarn früher ersetzen können. Ähnliches gilt für das Portugalmatch sowie jenes gegen Island. Schöpf hatte seine gute Form bewiesen und wäre offensiv eine echte Alternative zu allen außer Arnautovic gewesen.
Des Weiteren war die Taktik in einem Spiel, das man gewinnen muss, fragwürdig. Fünf Verteidiger plus Ilsanker in einem System, das unter Wettbewerbsbedingungen nie gespielt wurde, war gewagt und retrospektiv gesehen war es falsch. Die Isländer hatten in der Anfangsphase mehr als eine gute Torchance. Zudem passte in allen Spielen der Spielaufbau kaum. Da hat man sich auf Plan A verlassen und kam nicht durch. Und, das zeigte die Quali, Österreich braucht nun einmal viele Chancen für wenige Tore. Dem wurde nicht Rechnung getragen.
Es ist leicht, Koller das alles nach dem Ausscheiden vorzuwerfen. Aber wenn man von sechs Halbzeiten fünf schlecht spielt und weit abseits dessen, was man dem Team seit Jahren einimpft, dann wurden eben auch auf taktischer Ebene Fehler gemacht. Marcel Koller hat berechtigt riskiert – aber eben falsch.
Punkt 3: Der Glaube an die eigene Stärke
Im Fußball geht es letztlich auch um Vertrauen. So wie Marcel Koller seinem System nicht mehr vertraute und erst – trotz vieler Chancen – in der letzten Halbzeit eben jenes spielen ließ, so fehlte dieses Vertrauen auch bei den Spielern. Die Anfangsphase gegen Ungarn scheint da für das Turnier diesen Glauben an die eigene Stärke zerstört zu haben, die ultradefensive Taktik gegen Portugal und von Beginn gegen Island unterstreicht das. Es wird wohl jeder Fußballtrainer, von Guardiola über Klopp bis zu Pfeifenberger bestätigen, dass Selbstbewusstsein entscheidend ist; entscheidend bei der Taktik, dem Passen, dem Zweikämpfen. Wenn Spieler auf die Unterstützung eines Psychologen pfeifen, dann ist das Selbstbewusstsein an anderer Stelle zu groß.
Das Nervenkostüm war aber so fragil, dass es mit etwas ungarischer Gegenwehr zerbrach. Wie kann das passieren, wenn man vorher wochenlang interniert ist und sich auf diese drei Spiele vorbereitet? Hier muss sich der gesamte Betreuerstab für die Zukunft überlegen, wie damit umzugehen ist. Den Spielern im Gegensatz zur Öffentlichkeit fehlende Demut zu unterstellen ist anmaßend – aber dass Österreich das besser kann, weiß man doch. Auch wenn Russland und Schweden bei der EM ebenfalls ausließen: Grundsätzlich sind Ungarn und Island schlagbar. Aber nicht, wenn man offenbar nicht dran glaubt.