Der ungarische Scholes als Waffe gegen Österreich?
László Kleinheisler gilt als große Hoffnung der Ungarn bei der Europameisterschaft - nicht nur im Spiel gegen Österreich. Der jetzige Werder-Spieler ist seit dem PlayOff ein Nationalheld. Einen Anteil daran hat auch der umstrittene Ministerpräsident Vikto
Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, dass Ungarn Fußballer von Weltformat hervorbrachte. Ferenc Puskás, Sándor Kocsis, Nándor Hidegkuti – die Zeit der Goldenen Elf liegt schon mehr als ein halbes Jahrhundert hinter uns. Entsprechend schwer tat sich die ungarische Nationalmannschaft in jüngerer Vergangenheit bei den Qualifikationen für Welt- und Europameisterschaften. Das letzte Mal gelang dies bei der WM 1986.
Umso überraschender, dass es die Ungarn schafften, das Ticket für das kommende Kontinentalturnier in Frankreich zu lösen. In der Tabelle ihrer Gruppe mussten sie zwar Nordirland und Rumänien den Vortritt lassen, außerdem fehlte ein Punkt, um sich als beste drittplatzierte Mannschaft direkt für die EM zu qualifizieren. In den Playoffs setzte sich Ungarn dann aber mit zwei Siegen gegen Norwegen durch. Zum Gesicht der Sensation wurde dabei einer der Jüngsten im Team: der 21-jährige offensive Mittelfeldspieler László Kleinheisler, der am 12. November 2015 den 1:0-Siegtreffer in Oslo schoss – und das in seinem ersten Länderspiel.
Kleinheisler, im April 1994 in der nordungarischen Industriestadt Kazincbarcika geboren, gehört gewissermaßen zu den Profiteuren des Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Nachdem der Spieler schon mit zarten zwei Jahren mit dem Fußballspielen begann, sich aber erst mit elf einem Verein anschloss, kam er im Sommer 2012 zum in Felscút ansässigen Puskás Akadémia FC. Der Verein, der erst 2005 als Farm-Team für den Erstligisten Videoton FC gegründet wurde, liegt dem in Felscút aufgewachsenen Orbán besonders am Herzen, weshalb der dort Präsident wurde und 2007 eine moderne Fußball-Akademie errichten ließ.
Die besuchte auch Kleinheisler, der im August 2012, mit 18 Jahren, sein Debüt für den damaligen Zweiligisten gab. Am Ende der Saison hatte der Mittelfeldspieler acht Treffer in 27 Spielen auf dem Konto – und Puskás Akadémia FC überraschend den Aufstieg in die erste ungarische Liga geschafft. Kleinheisler wurde zum „Mutter-Club“ Videoton weitergegeben, wo er gleich in seinem ersten Erstligaspiel ein Tor erzielte und der Stammelf angehörte. Zudem nahm er mit der ungarischen U21-Nationalmannschaft an der Qualifikation zur EM 2015 teil und war zeitweise sogar Teamkapitän.
Weil er sich jedoch im Sommer 2015 weigerte, seinen nur noch ein Jahr laufenden Vertrag mit Videoton zu verlängern, wurde er aus dem Kader verbannt und musste sich ein halbes Jahr lang ohne Trainingspartner fit halten. Im Jänner 2016 reiste er als Probespieler mit dem deutschen Erstligisten Werder Bremen ins Trainingslager und wurde für gut genug befunden. Wegen des auslaufenden Vertrags mit seinem ungarischen Heimatverein lag die Ablöse für Kleinheisler bei bescheidenen 300.000 Euro. Nichtsdestotrotz setzen die Norddeutschen hohe Erwartungen in den Spieler, der praktisch jede Position im Mittelfeld besetzen kann. Werders Geschäftsführer Thomas Eichin betonte nach der Verpflichtung das „große Potential“, das sein Club in Kleinheisler sieht. Und Ungarns deutscher Nationaltrainer Bernd Storck bezeichnete seinen jungen Schützling bei der Gelegenheit als „Vollblutfußballer“ und „Terrier“.
#Skripnik: "#Kleinheisler is like a pit bull who wants to win every challenge."
László Kleinheisler, der in Ungarn wegen seiner roten Haare und seiner geringen Körpergröße den Spitznamen „Scholes“ trägt, zeichnet sich vor allem durch seinen bedingungslosen Einsatz, seine Zweikampfstärke und eine gewisse Härte im Spiel aus. Von den Bremern wurde er zwar zunächst als Backup und Konkurrent für die Stammkräfte im Mittelfeld verpflichtet. Aber dass er bei den abstiegsbedrohten Norddeutschen bereits in vier Partien zum Einsatz kam, zeigt, dass Werders Trainer Viktor Skripnik durchaus mit dem Allrounder plant.
Debut: Laszlo #Kleinheisler made his #Werder and #Bundesliga debut today, coming on in the 62nd minute! Congrats! pic.twitter.com/6ynGkx5Jjb
Wenn der sich erst an das Niveau in der Bundesliga gewöhnt hat, kann er nicht nur für seinen Club eine enorme Bereicherung sein, sondern auch für die ungarische Nationalmannschaft. Denn wie sehr der Wettbewerb in der deutschen Liga einen Spieler verbessern kann, zeigt sich an nicht wenigen Spielern der heimischen Auswahl. Dass das Ungarn letztlich dazu verhelfen wird, bei der Europameisterschaft weit zu kommen, ist jedoch kaum zu erwarten.