Fragwürdige taktische Ausrichtung endet mit verdienter Auftaktniederlage

Teamchef Marcel Koller wollte gegen Ungarn auf Ballbesitz und gutes Positionsspiel setzen, unterschätzte wohl aber die Wechselwirkungen der eigenen Zurückhaltung mit den ungarischen Manndeckungen. Eine Taktik-Analyse von Momo Akhondi.

 

Gefühlt befindet sich das österreichische Nationalteam bereits seit drei Monaten in der Vorbereitung zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Am 14. Juni um 18 Uhr war die lange Wartezeit endlich vorbei, Schiedsrichter Turpin pfiff in Bordeaux zum ersten Gruppenspiel in der Gruppe F an. Im Vorfeld der Partie wurden viele Fragen gestellt. Irrelevante Fragen wie beispielsweise zur Körpersprache der Spieler, aber auch durchaus berechtigte Fragen wie das schwächelnde Nationalteam gegen Holland.

 

Auch wenn Testspiele nicht überbewertet werden sollten, so muss man in diesem Fall leider von einem Déjà-Vu auf Raten sprechen. In den letzten Monaten war der ÖFB stets bemüht die „neue Stärke“ mit dem kombinativen Aufbauspiel der Mannschaft zu begründen und in diesem Zusammenhang auch die taktische Stärke der Mannschaft zu unterstreichen. Sportdirektor Ruttensteiner veröffentlichte sogar Statistiken, welche die neue dominante Spielweise der Österreicher unterstreichen sollten. Diese Zahlen waren durchaus beachtenswert und es schien, als ob Marcel Koller auf dem besten Weg war, das Nationalteam zu einer dominanten Ballbesitzmaschine zu formen.

 

Doch bereits das Spiel gegen Holland brachte die ersten lockeren Schrauben in dieser Ballbesitzmaschine zum Vorschein. Holland genügte es, das Mittelfeld-Trio Alaba – Baumgartlinger – Junuzovic Mann gegen Mann abzudecken, um den Österreichern den Zahn zu ziehen. Hinzu kam das Fehlen von Martin Hinteregger, ohne den der Spielaufbau fehlerbehaftet und mangelhaft blieb.

 

 

Hinteregger war gestern gegen Ungarn wieder am Start und auch wenn sein Stellungspiel gegen den Ball (bei Ballbesitz Ungarn) durchaus nicht fehlerfrei war, so brauchte der Salzburg-Rückkehrer keine zwei Minuten, um seine Qualitäten im Spielaufbau einzubringen. Unter Bedrängnis von vier Ungarn spielte Hinteregger einen „Lupfer“-Pass zwischen die Linien zu David Alaba. Dementsprechend stark kamen die Österreicher aus der Kabine und waren zumindest in den ersten zehn Minuten durchaus dominant – so wie es sich Teamchef Koller wohl vorgestellt hat.

 

Grundsätzlich spielte unser östlicher Nachbar mit einem 4-1-4-1, dieses ließ sich aber in alle Richtungen biegen, vor allem wegen der Unzahl an Mannorientierungen/Manndeckungen, welche das Team von Trainer Storck benutzt. Dabei sind die Ungarn eigentlich das reagierende Team, das die Bewegungen des Gegners verfolgen muss. Im letzten Testspiel gegen Deutschland war es daher so, dass die Flügelspieler der Ungarn die Außenverteidiger der Deutschen – ihre direkten Gegenspieler – bis ganz nach hinten verfolgen mussten, weil Höwedes und Hector einfach diesen Offensivdrang an den Tag legten. Dadurch entstanden immer wieder Sechserketten bei Ungarn, bei denen die beiden Flügelspieler einfach neben der Viererkette verteidigen mussten, weil die deutschen Außenverteidiger sie dazu zwangen. Die Deutschen konnten damit nicht nur das Spiel einfach dominieren und den Gegner so nach hinten drücken, sondern machten es für die Ungarn auch gleich viel schwieriger gefährlich zu kontern, da ihre Flügelflitzer in der Abwehr landeten. Es ist eine ganz logische Rechnung: Je weiter hinten du bist, desto länger und schwieriger ist es zum gegnerischen Tor zu kommen.

