Der Spanier fürs Spektakuläre
Bei Real Madrid wurde Saúl gemobbt, beim Stadtrivalen Atletico reifte er zum spanischen Nationalspieler. Von Alexander Kords
In den Jahren zwischen 2006 und 2010 war die spanische Nationalmannschaft das Nonplusultra im weltweiten Fußball. Nach dem EM-Triumph von Wien 2008, dem Sieg bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika und dem erneuten Gewinn der EURO im Jahr 2012 war der Aufschlag auf dem Boden der Tatsachen umso härter: Nach einem 1:5 gegen die Niederlande und einem 0:2 gegen Chile war die WM 2014 für die Spanier schon nach der Vorrunde beendet. Bei dem Turnier in Frankreich wollen es die Iberer besser machen. Zu den Helden der letzten Titelgewinne gesellen sich junge und hungrige Spieler – unter ihnen auch der Mittelfeldspieler Saúl von Atlético Madrid.
Der Münchner Schrecken
In München erinnert man sich mit Schrecken an den 21-jährigen Saúl. Nach einem Sololauf, bei dem er drei Gegenspieler austanzte, erzielte er Ende April 2016 den 1:0-Siegtreffer im Hinspiel des Champions-League-Halbfinales gegen die Bayern und ebnete damit den Einzug seines Clubs Atlético Madrid ins Endspiel der Königsklasse. Dort trifft Saúl auf den Verein, der ihn einst vertrieben hat. Im November 1994 wurde Saúl Ñíguez Esclápez, wie sein vollständiger Name lautet, in Elche geboren. Elf Jahre später zog die Familie nach Madrid, wo Saúl in die Jugendakademie von Real Madrid aufgenommen wurde. Allerdings war der Spieler dort, wie er kürzlich in einem Interview mit einer spanischen Zeitung erzählte, dem erbarmungslosen Mobbing seiner Mannschaftskameraden ausgesetzt. Als er es nicht mehr ertrug, dass ihm Schuhe und Essen gestohlen wurden, schloss sich Saúl im Sommer 2009, nach nur einem Jahr bei Real, der Jugend des Stadtrivalen Atlético an.
Me siento muy feliz de poder seguir luchando por esta camiseta @Atleti pic.twitter.com/obm1LwePkF
Dass der junge Mann Talent hat, erkannte der spanische Verband schon früh und nominierte ihn im gleichen Jahr für die U16-Auswahl des Landes. Bis heute kamen fast 50 Einsätze für sämtliche Nachwuchsteams dazu. Bei Atleti spielte Saúl ab der Saison 2010/2011 in der zweiten Mannschaft, bereits in der nachfolgenden Spielzeit stand er das erste Mal mit dem Profis auf dem Rasen. Trainer Diego Simeone, der im Dezember 2011 das Ruder bei den Madrilenen übernommen hatte, wechselte Saúl im März 2012 im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League gegen Beşiktaş Istanbul kurz vor Spielschluss ein. Damit leistete Saúl einen (wenn auch geringfügigen) Beitrag dazu, dass Atlético am Ende der Saison die Europa League gewann. Wenige Wochen später konnte der zentrale Mittelfeldspieler seine Titelsammlung bereits vergrößern, als er mit der spanischen U19-Auswahl die Europameisterschaft gewann.
Weil er bei Atlético nur in der Europa League zum Einsatz kam und ansonsten für die zweite Mannschaft in der vierten Liga spielte, wurde Saúl im Sommer 2013 für eine Saison an Rayo Vallecano verliehen. Und dort spielte er sich sofort in die Stammformation und fehlte wegen Sperren und einer Bauchmuskelzerrung lediglich in vier Partien. Wegen seiner überzeugenden Auftritte kam bei mehreren englischen Clubs Interesse am Spanier auf, unter anderem schickte Manchester United regelmäßig seine Scouts zu Rayos Spielen. Doch Diego Simeone dachte überhaupt nicht daran, Saúl ziehen zu lassen. Stattdessen holte der Coach den damals 19-Jährigen zurück zu den Colchoneros – nur um ihn dort auf die Bank zu setzen und unregelmäßig einzuwechseln. Als Saúl dann mal von Beginn an ran durfte – im September 2014 gegen den FC Sevilla und im November gegen La Coruña –, traf er auch prompt und erzielte damit seine ersten beiden Tor für Atlétis Kampfmannschaft.
Obwohl Saúl im Februar 2015 beim 4:0-Sieg gegen Real Madrid ein spektakuläres Tor per Fallrückzieher erzielte, bekam er nicht mehr Einsatzzeit – und spielte mit dem Gedanken, den Club zu verlassen. Im November 2015 brach sich allerdings Tiago, einer der beiden Spieler aus Atlétis Doppelsechs, das Schienbein, und Saúl rutschte umgehend in die Stammelf. Fortan absolvierte er so gut wie alle Spiele von Beginn an und krönte seinen Aufstieg mit dem Tor, das Atlético ins Champions-League-Endspiel brachte.
Uno de los golazos de la temporada con un toque especial (vía @br_uk) https://t.co/kgzcGP9YT0
Ausstiegsklausel 45 Mio. Euro?
Weil weiterhin vor allem englische Vereine ihre Fühler nach Saúl ausstreckten, verlängerte Atléti vor kurzem den Vertrag des Spielers bis 2021 – und erhöhte in diesem Zug wohl auch die Ausstiegsklausel, die Gerüchten zufolge vorher bei 45 Millionen Euro lag. Und obwohl Diego Simeone jüngst meinte, dass Saúl noch längst nicht sein volles Potential ausgeschöpft hätte, berief ihn Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque in seinen Kader für die EURO 2016 – als einer von nur drei Spielern, die noch keinen Einsatz für die A-Elf auf dem Konto haben. Mit Spielern wie Iniesta, Fábregas, Koke, Sergi Roberto und Thiago hat es Saúl zwar mit hochkarätiger Konkurrenz im defensiven Mittelfeld zu tun. Aber vielleicht setzt del Bosque vollständig auf einen Neuanfang und baut Saúl schon bei der EM in sein Team ein.
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