Der portugiesische Straßenfußballer um 45 Mio. Euro

Portugals William Carvalho träumt von der englischen Premier League. Unter anderem gegen Österreich will der aufstrebene Kicker zeigen, dass er seine festgeschriebene Ablöse in der Höhe von 45 Mio. Euro Wert ist. Von Alexander Kords

 

Die Spitzenclubs Portugals können einem schon leidtun. Jahr für Jahr bringen der FC Porto sowie Sporting und Benfica Lissabon herausragende Talente hervor – nur damit wenig später finanzstärkere Vereine daherkommen und ihnen die jungen Spieler wegkaufen. Nicht zu verachten ist dabei allerdings, dass jeder verkaufte Nachwuchskicker ordentlich Geld in die klammen portugiesischen Vereinskassen spült. Demnächst könnte dies erneut bei einem Spieler von Sporting Lissabon passieren. Der Vertrag des 23-jährigen Jungnationalspielers William Carvalho ist nämlich mit einer 45-Millionen-Euro-Ausstiegsklausel ausgestattet.

 

Man kann durchaus behaupten, dass William Silva de Carvalho ein typischer Straßenfußballer ist. Geboren im April 1992 in der angolanischen Hauptstadt Luanda, kamen er und seine Familie schon bald darauf nach Portugal, wo der kleine William fortan mit seinem Ball durch die Straßen fegte. Als er elf Jahre alt war, entdeckten ihn die Scouts von Recreios Desportivos de Algueirão und holten ihn in ihren Club. Dort spielte Carvalho aber nur ein Jahr, ebenso wie beim União Sport Clube de Mira Sintra, wo er zugleich der jüngste Spieler und der Mannschaftskapitän war. Für Carvalho sollte es weiter nach oben gehen: zu Sporting Lissabon, einem der größten Vereine des Landes, dem er sich 2005 anschloss.

 




 

Profi-Debüt im April 2011
Bei seinem Weg durch die Jugendmannschaften fiel der bereits in jungen Jahren hochgewachsene Mittelfeldspieler auch den Auswahltrainern des portugiesischen Verbands auf, die ihn von der U17 aufwärts in sämtlichen Mannschaften spielen ließen. Seinen ersten Einsatz für die Kampfmannschaft von Sporting hatte Carvalho im April 2011, allerdings sollte es für mehr als zwei Jahre sein letzter bleiben. Weil der Lissaboner Kader nämlich ausreichend gefüllt war und man dem jungen Spieler die Gelegenheit geben wollte, sich bei einem kleineren Club zu entwickeln, verlieh man ihn im Sommer 2011 zum Drittligisten CD Fátima. Bei dem hinterließ Carvalho keinen bleibenden Eindruck, also ging die Reise im Jänner 2012 weiter nach Belgien. Mit dem dortigen Erstligisten Cercle Brügge pflegte Sporting Lissabon schon seit einiger Zeit eine Zusammenarbeit, die dafür sorgte, dass regelmäßig junge portugiesische Spieler in der belgischen Stadt spielten. Dort schulte Carvalho zunächst von seiner angestammten Rolle als Spielmacher zum defensiven Mittelfeldspieler um, behielt sich aber seine Fähigkeit bei, seine Mannschaft zu lenken und den Takt vorzugeben. In Brügge wurde er schnell zum Stammspieler und half dem abstiegsgefährdeten Club in der Saison 2012/2013 dabei, im letzten Moment in der ersten Liga zu bleiben.

 


Rückkehr nach Lissabon
Als er anschließend nach Lissabon zurückkehrte, führte auch dort kein Weg am spielintelligenten, ballsicheren und abwehrstarken Sechser vorbei. Von Beginn der Spielzeit 2013/2014 an gehörte Carvalho zur ersten Elf – und geriet bald doppelt in den Fokus. Einerseits von gleich zwei Landesverbänden, da er sich wegen seiner doppelten Staatsbürgerschaft zwischen der angolanischen und der portugiesischen Nationalmannschaft entscheiden musste. Die Wahl fiel auf die Europäer, für deren A-Mannschaft er im November 2013 erstmals spielte. Nachdem Carvalho bei der WM 2014 in Brasilien zum Kader gehörte und zwei Partien absolvierte, spielte er ein Jahr später mit der U21 bei der Europameisterschaft. Dort vergab er zwar den entscheidenden Versuch im Elfmeterschießen im Finale gegen Schweden, wurde aber anschließend dennoch zum besten Spieler des Turniers bestimmt.

 



Am 18.5. wurde Carvalho wie erwartet in den Kader für die EM 2016 einberufen

 

Großer Wunsch: Titel in der Premier League

Zum anderen waren längst auch große europäische Clubs wie Manchester United, der FC Arsenal und Bayern München auf den Portugiesen aufmerksam geworden. Allerdings gab Sportings Präsident Bruno de Carvalho im Sommer 2014 an, keine Offerte über die im Vertrag des Spielers festgeschriebene Transfersumme von 45 Millionen Euro erhalten zu haben. Und als das Objekt aller Begierden mit einem Ermüdungsbruch von der U21-EM 2015 zurückkam und lange pausieren musste, waren ohnehin sämtliche Transferpläne zunächst vom Tisch. Stattdessen verlängerte Sporting Carvalhos Vertrag bis zum Sommer 2020. Dass der Spieler bis dahin zu halten sein wird, ist jedoch mehr als fraglich, auch deshalb, weil er selbst bereits freigiebig in Interviews geäußert hat, davon zu träumen, einmal den Titel in der englischen Premier League zu gewinnen. Und das ist mit Sporting Lissabon bekanntlich nicht möglich.