 



Dass sich die österreichische Mannschaft individuell nicht mit dem großen Nachbarn vergleichen lässt, ist klar. Doch in der folgenden Analyse wird versucht aufzuzeigen, welche taktischen Unterschiede den Ausschlag zugunsten der Ungarn gegeben haben. Denn auch wenn diverse Medien mit den fragwürdigen „Einzelnoten“ pauschale Kritik an einzelnen Spielern anbringen wollen und unsinnige Statistiken wie Zweikampfstärke und Laufleistung sowie den fehlenden Kampfgeist oder die Körpersprache zum Hauptproblem auserkoren haben, dürfte es schlussendlich durchaus taktische Gründe gegeben haben, die für die Niederlage sorgten.

 

Der große Unterschied in der Spielanlage der Österreicher im Vergleich zu Deutschalnd waren am gestrigen Abend die extrem tief positionierten Außenverteidiger. Sowohl Fuchs als auch Klein waren durchgehend sehr weit hinten, in der Nähe ihrer Verteidiger-Kollegen, positioniert.

 

Bild 1 – Fuchs und Klein (rote Kreise) stehen tief – Ungarn kann darauf reagieren und geht in ein 4-1-3-2 über (schwarze Linien).

 

Im Spielaufbau der Österreicher ließ sich, wie so oft, einer der beiden Sechser zwischen die Innenverteidiger Dragovic und Hinteregger fallen. Wie schon die letzten Spiele war Baumgartlinger vorrangig in dieser Rolle zu finden. David Alaba hatte die letzten Spiele vermehrt den Auftrag nach vorne zu stoßen und dort den rechten Halbraum zu besetzen. Die Ungarn reagierten auf Baumgartlingers Abkippen jedoch nicht immer.

 

Oft war es nämlich so, dass Kleinheisler neben den einzigen Stürmer Szalai an die vorderste Front ging, wobei sie dort in Unterzahl waren. Die einfache Rechnung: zwei Innenverteidiger + Baumgartlinger = 3. Kleinheisler + Szalai = 2. Hier kam es also nicht immer zu strikter Manndeckung, dahinter jedoch schon. Und was dahinter geschah, spielte den Ungarn in die Karten.

 

Wie wir nun wissen, orientieren sich die beiden Flügelspieler Dzudzsak (#7) und Nemeth (#11) sehr stark an ihren direkten Gegenspielern. In diesem Fall sind das die beiden Außenverteidiger Fuchs und Klein (rote Kreise – Bild 1). Dadurch, dass Fuchs und Klein so extrem schüchtern im Vorwärtsgang waren, konnten sich Nemeth und Dzudzak hoch positionieren und die Österreicher dementsprechend weit vorne unter Druck setzen. Die Außenverteidiger selbst waren dadurch auch nicht mehr ohne Weiteres anspielbar.

 

Bild 2 – Noch mehr Mannorientierung bei Ungarn.

 

Fuchs und Klein waren für Dzudzsiak und Nemeth leicht zu decken, ohne dass sie dabei die ungarische Verteidigung in Verlegenheit bringen müssen, gleichzeitig konnten sie die beiden auch einfach frei lassen und erst Druck machen, wenn einer der beiden angespielt wurde, weil sich ja beide in der Nähe befanden.

 

Man kann also durchaus sagen, dass das überraschende ungarische Pressing hausgemacht war: Je höher die eigenen Außenverteidiger stehen, desto tiefer müssen die ungarischen Außenspieler stehen. Hätten Dzudzsak und Nemeth weite Wege nach hinten machen müssen, um die offensiven Außenverteidiger in Schach zu halten, hätten sie nicht nur weniger Gefahr im Konter ausstrahlen können, sondern auch die ungarische Defensive destabilisieren müssen, um ihre Gegenspieler wie von Trainer Storck vorgegeben manndecken zu können.

 

Dadurch, dass die Außenverteidiger so simpel und effektiv aus dem Spiel genommen werden konnten, die Ungarn dabei aber trotzdem hoch standen und Druck ausübten, waren die beiden Innenverteidiger Dragovic und Hinteregger gefordert. Doch bei der festgefahrenen Dynamik im österreichischen Spielaufbau waren die Lösungsmöglichkeiten begrenzt. Einerseits würde sich hier Bayern-Star David Alaba anbieten, doch schon auf Bild 1 ist zu erkennen: bis hierhin, aber wie geht es weiter?

