Der Spanier unter den Isländern
Diego Johannesson Pando ist nicht unbedingt ein Name, den man im Nationalteam Islands vermutet. Er hat auch nie dort gelebt. Bei der EM wird er gegen Österreich dennoch für eine stabile Island-Defensive sorgen. Von Alexander Kords
Es glich einer mittleren Sensation, wie sich die isländische Nationalmannschaft in der Qualifikation für die EM 2016 verkaufte. Gelost in eine Gruppe mit den Niederlanden, Tschechien und der Türkei, glaubten wohl nur die wenigsten an ein Weiterkommen des nordeuropäischen Landes, das zuvor noch nie an einer Welt- oder Europameisterschaft teilgenommen hat. Dennoch gelang die Qualifikation mit einem zweiten Rang hinter den Tschechen und vor der Türkei – und das mit einer Mannschaft, die gespickt ist von Spielern, die der Fußball-Welt bislang gänzlich unbekannt sind. Einer von ihnen bringt sogar spanisches Flair in die nordische Truppe: Diego Johannesson Pando.
Im Gegensatz zu seinen Teamkollegen in der isländischen Auswahl kam Johannesson nie in den Genuss, regelmäßig bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Fußball zu spielen. Denn von allen aktuellen Auswahlspielern hat er sich den südlichsten Club ausgesucht: Real Oviedo. Das hat auch etwas mit seiner familiären Situation zu tun. Johannesson ist nämlich der Sohn eines Isländers und einer Spanierin. Im Oktober 1993 kamen er und seine Brüder Cristian und Ingemar als Drillingsgeburt in Villaviciosa im Norden Spaniens zur Welt. Als Diego acht Jahre alt war, interessierte sich der Traditionsverein Sporting de Gijón für den flinken Außenbahnläufer und nahm ihn unter Vertrag.
Vom Offensivspieler zum Verteidiger
Allerdings blieb Diegui, wie er sich zu dieser Zeit nannte, nur fünf Jahre in Gijón und kam im Jahr 2011über den kleinen Club SD Llano 2000 zu Real Oviedo. Bei dessen viertklassiger Reserve gab Johannesson ein Jahr später sein Debüt. Um jedoch bei den Profis Verwendung zu finden, musste er zwei Veränderungen vornehmen: Zum einen riet ihm Sergio Egea, der argentinische Coach der Kampfmannschaft, den verniedlichenden Künstlernamen Diegui abzulegen und sich fortan Diego Johannesson zu nennen, um ernst genommen zu werden. Ungleich schwieriger gestaltete sich die andere Forderung von Egea. Johannesson sollte nämlich vom Offensivspieler zum rechten Verteidiger umschulen. Weil er eineinhalb Jahre lang konsequent seine defensiven Fertigkeiten weiterentwickelte, rückte Johannesson schließlich zur Saison 2014/2015 in den Kader der ersten Mannschaft.
Enhorabuena @diegui_johan grande !!! pic.twitter.com/j0lV8OhGXd
Dort gab Trainer Egea jedoch zunächst Nacho López den Vorzug, als sich dieser aber verletzte, stand Johannesson im September 2014 zum ersten Mal für Oviedos Profis auf dem Platz. Der einstige Erstliga-Club hatte in den Jahren davor einen dramatischen Absturz bis in die vierte Liga hinter sich und war bei Johannessons Debüt zumindest schon wieder drittklassig. Und mit dem Island-Spanier kam weiterer Erfolg: In Johannessons erster Saison schaffte Oviedo den Sprung in die Segunda División, Spaniens zweite Liga, wo der Verein derzeit in aussichtsreicher Position ist, direkt in die Primera División durchzumarschieren.
Obwohl Johannesson im Herbst 2015 erneut nicht die erste Wahl seines Trainers war und zeitweise zwei Konkurrenten auf seiner Position den Vortritt lassen musste, kämpfte er sich zurück in die Stammelf und wurde im November von den Oviedo-Fans zum besten Spieler des Monats gewählt. Seither hat er nur in zwei Partien nicht auf dem Feld gestanden: Einmal wurde er vom Coach geschont, und einmal – Ende Jänner 2016 – reiste er mit der isländischen Nationalmannschaft in die USA. Im Freundschaftsspiel gegen das Team von Co-Trainer Andreas Herzog in Los Angeles wurde Johannesson in der zweiten Halbzeit eingewechselt und ist seither Nationalspieler.
Very happy about this opportunity with the icelandic team. Thank you all for your support! pic.twitter.com/R05OBaCsDo
Obwohl Johannesson nie im Heimatland seines Vaters gelebt hat, hatte er wegen seiner doppelten Staatsbürgerschaft die Wahl zwischen dem spanischen und dem isländischen Team. Und weil es beim amtierenden Europameister wohl ungleich schwerer gewesen wäre, berufen zu werden, entschied sich Johannesson frühzeitig für Island – obwohl er mit der Auswahl häufiger im ungewohnt rauen Klima des Nationalstadions von Reykjavík spielen muss. Mit dem spritzigen, aggressiven und effektiven Verteidiger, der zudem sicher mit dem Ball umgehen kann, hat Islands schwedischer Nationaltrainer Lars Lagerbäck zumindest auf der rechten Verteidigerposition keine Sorgen für die Europameisterschaft. Und vielleicht fährt Johannesson auch als frischgebackener spanischer Erstligist nach Frankreich – was seinem Selbstbewusstsein einen zusätzlichen Schub geben dürfte.