 

Bild 3 – Alaba so isoliert wir nur möglich, Fuchs und Klein stehen tief.

 

Man konnte natürlich auch einfach trotz der miesen Staffelung die Außenverteidiger anspielen, diese waren in der weiteren Folge jedoch ebenso von der Außenwelt abgeschnitten.

 

Bild 4 – Dragovic übergibt Klein den Ball und damit auch seinem Schicksal. Man beachte Fuchs (roter Kreis oben) und die zahlreichen Mannorientierungen den Ungarn.

 

Klein hat hier kaum eine sinnvolle Passmöglichkeit, auch wegen der Manndeckung der Ungarn. Der mit Stuttgart abgestiegene Rechtsverteidiger spielte dann oft einen einfachen hohen Ball die Outlinie entlang und schickte dabei seinen Kollegen Harnik in aussichtslose Situationen. Das Bild zeigt jedoch auch gleich das nächste Problem der Österreicher im Spielaufbau: die Rolle der Außenstürmer Harnik und Arnautovic.

 


Die Rolle von Harnik und Arnautovic
Nachdem die beiden österreichischen Außenverteidiger nicht wirkliche Impulse nach vorne setzen konnten, lag es an Harnik und Arnautovic sich anspielbar zu machen. Hier waren die Außenstürmer jedoch konstant in einem Zwiespalt. Einerseits mussten sie im linken und rechten Halbstreifen auftauchen, damit Pässe von Hinteregger, Dragovic oder dem Sechser einen Abnehmer finden. Andererseits hatten sie keinen Mitspieler, der das Spiel breit und so überhaupt erst Platz für sie im Zentrum aufmacht. Auch hier ist die Rechnung ganz einfach: Wenn kein Österreicher breit steht, müssen die manndeckenden Ungarn auch keine Spieler dort abstellen und können das Zentrum umso enger machen.

 

Arnautovic versuchte auf seiner Seite flexibel zwischen Außenbahn und Zentrum zu wechseln. Immer wieder ließ er sich in den linken Halbraum reinfallen und bekam dementsprechend auch viele direkte Zuspiele von Martin Hinteregger.

 

Bild 5 – Hinteregger spielt Arnautovic an, für Ungarn aber leicht zu verteidigen.

 

Auch wenn es am Bild so aussieht, also würde Fuchs (roter Kreis) Arnautovic gut hinterlaufen, so kommt dieses Hinterlaufen viel zu spät. Arnautovic ist bereits von vier Ungarn isoliert und hat keine Chance mehr den Ball sauber weiterzuspielen. Arnautovic hatte in der Tat einen schweren Stand. Entweder er gab Breite und war wie Harnik auf der Gegenseite unsichtbar, oder er rückte ohne Unterstützung ein.

 

In beiden Fällen endete ein Zuspiel auf Arnautovic wiefolgt:

 

Bild 6 – Captain wo bist du? Arnautovic in Not.


Im Endeffekt agierte auch Arnautovic über weite Teile des Spiels gezwungenermaßen sehr breit, womit eine große Chance vertan wurde: Ein gut unterstützter Arnautovic in den Halbräumen wäre für die Ungarn wegen ihrer Manndeck-Taktik wohl kaum zu verteidigen gewesen.

 

Auf der Gegenseite versuchte Harnik – in Abwesenheit von Florian Klein – das Spiel auf seiner Seite breit zu machen.

 

Bild 7 – Harnik gibt Breite, Klein traut sich zwar nach vorne, das jedoch zu zaghaft.

 

Da das Spiel dadurch ein wenig verbreitert werden konnte, bekamen die Österreicher im Zentrum ein wenig Platz. Abgesehen von Alaba, der vereinzelt versuchte sich aus der Isolierung (Bild 3) zu entziehen, blieben damit nur mehr Junuzovic und Janko, um den Ball über das Zentrum Richtung Tor zu bekommen. Dabei kam es aufgrund der tiefen Positionierung der Außenverteidier Klein/Fuchs zur nächsten extrem undankbaren Aufgabe: den Zehner spielen gegen Ungarn.

 


Bild 8 – Fuchs wieder tief, Arnautovic muss Breite geben. Junuzovic kann nur mehr numerischen Gleichstand herbeiführen. 3 gegen 3 am Flügel.

 

Junuzovic wurde zum einzigen Spieler zwischen den Linien, musste extrem weite Wege zurücklegen und hetzte konstant von links nach rechts, um den jeweiligen Flügelspieler – Harnik oder Arnautovic – zu unterstützen. Doch egal, wie sehr sich der Werder-Legionär mühte, durch das mannorientierte Verfolgen von Nagy und/oder Gera stand man am Flügel dadurch bestenfalls im numerischen Gleichstand.

 

Im üblichen Spielaufbau standen die Österreicher damit auf verlorenem Posten. Die besten Szenen hatte die Mannschaft von Marcel Koller – wie kann es auch anders sein – wenn man es einmal schaffte, die beiden Außenverteidiger stabil nach vorne zu bekommen.

 

Bild 9 – Fuchs und Klein trauen sich vor (rote Kreise) und schaffen gleich viel Platz. Die Halbräume der Ungarn sind komplett blank [siehe rote ??]

 

Man sieht, wie die Ungarn ihre Abwehr zu einer 6er-Kette umformen müssen, wenn die beiden Außenverteidiger der Koller-Elf nach vorne stoßen. Aus dem 4-1-4-1 wird ein 6-3-1, bei dem das ungarische Dreier-Mittelfeld das Zentrum, nicht jedoch die Zonen daneben besetzen kann. Hier öffnen sich potenziell riesige Lücken[siehe rote ??], welche von den Österreichern leider nicht gut besetzt wurden. Hier hätte vor allem Marko Arnautovic sehr gefährlich werden können, bevorzugte es jedoch leider an die vorderste Front zu Marc Janko zu gehen. Arnautovic versuchte vereinzelt sich von der Sturmspitze aus fallen zu lassen, konnte dabei aber einfach von einem der ungarischen Innenverteidiger verfolgt werden, ohne dass dieser dabei die Abwehr entblößen muss. Ein weiterer Vorteil der ungarischen Manndeckung: Wäre Arnautovic von Haus aus tiefer gestanden, hätte er die Riesenlücken des ungarischen 6-3-1 besser ausnutzen können.

 

Bild 10 – potenziell viel Raum neben dem Mittelfeld der Ungarn, doch Österreich macht es dem Gegner sehr leicht.

 


Wie hätte Koller reagieren können?

Eine durchaus sinnvolle Alternative im Spielaufbau wäre es gewesen, mit einem der beiden Innenverteidiger nach vorne zu stoßen und damit die Manndeckung der Ungarn auf die Probe zu stellen. Wie bereits erwähnt, agierten die beiden Innenverteidiger Hinteregger und Dragovic Seite an Seite mit Julian Baumgartlinger zu dritt. Dabei standen ihnen mit Kleinheisler und Szalai nur zwei Gegenspieler entgegen. Hier kam es noch zu keiner ungarischen Mann-gegen-Mann-Schlacht und die Innenverteidiger hätten einfach mit dem Ball den Gegner andribbeln können, was sie tatsächlich auch ein paar Mal versuchten. Dabei konnte man jedoch die Zurückhaltung sehen, die auch verständlich war. Sollte der Ball verloren gehen, könnte das schwere Folgen haben, da die Ungarn dann ungestört kontern könnten. Hier hätte Marcel Koller aber mit einem einfachen Kniff Abhilfe verschaffen können, ja vielleicht sogar müssen.

 

Koller hätte den Spielaufbau ankurbeln können, indem er Baumgartlinger – oder Alaba – dazu beordert hätte, noch konstanter zwischen Dragovic und Hinteregger abzukippen. Im üblichen Spielaufbau der Österreicher ist der abkippende Sechser dazu angehalten, sofort den Weg nach vorne zu suchen, sobald man die Stürmer des Gegners überspielen konnte. Dementsprechend schnell verabschiedete sich Baumgartlinger im Spielaufbau auch wieder nach vorne. Bei konstantem Abkippen hätte Baumgartlinger den Innenverteidigern den Rücken freihalten und Dragovic oder Hinteregger ermöglichen können, mit dem Ball am Fuß den Gegner anzulaufen. Logischerweise hätten die Ungarn dadurch ihre Manndeckung nicht mehr ohne Weiteres aufrechterhalten können. Zumindest ein Ungar muss irgendwann seine Manndeckung aufgeben, um den ballführenden Innenverteidiger zu stören, was wiederum Platz für die rot-weiß-rote Offensivabteilung geschaffen hätte. Man hätte die Manndeckung der Ungarn aufgebrochen, ohne die Außenverteidiger nach vorne schieben zu müssen – eine Rolle, in der sich Klein und Fuchs vielleicht nicht wohl fühlen.

 

So hingegen kam es zu immer mehr Manndeckung, welche in dieser kuriosen Szene gipfelte:

 

Bild 11 – pure Manndeckung

 

Erschreckend war, dass ab der 15. Minute fast jeder Ball der Österreicher im Spielaufbau weit nach vorne geschlagen wurde, während die Ungarn einen gepflegten Spielaufbau vorantrieben. Das lag vorrangig daran, dass die Ungarn immer mehr auf eine massive Manndeckung setzten und damit – wie schon gegen die Niederlande vor 2 Wochen – dem Team von Marcel Koller komplett die Schneid abkaufen konnten. Es ist noch viel ernüchternder wenn man bedenkt, dass sowohl die Holländer als auch die Ungarn für ihre Manndeckung bekannt sind.

 

Bild 12 – Almer will bolzen und schickt die Spieler weg, Ungarn spielt Mann gegen Mann.

 

Während die Österreicher über Almer die Bälle hoch und weit wegschlugen, spielten unsere Nachbaren weiterhin einen sauberen Spielaufbau über den routinierten Tormann Kiraly, der im Gegensatz zu seinem Kollegen auf der Gegenseite nur im äußersten Notfall auf hohe Bälle zurückgriff und es verstand, den Ball ruhig zu zirkulieren bis sich Lücken im österreichischen Pressing zeigten. Und das waren am gestrigen Abend nicht wenige.

 

Die Österreicher agierten gegen den Ball wie gewohnt im 4-4-2 mit Junuzovic an der Seite von Janko. Aus dem 4-4-2 kam wie so oft Alaba vereinzelt nach vorne und machte aus dem Ganzen ein 4-1(hier fehlt jetzt Alaba)-3(weil er inzwischen hier ist)-2 oder alternativ dazu sogar ein 4-3(hier fehlt jetzt Alaba)-3(weil er inzwischen hier ist).

 

Bild 13 – Alaba rückt ganz nach vor, umgewandeltes 4-3-3 entsteht.

 

In diesem 4-1-3-2, hatten die österreichischen Außen den Auftrag, die Flügel der Ungarn zuzustellen. Dabei konnte man immer wieder beobachten, wie Arnautovic und Harnik ihre Gegenspieler Fiola und Kadar entweder lose manndeckten oder mit einem Bogenlauf in ihren Deckungsschatten nehmen wollten.

 

Bild 14 – Arnautovic (Deckungsschatten) und Harnik verbarrikadieren die Flügel und lenken das Spiel in die Mitte wo Junuzovic Druck macht.


Dabei schaffte es Junuzovic fast nie, rechtzeitig Druck auf den Ballführenden auszuüben, was daran lag, dass auch die österreichischen Stürmer ihren Lauf verbogen und den ungarischen Verteidiger von beiden Seiten eintrichterten. Dabei lenkte Arnautovic den Gegner in die Mitte, während Junuzovic ihn eher Richtung Flügel drängen wollte. Dieser hatte dadurch keine Anspielmöglichkeit mehr und wurde dazu gezwungen den Ball weit nach vorne zu schlagen, ohne dass ein Österreicher die Chance hätte ihm vorher den Ball wegzunehmen.

 

Österreichs Pressing führte also fast durchgehend über kurz oder lang zu hohen Bällen der Ungarn, doch eben auf diese hohen Bälle schienen die Österreicher nicht wirklich gut vorbereitet.

 

Bild 15 – Hoher Ball nach Pressing der Koller-Elf, doch die Ungarn sind vor den Österreichern am Ort des Geschehens.

 

Es schien fast das ganze Spiel über so, als wären die Ungarn auf die hohen Bälle besser vorbereitet als das Team von Marcel Koller. Die Ungarn konnten oft klare Überzahl beim Kopfballduell schaffen und gewannen auch sonst viele zweite Bälle.

 

Das größte Problem der Österreicher im Pressing war an diesem Abend die vertikale Kompaktheit (also der Abstand zwischen dem letzten Verteidiger und dem ersten Stürmer). Während man in der Anfangsphase noch befriedigende Abstände vorweisen konnte, wurden diese im Laufe der Partie immer schlechter. Je länger das Spiel ging, desto größer wurden die Abstände bei den Österreichern und Lücken entstanden. Diese wurden von den Ungarn auch exzellent bespielt, mit ruhigem Aufbauspiel und vielen verzögernden Momenten konnte man einfach darauf warten, bis sich die Lücke bei den Österreichern zeigte. Nachlassende Kraft und Intensität im Pressing gaben den Österreichern den Rest. Das Nationalteam machte den Eindruck einer „zerrissenen“ Mannschaft, bei der die Offensivleute vorne pressen gingen, während die Verteidiger sich ängstlich fallen ließen und dabei eine große Lücke für den Gegner hinterließen, sofern dieser die Offensivleute überspielen konnte.

 

Bild 16 – simples Beispiel für fehlende Kompaktheit. Kommt der ungarische Verteidiger durch, kommt lange Zeit nichts.

 

Die immer schlechter werdenden Abstände waren es dann auch, die indirekt zum ersten Tor der Ungarn führten und damit das Spiel zugunsten unserer Nachbarn kippen ließ.

 

Bild 17 – Vor dem 0:1

 

Hier sind die Abstände von vorne nach hinten mangelhaft, zwei ungarische Spieler sind frei zwischen den Linien der Österreicher. Die Abwehr lässt sich zu früh ängstlich fallen, die Mittelfeldreihe orientiert sich zu sehr nach vorne. Martin Hinteregger bemerkt den freien Mann zwischen den beiden Linien zu spät und rückt wohl einen Moment zu spät aus der Abwehr heraus.

 

Nach dem Rückstand reagierten die Österreicher wütend und kamen durch Hinteregger auch fast zum Ausgleich, stattdessen wurde das Tor aberkannt und Abwehrchef Dragovic des Platzes verwiesen, womit das Spiel endgültig zugunsten der Ungarn kippte. In Unterzahl fing sich das Team von Teamchef Koller noch das 0:2.

 

FAZIT:
Koller wollte gegen Ungarn auf Ballbesitz und gutes Positionsspiel setzen, unterschätze wohl aber die Wechselwirkungen der eigenen Zurückhaltung mit den ungarischen Manndeckungen. Das Nationalteam konnte nur ganz selten das Spiel mit dem Ball dominieren, besonders weite Teile der ersten Halbzeit gehörten eigentlich fast schon den Ungarn, während die Österreicher im Spielaufbau keinerlei Land sahen. Erneut reichten simple Manndeckungen, um die Österreicher ihrer größten Stärke zu berauben. Erneut hatte Marcel Koller keine Antwort darauf, dass seine Mannschaft mit dem Ball keine Lösungen fand. Der Pressing-Plan von Koller zwang den Gegner fast schon zwangsläufig zu hohen Bällen, auf die man anscheinend nicht vorbereitet war, später wurde man Opfer der nachlassenden Intensität und der Ängstlichkeit im Nachrücken. Große Abstände in der Vertikalen waren die Folge und führten folgerichtig zum 0:1. Mangelndes Spielglück und eine rote Karte später war man dann chancenlos gegen eine ungarische Mannschaft, die den Österreichern prinzipiell individuell und taktisch zwar unterlegen ist, das direkte Aufeinandertreffen aber verdient für sich entscheiden konnte.

 

>>> Analyse Österreich vs Ungarn: Die Schneid wurde abgekauft